Werder Bremen 2.0 — Quo vadis SVW?


veröffentlicht am Sonntag, 30. Dezember 2012 13:20, von unserem Autor Christian Eck in Rund um den Ball.

Wir schrei­ben das Jahr 1999, fünf Jahre sind seit dem Rück­tritt Otto Reh­ha­gels ver­gan­gen. Der eins­tige Spit­zen­club SV Wer­der Bre­men ist zuneh­mend in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit der Fuß­ball­bun­des­liga abge­rutscht. Wenig ist übrig geblie­ben von den glanz­vol­len Jah­ren unter König Otto, die mit zwei Meis­ter­schaf­ten, zwei Pokal­sie­gen und dem Sieg des Euro­pa­po­kals der Pokal­sie­ger bis heute uner­reicht blei­ben. Erfolg­los ver­such­ten die Her­ren Aad de Mos, Dixie Dör­ner, Wolf­gang Sidka und Felix Magath den Ver­ein wie­der auf die Erfolgs­spur zu füh­ren. Als dann sogar der zweite Abstieg droht zieht der Ver­ein die Reis­leine und instal­liert den erfolg­rei­chen Ama­teur­trai­ner Tho­mas Schaaf als neuen Chef­coach — an seine Seite stel­len sie ihm Klaus All­ofs, der in Zukunft für den Pos­ten des Mana­gers zustän­dig sein wird. Zwei Ex-Spieler sol­len den Kar­ren aus dem Dreck zie­hen. Was dar­aus wurde konnte der fuß­ball­be­geis­terte Zuschauer die letz­ten 13 Jahre begut­ach­ten: Kon­ti­nui­tät, gepaart mit teil­weise berau­schen­dem und erfolg­rei­chem Offen­siv­fuß­ball mach­ten Wer­der Bre­men zu einem etwas ande­ren Ver­ein, der den Regeln des schnell­le­bi­gen Fuß­ball­ge­schäfts mehr als ein­mal zu wider­spre­chen wusste.

Zum Umbruch gezwungen

Nach­dem nun aber bereits zum zwei­ten Mal in Folge das inter­na­tio­nale Geschäft ver­passt wurde, blieb All­ofs nichts ande­res übrig, als die hoch­do­tier­ten Ver­träge der erfolg­rei­che­ren Ver­gan­gen­heit los­zu­wer­den. Mit Tim Wiese, Naldo und Pizarro ver­lie­ßen vor der Sai­son Spie­ler den Ver­ein, die sowohl sport­lich als auch als Per­sön­lich­kei­ten den Unter­schied aus­ma­chen konn­ten. Ein Marko Marin wurde im Ange­sicht sei­ner letz­ten Leis­tun­gen für gutes Geld nach Lon­don ver­schifft und der Kader durch junge, und unbe­kannte Spie­ler rund­er­neu­ert. Mit Cle­mens Fritz und Aaron Hunt ver­blei­ben nur noch zwei Spie­ler im Kader, die tat­kräf­tig am letz­ten Höhen­flug des Ver­eins mit­ge­wirkt haben. Keine Frage, Wer­der Bre­men befin­det sich mit­ten in einer Umbruch­phase, wie es bereits häu­fi­ger  beim Ver­ein zu beob­ach­ten war. Und nur wenige zwei­fel­ten daran, dass Klaus All­ofs wie­der sein fei­nes Näs­chen bewei­sen und Tho­mas Schaaf die ihm zur Ver­fü­gung gestell­ten Spie­ler zu einer erfolg­rei­chen Truppe for­men würde.

