Mario Gomez aus der Mode? Zeit für eine Gegenoffensive.


veröffentlicht am Donnerstag, 11. April 2013 19:27, von unserem Autor Marc Andruszko in Taktiktafel. 2 comments

Bei Mario Gomez schei­den sich die Fuß­ball­geis­ter. Nach die­sem Arti­kel wird es wei­ter­hin Men­schen geben, die fel­sen­fest davon über­zeugt sind, Gomez wäre kein guter Fuß­bal­ler und Miro Klose immer noch das Non-Plus-Ultra der­zei­ti­ger deut­scher Stür­mer­kunst. Letz­te­res soll nicht unbe­dingt bestrit­ten wer­den. Den­noch: Es ist an der Zeit für ein Plä­do­yer für Mario Gomez.

Trend­set­ter

Es gibt Men­schen, die immer mit dem neu­es­ten Trend gehen. Da muss es unbe­dingt das neu­este iPhone sein, obwohl es das alte eigent­lich auch tut, und der Klei­der­schrank platzt aus allen Näh­ten, weil man Sai­son für Sai­son die neu­es­ten und hips­ten Kla­mot­ten kauft.

Mario Götze moderner Fußballer

Mario Götze: spielt auf tech­nisch höchs­tem Niveau und ist einer der viel umju­bel­ten moder­nen Fuß­bal­ler. Foto: Steindy / wiki­me­dia commons

Genauso gibt es Fans und Fuß­ball­fach­leute, die glau­ben, Lewan­dow­ski, Götze und Mandzu­kic wären die ein­zig wah­ren moder­nen Stür­mer­ty­pen. Und weil sie gerade in Mode sind und Woche für Woche hoch­ge­ju­belt wer­den, nimmt ein Teil der fuß­ball­in­ter­es­sier­ten Öffent­lich­keit diese Trend­set­ter für bare Münze und glaubt, ein ande­rer Stür­mer­typ, ein sol­cher wie Gomez, sei out, nicht mehr zeit­ge­mäß und wenig erfolgs­ver­spre­chend. Teil­weise geht man sogar soweit, zu sagen, mit Gomez auf dem Platz wäre man ein Mann weni­ger.

Mario Gomez ist bei wei­tem nicht so uncool, wie er der­zeit rüber­kommt. Gomez als nicht mit­spie­len­dem Stür­mer zu ver­teu­feln, ist unge­recht. Ja, er hat umge­rech­net der­zeit durch­schnitt­lich 0,33 Ball­kon­takte pro Minute und damit weni­ger Ball­kon­takte als die der­zei­ti­gen Mus­ter­stür­mer der Liga wie Lewan­dow­ski (0,46) und Mandzu­kic (0,40). Dass er aber bereit ist, mit­zu­spie­len und für die Mann­schaft zu arbei­ten, beweist seine für einen Stür­mer vor­bild­li­che Zwei­kampf­quote von 49,6 Pro­zent gewon­ne­nen Zwei­kämp­fen, mit wel­cher er Lewan­dow­ski (37,8) und Mandzu­kic (47,7) hin­ter sich lässt. Gerade Mandzu­kic, der sich wirk­lich vor kei­nem Zwei­kampf scheut und den die Bayern-Fans dafür lie­ben, dass er neben dem Tore­schie­ßen auch ein­mal viele Schläge ein­steckt, wie im Champions-League-Halbfinale gegen Juven­tus Turin.

Im Fuß­ball gilt das Glei­che wie in der Mode. Es ist cle­ver, die alten Kla­mot­ten nicht weg­zu­wer­fen oder in eine Schub­lade zu ste­cken und zu ver­ges­sen. War etwas ein­mal in Mode, kommt es immer wie­der in Mode, das ist ein altes Gesetz. Die Jeans­ja­cke lässt grü­ßen. Und wer ein­mal so viele Tore wie Gomez geschos­sen hat, der ver­lernt es nie, der ist ein alt­be­währ­ter Stür­mer. Der hat es im Blut.

Der neue deut­sche Fußball-Sachverstand

Mario Gomez ist außer­dem der Spie­ler, auf den beson­ders viele Fans ihren Sach­ver­stand pro­ji­zie­ren. Das bedeu­tet, dass sie zwar teil­weise aner­ken­nen, dass Gomez viele Tore schießt, ihn aber den­noch für seine dann und wann vor­kom­men­den Stock­feh­ler ver­teu­feln und ihm das Talent voll­stän­dig abspre­chen. Oft ist dann vom moder­nen Stür­mer­ty­pen die Rede und Gomez soll so einer ganz und gar nicht sein.

