Nach der Verletzung von Holger Badstuber: Warum der FC Bayern bei Borussia Dortmund abspicken sollte, um die Championsleague zu gewinnen.


veröffentlicht am Donnerstag, 13. Dezember 2012 19:37, von unserem Autor Marc Andruszko in Taktiktafel. null Kommentare

Hol­ger Bad­stu­ber, spie­le­risch einer der bes­ten Innen­ver­tei­di­ger der Welt, wird den Bay­ern wegen sei­nem am ver­gan­ge­nen Wochen­ende erlit­te­nen Kreuz­band­riss etwa sechs Monate feh­len. Zumin­dest wird er in die­ser Champions-League-Saison nicht mehr zum Ein­satz kom­men. Warum aber soll­ten die Bay­ern nun ver­zwei­feln? Natür­lich wünscht sich nie­mand eine der­art schwere Ver­let­zung eines Leis­tungs­trä­gers, doch ist der Kader des FC Bay­ern diese Sai­son her­vor­ra­gend in der Breite auf­ge­stellt, um der Kon­kur­renz in der Bun­des­liga sowie der Cham­pi­ons Lea­gue, in der man die­ses Jahr unbe­dingt nach dem ver­lo­re­nen „Finale Dahoam“ zurück­schla­gen will, Rech­nung zu tra­gen. Welch ein Luxus auf Jerome Boa­t­eng oder den erfah­re­nen Daniel Van Buy­ten zurück­grei­fen zu kön­nen. Des Wei­te­ren hat man mit Javi Mar­ti­nez ein Ass in der Hin­ter­hand. Der Spa­nier kann ebenso die Innen­ver­tei­di­ger­po­si­tion aus­fül­len, was er letzte Sai­son ein­drucks­voll für Ath­le­tic Bil­bao unter Beweis stellte. Wenn alle Stri­cke rei­ßen wird Jupp Heynckes auf Ana­to­liy Tymosh­chuk zurück­grei­fen kön­nen, der in gewohnt zuver­läs­si­ger Art und Weise seine Leis­tung auch als Innen­ver­tei­di­ger abru­fen wird.

Der Geist von Louis van Gaal weht durch die Alli­anz Arena

Die Ant­wort lie­fert das Spiel gegen Bate Bori­sov, in dem der FCB mit den besag­ten Boa­t­eng und Van Buy­ten in der Start­elf auf­lief. Wiktar Hantscha­renka, der erst 36jährige Trai­ner von Bate, dürfte nicht nur mit dem Spiel sei­ner Mann­schaft son­dern auch mit der bere­chen­ba­ren Vor­stel­lung der Bay­ern zufrie­den gewe­sen sein. Einst hos­pi­tierte er unter Louis van Gaal in Mün­chen. Gerade in der ers­ten Halb­zeit war das Pass­spiel der Bay­ern völ­lig unin­spi­riert und viel zu sehr auf Sicher­heit und Ball­be­sitz bedacht. Von Ana­toli Tymosh­chuk, einem Sech­ser aus der guten alten Zeit, der vor der Abwehr abräumt, die Bälle ansaugt und sicher wei­ter­spielt, ist man das gewohnt. Doch fiel extrem auf, dass Bas­tian Schwein­stei­ger sich fast aus­schließ­lich auf der Links­ver­tei­di­ger­po­si­tion anspie­len ließ, um von dort aus das Spiel zu eröff­nen. Die von den Bay­ern ver­folgte Idee könnte es gewe­sen sein, Diego Con­tento mit ins offen­sive linke Mit­tel­feld ein­zu­be­zie­hen, dadurch an Breite zu gewin­nen und zumin­dest links außen eine num­me­ri­sche Über­zahl im eng­ma­schig gestrick­ten Mit­tel­feld zu erzie­len. Con­tento war gemein­sam mit Shaqiri stän­dig links vorne zu fin­den, doch fehlte es ihm an Mut, mit Tempo in Rich­tung Abwehr zu mar­schie­ren und die Bate-Verteidiger ins Eins-gegen-Eins zu zwin­gen. So sah man ein mun­te­res Ver­schie­ben der vor­bild­lich arbei­ten­den Bate-Truppe, die es her­vor­ra­gend ver­stand, die Räume eng zu hal­ten. Ein­zige Licht­bli­cke waren die Dribb­lings von Shaqiri — ein sol­ches führte zum 1:0 durch Gomez, sowie einige Risi­ko­pässe von Kroos, der ent­we­der Gomez suchte, der für seine Ver­hält­nisse sehr gut mit­spielte und einige Male sehens­wert mit der Hacke ablegte, oder dia­go­nal das Mit­tel­feld auf die ver­waiste rechte Seite über­brückte, wo Mül­ler ver­suchte in den Rücken des Links­ver­tei­di­gers zu laufen.

