Motivation ist alles


veröffentlicht am Mittwoch, 27. März 2013 12:34, von unserem Autor Michael Luczak in Taktiktafel. 1 Kommentar

Bevor Rafael van der Vaart aus sei­nem eng­li­schen Exil erlöst wurde und aus der Güte sei­nes Her­zens in seine „Hei­mat“ Ham­burg zurück­kehrte, spielte er unter dem dama­li­gen Tot­ten­ham Hot­spurs Trai­ner Harry Red­knapp. Das Beste was er über Red­knapp zu sagen hatte, war, dass er ein sehr ent­spann­ter Trai­ner sei, der sich nicht mit lang­wei­li­ger Tak­tik auf­halte. „Wir haben zwar ein Clip­board in der Kabine, aber Harry schreibt nie was drauf.“ Nichts­des­to­trotz kann Red­knapp auf eine lange und recht erfolg­rei­che Kar­riere als Trai­ner zurück­bli­cken, denn wie die meis­ten ande­ren guten und gro­ßen Trai­ner hat auch er die Kunst der Moti­va­tion gemeistert.

Der ver­kopfte Fußball

Fuß­ball im Inter­net hat sich in eine sehr ver­kopfte Ange­le­gen­heit ver­wan­delt. Fans dis­ku­tie­ren über Auf­stel­lun­gen, Ein­wechs­lun­gen und Tak­tik. Bestimmte Inter­net­sei­ten haben sich gar ganz dem Thema ver­schrie­ben. Dabei bleibt das Thema Moti­va­tion gerne mal auf der Stre­cke, viel­leicht weil sie so schwer zu quan­ti­fi­zie­ren ist. Sta­tis­ti­sche Insti­tute wie Opta Sports sam­meln Mas­sen an Daten von erziel­ten Toren und gege­be­nen Tor­vor­la­gen bis hin zu erfolg­rei­chen Dribb­lings und wer wel­chen Pass zu wem gespielt hat. Den­noch las­sen sich einige Dinge ein­fach nicht quan­ti­fi­zie­ren. Bei­spiels­weise weiß jeder, dass unter­klas­sige Mann­schaf­ten im Pokal oft über sich selbst hin­aus wach­sen, wenn sie gegen die gro­ßen Ver­eine aus der Bun­des­liga ran müs­sen. Man sagt, der Pokal habe seine eige­nen Gesetze. Das lässt sich nicht nur mit Sta­tis­tik erklä­ren. Ohne Ein­be­zie­hung der Moti­va­tion, die so ein beson­de­rer Tag bei den Spie­lern aus­löst, bleibt das Phä­no­men ein Mysterium.

Moti­va­tion im Fuß­ball: die große Unbekannte

Die meis­ten Fuß­ball­fans wer­den wis­sen, was für ein groß­ar­ti­ger Spie­ler Didier Drogba war und ist, aber ein Blick auf die Sta­tis­tik ver­rät einen Stür­mer, der nicht mehr als leicht über­durch­schnitt­lich ist. Um Drogba als Spie­ler wert­schät­zen zu kön­nen, muss man wis­sen, dass er seine Tore oft in wich­ti­gen Spie­len macht, dass er es schafft, sich auf den Punkt zu moti­vie­ren. Aller­dings ist das Ver­ständ­nis sol­cher Dinge abge­se­hen von den offen­sicht­li­chen Bei­spie­len etwas nebu­lö­ser. Sind die bes­se­ren Leis­tun­gen einer neuen Moti­va­ti­ons­me­thode geschul­det? Hat die Mann­schaft ein­fach das Glück, mitt­ler­weile das eine Tor zu machen, das über Erfolg oder Miss­er­folg ent­schei­det? Das ist vor allem dann ein Pro­blem, wenn die größ­ten­teils glei­chen Spie­ler mit der glei­chen Spiel­an­lage extrem unter­schied­li­che Ergeb­nisse erzie­len. Dann ver­sucht sich der Jour­na­list oft in Alche­mie und erklärt viel ohne wirk­lich etwas zu ver­ste­hen. Das Pro­blem dabei ist offen­sicht­lich: Nie­mand weiß so recht, was genau in den Kabi­nen der gro­ßen Mann­schaf­ten pas­siert, abge­se­hen von den teils frag­wür­di­gen Aus­sa­gen der Spie­ler. Nie­mand kann in die Köpfe der Spie­ler schauen, um zu sehen wie sehr sie wirk­lich von den Wor­ten des Trai­ners ange­spornt wer­den. Es ist schwer, defi­ni­tive Ant­wor­ten zu geben, sobald es im Fuß­ball um Moti­va­tion geht.

Motivation Harry Redknapp

Ein gro­ßer Moti­va­tor oder ein­fach nur ein net­ter Zeit­ge­nosse? Harry Red­knapp, der­zeit Trai­ner bei den Queens Park Ran­gers. Foto: curious­ly­per­sis­tent / flickr.com

Aller­dings ist auf­fäl­lig, dass wenige Trai­ner erfolg­reich sind und gleich­zei­tig als schlechte Moti­va­to­ren gel­ten. Tat­säch­lich gel­ten die meis­ten gro­ßen Trai­ner als gute oder sogar außer­or­dent­li­che Moti­va­to­ren und viele von ihnen haben sehr eigene Moti­va­ti­ons­me­tho­den. Das Bei­spiel Red­knapp ist da noch recht schnell erklärt und eini­ger­ma­ßen häu­fig anzu­tref­fen. Wenn man den Aus­sa­gen der Spie­ler glaubt, dann ist Red­knapp ein­fach nur ein net­ter Kerl. Jemand, der die Spie­ler ein­fach machen lässt und ver­sucht, ihnen den Job so leicht wie mög­lich zu machen. Die Spie­ler bedan­ken sich dafür und spie­len teils sogar für den Trai­ner, jeden­falls wenn man den Aus­sa­gen Glau­ben schen­ken mag. Wahr­schein­li­cher klingt wohl, dass die Spie­ler Leis­tung brin­gen, weil sie sich wohl fühlen.