Gerd Müller Nummer Neun Mittelstürmer

Gerd Mül­ler (rechts) neben Sepp Maier. Mül­ler gilt immer noch als Inbe­griff der Num­mer Neun. Foto: Natio­nal­ar­chiv Nie­der­lande, Den Haag

Ganz schnell kann man die­sen Fans den Wind aus den Segeln neh­men, indem man den Namen Gerd Mül­ler in den Raum wirft und behaup­tet, der wäre auch kein Ball­künst­ler gewe­sen, son­dern hätte die Pille ein­fach rein­ge­macht. Und haben wir uns nicht lange nach einem sol­chen Stür­mer mit unstill­ba­rem Tor­hun­ger gesehnt? Doch das wäre zu ein­fach. Denn so einen wie Gerd Mül­ler wird es natür­lich nie wie­der geben. Gerd Mül­ler war unver­gleich­lich. Das ist der natur­ge­mäße Ein­wand, wenn man Gomez mit Mül­ler ver­gleicht. Des­halb dis­ku­tie­ren wir wei­ter. Über:

Die fal­sche Neun

In aller Munde ist der­zeit der Begriff der fal­schen Neun. Die fal­sche Neun soll auf der Tak­tik­ta­fel das dar­stel­len, was Götze im Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Kasachs­tan ver­kör­perte. Fragt sich nur, inwie­fern diese fal­sche Neun über­haupt auf der Tak­tik­ta­fel dar­zu­stel­len ist. Sie ist eigent­lich keine Posi­tion. Sie ist eine Spiel­weise, die von Offen­siv­spie­lern wie Götze ange­wandt wird. Er gehört zu den Spie­lern, die sich gerne in den Frei­raum zwi­schen Abwehr­kette und defen­si­vem Mit­tel­feld fal­len las­sen und dort als Anspiel­sta­tion fun­gie­ren. Götze ver­fügt über die ent­spre­chende Tech­nik, um aus die­sen Posi­tio­nen töd­li­che Pässe auf die von außen ein­lau­fen­den Offen­si­ven zu spie­len oder zum Tem­po­dribb­ling anzu­set­zen und so einen Innen­ver­tei­di­ger aus der Kette her­aus­zu­zie­hen. Gomez hat diese Fähig­kei­ten nicht oder nur bedingt. Ist er des­we­gen eine rich­tige Neun, eine alte Neun oder die ein­zig wahre Neun?

Die fal­sche Neun ist eine behelfs­mä­ßige Umschrei­bung für eine nicht exakt zu ver­or­tende Posi­tion auf der Tak­tik­ta­fel und ein rei­ner Lücken­fül­ler in den Tak­ti­kana­ly­sen. Die fal­sche Neun ist nichts als eine Aus­prä­gung des flui­den Spiel­sys­tems, in wel­chem mit hoher Spiel­in­tel­li­genz aus­ge­stat­tete Spie­ler unter enor­men Lauf­auf­wand stän­dig rochie­ren und freie Räume auf dem Spiel­feld ein­neh­men. Inso­fern ist sie auch eine Aus­prä­gung der Ballbesitz-Philosophie, die vor allem durch die Erfolge der Spa­nier in den letz­ten Jah­ren als höchste Fuß­ball­kunst popu­lär und auch von Jogi Löw als Credo für die Natio­nal­mann­schaft aus­ge­ge­ben wurde. Im Ballbesitz-Fußball wird vom zen­tra­len Stür­mer ver­langt, dass er als Anspiel– und Klatsch­sta­tion mit­wirkt und nicht nur in vor­ders­ter Front in alt­be­währ­ter Roy-Makaay-Manier lauert.

Inter­es­sant ist, dass auch Louis van Gaal bekannt­lich die Ballbesitz-Philosophie ver­folgt und Mario Gomez bei sei­nem Amts­an­tritt in Mün­chen erst ein­mal aufs Abstell­gleis stellte. Gomez wurde in der Sai­son 2010/2011 vom wenig gelieb­ten Bank­drü­cker zum gefürch­tets­ten Tor­jä­ger der Bay­ern. Er machte in jener Sai­son 39 Pflicht­spiel­tore und wurde Tor­schüt­zen­kö­nig der Bun­des­liga. Trai­ner in die­ser Spiel­zeit war über­wie­gend Louis van Gaal: ein Kon­zept­trai­ner, der sich ganz der moder­nen Ball­be­sitz­kunst ver­schrie­ben hat.

