Kirk Urso: Captain auf und neben dem Platz


veröffentlicht am Samstag, 5. Januar 2013 17:34, von unserem Autor Marc Andruszko in Schlenzer des Tages - Fußballer und Tore.

Der 6. August 2012: Die deut­schen Medien schie­ben eine kurze Pres­se­mit­tei­lung aus den USA zwi­schen all die ande­ren wich­ti­gen und unwich­ti­gen Schlag­zei­len:  „US-Fußballer Kirk Urso stirbt mit 22. Todes­ur­sa­che unklar.” Die Poli­zei sei nachts in eine Bar geru­fen wor­den, wo der Junio­ren­na­tio­nal­spie­ler zusam­men­ge­bro­chen war.

Kirk Urso Columbus CrewKirk Ursos Tod löste nicht nur bei sei­nem Club, der Colum­bus Crew, und in der gesam­ten MLS große Bestür­zung aus, son­dern ver­setzte eine ganz College-Gemeinde in Schock­zu­stand. Urso war an der Uni­ver­sity of North Caro­lina at Cha­pel Hill einer der bekann­tes­ten und belieb­tes­ten Stu­den­ten gewe­sen und hatte die Uni­ver­si­tät im sel­ben Jahr ver­las­sen. Als Geschenk hin­ter­ließ der Kapi­tän der Fuß­ball­mann­schaft den Gewinn der Lan­des­meis­ter­schaft. Damit reihte er sich in die große Tra­di­tion der Uni­ver­si­tät ein, die den ame­ri­ka­ni­schen Col­le­ge­sport mit Super­stars wie Michael Jor­dan und Vince Car­ter wie kaum eine andere geprägt hat.

Lei­der hiel­ten es die Medien, die Kirks Tod hier­zu­lande ver­mel­de­ten, knapp ein hal­bes Jahr spä­ter nicht für nötig, der Öffent­lich­keit den wah­ren Grund sei­nes Todes mit­zu­tei­len. Er starb nicht etwa an einer Über­do­sis Dro­gen oder Alko­hol, wie man es auf­grund der Vor­komm­nisse in der Bar hätte ver­mu­ten kön­nen. Lang­wie­rige Unter­su­chun­gen erga­ben einen ange­bo­re­nen Herz­feh­ler. Umso höher ist zu bewer­ten, was Kirk Urso auf dem Platz zu leis­ten ver­mochte. Doch war er weit mehr als ein gro­ßes Fuß­ball­ta­lent und hin­ter­ließ sei­nen Fuß­ab­druck auch neben dem Platz.

Wer war Cap­tain Kirk Urso, der 22jährige MLS-Profi der Colum­bus Crew, der in einer Nacht im August 2012 in einer Bar tot zusammenbrach?


Kirk wurde 1990 gebo­ren, spielte für Chi­cago Soc­cers FC und Caro­lina Dynamo. Er war Junio­ren­na­tio­nal­spie­ler der USA. Mit der U17 nahm er 2007 an der Welt­meis­ter­schaft in Korea teil und schoss in der Grup­pen­phase das Sieg­tor gegen Bel­gien, was der Mann­schaft das Wei­ter­kom­men in die nächste Runde ermög­lichte. Er spielte ebenso für die U20-Nationalmannschaft. Doch seine ganz große Zeit schlug in Cha­pel Hill, North Carolina.

Urso war in sei­ner Zeit in North Caro­lina ein „go-to-guy“, wie man ihn im Bas­ket­ball nen­nen würde. In kri­ti­schen Pha­sen wurde ihm der Ball anver­traut. Mit sei­ner her­aus­ra­gen­den Tech­nik und Ball­si­cher­heit konnte er sich sau­ber aus kri­ti­schen Situa­tio­nen befreien und behielt jeder­zeit die Über­sicht. Mit sei­ner Beid­fü­ßig­keit ver­fügte er über ein her­aus­ra­gen­des Pass­spiel und war gefürch­tet für seine Frei­stöße und Dis­tanz­schüsse. Er absol­vierte Pro­be­trai­nings bei den Bol­ton Wan­de­rers und Borus­sia Dort­mund, ein wei­te­rer Beweis für sein außer­ge­wöhn­li­ches Talent.

