Barca: Jammern auf allerhöchstem Niveau


veröffentlicht am Dienstag, 5. März 2013 17:50, von unserem Autor Marc Andruszko in Taktiktafel. null Kommentare

Luka Mod­ric tritt einen Eck­ball, Ser­gio Ramos steigt mühe­los hoch und köpft lehr­buch­mä­ßig ein, rennt jubelnd durch San­tiago Ber­n­abeu, rutscht auf den Knien, lässt sich von sei­nen Team­kol­le­gen, Jose Mourinho, Madrid und der gan­zen Welt fei­ern und stürzt den FC Bar­ce­lona, das große Barca, die Gigan­ten des Welt­fuß­balls, in die Sinnkrise.

Eines vor­weg: Die hier fol­gende Ana­lyse ist Jam­mern auf aller­höchs­tem Niveau, denn Barca ist an einem Sah­ne­tag immer noch in der Lage, jede Mann­schaft die­ser Fuß­ball­welt in Grund und Boden zu spie­len. Immer öfter gibt es jedoch nur noch fett­arme Milch, wenn Messi, Iniesta und Co. zu Tisch bitten.

Barca mit Selbstzweifeln

Sergio Ramos Kopfball Clasico

Ser­gio Ramos besitzt enorme Sprung­kraft. Das zeigte er nicht nur hier, son­dern auch im Cla­sico. Foto: Jan SOLO / flickr

Exem­pla­risch muss hier der Cla­sico vom letz­ten Wochen­ende her­hal­ten, der wie schon die kurz zuvor aus­ge­tra­gene Begeg­nung in der Copa del Rey an Real Madrid ging. Viele behaup­ten, Real Madrid hätte sich durch Jose Mourin­hos akri­bi­sche Arbeit mitt­ler­weile per­fekt auf die spie­le­ri­sche Über­macht aus Bar­ce­lona ein­ge­stellt und der Blau­grana so den Zahn gezo­gen. Barca, das noch im Jahr 2009 Real in des­sen hei­mi­schem San­tiago Ber­n­abeu eine emp­find­li­che 2:6 Nie­der­lage – man sprach von einer Demü­ti­gung — zufügte, wirkt der­zeit wie betäubt. In der Cham­pi­ons Lea­gue steht man nach der sen­sa­tio­nel­len Leis­tung des AC Milan vor dem Aus. Es bleibt ein­zig und allein das Prin­zip Hoff­nung – Pique äußerte nach dem Spiel in Mai­land, ein Wun­der im Camp Nou müsse gesche­hen. Von Barca ist man sol­che mit Selbst­zwei­fel ange­rei­cher­ten Aus­sa­gen in den letz­ten Jah­ren nun wahr­lich nicht gewohnt, denn Barca kon­trol­lierte den Weltfußball.

Die Ära Pep und die Ver­zweif­lung der Fußballwelt

Von Barca unter Pep Guar­diola waren Fuß­ball­fans die abso­lute Spiel­kon­trolle gewohnt und man pro­du­zierte Spiel für Spiel Ball­be­sitz­sta­tis­ti­ken zum Haa­re­rau­fen (für geg­ne­ri­sche Trai­ner). Die per­fek­tio­nierte Spiel­kul­tur ging so weit, dass sich die Fuß­ball­welt in zwei Lager auf­spal­tete: die Barca-Verehrer und die Barca-Verächter. Letz­tere konn­ten ein­fach nicht mehr mit anse­hen wie groß die Domi­nanz des FC Bar­ce­lona sich in jedem Spiel dar­stellte. Sie leg­ten die spie­le­ri­sche Über­le­gen­heit der Barca-Akteure als Arro­ganz aus. Das ist ein nach­voll­zieh­ba­rer Reflex. Auch die Bay­ern gel­ten in Deutsch­land in den Zei­ten als beson­ders arro­gant, in wel­chen sie die Bun­des­liga nach Belie­ben domi­nie­ren. Fuß­ball ist ein Spiel. Alle wol­len mit­spie­len. Wie im Kin­der­gar­ten. Wie auf dem Schul­hof. Und gibt es immer nur den glei­chen Gewin­ner, ent­zieht man dem Spiel den sinn­stif­ten­den Spaßfaktor.

