Die Causa Kroos


veröffentlicht am Montag, 21. Juli 2014 08:30, von unserem Autor Christian Eck in Schlenzer des Tages - Fußballer und Tore. 2 comments

Seit Don­ners­tag ist es also fix. Toni Kroos wech­selt für 30 Mil­lio­nen Euro vom FC Bay­ern Mün­chen zu Real Madrid. Ein Wech­sel, der seit gerau­mer Zeit abzu­se­hen war und nun end­gül­tig bestä­tigt wurde. Ist dies viel­leicht der Grund, warum sich der Tru­bel nach der Bekannt­gabe rela­tiv in Gren­zen hielt? Oder war es ein­fach der Zeit­punkt zwi­schen WM-Titel und Lahm-Rücktritt, wel­cher die mediale Bericht­er­stat­tung zum Trans­fer schnell abeb­ben ließ?

Ein sinn­vol­ler Transfer?

Betrach­tet man die rei­nen Fak­ten scheint der Wech­sel von Kroos auch wenig auf­re­gend. Weder wurde eine hor­rende Summe von 70–80 Mil­lio­nen gezahlt, wie es bereits für Luis Sua­rez der Fall war oder für James Rod­ri­guez zur­zeit spe­ku­liert wird, noch kam der Wech­sel über­ra­schend und uner­war­tet. Ein Spie­ler ver­langt mehr Gehalt, bekommt seine Vor­stel­lun­gen nicht erfüllt und einigt sich mit dem Ver­ein auf einen Trans­fer im letz­ten Ver­trags­jahr. Im Prin­zip ein ganz nor­ma­ler Vor­gang, der in den Trans­fer­pha­sen Euro­pas regel­mä­ßig zu ver­fol­gen ist. Ebenso die Tat­sa­che, dass der FC Bay­ern einen Stamm­spie­ler zie­hen lässt, ist nicht unbe­dingt unge­wöhn­lich, wenn auch in letz­ter Zeit eher sel­te­ner der Fall.

Den Sinn die­ses Trans­fers, kann ich aber bis jetzt noch nicht nach­voll­zie­hen. Aus der Sicht von Toni Kroos durch­aus. Die­ser wech­selt vom Ver­ein, mit dem er alles gewon­nen hat zum aktu­el­len Champions-League-Sieger. Spielt auch in Zukunft auf abso­lu­tem Top­ni­veau, in einem Ver­ein mit Tra­di­tion und Garan­tie für Erfolge. Dazu bekommt er seine gewünschte Aner­ken­nung mit­tels ent­spre­chen­der Gehalts­zah­lung und macht die, für einen Fuß­bal­ler wich­tige Erfah­rung im Aus­land. Was mich ganz per­sön­lich am Umgang mit die­sem Trans­fer aber stört, ist diese Gleich­gül­tig­keit, die sowohl in Deutsch­land, aber eben spe­zi­ell bei Kroos‘ altem Arbeit­ge­ber, dem FC Bay­ern vorherrscht.

Ein gran­dio­ser Fußballer

© Steindy // commons.wikimedia.org

Wenn auch nicht der Bun­des­liga, bleibt Toni Kroos wenigs­tens der DFB-Elf noch auf Jahre erhal­ten. © Steindy // commons.wikimedia.org

