Nach der Verletzung von Holger Badstuber: Warum der FC Bayern bei Borussia Dortmund abspicken sollte, um die Championsleague zu gewinnen.
Holger Badstuber, spielerisch einer der besten Innenverteidiger der Welt, wird den Bayern wegen seinem am vergangenen Wochenende erlittenen Kreuzbandriss etwa sechs Monate fehlen. Zumindest wird er in dieser Champions-League-Saison nicht mehr zum Einsatz kommen. Warum aber sollten die Bayern nun verzweifeln? Natürlich wünscht sich niemand eine derart schwere Verletzung eines Leistungsträgers, doch ist der Kader des FC Bayern diese Saison hervorragend in der Breite aufgestellt, um der Konkurrenz in der Bundesliga sowie der Champions League, in der man dieses Jahr unbedingt nach dem verlorenen „Finale Dahoam“ zurückschlagen will, Rechnung zu tragen. Welch ein Luxus auf Jerome Boateng oder den erfahrenen Daniel Van Buyten zurückgreifen zu können. Des Weiteren hat man mit Javi Martinez ein Ass in der Hinterhand. Der Spanier kann ebenso die Innenverteidigerposition ausfüllen, was er letzte Saison eindrucksvoll für Athletic Bilbao unter Beweis stellte. Wenn alle Stricke reißen wird Jupp Heynckes auf Anatoliy Tymoshchuk zurückgreifen können, der in gewohnt zuverlässiger Art und Weise seine Leistung auch als Innenverteidiger abrufen wird.
Der Geist von Louis van Gaal weht durch die Allianz Arena
Die Antwort liefert das Spiel gegen Bate Borisov, in dem der FCB mit den besagten Boateng und Van Buyten in der Startelf auflief. Wiktar Hantscharenka, der erst 36jährige Trainer von Bate, dürfte nicht nur mit dem Spiel seiner Mannschaft sondern auch mit der berechenbaren Vorstellung der Bayern zufrieden gewesen sein. Einst hospitierte er unter Louis van Gaal in München. Gerade in der ersten Halbzeit war das Passspiel der Bayern völlig uninspiriert und viel zu sehr auf Sicherheit und Ballbesitz bedacht. Von Anatoli Tymoshchuk, einem Sechser aus der guten alten Zeit, der vor der Abwehr abräumt, die Bälle ansaugt und sicher weiterspielt, ist man das gewohnt. Doch fiel extrem auf, dass Bastian Schweinsteiger sich fast ausschließlich auf der Linksverteidigerposition anspielen ließ, um von dort aus das Spiel zu eröffnen. Die von den Bayern verfolgte Idee könnte es gewesen sein, Diego Contento mit ins offensive linke Mittelfeld einzubeziehen, dadurch an Breite zu gewinnen und zumindest links außen eine nummerische Überzahl im engmaschig gestrickten Mittelfeld zu erzielen. Contento war gemeinsam mit Shaqiri ständig links vorne zu finden, doch fehlte es ihm an Mut, mit Tempo in Richtung Abwehr zu marschieren und die Bate-Verteidiger ins Eins-gegen-Eins zu zwingen. So sah man ein munteres Verschieben der vorbildlich arbeitenden Bate-Truppe, die es hervorragend verstand, die Räume eng zu halten. Einzige Lichtblicke waren die Dribblings von Shaqiri — ein solches führte zum 1:0 durch Gomez, sowie einige Risikopässe von Kroos, der entweder Gomez suchte, der für seine Verhältnisse sehr gut mitspielte und einige Male sehenswert mit der Hacke ablegte, oder diagonal das Mittelfeld auf die verwaiste rechte Seite überbrückte, wo Müller versuchte in den Rücken des Linksverteidigers zu laufen.
