Der moderne Trainer: vom Schleifer zum Chamäleon


veröffentlicht am Mittwoch, 17. April 2013 12:26, von unserem Autor Marc Andruszko in Taktiktafel. null Kommentare

Trainer-Typen gibt es wie Sand am Meer. Denkt man. Wenn man jedoch genauer hin­sieht, las­sen sie sich in wenige Kate­go­rien auf­tei­len. Der moderne Trai­ner bedient sich an den Trainer-Typen der Ver­gan­gen­heit und Neu­zeit wie am Super­markt­re­gal: je nach Bedarf, Lust und Laune. Doch dazu spä­ter. Zuerst zu den Urex­em­pla­ren, wel­che die Basis für die Evo­lu­tion des moder­nen Trai­ners sind.

Der Schlei­fer

Stel­len­be­schrei­bung: Bringt seine Truppe Tag für Tag ans kör­per­li­che Limit und dar­über hin­aus und erhofft sich dadurch, dem Geg­ner phy­sisch über­le­gen zu sein (was jedoch mit den Erkennt­nis­sen der Sport­wis­sen­schaft nicht immer in Ein­klang zu brin­gen ist). Ein Trai­ner­typ, der schon längst aus der Mode gekom­men sein sollte, aber den es erstaun­li­cher­weise immer noch gibt. Weil er oft genug Erfolg mit sei­nen Metho­den hat.

Felix Magath Trainer Schleifer Schalke

Felix Magath, als er auf Schalke schleifte. Foto: Memo­rino / wiki­me­dia commons

Per­so­nal: Die Kon­se­quen­zen für das Per­so­nal sind oft ein­schnei­dend. Der Schlei­fer stellt sich sei­nen Kader am liebs­ten selbst zusam­men, wirft Unfolg­same schnellst­mög­lich aus dem Kader und ver­bannt sie auf die Tri­büne. Die Angst gras­siert. Es gibt Spie­ler, die unter einem sol­chen Druck tat­säch­lich Höchst­leis­tung brin­gen kön­nen. Sie wer­den immer sel­te­ner, aber ja, es gibt sie. Und wenn der Erfolg da ist, dann wird die­ser kau­sal auf die Schlei­fe­rei und Pla­cke­rei im Trai­ning zurück­ge­führt. Ganz nach dem Motto: von viel kommt viel. Und wer an die Spitze will, muss bereit sein, mehr zu tun als andere. In die­sem Sinne: Fol­get dem Schleifer!

Lauf­zeit: Gerne lange aber meis­tens doch kür­zer als ange­dacht. Denn wenn der Erfolg aus­bleibt und der Schlei­fer wei­ter schleift, ent­steht schnell eine Kluft zwi­schen Mann­schaft und Trai­ner. Die ers­ten Laut­spre­cher der Mann­schaft wer­den bald bei der Vor­stand­schaft antre­ten, um ihrem Ärger Luft zu machen. Ver­trags­ver­hand­lun­gen lie­gen erst ein­mal auf Eis, die Vor­stand­schaft wird unru­hig. Wenn der Schlei­fer jedoch den erwünsch­ten sport­li­chen Erfolg hat oder sogar ein kurz­fris­ti­ges Wun­der voll­bringt, ist man gerne bereit, sei­nen Küns­ten lang­fris­tig zu ver­trauen. Manch­mal zu lange. Denn der Schlei­fer hin­ter­lässt oft ein Schlachtfeld.

Pracht­ex­em­plar: Felix Magath

Der Grant­ler

Stel­len­be­schrei­bung: Ein Trai­ner­typ, der eng mit dem Schlei­fer ver­wandt und in den letz­ten Jah­ren eben­falls aus der Mode gekom­men ist. Ein unbe­re­chen­ba­rer und unnah­ba­rer Typ, mit dem man sich bes­ser nicht anlegt. „Was die Spie­ler wol­len, inter­es­siert mich nicht“, sagte einst Ernst Hap­pel, einer der Grün­der des Grantlertums.