Der gedros­selte Schweinsteiger

Schwein­stei­ger jedoch bevor­zugte den risi­ko­ar­men Quer­pass, meist zu Tymosh­chuk. Von dort lief die Kugel zurück zu Boa­t­eng oder Van Buy­ten, die sich beide auf sichere 10-Meter-Pässe beschränk­ten. Ein­zi­ger Aus­rei­ßer war der Ver­such Boa­tengs das Mit­tel­feld mit einem schar­fen Flach­pass in die Spitze zu über­brü­cken. Her­aus kam ein halb­ho­her und unver­wert­ba­rer Flat­ter­ball. Laut Sta­tis­tik spulte Schwein­stei­ger viele Kilo­me­ter ab, doch fehlte es dabei an Tem­po­wech­seln, um dem Spiel Impulse zu geben und den Bate-Riegel zu kna­cken. Er war viel zu sehr damit beschäf­tigt, sich die Bälle von Van Buy­ten oder Boa­t­eng abzu­ho­len und den ers­ten Pass ins Mit­tel­feld zu spie­len, wo er eigent­lich Schalt­zen­trale sein sollte. Viel­leicht des­we­gen wurde ZDF-Kommentator Oli­ver Schmidt zu der Aus­sage hin­ge­ris­sen, Schwein­stei­ger bekleide heute eher die defen­sive Rolle der bei­den Sech­ser. Ein Satz, der auf­hor­chen ließ, ange­sichts des­sen, dass der andere Sech­ser auf dem Spiel­be­richts­bo­gen Tymosh­chuk hieß, jedoch ges­tern etwas ver­blüf­fend Wah­res an sich hatte. Das sollte die Bay­ern nach­denk­lich machen.

Wie sieht die Bayern-Verteidigung der Zukunft aus?

Nach dem gest­ri­gen Spiel ist eines klar: Neben Dante, an dem kein Weg vor­bei führt, sollte Daniel Van Buy­ten spie­len. Javi Mar­ti­nez nach hin­ten zu zie­hen wäre mög­lich, doch ist sein Wert auf der Sechs neben Schwein­stei­ger gegen Spit­zen­mann­schaf­ten grö­ßer. Daniel Van Buy­ten ist mit sei­nen 34 Jah­ren im Zwei­kampf abge­zockt und räumt im Luft­kampf nahezu alles ab. Mit sei­ner kör­per­li­chen Prä­senz wirkt er über­dies furcht­ein­flö­ßen­der als der ver­letzte Hol­ger Bad­stu­ber, dem man als ein­zige Schwä­che vor­wer­fen kann, dass er in Zwei­kämp­fen nicht gerade ein Angst­geg­ner der Spit­zen­stür­mer die­ser Welt ist. Unvor­stell­bar, dass Didier Drogba vor dem Champions-League-Finale in Mün­chen Alp­träume mit dem Haupt­dar­stel­ler Bad­stu­ber hatte. Bad­stu­ber, der in der Ver­gan­gen­heit immer wie­der ver­suchte, mit hart geführ­ten Zwei­kämp­fen an Pro­fil zu gewin­nen, wird nie über die kör­per­li­che Prä­senz ande­rer Welt­klas­se­ver­tei­di­ger ver­fü­gen. Von unschätz­ba­rem Wert ist jedoch seine Spiel­eröff­nung, bei wel­cher ihm in Sachen Prä­zi­sion und Schärfe sei­ner Pässe kein Spie­ler die­ser Welt etwas vor­ma­chen kann.

