Das Wunder vom Betzenberg?


veröffentlicht am Freitag, 24. Mai 2013 10:48, von unserem Autor Marc Andruszko in Taktiktafel. null Kommentare

Eine ganze Fuß­ball­na­tion drückte ges­tern im Hin­spiel der Rele­ga­tion um die 1. Bun­des­liga dem FCK die Dau­men. Dies ist keine Behaup­tung des Autors. Hans Sar­pei zeich­net sich dafür verantwortlich.

Wie sich die TSG Hof­fen­heim, der bei Tra­di­tio­na­lis­ten äußert unbe­liebte Ver­ein aus dem beschau­li­chen Kraich­gau, jedoch ges­tern in Sins­heim prä­sen­tierte, dürfte selbst kon­ser­va­tive Fuß­ball­fans eini­ger­ma­ßen beein­druckt haben. Denn ges­tern kamen genau jene Tugen­den zum Vor­schein, die man den Spie­lern der TSG immer — und zu Recht – absprach. Die Mann­schaft um Kapi­tän Andreas Beck, der ges­tern eines sei­ner bes­ten Spiele im Hof­fen­hei­mer Dress machte, war ent­schlos­sen und viel­leicht einen Tick weni­ger ner­vös als die der Roten Teu­fel. Der Sieg Hof­fen­heims wurde ges­tern Abend von den bericht­er­stat­ten­der Medi­en­ver­tre­tern fast aus­schließ­lich dar­auf zurück­ge­führt, dass die TSG mehr fuß­bal­le­ri­sche Qua­li­tät auf den Rasen brachte. Der ARD-Kommentator erfreute sich am lehr­buch­mä­ßi­gen Spiel­zug, der zum 2:0 durch Roberto Fir­mino führte. Doch sahen wir in Sins­heim tat­säch­lich einen Klassenunterschied?

Der FCK ner­vös und mit ver­meid­ba­ren Fehlern

Wir sahen von bei­den Mann­schaf­ten kein Spiel auf tech­nisch und tak­tisch hohem Level, wel­ches dem der­zei­ti­gen Niveau der Bun­des­liga gerecht wer­den könnte. Doch ist das in einem Spiel von solch exis­ten­zi­el­ler Bedeu­tung (zumin­dest in sport­li­cher Hin­sicht, denn finan­zi­ell kann die TSG einen Abstieg auf­fan­gen), nicht zu erwar­ten und auch nicht unbe­dingt vom Fuß­ball­fan gewünscht. Was die Fans bei­der Mann­schaf­ten und auch der objek­tive Beob­ach­ter schlicht erwar­ten, ist uner­müd­li­cher Kampf­geist. Die­sen kann man bei­den Mann­schaf­ten wirk­lich nicht abspre­chen. Es war ein fai­res Spiel mit hart geführ­ten Zwei­kämp­fen und ver­meid­ba­ren Fehlern.

Franko Foda FCK

Franko Foda sah Feh­ler sei­ner Mann­schaft. Kann er sie dazu bewe­gen, am Mon­tag über sich hin­aus­zu­wach­sen? Foto: Steindy / wiki­me­dia commons

Dem 1:0 für Hof­fen­heim ging ein ver­meid­ba­res Foul von Domi­ni­que Heintz vor­aus, der in der Anfangs­phase etwas unru­hig wirkte. Sali­ho­vics Frei­stöße sind bekannt­lich nicht immer zu ver­tei­di­gen, jedoch ist frag­lich, ob die Mauer in die­ser Situa­tion opti­mal stand. Denn es war für Sip­pel vor­aus­zu­se­hen, dass Sali­ho­vic aus die­sem Win­kel mit viel Effet flan­ken würde — eine Spe­zia­li­tät von Sali­ho­vic. Jimmy Hof­fer machte noch instink­tiv einen Schritt nach rechts aus der Mauer her­aus und hätte die Flanke fast erwischt. Ein Mann mehr in der Mauer — was zuge­ge­be­ner­ma­ßen in die­ser Situa­tion unge­wöhn­lich aber effek­tiv gewe­sen wäre — oder das Auf­stel­len der Mauer ein paar Schritte wei­ter rechts hät­ten das Tor even­tu­ell ver­hin­dern können.