Per­so­nal: Grant­ler haben ihren eige­nen Kopf und sind ten­den­zi­ell bera­tungs­re­sis­tent. Sie set­zen nicht auf moderne Kom­mu­ni­ka­tion und Dis­kus­sion. Sie sind über­zeugt von ihrer Arbeit und meckern selbst nach rau­schen­den Sie­gen, ein­fach aus Prin­zip. Weil sie glau­ben, dass Spie­ler Druck brau­chen. In die­ser Hin­sicht sind sie sehr ähn­lich gestrickt wie die Schlei­fer. Sie sind so etwas wie das psy­cho­lo­gi­sche Kom­ple­men­tär zum phy­si­schen Schleifer.

Lauf­zeit: Wie beim Schlei­fer. Es kann schnell vor­bei sein aber auch ver­dammt lange gehen mit den Grant­lern. Der Grant­ler wird gerne auch kurz­fris­tig als Feu­er­wehr­mann ein­ge­setzt, um den Ver­ein vor dem Abstieg zu bewahren.

Pracht­ex­em­plare: Ernst Hap­pel, Hans Meyer

Der Fuß­ball­leh­rer

Ralf Rangnick Trainer Schalke

Ralf Rang­nick: auch er war auf Schalke, aller­dings als ande­rer Trainer-Typ. Foto: Ingo Sto­eldt / wiki­me­dia commons

Stel­len­be­schrei­bung: Gesucht ist hier der ruhige Typ. Ein Prag­ma­ti­ker. Ein Trai­ner, der mit der Mann­schaft gemein­sam Schritt für Schritt geht. Ent­wick­lung und Spiel­kon­zept sind hier die magi­schen Stichwörter.

Per­so­nal: Der Fuß­ball­leh­rer setzt auf einen ent­wick­lungs­fä­hi­gen Kader, gerne auf junge und talen­tierte Spie­ler. Außer­dem bedient er sich kon­struk­ti­ver Kri­tik. Die Gefahr schlum­mert in der Fach­ex­per­tise des Fuß­ball­leh­rers selbst: dass er zum Ober­leh­rer wird und die Spie­ler nicht immer nur Schü­ler sein wol­len und Frei­hei­ten brau­chen, um ihr vol­les Poten­tial zu entfalten.

Lauf­zeit: Es liegt in der Natur des Fuß­ball­leh­rers, dass er einen Plan über meh­rere Jahre aus­gibt, lang­fris­tige Ziele defi­niert. Oft muss er sich dann aber an dem aus­ge­ge­be­nen Plan mes­sen las­sen, wenn es mal nicht rund läuft. Wenn er dann nicht mehr das Ver­trauen der Vor­ge­setz­ten genießt, muss er sich einen neuen Lehr­stuhl suchen und es folgt oft der Gegen­satz: ein Schlei­fer oder ein Grantler.

Pracht­ex­em­plar: Ralf Rangnick

Der Trai­ner­va­ter

Stel­len­be­schrei­bung: Kommt immer mehr in Mode, weil Spie­ler immer bes­ser aus­ge­bil­det aus dem Jugend­be­reich in den Pro­fi­be­reich vor­sto­ßen und eigent­lich nur noch geschickte Füh­rung und eine natür­li­che Respekts­per­son brauchen.

Per­so­nal: Gerade bei gro­ßen, extrem breit besetz­ten Kadern ist der Trai­ner­va­ter eine sehr gute Wahl. Weil die Spie­ler ihm und sei­ner Erfah­rung ver­trauen und es unter sei­ner Füh­rung eher akzep­tie­ren, nur auf der Bank zu sit­zen. Er ver­mit­telt ihnen, das selbst alles schon ein­mal erlebt zu haben. Er gibt auch dem Nega­ti­ven einen Sinn. Beim Über­va­ter ist auch mal Spaß im Trai­ning ange­sagt. Er weiß genau, wann es bes­ser ist, die Lauf­schuhe in den Schrank zu ver­ban­nen und nur locker 5 gegen 2 zu spie­len. Und weil er so Spaß mit Erfolg ver­bin­det, fol­gen seine Spie­ler ihm.