Bis dann der 14.November 2012 kam. Ein Tag, der als einer der schmerz­haf­tes­ten Tage in die junge Geschichte Wer­der Bre­mens ein­ge­hen wird. Klaus All­ofs, Mana­ger und sport­li­cher Lei­ter des Ver­eins zieht es nach 13 Jah­ren Dienst­zeit zum VfL Wolfs­burg. Mit­ten in der Sai­son, in einer durch­aus schwie­ri­gen Phase für den Ver­ein. „Die Seele ver­kauft“, „dem gro­ßen Geld gefolgt“ oder ein­fach „das sin­kende Schiff ver­las­sen“ — so oder so ähn­lich klin­gen seit­her die Anschul­di­gun­gen vie­ler Werder-Fans. Aber auch der unbe­tei­ligte Fuß­ball­be­ob­ach­ter zeigt sich erschro­cken, ob der Kalt­schnäu­zig­keit All­ofs, die ihm in die­ser Art wohl nie­mand zuge­traut hatte. Nun ist es also gesprengt, das Erfolgs­duo Schaaf-Allofs. Was bleibt ist ein Ver­ein, mit­ten in der Umbruch­phase, mit gerin­gem finan­zi­el­len Spiel­raum und einem Vakuum auf der Posi­tion des sport­li­chen Lei­ters und Managers.

Neu­auf­bau: Mit der nöti­gen Ruhe und Weitsicht

Nun wäre Wer­der Bre­men nicht Wer­der Bre­men, wenn sie die­ses Pro­blem über­stürzt aus der Welt schaf­fen wür­den. Mit bewun­derns­wer­ter Ruhe gin­gen die Ver­ant­wort­li­chen an die Neu­be­set­zung der Posi­tio­nen. Zu aller­erst galt es, Tho­mas Schaaf wei­ter im Ver­ein zu hal­ten. Logi­scher­weise streu­ten die Medien Gerüchte, dass Schaaf sei­nem Freund All­ofs direkt nach Wolfs­burg fol­gen würde. Schließ­lich war vor Die­ter Heckings Ver­pflich­tung der Trai­ner­pos­ten dort sein län­ge­rem vakant und der VfL dafür bekannt, sich nie mit der klei­nen Lösung abzu­ge­ben. Der Ver­lust der nächs­ten Kon­stante wäre für das momen­tan wacke­lige Kon­strukt im hohen Nor­den dann wirk­lich zu viel gewe­sen. Schaaf ist aber geblie­ben und freut sich nach eige­ner Aus­sage auf das Pro­jekt Neu­auf­bau beim SVW. Wei­ter­hin erfolgte die Wahl von Marco Bode zum Auf­sichts­rats­mit­glied und die Posi­tio­nie­rung Frank Bau­manns als sport­li­cher Lei­ter. Zwei ehe­ma­lige Spie­ler, Urge­steine wie es Tho­mas Schaaf und Klaus All­ofs waren. Eine logi­sche Kon­se­quenz, zu der dem Ver­ein nur zu gra­tu­lie­ren ist. Beide haben zu ihren akti­ven Zei­ten gezeigt, wie sehr ihnen der Ver­ein am Her­zen liegt und es ist davon aus­zu­ge­hen, dass sie sich durch und durch mit dem Pro­jekt iden­ti­fi­zie­ren — aber auch die Fans wer­den durch die bei­den Namen beru­hig­ter schla­fen können.

Was blieb war die Nach­folge des Mana­gers. Bis­her wurde der Pos­ten mit der des sport­li­chen Lei­ters gemein­sam in Per­so­nal­union durch Klaus All­ofs aus­ge­übt. Auch hier ver­such­ten Willi Lemke und Co. eine Per­son mit Stall­ge­ruch ein­zu­span­nen. Aber weder Diet­mar Bei­ers­dor­fer, Marco Bode, Frank Bau­mann und zuletzt auch Marc Kosi­cke konnte für das Enga­ge­ment des Mana­gers gewon­nen wer­den. Am Ende fiel die Wahl auf Tho­mas Eichin, Ex-Bundesligaspieler für Borus­sia Mön­chen­glad­bach und den 1.FC Nürn­berg. Ein im Fuß­ball­ge­schäft unbe­schrie­be­nes Blatt — dafür aber aus­ge­stat­tet mit 14 Jah­ren Mana­ger­er­fah­rung beim Eis­ho­ckey­club Köl­ner Haie, mit denen er auch Erfolge und Miss­er­folge bis hin zur dro­hen­den Insol­venz erle­ben musste. Wer­der Bre­men blieb sich auch bei die­ser Wahl treu. Ganz gegen die Gesetze des Geschäfts einen Quer­ein­stei­ger zu ver­pflich­ten ist bis­her ein­zig­ar­tig. Dies dann auch noch in der jet­zi­gen Situa­tion des Umbruchs zu wagen zeugt von Mut — aber auch von Ver­trauen in die gewähl­ten Personen.