Toni Kroos ist zen­tra­ler Mit­tel­feld­spie­ler, hat 50 Län­der­spiele für Deutsch­land gespielt. Drei deut­sche Meis­ter­schaf­ten, drei DFB-Pokalsiege, die Champions-League und die Klub-WM gewon­nen. Er ist Gewin­ner des UEFA-Supercups und seit neu­es­tem darf er sich auch Welt­meis­ter nen­nen. So liest sich die Vita eines der auf­re­gends­ten Fuß­bal­ler der Welt. Und die­ser Junge ist erst unglaub­li­che 24 Jahre alt. Über die fuß­bal­le­ri­sche Qua­li­tät von Toni Kroos muss eigent­lich nicht mehr gespro­chen wer­den. An guten Tagen beherrscht die­ser Fuß­bal­ler den Platz, als würde er seit 30 Jah­ren schon nicht ande­res machen, als auf höchs­tem Niveau den Ball und Geg­ner lau­fen zu las­sen. Er spielt mit einer Ruhe und Abge­klärt­heit, die nur sehr, sehr wenige Spie­ler auf die­ser Welt besit­zen. An guten Tagen. An schlech­ten Tagen wirkt er phleg­ma­tisch, lang­sam und lust­los. Kroos tau­che in den ent­schei­den­den Spie­len immer ab. So der Vor­wurf der Presse und häu­fig auch ver­eins­in­tern. In letz­ter Zeit scheint es aber, dass die guten Tage immer mehr wer­den – und die schlech­ten immer häu­fi­ger der Ver­gan­gen­heit angehören.

Kroos scheint end­lich – was heißt end­lich bei einem Alter von 24 Jah­ren – die gewünschte Kon­stanz in seine Leis­tun­gen zu brin­gen und sein wahn­sin­ni­ges Poten­tial auch in den wich­ti­gen Spie­len abzu­ru­fen. Wieso lässt Bay­ern nun also den aktu­el­len und auf die nächs­ten fünf bis acht Jahre spiel­be­stim­men­den Spie­ler im Mit­tel­feld zie­hen? Als Madrid 2009 Franck Ribery mit 80 Mil­lio­nen nach Spa­nien locken wollte, blie­ben die Bay­ern stur und ver­wie­sen auf den sport­li­chen Wert Ribe­rys. Die­ser zahlte dies mit gran­dio­sen Leis­tun­gen und Titeln zurück – die Bay­ern ver­süß­tem ihm sei­nen Ver­bleib mit der ent­spre­chen­den Gehalts­er­hö­hung. Ein Sze­na­rio, dass mei­nes Erach­tens ebenso für Toni Kross ange­bracht gewe­sen wäre.

Zu hohe Gehaltsforderungen

Zum einen muss fest­ge­hal­ten wer­den, dass die Ablöse von 30 Mil­lio­nen eigent­lich ein Hohn ist, wenn Trans­fer­sum­men von Spie­lern auf glei­chem sport­li­chem Niveau zum Ver­gleich her­an­ge­zo­gen wer­den. Natür­lich, Bay­ern wollte noch Geld für Kroos kas­sie­ren und 30 Mil­lio­nen sind bes­ser als am Ende mit lee­ren Hän­den dazu­ste­hen. In diese ver­zwickte Situa­tion hat sich der FC Bay­ern aber letzt­lich selbst gebracht. Natür­lich sind keine Details über die Gehalts­for­de­run­gen von Kroos nach außen gedrun­gen. Schein­bar wollte er in die Gehalts­di­men­sio­nen von Bas­tian Schwein­stei­ger, Phil­ipp Lahm und Co. vor­drin­gen. Dass ein Mario Götze nun knapp drei Mal so viel ver­dient wie er, wird Kroos auch nicht völ­lig unbe­ein­druckt gelas­sen haben.

Es ist löb­lich, dass der FC Bay­ern sich nicht unter Druck set­zen lässt und laut Rum­me­nigge „eine Ver­trags­ver­län­ge­rung zu fai­ren Bedin­gun­gen für beide Par­teien“ anstrebt. So sollte es auch sein, dass ein Ver­ein sich nicht völ­lig über­nimmt, nur um die Wün­sche eines Spie­lers zu erfül­len. Nun spre­chen wir hier aber nicht von irgend­ei­nem Ver­ein, son­dern von Bay­ern Mün­chen, dem wohl gesün­des­ten und wohl­ha­bends­ten Ver­ein der Welt.

