Afrika-Cup: Das Turnier der Außenseiter


veröffentlicht am Freitag, 1. Februar 2013 17:13, von unserem Autor Michael Luczak in Taktiktafel. null Kommentare

End­lich wie­der Afri­ka­meis­ter­schaft: Wie ein Kon­zert hun­der­ter zor­ni­ger Bie­nen, Vuvu­zela, wie hab ich dich ver­misst. Ob man die Afri­ka­meis­ter­schaft, deren aktu­elle Ite­ra­tion gerade in Süd­afrika aus­ge­tra­gen wird, mag oder nicht, es lässt sich nur schwer behaup­ten, dass irgend­eine andere kon­ti­nen­tale Fuß­ball­meis­ter­schaft ähn­lich span­nend ist und ähn­lich viele Über­ra­schun­gen bereit hält wie der Africa Cup of Nations.

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Die Vuvu­zelas sind zurück. Foto: what­ley­dude / flickr.com

Die Zah­len spre­chen eine deut­li­che Spra­che: min­des­tens 14 ver­schie­dene Titel­trä­ger, je nach­dem wie man zäh­len will, dürf­ten für ein Tur­nier die­ser Art wohl ein­zig­ar­tig sein. Auch in die­sem Jahr befin­den sich mit Mali und dem Zwerg­staat Kap Verde wie­der zwei abso­lute Außen­sei­ter im Vier­tel­fi­nale. Vom mitt­ler­weile aus­ge­schie­de­nen Titel­ver­tei­di­ger aus Sam­bia konnte man ganz in der Nähe schon ein­mal lesen, doch es zie­hen sich noch viele wei­tere Über­ra­schun­gen durch die ein­zel­nen Ite­ra­tio­nen des Tur­niers. Wenn Sam­bia 2012 Afri­kas Ant­wort auf Grie­chen­land 2004 ist, dann war Süd­afri­kas sen­sa­tio­nel­ler Sieg 1996 die Ant­wort auf Däne­mark 1992. Aber genau wie Sam­bias Titel, und im Gegen­satz zu Däne­mark oder Grie­chen­land, war auch der süd­afri­ka­ni­sche Sieg von gro­ßer Bedeu­tung für das Land, das gerade erst die Apart­heid über­wun­den hatte.

Stärke in der Krise

Dass sol­che ein­schnei­den­den Ereig­nisse im eige­nen Land eine Mann­schaft zutiefst beein­flus­sen kön­nen weiß man nicht nur in Afrika. Deut­schen fällt da sicher zual­ler­erst der Gewinn der Welt­meis­ter­schaft direkt nach der, oder eigent­lich sogar fast wäh­rend der Wie­der­ver­ei­ni­gung, ein. Der zweite und weni­ger erfreu­li­che Gedanke könnte zu den Ita­lie­nern gehen, die mit einer über­al­ter­ten Mann­schaft und unter aku­ter Exis­tenz­angst zu Hause, auf­grund eines Geflechts an Beste­chungs­skan­da­len in der Liga, 2006 irgend­wie Welt­meis­ter in Deutsch­land wur­den. Da konnte nicht ein­mal der hei­lige Kopf­stoß helfen.

So etwas kann natür­lich auch in die andere Rich­tung gehen, es kann eine Mann­schaft hem­men und Spie­ler ver­kramp­fen. Auch das hat man schon oft genug gese­hen, zum Bei­spiel 2002, als ein von Depres­sion geplag­tes Argen­ti­nien alle Hoff­nung auf Glück auf seine Fuß­bal­ler lud und diese dann erdrückt von der Last mit einer mise­ra­blen Leis­tung in der Vor­runde der Welt­meis­ter­schaft aus­schie­den. Auch in Afrika wie­der­holt sich die Geschichte vom daheim gebeu­tel­ten Außen­sei­ter wie­der, denn gerade an Kri­sen gibt es in Afrika sel­ten Man­gel. Wenn Malis Fuß­bal­ler sich am Sams­tag mit den hoch­fa­vo­ri­sier­ten Süd­afri­ka­nern mes­sen, wer­den sie viel­leicht auch noch in der Kabine an die Bil­der aus der Hei­mat den­ken, die von schwe­ren Kämp­fen um die Zukunft des Lan­des erschüt­tert wird.