Als ich einen Trai­ner der Col­le­ge­mann­schaft, den UNC Tar­heels, wäh­rend des Trai­nings ein­mal auf Kirk ansprach und ihm begeis­tert klar machen wollte, dass Kirk unglaub­lich gut ist und nach Europa gehört, meinte er nur lapi­dar: „Ja, Kirk ist ein soli­der Spieler.“

Ich höre ihn das noch heute sagen. Viel­leicht war es ein­fach die schönste Unter­trei­bung, die ich je aus dem Mund eines Trai­ners gehört habe. Oder aber das größte Kom­pli­ment: Denn jede Mann­schaft braucht einen Spie­ler, der dem Spiel Sicher­heit ver­leiht und den man jeder­zeit anspie­len kann.

Doch Urso war mehr als der mit viel Talent geseg­nete Fuß­bal­ler. Er war vor allem ein Mensch, dem man ver­traut. Seine Mit­spie­ler lieb­ten sei­nen Humor und seine Hilfs­be­reit­schaft. Vor dem Trai­ning fuhr er mit sei­nem Auto über den Cam­pus und sam­melte seine Mit­spie­ler ein, um mit die­sen auf den einige Kilo­me­ter ent­fern­ten Trai­nings­platz zu fah­ren. Kirk musste auf dem Platz nicht durch sinn­lo­ses Anschreien oder blöde Kom­men­tare seine Mit­spie­ler auf­we­cken. Er pflegte einen respekt­vol­len Umgangs­ton. Wenn er etwas sagte, hatte das jedoch umso grö­ßere Wir­kung auf seine Kame­ra­den. Das Ver­trauen in ihn schien grenzenlos.

In 91 Spie­len für die Tar­heels gelan­gen ihm 15 Tore und 24 Vor­la­gen. Er erreichte mit der Mann­schaft in jeder Sai­son sei­ner College-Karriere den College-Cup, in dem sich die bes­ten vier College-Mannschaften der USA mes­sen. Nach dem ver­lo­re­nen Finale 2010, kam Kirk ath­le­ti­scher als je zuvor aus der Pause zurück und wurde zum Kapi­tän. Das Ende sei­ner College-Karriere krönte er mit dem Gewinn der Meis­ter­schaft 2011 gegen Char­lotte, nach­dem er vor­her drei­mal geschei­tert war.

Der MLS-Draft, der immer nach der College-Saison statt­fin­det, führte ihn zur Colum­bus Crew, wo er sofort einen blei­ben­den Ein­druck hin­ter­ließ. Anders als viele sei­ner Alters­ge­nos­sen konnte er sich gleich gegen gestan­dene Pro­fis durch­set­zen. Ihm wur­den alle Frei­stöße und Eck­bälle anver­traut. Eines der größ­ten Kom­pli­mente, das man einem Roo­kie machen kann. Dann folgte der erste Rück­schlag durch eine Ver­let­zung an der Leiste, die ihn zu einer Zwangs­pause ver­dammte. Und dann kam diese Nacht im Som­mer 2012, die nach­denk­lich macht.

Wie kann ein Mensch so lange Zeit Tag für Tag kör­per­li­che Höchst­leis­tung auf dem Platz brin­gen, in der Som­mer­vor­be­rei­tung jeden Mit­tag unter der glei­ßen­den Sonne von Cha­pel Hill an die Gren­zen der Belast­bar­keit gehen und dann noch neben dem Platz eine der­ar­tige Leis­tung voll­brin­gen, immer als Vor­bild vor­an­ge­hen, obwohl er mit einem Herz­feh­ler gebo­ren wurde?

Kirk Urso war außer­ge­wöhn­lich in allem, was er tat und ist außer­ge­wöhn­lich in dem, was er ver­kör­pert, auch heute noch, nach sei­nem Tod. Denn er inspi­rierte seine Mit­spie­ler und Mit­men­schen, die die Erin­ne­run­gen an ihn mit sich tra­gen wer­den, auf dem Platz und neben dem Platz.





Comments are closed.