Francesco Totti — Der letzte Feldherr Roms


veröffentlicht am Donnerstag, 7. November 2013 16:25, von unserem Autor Christian Eck in Schlenzer des Tages - Fußballer und Tore. 1 Kommentar

Sonn­tag, 28.03.1993. Der Tat­ort hat Rekord­ein­schalt­quo­ten von 12,72 Mil­lio­nen Zuschau­ern, der HSV putzt über­ra­schend die Bay­ern mit 3:1 und es ist der 25. Spiel­tag in der Serie A. Der AS Rom ist zu Gast bei Bre­scia Cal­cio. Durch Tore von Clau­dio Canig­gia und Sinisa Miha­jlo­vic führt die Roma bereits mit 2:0. Ein stan­des­ge­mä­ßer Sieg und eigent­lich ein Spiel wie jedes andere ohne beson­dere Ereig­nisse. Hätte da nicht in der 87. Minute Trai­ner Vuja­din Bos­kov einen 16-Jährigen ein­ge­wech­selt, der die Geschichte des stol­zen römi­schen Fuß­ball­ver­eins wie kein Zwei­ter prä­gen wird. Der Spie­ler, der in die­sem Moment seine ers­ten Minu­ten in der Seria A bestrei­tet, hört auf den Namen Fran­cesco Totti.

Beginn einer ein­ma­li­gen Karriere

Totti schafft es danach nur noch auf eine wei­tere Ein­wech­se­lung. Am Ende der Sai­son ste­hen 8 Spiel­mi­nu­ten zu Buche. Noch ist den meis­ten nicht klar, dass ein Jahr­hun­d­er­fuß­bal­ler hier gerade seine ers­ten Schritte im Pro­fi­fuß­ball gemacht hat. Auch in der dar­auf­fol­gen­den Sai­son muss der junge Totti sich noch gedul­den, kommt aber bereits häu­fi­ger zum Ein­satz. Sein end­gül­ti­ger Durch­bruch gelingt ihm dann in der Spiel­zeit 94/95, wo er sich auch das erste Mal in die Tor­schüt­zen­liste des Ver­eins ein­tra­gen kann.

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Zu Jugend­zei­ten schnürrte Totti die Schuhe noch für den A.S. Lodi­giani. Ob sie im Jahr 1986 bereits ahn­ten, was für eine Kar­riere der kleine Blond­schopf ein­mal hin­le­gen würde?

Sein wei­te­rer Weg ist bekannt: 638 Spiele, 268 Tore, 98 Vor­la­gen. Dies die reine Sta­tis­tik des Aus­nah­me­kön­ners. Viel­mehr wiegt aller­dings die Tat­sa­che, dass Totti der Roma den Erfolg zurück­ge­bracht hat. Nach einer Durst­stre­cke von 10 Jah­ren ohne Titel und gar 18 Spiel­zei­ten ohne Meis­ter­schaft ist es der Kapi­tän Fran­cesco Totti, der seine Man­nen 2000/2001 zum drit­ten – und vor­erst auch letz­ten Scu­detto in der Geschichte des Ver­eins führt. In den fol­gen­den Jah­ren gewinnt er noch je zwei Mal den ita­lie­ni­schen Super­po­kal und den natio­na­len Pokal. Viele wei­tere Aus­zeich­nun­gen und Erfolge pflas­tern sei­nen Weg: 1996 wird er U21-Europameister, 2000 Vize-Europameister und 2006 sogar Welt­meis­ter mit Ita­lien. 1998 und 2004 wird er zum Spie­ler der Sai­son gekürt. Die Spiel­zeit 2006/2007 ist bis dato die  erfolg­reichste Sai­son in der lan­gen Kar­riere des Ita­lie­ners. Neben dem WM-Titel wird er noch mit 26 Tref­fern Tor­schüt­zen­kö­nig in der Serie A, gewinnt den gol­de­nen Schuh und wird mit der Roma Coppa Ita­lia– Sieger.