Schlechte Platz­ver­hält­nisse und gute Chancen

Doch wer jetzt mit den Mali­ern mit­fie­bert und immer noch um ihr Wei­ter­kom­men ob der ver­meint­lich über­le­ge­nen Süd­afri­ka­ner bangt, der kann sich über wei­tere Gründe für die afri­ka­ni­schen Favo­ri­ten­schrecks freuen. Zuerst ein­mal sind die Sta­dien näm­lich nicht unbe­dingt in dem Zustand, den man viel­leicht in Europa gewohnt ist. Der Rasen ist oft nur als „in einem guten Zustand“ zu bezeich­nen, wenn man es gewohnt ist, auf dem Kar­tof­fel­acker zu kicken. Das hat natür­lich Vor­teile für alle Mann­schaf­ten, die gerne mit lan­gen, wei­ten Bäl­len ope­rie­ren und eher weni­ger Zeit am Ball ver­brin­gen… und diese Spiel­weise wird nun mal seit Jah­ren schon fast exklu­siv von kras­sen Außen­sei­tern und klei­nen Mann­schaf­ten prak­ti­ziert, sofern man nicht Borus­sia Dort­mund heißt.

Zwar fin­det die Afri­ka­meis­ter­schaft in die­sem Jahr in Süd­afrika statt, man sollte aber den­noch nicht anneh­men, dass die Plätze in einem so guten Zustand sind wie zu Zei­ten der Welt­meis­ter­schaft 2010. Viele der WM-Stadien wur­den ohne Rück­sicht auf die Infra­struk­tur des Sports in der jewei­li­gen Region gebaut und ste­hen wäh­rend des Jah­res oft leer, da sich keine Ver­eine fin­den, die bereit wären, in sie umzu­zie­hen. Als Resul­tat sind einige Plätze zwar inter­na­tio­na­len Stan­dards ent­spre­chend, aber andere sind in kata­stro­pha­lem Zustand, wie jeder bestä­ti­gen kann, der das Tur­nier bis­her ver­folgt hat. Außer­dem wird in Afrika gene­rell in sehr viel weni­ger Sta­dien gespielt als etwa bei einer Euro­pa­meis­ter­schaft. Die­ses Jahr sind es nur fünf Sta­dien, in denen die 32 Par­tien aus­ge­tra­gen wer­den. Ent­spre­chend wird der Rasen sogar in den guten Sta­dien zum Ende des Tur­niers hin immer schlechter.

Alter­tüm­li­che Defen­siv­sys­teme läh­men die Favoriten

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Wird Didier Drogba mit der gol­de­nen Gene­ra­tion der Elfen­bein­küste end­lich den lang ersehn­ten Titel holen? Foto: man­be­as­tex­tra­or­di­n­aire / flickr.com

Zusätz­lich lässt sich fest­hal­ten, dass auch die Tak­tik der meis­ten afri­ka­ni­schen Favo­ri­ten nicht dar­auf aus­ge­legt ist, tat­säch­lich ein Tur­nier zu gewin­nen. Die meis­ten afri­ka­ni­schen Mann­schaf­ten, spe­zi­ell schwarz­afri­ka­ni­sche, spie­len fast aus­schließ­lich in sehr defen­si­ven 4–4-2-Systemen mit zurück­hal­ten­den Außen­ver­tei­di­gern. Mas­sive Abwehr­ar­beit, meist in zwei Vie­rer­rei­hen, ver­folgt das Ziel, das Spiel eng zu hal­ten und ist zuerst ein­mal rein nega­tiv. Das Ziel ist, Chan­cen für beide Teams so gering wie mög­lich zu hal­ten um dann mit einer ent­schei­den­den Aktion, oft einem Kon­ter, die Par­tie zu entscheiden.