Das Pro­blem mit der Arroganz

Wenn Mario Gomez nach einer ver­un­glück­ten Aktion von der Kamera ein­ge­fan­gen und dabei erwischt wird, wie er sich die Haare aus dem Gesicht nach hin­ten streicht und rela­tiv unbe­ein­druckt über sei­nen eige­nen Fehl­pass oder Stock­feh­ler wirkt, geht dem ein oder ande­ren Fan das Mes­ser im Sack auf. Der demü­tige Mus­ter­profi Klose hin­ge­gen, der sich aus der Bezirks­liga an die Spitze des Welt­fuß­balls gekämpft hat und des­sen ein­zige Extra­va­ganz der Tor­salto war — bis seine Ärzte ihm davon abrie­ten — gibt so schnell kei­nen Ball ver­lo­ren und ist sich nicht zu schade bis in den eige­nen Sech­zehn­me­ter­raum dem ver­lo­re­nen Ball nach­zu­set­zen. Doch: Bei einer sol­chen Aktion quit­tierte Klose bei der WM 2010 in Süd­afrika die gelb-rote Karte und war für das wich­tige Spiel gegen Ghana gesperrt. Ja, sie war unbe­rech­tigt und ja, sie war trotz alle­dem vermeidbar.

Mario Gomez Bank Nationalmannschaft

In der Natio­nal­mann­schaft ist Mario Gomez der­zeit nicht gesetzt. Auch nicht, wenn Miro Klose ver­letzt ist. Foto: magro_kr / flickr

Aber die Aktion Klo­ses ist erklär­bar: Ver­lan­gen wir von einem Stür­mer gene­rell eine gestei­gerte Defen­siv­ar­beit und das Auf­op­fern für die Mann­schaft, müs­sen wir uns auch damit aus­ein­an­der­set­zen, dass Stür­mer sich mehr in Zwei­kämp­fen auf­rei­ben, sich einer erhöh­ten Ver­let­zungs­ge­fahr aus­set­zen und dabei außer­dem unnö­tige gelbe Kar­ten kas­sie­ren, statt sich voll auf ihr Haupt­ge­schäft, das Tore­schie­ßen, zu kon­zen­trie­ren. Mario Gomez hat nie einen Hehl dar­aus gemacht, dass er Tor­schütze von Beruf ist. Hier gilt das alt­be­währte Sprich­wort: Schus­ter, bleib bei dei­nen Leisten.

Der gute Fußballer

Zu guter Letzt geht es wie­der auf die Meta-Ebene: Durch die Fuß­ball­welt wabert seit Jah­ren die These, Gomez sei kein guter Fuß­bal­ler. Bei der Phrase „guter Fuß­bal­ler“ muss bei genaue­rem Hin­se­hen die Alarm­glo­cke klingeln.

Gut“ beschreibt mitt­ler­weile einen tech­nisch ver­sier­ten Spie­ler. Es geht nicht mehr darum, ob der Spie­ler mit sei­ner Spiel­weise erfolg­reich ist. Das Prä­di­kat „gut“ wird dem Fuß­bal­ler dann ver­lie­hen, wenn er eine gewisse „fuß­bal­le­ri­sche Qua­li­tät“ auf­weist. Wenn wir Fuß­ball als Ball­spiel auf zwei Tore, mit dem Ziel, einer­seits den Ball ins Tor des Geg­ners zu beför­dern und ander­seits Tore des Geg­ners zu ver­hin­dern, begrei­fen, dann könnte man Mario Gomez als äußert prag­ma­ti­schen und effek­ti­ven Fuß­bal­ler bezeich­nen, der am Ball das Nötigste kann und dem es schlicht darum geht, Tore zu schie­ßen. Und Mario Gomez schießt Tore. Ver­dammt viele sogar. Das ist sein Talent. Legt man die­ses Talent im Sinne des Spiel­ziels des Fuß­balls aus, dann wäre er ein guter Fußballer.

Gute Qua­li­tät kommt übri­gens nie aus der Mode.





2 thoughts on “Mario Gomez aus der Mode? Zeit für eine Gegenoffensive.

  1. Danke für den Post. Es ist schon inter­es­sant — oder wahl­weise frus­trie­rend — zu sehen, dass Spie­ler noch so stark spie­len kön­nen, wenn es nicht gut aus­sieht dann wird jeder Feh­ler höher bewer­tet. Das gilt für Gomez ganz beson­ders, aber auch Tho­mas Mül­ler wurde ja oft­mals die Qua­li­tät abge­spro­chen, obwohl des­sen Kri­ti­ker inzwi­schen immer stär­ker verstummen.

    Nach mei­nem Algo­rith­mus, der ledig­lich die objek­ti­ven Spiel­er­geb­nisse betrach­tet sind, sind die bei­den aber neben Klose zurecht Top-Angreifer in der Natio­nal­mann­schaft. Podol­ski trotz sei­ner „tol­len Schus­s­tech­nik“ eher nicht so. Mandzu­kic kommt da auch nicht ran. Lewan­dow­ski fehlt nicht mehr viel.

    • Mül­ler ist auf jeden Fall auch ein inter­es­san­tes Phä­no­men, wobei man bei ihm geneigt ist, unkon­ven­tio­nelle Aktio­nen mit einem Grin­sen zu quit­tie­ren und sich nicht auf­zu­re­gen. Viel­leicht liegt das daran, dass er herr­li­che Inter­views gibt. ;)

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