Barca muss sich nicht neu erfin­den son­dern wiederfinden

Barca hat immer noch ein­zig­ar­tige Ball­be­sitz­sta­tis­ti­ken. Was fehlt also? Pep Guar­diola ist nicht mehr da und kon­zen­triert sich nun voll und ganz auf seine zukünf­tige Auf­gabe beim FC Bay­ern Mün­chen. Es gibt sicher Kri­ti­ker, die behaup­ten, Pep sei der Fak­tor X, wel­cher der­zeit bei Barca fehle. Ja, Guar­diola wirkte als Barca-Coach an der Sei­ten­li­nie wie ein Fuß­ball­pro­phet. Seine Spie­ler schie­nen sei­ner Spiel­phi­lo­so­phie bedin­gungs­los zu ver­trauen. Guar­dio­las Credo war hei­lig: “Keep the ball”. Barca war unter Pep unfass­bar gedul­dig und am Ende ging es fast immer gut. Doch in den emp­find­li­chen Halb­fi­nal­nie­der­la­gen in der Cham­pi­ons Lea­gue gegen Inter Mai­land 2010 und Chel­sea Lon­don im Jahr 2012 deu­tete sich an, dass auch Barca ver­wund­bar ist. Viel­leicht konn­ten die Spie­ler manch­mal selbst nicht glau­ben, wie viele Siege und Titel sie ein­ge­fah­ren hat­ten. Pep Guar­diola machte den ein­zig rich­ti­gen Schritt und zog sich aus dem Trai­ner­amt zurück, um Tito Vil­a­nova die Chance zu geben, Barca neues Leben ein­zu­hau­chen. Denn Barca muss sich nicht neu erfin­den. Das wäre weit her­ge­holt. In etwa so weit, als würde man Mer­ce­des Benz raten, das Auto neu zu erfin­den, um noch bes­sere Ver­kaufs­zah­len zu erzielen.

Barca: Wo sind die alten Stärken?

Xavi Gehirn Barca

Xavi, das Gehirn Bar­cas, mal anders. Foto: givea­way­boy / flickr

Warum tat sich Barca am letz­ten Wochen­ende gegen Madrid so schwer? Die Innen­ver­tei­di­ger Reals, Ramos und Varane, ver­tei­dig­ten extrem hoch und stan­den bei  zen­tra­lem Ball­be­sitz Bar­ce­lo­nas teil­weise deut­lich höher als die Außen­ver­tei­di­ger Coen­trao und Essien. Eigent­lich ein No-Go, denn Tie­fen­staf­fe­lung ist not­wen­dig, falls der Außen­ver­tei­di­ger über­spielt wird: der Innen­ver­tei­di­ger muss in die­sen Fäl­len zur Hilfe eilen. Jedoch zog Real aus der tak­ti­schen Aus­rich­tung der Innen­ver­tei­di­gung den enor­men Vor­teil, den Raum zwi­schen der Abwehr– und der Mit­tel­feld­kette der­art eng zu hal­ten, dass selbst Messi und Iniesta ihre liebe Mühe hat­ten, dort in Ball­be­sitz zu kom­men und gefähr­li­che Aktio­nen zu initi­ie­ren. So lie­ßen sich die bei­den, ins­be­son­dere Iniesta, immer wie­der tief ins Mit­tel­feld zurück­fal­len, um den Ball abzu­ho­len. Barca wirkte lang­sam, poma­dig und unin­spi­riert – ein Ein­druck, den man sonst sel­ten bis nie von die­ser Barcelona-Mannschaft hat. Natür­lich machte sich bemerk­bar, dass mit Xavi das Gehirn der Mann­schaft fehlte. Thiago Alcant­ara ist noch zu jung, um eine der­ar­tig stoi­sche Ruhe am Ball wie Xavi aus­zu­strah­len. Hätte sich Barca jedoch auf die große Stärke beson­nen, aus dem zen­tra­len Ball­be­sitz her­aus Bälle in die Schnitt­stelle zwi­schen Innen– und Außen­ver­tei­di­ger hin­durch zu ste­cken oder mit Chips in den freien Raum über die ris­kant hoch ste­hende Real-Abwehrkette zu arbei­ten – man hätte Mourin­hos Mann­schaft sicher­lich ein ums andere Mal in Ver­le­gen­heit brin­gen können.