Es ist es nur eine logi­sche Kon­se­quenz, dass Toni Kroos ebenso in diese Gehalts­di­men­sio­nen vor­sto­ßen wollte, wie die ande­ren „Gro­ßen“ des Ver­eins. Kroos war ein zen­tra­ler Bestand­teil des Bay­ern Mit­tel­felds, hat mit die meis­ten Spiele der letz­ten Sai­son gemacht und wurde in der vor­letz­ten Sai­son nach furio­sem Start nur durch eine Ver­let­zung aus­ge­bremst. Er hat weit­aus mehr zum Erfolg der letz­ten Sai­son beige­tra­gen, als eben jener Götze, der für viel Geld nach Mün­chen gelotst wurde. Diese Leis­tun­gen wollte er nun ent­spre­chend hono­riert sehen. Für die Bayern-Verantwortlichen war aber Toni Kroos wohl nicht groß genug, warum er jetzt seine Zelte in Madrid auf­schlägt. Sport­lich gut, grund­sätz­lich kann er blei­ben, aber dann doch nicht wich­tig genug. Kroos war als gebür­ti­ger Greifs­wal­der stets in gewis­ser Dis­tanz zum FC Bay­ern Mün­chen geblie­ben. Dass er nie voll akzep­tiert war, zeigt nicht nur die häu­fig über­harte ver­eins­in­terne Kri­tik, son­dern nun auch sein Abschied aus Mün­chen. Er ist kein Ur-Bayer, keine klas­si­sche Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur, kein Ham­pel­mann und kein Mann der gro­ßen Worte. Aber eben ein gran­dio­ser Fußballer.

Sport­lich nicht ersetzbar

© Joern Fehrmann // commons.wikimedia.org

Sorgte durch seine Stan­dards nicht nur bei der WM für Gefahr. Hier bei der Euro 2012. © Joern Fehr­mann // commons.wikimedia.org

Auf SPOX war direkt am Tag des Wech­sels eine inter­es­sante Mei­nung zu lesen: „Auf­re­gend. Genial. Ersetz­bar.“ Ersetz­bar aus dem ein­fa­chen Grund, dass Bay­ern mit Lahm, Thiago, Schwein­stei­ger, Mar­ti­nez, Rode, Alaba und Hojb­jerg genug poten­ti­elle zen­trale Mit­tel­feld­spie­ler im Kader hat. Eine berech­tigte Annahme und  diese Ansicht tei­len wohl auch die Bosse beim FC Bay­ern und auch Guar­diola, der erstaun­lich wenig Wider­stand gegen den Wech­sel eines klas­si­schen Guardiola-Spielers einlegte.

Diese Ein­sicht teile ich aber kei­nes­wegs. Für mich ist Toni Kroos einer der bes­ten Mit­tel­feld­spie­ler der Welt. Mit 24 Jah­ren! Wenn seine Ent­wick­lung wei­ter so vor­an­schrei­tet, dann wird er mit Sicher­heit zu den bestim­men­den Spie­lern sei­ner Gene­ra­tion gehö­ren. So wie es zum Bei­spiel bereits ein Xavi, Iniesta, Scho­les oder Pirlo vor ihm waren. Und auch wenn in Mün­chen aktu­ell genü­gend Alter­na­ti­ven vor­han­den sind, wird frü­her oder spä­ter wie­der Hand­lungs­be­darf auf­kom­men. Spe­zi­ell Schwein­stei­ger und Lahm sind nicht mehr die Jüngs­ten – wie Lahms Nationalelf-Rücktritt aktu­ell beweist. Thiago Alcant­ara ist ebenso ein her­vor­ra­gen­der Fuß­bal­ler und auch die wei­te­ren Namen haben Poten­tial. Und es mag argu­men­tiert wer­den, dass bei Bedarf jeder­zeit ein­ge­kauft wer­den kann. Dies ist kor­rekt. Aber einen Spie­ler von der Klasse des Toni Kroos gibt der Markt für 30 Mil­lio­nen für gewöhn­lich nicht her. Und ob die­ser dann weni­ger Gehalt bezie­hen würde als Kroos ein­for­derte? Ich wage es zu bezweifeln.