Der gedrosselte Schweinsteiger
Schweinsteiger jedoch bevorzugte den risikoarmen Querpass, meist zu Tymoshchuk. Von dort lief die Kugel zurück zu Boateng oder Van Buyten, die sich beide auf sichere 10-Meter-Pässe beschränkten. Einziger Ausreißer war der Versuch Boatengs das Mittelfeld mit einem scharfen Flachpass in die Spitze zu überbrücken. Heraus kam ein halbhoher und unverwertbarer Flatterball. Laut Statistik spulte Schweinsteiger viele Kilometer ab, doch fehlte es dabei an Tempowechseln, um dem Spiel Impulse zu geben und den Bate-Riegel zu knacken. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, sich die Bälle von Van Buyten oder Boateng abzuholen und den ersten Pass ins Mittelfeld zu spielen, wo er eigentlich Schaltzentrale sein sollte. Vielleicht deswegen wurde ZDF-Kommentator Oliver Schmidt zu der Aussage hingerissen, Schweinsteiger bekleide heute eher die defensive Rolle der beiden Sechser. Ein Satz, der aufhorchen ließ, angesichts dessen, dass der andere Sechser auf dem Spielberichtsbogen Tymoshchuk hieß, jedoch gestern etwas verblüffend Wahres an sich hatte. Das sollte die Bayern nachdenklich machen.
Wie sieht die Bayern-Verteidigung der Zukunft aus?
Nach dem gestrigen Spiel ist eines klar: Neben Dante, an dem kein Weg vorbei führt, sollte Daniel Van Buyten spielen. Javi Martinez nach hinten zu ziehen wäre möglich, doch ist sein Wert auf der Sechs neben Schweinsteiger gegen Spitzenmannschaften größer. Daniel Van Buyten ist mit seinen 34 Jahren im Zweikampf abgezockt und räumt im Luftkampf nahezu alles ab. Mit seiner körperlichen Präsenz wirkt er überdies furchteinflößender als der verletzte Holger Badstuber, dem man als einzige Schwäche vorwerfen kann, dass er in Zweikämpfen nicht gerade ein Angstgegner der Spitzenstürmer dieser Welt ist. Unvorstellbar, dass Didier Drogba vor dem Champions-League-Finale in München Alpträume mit dem Hauptdarsteller Badstuber hatte. Badstuber, der in der Vergangenheit immer wieder versuchte, mit hart geführten Zweikämpfen an Profil zu gewinnen, wird nie über die körperliche Präsenz anderer Weltklasseverteidiger verfügen. Von unschätzbarem Wert ist jedoch seine Spieleröffnung, bei welcher ihm in Sachen Präzision und Schärfe seiner Pässe kein Spieler dieser Welt etwas vormachen kann.
Jerome Boateng hingegen hat sich mit seiner roten Karte gegen Borisov einmal mehr selbst disqualifiziert. Ihm mangelt es nicht an Robustheit und Schnelligkeit, jedoch an der Cleverness, die man im Zweikampf von einem Weltklasseverteidiger verlangen muss. Irgendwann kann man sich dann auch nicht mehr auf den jugendlichen Leichtsinn oder die Unerfahrenheit berufen. Von einem Nationalspieler, der bereits bei einer mit Weltklassespielern bestückten Mannschaft wie Manchester City Erfahrung sammelte und U21 Europameister wurde, muss man erwarten können, dass er gegen eine Mannschaft wie Bate nicht mit offener Sohle von hinten angeflogen kommt. Zu denken geben überdies die Reaktionen von Boateng selbst sowie von Matthias Sammer an der Seitenlinie, die dieses Foul scheinbar völlig anders einordneten. An dieser Stelle ist vor Jupp Heynckes der Hut zu ziehen.
Wege aus der Ausrechenbarkeit: Lernen vom BVB
Warum die Augen verschließen und nicht einfach vom derzeitigen Angstgegner lernen? Der BVB führt mittlerweile nicht nur in der Bundesliga sondern ebenso in Duellen mit den größten Mannschaften der Welt vor, wie man das Optimum aus seinen Möglichkeiten herausholt und so eine eigene Spielidentität entwickelt, die vor allem eines ist: effektiv.