Enfant ter­ri­ble und Charakterkopf

Trotz aller Qua­li­tät und Erfol­gen wird die öffent­li­che Wahr­neh­mung außer­halb Ita­li­ens dem Spie­ler und der Per­son Fran­cesco Totti meist nicht gerecht. Woran das liegt? Nun, da wäre zum einen das häu­fig exzen­tri­sche Auf­tre­ten des Spie­lers, der ihm schnell den Ruf der Diva ein­bringt. Zudem erin­nern sich viele noch an die Spuck­at­tack­eim Vor­run­den­spiel der Euro­pa­meis­ter­schaft 2004 gegen den Dänen Chris­tian Poul­sen, wel­che Totti drei Spiele Sperre und Ita­lien das Aus­schei­den bei der EURO bescherte. Kurz­zei­tig geriet Totti – auch völ­lig zurecht – in ein media­les Kreuz­feuer, dass sich bei vie­len bis heute ins Gedächt­nis gebrannt hat. Dass der Däne aber auch kein unbe­schrie­be­nes Blatt ist und even­tu­ell nicht ganz unschul­dig daher­kam, wurde bis heute meist groß­zü­gig ver­nach­läs­sig. Fran­cesco Totti hat diese Szene nicht ver­ges­sen – die­ser Platz­ver­weis ist eine Zäsur in sei­ner bis­her erfolg­rei­chen Kar­riere. Selbst vier Jahre nach der Aktion ist der Spie­ler Poul­sen immer noch ein rotes Tuch für ihn.

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Wurde 2004 Opfer einer Spuck­at­ta­cke und ist seit­dem im Clinch mit Fran­cesco Totti: Chris­tian Poul­sen, hier im Dress des FC Liver­pool. © Mat­tythe­white / http://commons.wikimedia.org

Vie­len mag auch das WM-Halbfinale 2006 Deutsch­land gegen Ita­lien bit­ter auf­sto­ßen, in dem Totti eine tra­gende Säule im ita­lie­ni­schen Team war und vor allem durch seine auf­rei­zend leichte Art, thea­tra­lisch zu Boden zu gehen, auf­fiel. Zuletzt liegt es aber auch an nicht weni­ger als der doch sehr ein­sei­ti­gen Bericht­er­stat­tung zur Serie A in Deutsch­land. Hier wird das Inter­esse eher auf üble Foul­spiels, Platz­ver­weise oder chao­ti­sche Aktio­nen neben dem Platz (von denen die Serie A genüg anbie­tet) gerich­tet, als auf die Leis­tun­gen auf dem Platz. Dann wird auf die 13 Platz­ver­weise und das teil­weise rüpel­hafte Ver­hal­ten des Ita­lie­ners verwiesen.

Fran­cesco Totti gehört zu der Kate­go­rie Fuß­bal­ler, wo die Linie zwi­schen Genie und Wahn­sinn kaum Exis­tent ist. So wie ein Ibra­hi­mo­vic sich hin­stellt und ver­kün­det: „Das ist Zla­tan!“ und keine frem­den Göt­ter neben sich dul­det, so tritt Totti dem etwas zu vor­lau­ten Mario Balot­teli, nach­dem die­ser seine Fami­lie, sei­nen Ver­ein, seine Stadt und Totti selbst belei­digte, die Beine weg und akzep­tiert die rote Karte ohne zu Murren.

Auch dies ist eine Facette des Fran­cesco Totti ­– und gerade diese vie­len Facet­ten machen ihn zu einem der bewun­derns­wer­tes­ten Spie­ler im inter­na­tio­na­len Fuß­ball­zir­kus. Warum? Nun, da wäre zum Bei­spiel eine Seite der Per­son Totti, die häu­fig uner­wähnt bleibt, da ein­fach nicht spek­ta­ku­lär genug. So ist er seit 2003 UNICEF-Botschafter, spen­det die Erlöse aus den Ver­käu­fen sei­ner bei­den Büchern an die Stadt Rom und UNICEF und hat sogar ein fei­nes Näs­chen für Humor, was das iro­ni­sche Buch „Tutte le bar­zel­lette su Totti“ (Alle Witze über Totti) beweist. Und nicht von unge­fähr kom­men die Aus­zeich­nun­gen zum Rit­ter im Jahr 2000 und zum Offi­zier im Jahr 2006 für seine Ver­dienste im sozia­len Bereich.

Was den Fuß­bal­ler aber so bewun­derns­wert macht, ist nicht eben sein teil­weise unsport­li­ches Gebah­ren, son­dern neben sei­ner unbe­strit­te­nen fuß­bal­le­ri­schen Klasse vor allem seine Stand­haf­tig­keit. Der Ita­lie­ner ist stand­haft wie einst der Limes, der rie­sige Grenz­wall, wel­cher das römi­sche Impe­rium vor den wil­den Ger­ma­nen schützte. So hält auch Totti die Hand schüt­zend über seine Roma. Seine Ver­eins­treue ist nicht darin begrün­det, dass es ihm an lukra­ti­ven Ange­bo­ten man­gelte. Es gab Zei­ten, da hätte jeder Ver­ein der Welt gerne den Ita­lie­ner ver­pflich­tet. Viel­leicht hätte Totti mit einem Ver­eins­wech­sel noch mehr Titel sam­meln kön­nen oder für mehr inter­na­tio­na­les Auf­se­hen sor­gen kön­nen. Für Totti selbst gab es aber immer nur einen Ver­ein — den AS Rom. Er hat sich die­sem Ver­ein ver­schrie­ben, mit­samt sei­nem Kör­per und sei­ner Seele. Und so ist es auch ver­ständ­lich, dass er im Stile eines römi­schen Feld­herrn sein Volk ver­tei­digt: „You came to the wrong neigh­borhood!“, flüs­terte er schon  ande­ren Spie­lern zu, lange bevor ein Mario Balot­teli spü­ren musste, was es heißt einen Totti zu rei­zen. Er begeht Dumm­hei­ten, ohne Zwei­fel. Doch zugleich opfert er sich auch auf, für sei­nen Ver­ein und für seine Stadt.