Jerome Boa­t­eng hin­ge­gen hat sich mit sei­ner roten Karte gegen Bori­sov ein­mal mehr selbst dis­qua­li­fi­ziert. Ihm man­gelt es nicht an Robust­heit und Schnel­lig­keit, jedoch an der Cle­ver­ness, die man im Zwei­kampf von einem Welt­klas­se­ver­tei­di­ger ver­lan­gen muss. Irgend­wann kann man sich dann auch nicht mehr auf den jugend­li­chen Leicht­sinn oder die Uner­fah­ren­heit beru­fen. Von einem Natio­nal­spie­ler, der bereits bei einer mit Welt­klas­se­spie­lern bestück­ten Mann­schaft wie Man­ches­ter City Erfah­rung sam­melte und U21 Euro­pa­meis­ter wurde, muss man erwar­ten kön­nen, dass er gegen eine Mann­schaft wie Bate nicht mit offe­ner Sohle von hin­ten ange­flo­gen kommt. Zu den­ken geben über­dies die Reak­tio­nen von Boa­t­eng selbst sowie von Mat­thias Sam­mer an der Sei­ten­li­nie, die die­ses Foul schein­bar völ­lig anders ein­ord­ne­ten. An die­ser Stelle ist vor Jupp Heynckes der Hut zu ziehen.

Wege aus der Aus­re­chen­bar­keit: Ler­nen vom BVB

Warum die Augen ver­schlie­ßen und nicht ein­fach vom der­zei­ti­gen Angst­geg­ner ler­nen? Der BVB führt mitt­ler­weile nicht nur in der Bun­des­liga son­dern ebenso in Duel­len mit den größ­ten Mann­schaf­ten der Welt vor, wie man das Opti­mum aus sei­nen Mög­lich­kei­ten her­aus­holt und so eine eigene Spiel­i­den­ti­tät ent­wi­ckelt, die vor allem eines ist: effektiv.

Der Bayern-Fan wird an die­ser Stelle die Nase rümp­fen und auf die Bundesliga-Tabelle sowie auf den sou­ve­rän anmu­ten­den Sieg am Mitt­woch ver­wei­sen, doch geht es darum, sich Gedan­ken dar­über zu machen, wie gegen abso­lute Spit­zen­mann­schaf­ten die­ser Welt, die in den kom­men­den Spie­len in der Cham­pi­ons Lea­gue war­ten, zu agie­ren sein wird. Schon gegen die aggres­siv und über weite Stre­cken des Spiels in Unter­zahl ver­tei­di­gende Mann­schaft aus Valen­cia wirkte das Spiel der Bay­ern viel zu aus­re­chen­bar und müh­se­lig. Dante ist es durch­aus zuzu­trauen, scharfe Pässe ins Mit­tel­feld oder direkt in die Spitze zu spie­len — auch wenn er sicher­lich nicht über die tech­ni­sche Klasse eines Bad­stu­ber ver­fügt, ist er mit sei­ner Aus­strah­lung und Abge­zockt­heit in Zwei­kämp­fen ein Ver­tei­di­ger mit Weltklasseformat.