Der Ver­kauf von Toni Kroos ist in mei­nen Augen schlicht­weg ein Feh­ler der Münch­ner. Vor allem aus sport­li­cher Sicht. Aber auch aus Pres­ti­ge­grün­den. Mir schwir­ren heute noch die Sätze von Uli Hoeneß im Kopf herum, als er groß­spu­rig ankün­digte, dass der FC Bay­ern stets den Groß­teil der Natio­nal­elf stel­len muss – ja, wenn nicht am bes­ten sogar die ganze Mann­schaft. Dies ist seit län­ge­rem der Fall, auch bei die­ser WM waren wie­der sie­ben Bayern-Spieler im Ein­satz für das DFB-Team. Einer davon war eben jener Toni Kroos. Und einen deut­schen Spie­ler von des­sen For­mat fin­det sich nicht an jeder Straßenecke!





2 thoughts on “Die Causa Kroos

  1. Wie­der mal ein sport­jouna­lis­ti­scher Voll­tref­fer, “klei­ner” Bru­der, Sehr sach­lich und mit der not­wen­di­gen Dis­tanz. Jetzt beibt nur zu hof­fen, dass seine phleg­ma­ti­schen Spiele nun wirk­lich die Aus­nahme bleiben.

  2. Du hast anschau­lich und aus­führ­lich die Fra­gen gestellt, die mich auch umtrei­ben: wieso las­sen Rum­me­nigge und Pep
    einen sehr guten Fuss­bal­ler nach Madrid wech­seln und wieso scheint sich keine Sau dafür interessieren.

    Gehalt und Aner­ken­nung sind als Gründe in den Medien genannt wor­den, Rume­nigge erwähnte, man habe keine faire Lösung für beide Sei­ten gefun­den, was — wie du schon am Bei­spiel Göt­zes, James und Sua­rez aus­führ­test — eigent­lich ein Armuts­zeug­nis für den gesün­des­ten Ver­ein sein sollte.

    Wir Außen­ste­hende kön­nen nur spe­ku­lie­ren: Woll­ten die Bay­ern zei­gen, wie
    hart sie ver­han­deln? Weiß Pep, dass er auf Kroos ver­zich­ten kann? Woll­ten
    die BAy­ern zei­gen, dass “Men­schen kom­men und gehen, der Ver­ein aber die
    Kon­stat­nte ist”? Hat Kroos es drauf ankom­men lassen?

    Die­ser Wech­sel hätte für mehr Unruhe sor­gen kön­nen (und wird es noch, sollte
    es zur ers­ten sport­li­chen Krise kom­men). Dass alles ver­hält­nis­mä­ßig ruhig blieb, spricht für die Pro­fes­sio­na­li­tät bei­der Sei­ten — auch wenn mich Rumen­nig­ges State­ment
    an die Reak­tion eines zu stol­zen Ver­las­se­nen erin­nert, der seiner/m EX
    noch einen mit­ge­ben will ;-)

    Wha­te­ver: Die Bay­ern schei­nen Gründe zu haben, auf ihn ver­zich­ten zu kön­nen.
    Kroos spielt künf­tig bei einem mehr als eben­bür­ti­gen Ver­ein. Zumin­dest Toni
    wün­sche ich alles Gute und hoffe, dass er sei­nen nach­voll­zieh­ba­ren Wech­sel
    nicht bereut!

    Ach ja: Danke! Ich freue mich auf jeden neuen Arti­kel. “Keep on rockin“ in a free world“
    oder so ähnlich

    PS: Die infla­tio­näre Ver­wen­dung von “phleg­ma­tisch” nervt mich. Kein Arti­kel
    scheint ohne diese Beschrei­bung aus­zu­kom­men; und für mich ent­steht der Ein­druck, als ob alle von ein­an­der abschrei­ben (Gab es da nicht mal einen Lexikon-Eintrag
    von wenig Eisen in SPi­nat, auf den sich viele Autoren_innen berie­fen und noch beru­fen?).
    Über­las­sen wir sol­che Cha­rak­te­ri­sie­run­gen Men­schen, die Toni und MEsut nahe ste­hen
    oder Exper­ten wie Psych­ia­tern, oder? Und ich übe mich in Gleich­gül­tig­keit im Bezug
    auf “phleg­ma­tisch”, versprochen!

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