Die Stadt liegt ihm zu Füßen

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Nicht nur auf, son­dern auch neben dem Platz macht Totti stets eine gute Figur. © Pre­si­denza della Repubblica / commons.wikimedia.org

Es waren dürf­tige Jahre, die ver­gan­gen Spiel­zei­ten. Beson­ders in der Champions-League reichte es für Totti und den AS Rom bis­her nicht  zum gro­ßen Wurf. Diese Sai­son sind sie sogar über­haupt nicht inter­na­tio­nal ver­tre­ten. Trotz­dem bleibt Totti sei­nem Ver­ein erhal­ten. Gedankt wird es ihm mit einer Ver­eh­rung durch die Fans und den Ver­ein­san­ge­hö­ri­gen, die wohl kein ande­rer Spie­ler die­ser Welt vor­wei­sen kann. So gesteht ein erwach­se­ner Romafan in der Eupho­rie des Sie­ges, dass er Totti hei­ra­ten wür­den, wenn er denn schwul wäre. Und was pas­siert, wenn man dem tra­di­tio­nel­len Elf­me­ter­schüt­zen Totti den Ball klaut, um den Elf­me­ter selbst zu schie­ßen und kläg­lich zu schei­tern? Man wird trotz eines Hat­tricks im nächs­ten Spiel von den eige­nen Fans aus­ge­pfif­fen und mit höh­ni­schen Lie­der besun­gen. So gesche­hen Pablo Osvaldo in der letz­ten Saison.

Die Roma erlebt gerade eine Wie­der­auf­er­ste­hung, mar­schiert durch die Serie A und hat nach 10 Sie­gen am letz­ten Spiel­tag beim 1:1 gegen Turin die ers­ten Punkte der Sai­son abge­ge­ben und nur knapp den his­to­ri­schen inter­na­tio­na­len Start­re­kord von Tot­ten­ham (11 Siege in Folge) ver­passt. Mit­ten­drin und haupt­ver­ant­wort­lich für die­sen Auf­schwung: Fran­cesco Totti mit 3 Toren und 6 Vor­la­gen. Il Capi­tano nen­nen die Tifosi ihren Mann­schafts­ka­pi­tän und ver­zei­hen ihm auch seine Extra­va­gan­zen – denn sie wis­sen nur zu gut, was sie in ihrer Num­mer 10 haben. Seit 1998 beklei­det er nun das Amt des Mann­schafts­ka­pi­täns. Er geht in seine 21. Spiel­zeit für die Roma, zählt 37 Jahre und denkt noch immer nicht ans auf­hö­ren. Gerade erst hat er sei­nen Ver­trag bis ins Jahr 2016 ver­län­gert. Eine frohe Bot­schaft, nicht nur für Rom, son­dern für die ganze Fuß­ball­welt. Denn so kön­nen wir uns wei­tere Jahre über einen Spie­ler freuen, der die von Oli Kahn so bemän­gel­ten Eier stets vor­zei­gen konnte und einen kras­sen Gegen­ent­wurf zur glatt­ge­bü­gel­ten, moder­nen Spiel­er­ge­ne­ra­tion dar­stellt. Über einen Spie­ler, der dem Fuß­ball mehr gege­ben hat als nur schöne Tore und tolle Sze­nen. Über einen Spie­ler, der Geschichte geschrie­ben hat, an dem sich die Mei­nun­gen tei­len und der doch die ewige Stadt ver­eint, wie kein Herr­scher zuvor. Aber irgend­wann wird auch Fran­cesco Totti seine Schuhe an den Nagel hän­gen. Dann wird ein gro­ßer sei­ner Zunft abtre­ten – und sich zugleich auch der letzte Feld­herr Roms verabschieden.





One thought on “Francesco Totti — Der letzte Feldherr Roms

  1. Gro­ßer Spie­ler — gro­ßer Text. Auf­grund sei­ner Ver­eins­treue fliegt er zwar manch­mal etwas unter dem Radar, aber er ist das beste Bei­spiel dass die Cham­pi­ons Lea­gue nicht alles ist.

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