Ob Heynckes nun Van Buy­ten oder Boa­t­eng den Vor­zug gibt — es wird auf das­selbe Pro­blem hin­aus­lau­fen. Die Spiel­eröff­nung wird aus­schließ­lich über die Sech­ser und hier bevor­zugt über Schwein­stei­ger lau­fen müs­sen und das Spiel­tempo wird unnö­tig ver­schleppt wer­den. Dar­aus resul­tiert, dass es alleine am Genius eines Ribery oder gut auf­ge­leg­ten Kroos hän­gen wird, die geg­ne­ri­schen Abwehr­rei­hen aus der Fas­sung zu bringen.

Borus­sia Dort­mund erin­nert sich an den lan­gen Ball

Der BVB hin­ge­gen macht seit gerau­mer Zeit vor, wie man mit ein­fa­chen Mit­teln geg­ne­ri­sche Boll­werke kna­cken kann: Sowohl der spie­le­risch her­vor­ra­gende Hum­mels als auch der Zwei­kampf­spe­zia­list Sub­o­tic, der tech­nisch zu den schwä­che­ren Ver­tei­di­gern auf Champions-League-Niveau zählt, agie­ren auf­fal­lend viel mit lan­gen Bäl­len und über­brü­cken so das dicht bela­gerte Mit­tel­feld. Ein sol­cher lan­ger Ball in die Spitze ist gleich­zei­tig der Weck­ruf für die Mit­tel­feld­spie­ler, die dem Ball hin­ter­her­ja­gen. In den meis­ten Fäl­len geht Lewan­dow­ski zum Kopf­ball­du­ell hoch und zwingt den Abwehr­spie­ler in den Zwei­kampf. Die ande­ren Dortmund-Offensiven gehen mit höchs­tem Tempo Rich­tung zwei­ten Ball und kön­nen die kurze Phase der Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit des Geg­ners zu ihrem Vor­teil nut­zen. Die­ses eigent­lich pri­mi­tive Mit­tel, das Fuß­ball­ge­lehrte gerne in die Spiel­kul­tur der Kreis­klasse ver­ord­nen, ist es, was einer­seits Fehl­pässe in der Dort­mun­der Defen­sive redu­ziert und in der Offen­sive stän­dig zu neuen und über­ra­schen­den Spiel­si­tua­tio­nen führt.

Die­ses im geho­be­nen Pro­fi­fuß­ball kurz­zei­tig ver­lo­ren gegan­gene Instru­ment des lan­gen Bal­les ist es, was den Bay­ern hel­fen könnte, den Geist von Louis van Gaal aus der Alli­anz Arena zu ver­trei­ben, den Innen­ver­tei­di­gern das Leben leich­ter zu machen, Schwein­stei­ger im Auf­bau­spiel zu ent­las­ten und dem Offen­siv­spiel eine neue, unbe­re­chen­bare Facette zu ver­lei­hen. Die von der geg­ne­ri­schen Abwehr oder den kopf­ball­star­ken Gomez und Mandzu­kic abpral­len­den Bälle könn­ten von Ribery, Kroos, Rob­ben oder dem cle­ve­ren Mül­ler sofort ver­wer­tet wer­den. Man wäre mit einem ein­zi­gen lan­gen Pass in Straf­raum­nähe und könnte unzäh­lige Eins-gegen-Eins-Situationen her­auf­be­schwö­ren, ohne die heute kaum eine Abwehr in der Cham­pi­ons Lea­gue zu kna­cken ist.

In der Schule würde der Klas­sen­stre­ber nie­mals zuge­ben abge­spickt zu haben. Genauso wenig steht es für den FC Bay­ern, sich an einer ande­ren Mann­schaft zu ori­en­tie­ren. Das würde dem eige­nen Ver­eins­ver­ständ­nis vom „Mia san Mia” zuwi­der­lau­fen. Doch ist Spi­cken nichts für was man sich schä­men müsste, denn jeder hat schon mal gespickt. Die Dort­mun­der haben den lan­gen Ball nicht erfun­den son­dern nur wie­der­ent­deckt. Der FC Bay­ern sollte ihn für sich entdecken.





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