Lauf­zeit: Der Trai­ner­va­ter bleibt gerne lang­fris­tig. Aber er hat eine sol­che Erfah­rung, dass er gerne selbst die Reiß­leine zieht, wenn er merkt, dass es an der Zeit ist zu gehen. Zudem fin­det er immer einen neuen Job. Und das dann, wann er Lust dazu hat.

Pracht­ex­em­plar: Jupp Heynckes, Guus Hiddink

Der Iso­lie­rer

Stel­len­be­schrei­bung: Eine sehr spe­zi­elle Spe­zies, die nur dosiert im Fuß­ball­ge­schäft ein­ge­setzt wer­den kann, ansons­ten würde es zum Sys­tem­kol­laps kom­men. Der Iso­lie­rer ist ein Mensch, der sich gerne der Psy­cho­lo­gie bedient. Er ist ein Künst­ler in der Außen­dar­stel­lung. Er weiß genau, wie seine Worte und Hand­lun­gen von den Medien inter­pre­tiert wer­den. Er instru­men­ta­li­siert die­ses Wis­sen und hat so einen indi­rek­ten Ein­fluss auf seine Mann­schaft. Indem er im Fokus steht und einen Groß­teil der Auf­merk­sam­keit und Kri­tik gerne auf sich zieht, spinnt er einen schüt­zen­den Kokon um seine Mann­schaft. Auf­fäl­lig ist, dass selbst wenn er einen Spie­ler öffent­lich kri­ti­siert, die­ser nicht unbe­dingt dar­un­ter lei­det, son­dern sich präch­tig ent­wi­ckeln kann. Dies ist dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass er intern viel mit sei­nen Spie­lern redet und ihnen wohl klar­macht, dass nicht alles, was er in die Mikro­fone sagt, sei­ner Mei­nung entspricht.

Jürgen Klopp Trainer

Jür­gen Klopp, wie ihn Fuß­ball­deutsch­land kennt. Hier aller­dings noch als Main­zer. Foto: Jung
Presse&Bilderdienst

Per­so­nal: Der Iso­lie­rer ist ein Moti­va­ti­ons­psy­cho­loge durch und durch. Das heißt: Er moti­viert seine Spie­ler nicht mit immer wie­der­keh­ren­den Kabi­nen­an­spra­chen, son­dern beschwört Situa­tio­nen und Momente her­auf, aus denen die Spie­ler selbst ihre Moti­va­tion zie­hen kön­nen. Bei­spiels­weise gab Jür­gen Klopp den BVB gerne als Spaß am Fuß­ball haben­den Under­dog aus, der die Bay­ern ein wenig ärgern will. Aus die­ser Under­do­grolle her­aus ent­wi­ckelte der BVB gren­zen­lo­sen Kampf­geist und ein schran­ken­lo­ses Offensivspektakel.

Lauf­zeit: Der Iso­lie­rer schließt gerne Ver­träge mit kur­zer Lauf­zeit ab oder lässt sich Klau­seln in den Ver­trag schrei­ben, weil er immer das Gefühl haben will, sein Schick­sal selbst zu len­ken. Das liegt im Natu­rell des Den­kers. Er pro­vo­ziert gerne auch sei­nen Abgang, indem er sich mit ande­ren Füh­rungs­per­so­nen im Ver­ein über­wirft, nur um im letz­ten Moment doch noch ein­zu­len­ken, wenn er ange­bet­telt wird, zu bleiben.

Pracht­ex­em­plare: Jose Mourinho, Jür­gen Klopp

Der Trai­ner der Zukunft: das Chamäleon

Bereits jetzt sind nur noch wenige Trai­ner in nur einer der genann­ten Kate­go­rien zu Hause. Viel­mehr pickt sich der gewiefte Trai­ner der Neu­zeit je nach Situa­tion und nach phy­si­schem und psy­chi­schem Zustand der Mann­schaft die pas­sen­den Instru­mente her­aus, wel­che die ver­schie­de­nen Trai­ner­ty­pen für ihn bereithalten.