Der Bayern-Fan wird an dieser Stelle die Nase rümpfen und auf die Bundesliga-Tabelle sowie auf den souverän anmutenden Sieg am Mittwoch verweisen, doch geht es darum, sich Gedanken darüber zu machen, wie gegen absolute Spitzenmannschaften dieser Welt, die in den kommenden Spielen in der Champions League warten, zu agieren sein wird. Schon gegen die aggressiv und über weite Strecken des Spiels in Unterzahl verteidigende Mannschaft aus Valencia wirkte das Spiel der Bayern viel zu ausrechenbar und mühselig. Dante ist es durchaus zuzutrauen, scharfe Pässe ins Mittelfeld oder direkt in die Spitze zu spielen — auch wenn er sicherlich nicht über die technische Klasse eines Badstuber verfügt, ist er mit seiner Ausstrahlung und Abgezocktheit in Zweikämpfen ein Verteidiger mit Weltklasseformat.
Ob Heynckes nun Van Buyten oder Boateng den Vorzug gibt — es wird auf dasselbe Problem hinauslaufen. Die Spieleröffnung wird ausschließlich über die Sechser und hier bevorzugt über Schweinsteiger laufen müssen und das Spieltempo wird unnötig verschleppt werden. Daraus resultiert, dass es alleine am Genius eines Ribery oder gut aufgelegten Kroos hängen wird, die gegnerischen Abwehrreihen aus der Fassung zu bringen.
Borussia Dortmund erinnert sich an den langen Ball
Der BVB hingegen macht seit geraumer Zeit vor, wie man mit einfachen Mitteln gegnerische Bollwerke knacken kann: Sowohl der spielerisch hervorragende Hummels als auch der Zweikampfspezialist Subotic, der technisch zu den schwächeren Verteidigern auf Champions-League-Niveau zählt, agieren auffallend viel mit langen Bällen und überbrücken so das dicht belagerte Mittelfeld. Ein solcher langer Ball in die Spitze ist gleichzeitig der Weckruf für die Mittelfeldspieler, die dem Ball hinterherjagen. In den meisten Fällen geht Lewandowski zum Kopfballduell hoch und zwingt den Abwehrspieler in den Zweikampf. Die anderen Dortmund-Offensiven gehen mit höchstem Tempo Richtung zweiten Ball und können die kurze Phase der Orientierungslosigkeit des Gegners zu ihrem Vorteil nutzen. Dieses eigentlich primitive Mittel, das Fußballgelehrte gerne in die Spielkultur der Kreisklasse verordnen, ist es, was einerseits Fehlpässe in der Dortmunder Defensive reduziert und in der Offensive ständig zu neuen und überraschenden Spielsituationen führt.
Dieses im gehobenen Profifußball kurzzeitig verloren gegangene Instrument des langen Balles ist es, was den Bayern helfen könnte, den Geist von Louis van Gaal aus der Allianz Arena zu vertreiben, den Innenverteidigern das Leben leichter zu machen, Schweinsteiger im Aufbauspiel zu entlasten und dem Offensivspiel eine neue, unberechenbare Facette zu verleihen. Die von der gegnerischen Abwehr oder den kopfballstarken Gomez und Mandzukic abprallenden Bälle könnten von Ribery, Kroos, Robben oder dem cleveren Müller sofort verwertet werden. Man wäre mit einem einzigen langen Pass in Strafraumnähe und könnte unzählige Eins-gegen-Eins-Situationen heraufbeschwören, ohne die heute kaum eine Abwehr in der Champions League zu knacken ist.
In der Schule würde der Klassenstreber niemals zugeben abgespickt zu haben. Genauso wenig steht es für den FC Bayern, sich an einer anderen Mannschaft zu orientieren. Das würde dem eigenen Vereinsverständnis vom „Mia san Mia” zuwiderlaufen. Doch ist Spicken nichts für was man sich schämen müsste, denn jeder hat schon mal gespickt. Die Dortmunder haben den langen Ball nicht erfunden sondern nur wiederentdeckt. Der FC Bayern sollte ihn für sich entdecken.