So eine Tak­tik ist natür­lich nur von Vor­teil, wenn der Geg­ner sich selbst als Favo­rit sieht und bereit ist, das Spiel zu machen. Da die afri­ka­ni­schen Mann­schaf­ten, die mit sol­chen Tak­ti­ken außer­halb Afri­kas zum Bei­spiel bei Welt­meis­ter­schaf­ten Erfolg haben, in Afrika oft als Favo­rit gel­ten, sehen sich plötz­lich vor der Auf­gabe, sich selbst durch eine sol­che Defen­siv­for­ma­tion durch­spie­len zu müs­sen. Mit defen­si­ver, unpas­sen­der Tak­tik ist das extrem schwer und erhöht die Chan­cen der Außenseiter.

Afri­ka­ni­sche Ver­bände schei­nen sich ver­mehrt in den Sinn gesetzt zu haben, dass mit­tel­mä­ßige, defen­siv ori­en­tierte und oft euro­päi­sche Trai­ner der rich­tige Weg sind, ihren Spie­lern Dis­zi­plin ein­zu­bläuen und ihre Teams zum Sieg zu füh­ren, aber die­sen Defen­siv­spe­zia­lis­ten fehlt oft ein­fach die Fle­xi­bi­li­tät und Genia­li­tät, die bei­spiels­weise Grie­chen­land 2004 bewies, als es im Tur­nier je nach Oppo­si­tion drei ver­schie­dene For­ma­tio­nen spielte. Fest­ge­setzt im alt­ba­cke­nen 4–4-2 sind die meis­ten Spiele wäh­rend der Afri­ka­meis­ter­schaft ent­we­der chan­cen­ar­mes und lang­wei­li­ges Ball­ge­schiebe oder hek­ti­sches und auf­re­gen­des Hin und Her ohne große Rück­sicht auf Tak­tik, in der Hoff­nung, die unfor­mierte Defen­sive des Geg­ners sofort kalt zu erwi­schen. Denn aus dem offe­nen Spiel her­aus erscheint das Schaf­fen von Chan­cen oft vom Zufall oder indi­vi­du­el­len Glanz­stü­cken abzuhängen.

Dass es auch anders geht, zeigt Ägyp­ten. Der Rekord­sie­ger der Afri­ka­meis­ter­schaft mit sie­ben Titeln setzt schon seit Jahr­zehn­ten auf eine hoch­in­ter­es­sante retro-progressive 3–4-1–2 For­ma­tion. Damit lässt sich aus­ge­zeich­net Druck auf die geg­ne­ri­sche Abwehr aus­üben, was geg­ne­ri­sche Ver­tei­di­ger zum Han­deln zwingt. Außer­dem schafft es ein Über­ge­wicht im Mit­tel­feld. Das ganze Sys­tem ist dar­auf aus­ge­legt, ein Spiel zu domi­nie­ren. Defen­siv kön­nen sol­che Sys­teme oft durch beweg­li­che Stür­mer aus­ge­nutzt wer­den, doch in diese Situa­tion kam Ägyp­ten durch die über­le­gene Spiel­an­lage und die abwar­tende Hal­tung ande­rer Mann­schaf­ten eigent­lich nie. So gelan­gen der ägyp­ti­schen Mann­schaft vor dem letz­ten Jahr drei Meis­ter­schaf­ten in Folge, wäh­rend man inter­na­tio­nal weni­ger gut gegen fle­xi­blere Sys­teme und offen­siv bes­ser struk­tu­rierte Mann­schaf­ten deut­lich schlech­ter dastand.

Ägyp­ten ist aller­dings die­ses Jahr nicht dabei und wurde wohl ein Opfer der Unru­hen im eige­nen Land. So besteht durch­aus Grund zum mil­den Opti­mis­mus für Mali und die Malier. Es gibt genug gute Gründe für eine wei­tere Über­ra­schung im Afrika Cup. Und wer es mit Mali oder Kap Verde hält, muss nur zurück schauen auf die lange Geschichte die­ses Tur­niers um zu ver­ste­hen: Wenn irgendwo Wun­der mög­lich sind, dann hier.





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