Remi­nis­zenz an Thierry Henry und Samuel Eto’o

Thierry Henry New York Barca

Thierry Henry ist auch jetzt noch, im Tri­kot New Yorks, ein Aus­nah­me­ath­let. Foto: Structures:NYC / flickr

Bei sei­ner emo­tio­na­len Abschieds­rede im Camp Nou sagte Pep Guar­diola, der Gür­tel sei zu eng gewe­sen, er wolle ihn jetzt lockern. Diese Meta­pher sollte sich die Mann­schaft zu eigen machen. Denn durch die Jahre der Domi­nanz ist der Gür­tel wahr­lich immer enger gewor­den, die Spie­ler wir­ken wie ein­ge­schnürt und ihrem krea­ti­ven Atem beraubt. Die Domi­nanz artet immer mehr zur Blo­ckade aus. Doch kann Barca den Schal­ter wie­der umle­gen, wenn sich die Spie­ler an Män­ner wie Thierry Henry und Samuel Eto’o erin­nern. Henry klebte an der lin­ken Außen­li­nie, zog die geg­ne­ri­sche Abwehr so extrem weit aus­ein­an­der. Kam er in Ball­be­sitz ging er stän­dig ins 1-gegen-1 und über­rannte ein ums andere Mal den geg­ne­ri­schen Außen­ver­tei­di­ger. Natür­lich gibt es Thierry Henry nur ein­mal auf die­ser Welt. Doch hat auch Barca schnelle Spie­ler wie Pedro, die auf den Außen für Furore sor­gen kön­nen, nur geben sie der­zeit dem Ball­be­sitz den Vor­zug vor dem Risi­ko­dribb­ling. Erin­nert man sich an Samuel Eto’o, der stän­dig in Bewe­gung, immer anspiel­bar war und im Zen­trum zwi­schen den Innen­ver­tei­di­gern für Unruhe sorge, erkennt man den nächs­ten der­zei­ti­gen Man­gel im Spiel Bar­ce­lo­nas. Es fehlt schlicht an einem Spie­ler, der in die Lücke zwi­schen den Innen­ver­tei­di­gern stößt und diese bin­det. Mit Zla­tan Ibra­hi­mo­vic hatte man einen Mann mit enor­men Fähig­kei­ten geholt, um genau diese Lücke adäquat zu fül­len. Doch schei­terte die Bezie­hung Zlatan-Barca letzt­end­lich an per­sön­li­chen Emp­find­lich­kei­ten. Lei­der. Denn heute könnte Barca Ibra­hi­mo­vic gut gebrau­chen. David Villa, der eigent­li­che Stür­mer, wich viel zu oft auf die linke Außen­bahn aus und kam sel­ten in eine gute Posi­tion, aus der er seine gefürch­te­ten Schüsse abfeu­ern konnte. Viel zu sel­ten suchte er den Raum zwi­schen oder hin­ter den Innen­ver­tei­di­gern. Er strahlte nicht die Gefahr aus, die man von ihm gewohnt ist. Barca sollte die Außen wie­der per­ma­nent und kon­se­quent mit den gefähr­lichs­ten Dribb­lern besetz­ten. Das sind Messi, Iniesta und Pedro. Diese kön­nen bei Ball­be­sitz auf der ande­ren Seite immer wie­der quer ein­lau­fen, um einen Dia­go­nal­ball hin­ter die Abwehr­kette zu ermög­li­chen. Villa oder Fab­re­gas soll­ten im Zen­trum die Innen­ver­tei­di­ger beschäf­ti­gen, ihre Kreise zie­hen und im Straf­raum Chan­cen ver­wer­ten. Dann kann Barca end­lich wie­der frei atmen.  So, wie die Barca-Verehrer es lieben.





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