Mourinho gegen den Rest der Welt

Es ist wenig ver­wun­der­lich, dass einer der bes­ten Trai­ner der Welt ein wesent­lich inter­es­san­te­res Moti­va­ti­ons­kon­zept hat. Auf den ers­ten Blick mögen die arro­gan­ten Pres­se­kon­fe­ren­zen von Jose Mourinho und sein Hang zu Kon­fron­ta­tion ein­fach auf sein Ego zurück­ge­führt wer­den, aller­dings ver­steckt sich ein Sys­tem im Chaos. Die stän­di­gen Rei­be­reien mit der Presse und mit ande­ren Mann­schaf­ten und Trai­nern iso­lie­ren Mourinho in der loka­len Presse und in der Öffent­lich­keit und was Mourinho iso­liert, das iso­liert auch seine Mann­schaft. Dabei ent­steht in der Mann­schaft eine Art Bela­ge­rungs­men­ta­li­tät, ein „wir gegen den Rest der Welt“. Das ist ein Mus­ter, das sich bei all sei­nen Ver­ei­nen zu unter­schied­li­chen Gra­den wie­der­holt hat. Womög­lich ist das auch der Grund, warum Mourinho nie mehr als zwei, drei Jahre bei einem Ver­ein bleibt. Sol­che Metho­den sind oft zer­mür­bend für die Psy­che der Spie­ler, nach ein paar Jah­ren ist die Mann­schaft auf­ge­rie­ben und die alten Metho­den zün­den nicht mehr. Felix Magath hat ein ganz ähn­li­ches Pro­blem mit sei­nen eher extre­men Metho­den, wie Phil­ipp Lahm auch in sei­nem Buch erklärt hat. Nach zwei Jah­ren Schin­de­rei stumpft man inner­lich ab und es ist schwer sich dann über­haupt noch zu moti­vie­ren. Natür­lich kann das aus den oben genann­ten Grün­den keine defi­ni­tive Erklä­rung sein, aber es fällt schon auf, dass viele Mourinho-Mannschaften einen extre­men Leis­tungs­ab­fall ver­zeich­nen, nach­dem der Trai­ner nicht mehr da ist.

Motivation Jose Mourinho

Es gibt wenige Trai­ner, die so ein spe­zi­el­les Ver­hält­nis zu ihrer Mann­schaft auf­bauen wie Jose Mourinho. Ist das sein Erfolgs­ge­heim­nis? Foto: Ron­nie Mac­Do­nald / flickr.com

Das soll nicht hei­ßen, dass Tak­tik keine Rolle spielt, denn natür­lich ist Mourinho auch ein gewief­ter Tak­ti­ker. Aller­dings kommt Tak­tik immer erst nach Moti­va­tion. Hat ein Trai­ner ein ver­nünf­ti­ges Tak­tik­ver­ständ­nis, ist aber nicht dazu in der Lage, die Spie­ler für sich oder wenigs­tens für die gemein­same Sache zu moti­vie­ren, dann heißt er Michael Skibbe oder Steve McCla­ren. Trai­nern die­ses Schla­ges gelingt es zwar, gute Posi­tio­nen bei star­ken Ver­ei­nen an Land zu zie­hen, da sie Funk­tio­näre auf­grund ihres Sach­ver­stan­des zuerst beein­dru­cken kön­nen, aller­dings ist ihnen sel­ten ganz gro­ßer Erfolg ver­gönnt und oft sind sie so schnell von ihrer Trai­ner­sta­tion ver­schwun­den wie sie sie erreicht haben. Ihnen fehlt eben das unquan­ti­fi­zier­bare Talent, den Spie­lern alles abzuverlangen.

Moti­va­tion ist menschlich

Mit den stän­di­gen Dis­kus­sio­nen über tech­ni­sche Anla­gen, tak­ti­sche Aus­rich­tun­gen und Finanz­mo­delle wirkt der Fuß­ball immer mehr wie eine Maschine, optisch wie rhe­to­risch. Aller­dings schei­nen all diese Dinge in der öffent­li­chen Dis­kus­sion über­re­prä­sen­tiert. Debat­ten über Moti­va­tion sind oft tri­vial und offen­sicht­lich, oder schwam­mig und mys­ti­fi­ziert. Den­noch ist es wich­tig, die­sen Aspekt des Fuß­balls im Auge zu behal­ten. Moti­va­tion ist die Basis, auf der sich alles Nach­fol­gende auf­baut. Ohne außer­ge­wöhn­li­che Moti­va­tion wird keine Mann­schaft je Erfolg haben, Tech­nik und Tak­tik hin oder her. Schließ­lich ist es wich­tig, der Maschi­ne­rie Fuß­ball etwas Mensch­lich­keit und Unbe­re­chen­bar­keit abzu­rin­gen. Alles andere ent­wer­tet den Sport.





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