Dann der hoch gelobte Spiel­zug zum 2:0: Zugriff auf Fir­mino, doch der bleibt am Ball. Über die Mitte, wo Lau­tern der TSG zu viel Raum lässt und kei­nen Zugriff hat, läuft der Ball zu Vol­land, der an der Straf­raum­grenze ver­zö­gert. Chris Löwe, der ein soli­des Spiel machte und zu den stärks­ten Spie­lern des FCK zählte, macht das ein­zig Rich­tige und stellt Vol­land. Die Feh­ler pas­sie­ren fast zeit­gleich an ande­rer Stelle. Alex­an­der Baum­jo­hann schläft einen Moment und kann Andi Beck, der klas­sisch hin­ter­läuft, nicht fol­gen. In der Mitte anti­zi­piert Heintz den Pass in die Tiefe an Löwe vor­bei rich­tig, doch kann die Her­ein­gabe nicht mehr ver­hin­dern. Wäh­rend Heintz rich­tig spe­ku­liert  und eigent­lich einen guten Win­kel zum Abfan­gen der Flanke Becks hat, ste­hen die rest­li­chen Defensiv-Spieler des FCK beim Pass in die Tiefe auf einer Höhe und rea­gie­ren ins­ge­samt zu lang­sam. Ein schnel­les Absin­ken der zen­tral im Straf­raum posi­tio­nier­ten Män­ner und der durch­star­tende Fir­mino hätte zumin­dest beim Abschluss gestört wer­den können.

Dem 3:1 von Schipplock ging ein Feh­ler Tor­re­jons vor­aus, der sich in der Vor­wärts­be­we­gung vom Tor­schüt­zen selbst den Ball klauen ließ. Dadurch ent­steht eine extrem schwer zu ver­tei­di­gende Situa­tion. Abhilfe hätte wohl am ehes­ten ein sofor­ti­ges tak­ti­sches Foul an Fir­mino geschaf­fen, doch war viel­leicht die Vor­gabe „keine Fouls rund um den Sech­zeh­ner wegen Sali­ho­vic“ in den Köp­fen der Spie­ler zu prä­sent, um schnell genug zu reagieren.

Das psy­cho­lo­gi­sche Momentum

Hof­fen­heim lief mit brei­ter Brust und dem Sen­sa­ti­ons­spiel gegen den BVB am letz­ten Spiel­tag der regu­lä­ren Spiel­zeit im Rücken auf den Platz, wäh­rend der FCK sein letz­tes Spiel zuhause gegen St. Pauli ver­gurkte. Anzu­neh­men, dass die Gedan­ken der Spie­ler des FCK bereits auf das Rele­ga­ti­ons­spiel gerich­tet waren. Wäh­rend man also in Kai­sers­lau­tern schon einige Tage frü­her Span­nung auf­baute und sich auf die Rele­ga­tion vor­be­reite (hier erhoffte man sich heim­lich Düs­sel­dorf), ging es für die Spie­ler von Hof­fen­heim gegen den BVB um alles – und sie schaff­ten ein Wunder.

FCK Betzenberg

Mythos Bet­zen­berg: Wis­sen die TSG-Spieler wirk­lich, was auf sie zukommt? Foto: Der Toco / flickr.com