Die hohe Kunst eines erfolg­rei­chen Trai­ners liegt darin, durch den stän­di­gen Wech­sel des Trai­ner­typs so etwas wie die Unbe­re­chen­bar­keit sei­ner selbst her­auf­zu­be­schwö­ren. Die Spie­ler soll­ten sich einer­seits gebor­gen und ver­stan­den füh­len (Trai­ner­va­ter) und bereit sein, mit ihrem Trai­ner durch Wind und Wet­ter zu gehen (Iso­lie­rer). Ohne Sach­ver­stand läuft natür­lich gar nichts mehr. Eine Aus­bil­dung als Fuß­ball­leh­rer braucht man heut­zu­tage ohnehin.

Tak­ti­sche Meis­ter­leis­tun­gen müs­sen jedoch nicht immer eigene Errun­gen­schaf­ten des Trai­ners sein, son­dern kön­nen aus sei­nem ver­trau­ten Kom­pe­tenz­team (Assis­tenz­trai­ner, die im Hin­ter­grund wir­ken) her­vor­ge­hen. Der moderne Trai­ner muss aber bei aller Kom­mu­ni­ka­tion und Ein­wir­kung auf den ein­zel­nen Spie­ler wei­ter­hin Auto­ri­tät aus­strah­len. Dies tut er, indem er sich ab und an in dosier­tem Maße die Werk­zeuge des Grant­lers oder Schlei­fers aus­leiht, diese aber wie­der recht­zei­tig in den Werk­zeug­kof­fer verbannt.

Der moderne Trai­ner ist ein Ver­wand­lungs­künst­ler und wech­selt seine Farbe wie ein Cha­mä­leon. Je nach­dem, ob die Mann­schaft Zucker­brot oder Peit­sche braucht. Ein fei­nes Men­schen­ge­spür ist dafür Grund­lage. In der Hin­sicht wirkt ein Trai­ner heute ähn­lich wie ein Vor­ge­setz­ter im Unter­neh­men. Die Ver­tei­lung von Lob und Tadel ist eine Kunst für sich.

Was fehlt am Ende noch, wenn man die oben genann­ten Talente ver­eint? Viel­leicht das I-Tüpfelchen, das Beson­dere, das Indi­vi­du­elle. Ein gro­ßer Trai­ner ist immer auch ein Mythos. Wenn Spie­ler 10 Jahre spä­ter Geschich­ten über ihn erzäh­len, dann müs­sen die Zuhö­rer das Gefühl haben: Ja, die­ser Trai­ner war spe­zi­ell. Schon jetzt kön­nen wir das über Jose Mourinho sagen, nicht nur auf­grund sei­nes selbst­er­nann­ten Rufes als „the spe­cial one“. Ein Groß­teil sei­ner Ex-Spieler ver­ehrt ihn. Sicher hängt das auch damit zusam­men, dass diese mit Mourinho die größ­ten Erfolge ihrer Kar­riere fei­er­ten. Genauso gibt es Spie­ler, die immer noch auf Magath schwören.

Letzt­end­lich wird ein Trai­ner sicher an sei­nen Erfol­gen gemes­sen. Dann war in der Retro­spek­tive so ziem­lich jedes Mit­tel recht. Leicht wird es in Zukunft für einen rei­nen Schlei­fer oder Grant­ler jedoch nicht wer­den. Die Spie­ler haben sich gewan­delt. Von den rei­nen Ange­stell­ten, die sich einem Trai­ner voll und ganz unter­wer­fen, zu Sub­un­ter­neh­mern im Ver­ein, die ihre eigene Marke in der gro­ßen, wei­ten Fuß­ball­welt ver­mark­ten wol­len. Das Fußball-Universum ist kom­plex. Genau wie der moderne Trai­ner.





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