Die Spiel­vor­be­rei­tung bei­der Ver­eine auf das gest­rige Spiel war sicher­lich ähn­lich akri­bisch und pro­fes­sio­nell. Ver­mut­lich wusste man vom Gegen­spie­ler die Schuh­größe und mit wel­chem Bein er in der Regel den Fuß­ball­platz zuerst betritt. Doch viel­leicht war es ein­zig und allein das psy­cho­lo­gi­sche Momen­tum, was ges­tern Abend den ent­schei­den­den Aus­schlag für Hof­fen­heim gab. Jenes könnte am Mon­tag­abend auf dem Bet­zen­berg in die andere Rich­tung aus­schla­gen. Denn wäh­rend ges­tern Hof­fen­heim noch auf der Erfolgs­welle aus dem Signal Iduna Park bis nach Sins­heim surfte, war der FCK ver­krampft und ließ in der Offen­sive Ruhe und Abge­brüht­heit ver­mis­sen. Hätte man die Tor­chan­cen bes­ser ver­wer­tet und Angriffe ver­nünf­tig zu Ende gespielt, wären mehr als das eine Tor von Mo Idris­sou drin gewe­sen. Doch es fehlte die Leich­tig­keit. Jetzt befin­det sich der FCK in einer Situa­tion, in wel­cher er nicht mehr viel ver­lie­ren kann, wäh­rend die Hof­fen­hei­mer bereits mit einem Fuß dem Fahr­stuhl nach unten ent­kom­men sind und sich fast sicher im Ober­haus wäh­nen. Eine gefähr­li­che Situa­tion für die TSG.

Der Bet­zen­berg hat eigene Gesetze

Es mag ver­wun­der­lich sein, was Flo­rian Dick im Inter­view nach dem Spiel sagte. Es sei ein ordent­li­ches Spiel sei­ner Mann­schaft gewe­sen und am Mon­tag am Bet­zen­berg sei alles mög­lich. Durch­hal­te­pa­role, Selbst­ver­trauen oder das Prin­zip Hoff­nung? Was man in den letz­ten Tagen immer wie­der aus Kai­sers­lau­ter­ner Krei­sen ver­nahm ist der Hil­fe­ruf nach dem Mythos Bet­zen­berg. Jener ist nicht mehr omni­prä­sent wie in frü­he­ren Zei­ten. Heute bekommt ein Bun­des­li­ga­spie­ler viel­leicht wei­che Knie, wenn er an die Süd­tri­büne in Dort­mund denkt, doch der Bet­zen­berg ist ein wenig in Ver­ges­sen­heit geraten.

Paul Breitner Post

Paul Breit­ner lieb­äu­gelte mit der Post. Foto: Anto­nisse, Mar­cel / ANEFO

Die Chro­nik der Bun­des­liga aller­dings ver­gisst ein Spiel nie: das 7:4 des FCK gegen Bay­ern Mün­chen 1973, nach einer 1:4 Füh­rung für die Bay­ern. Die Sport­Bild sprach in der Retro­spek­tive vom geils­ten Spiel aller Zei­ten. Die Bay­ern, allen voran Franz Becken­bauer, ver­stan­den nicht, wie ihnen ein sol­cher Faux­pas pas­sie­ren konnte. Doch es han­delte sich nur bedingt um einen Aus­rut­scher, denn die Bay­ern ent­wi­ckel­ten in der Fol­ge­zeit eine große Abnei­gung gegen den Hexen­kes­sel Bet­zen­berg und seine eige­nen Gesetze. In Kai­sers­lau­tern ist heute noch ein Satz Paul Breit­ners aus dem Jahr 1982, der dem Mythos Bet­zen­berg die Krone auf­setzte, in aller Munde: „Am bes­ten schi­cken wir die Punkte gleich mit der Post.“

Die TSG Hof­fen­heim wird die Post nicht in Anspruch und die 113 Kilo­me­ter bis auf den Bet­zen­berg auf sich neh­men. Doch alle FCK-Fans dür­fen hof­fen, dass sie am Mon­tag das aller­geilste Spiel ihres Lebens sehen wer­den. Denn bei aller pro­fes­sio­nel­ler Spiel­vor­be­rei­tung: Ist den TSG-Spielern wirk­lich bewusst, was „dort oben“ auf sie zukommt?

Hier gehts zum legen­dä­ren 7:4 des FCK gegen die Bay­ern 1973.





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