Ein unwür­di­ger Abgang

Alle offe­nen Posi­tio­nen wur­den nun in aller Ruhe neu besetzt. Kei­ner der Ver­ant­wort­li­chen hat sich von der Hek­tik des Geschäfts und den Spe­ku­la­tio­nen der Medien anste­cken las­sen. Tho­mas Schaaf hat sich deut­lich zu sei­nem Ver­ein bekannt und geht mit dem nöti­gen Ehr­geiz an die Auf­gabe Neu­auf­bau. Klaus All­ofs wollte die­sen Weg nicht mehr mit­ge­hen. Dass nach 13 Jah­ren ein Tape­ten­wech­sel manch­mal nötig ist, daran zwei­felt nie­mand. Aber in einer lau­fen­den Sai­son und in der momen­ta­nen Situa­tion von Wer­der Bre­men ist dies nicht die feine eng­li­sche Art. Dies auch noch mit der „reiz­vol­len sport­li­chen Per­spek­tive“ von Wolfs­burg zu begrün­den setzt dem dann die Krone auf. Wenn Spie­ler für viel Geld nach Wolfs­burg gelotst wer­den und diese als Gründe das attrak­tive Pro­jekt ange­ben, mag dies noch zu ent­schul­di­gen sein. Aber als Mana­ger, der wie fast kein ande­rer für einen Ver­ein stand, der stets Alter­na­ti­ven abseits des gro­ßen Geld­beu­tels gefun­den hat, wir­ken sol­che Aus­sa­gen sehr faden­schei­nig. Wolfs­burg kann in den letz­ten Jah­ren wahr­lich kein kon­se­quen­tes sport­li­ches Kon­zept nach­wei­ßen. Außer das Ver­bren­nen von unzäh­li­gen Mil­lio­nen ohne Ergeb­nisse zu erzie­len wird als Ziel ange­strebt. Dann ver­folgt der VfL dies mit einer unglaub­li­chen Kon­se­quenz. Und ist es tat­säch­lich reiz­vol­ler, einen auf­ge­bläh­ten Kader mit viel Durch­schnitts­ware zu ent­rüm­peln, um danach wie die Vor­gän­ger mit viel Geld einen „Neu­start“ zu wagen, als eine junge Truppe mit durch­aus vor­han­de­nem Poten­tial noch ein­mal an die Spitze zu füh­ren? In Wolfs­burg spu­len die Ver­ant­wort­li­chen nun seit der Meis­ter­schaft 2008 die glei­che Leier ab. Köpfe rol­len, Neu­an­fang mit viel Geld bis wie­der Köpfe rol­len. Klaus All­ofs ist ohne Frage einer der fähigs­ten Köpfe auf sei­nem Gebiet — aber auch er wird das Wun­der der Meis­ter­schaft nicht wie­der­ho­len können.

Hof­fen auf eine bes­sere Zukunft

Viele hat­ten Wer­der Bre­men nach den letz­ten bei­den erfolg­lo­sen Jah­ren bereits abge­schrie­ben. Auch vor der Sai­son 2012/2013 war der Ader­lass groß und die Ziel­vor­ga­ben eher klein gehal­ten. Aber in Tho­mas Schaaf brennt noch das Feuer, der Ehr­geiz es den Kri­ti­kern zu zei­gen. Wer­der Bre­men wird den Weg aus dem Mit­tel­maß mit der gewohn­ten Ruhe und Weit­sicht wie­der fin­den. Klaus All­ofs wollte die­sen Weg nicht mehr mit­ge­hen. Er ist dem Ruf des Gel­des gefolgt — und hat dadurch mas­siv Sym­pa­thie­punkte ver­spielt. Nun gilt es für das neue Drei­ge­stirn Schaaf-Baumann-Eichin den ein­ge­schla­ge­nen Weg fort­zu­set­zen. Ver­nünf­tig zu wirt­schaf­ten, auf eigene Talente zu set­zen und die viel­ver­spre­chen­den Auf­tritte die­ser Sai­son um die nötige Kon­stanz zu ergän­zen. Die ers­ten rich­ti­gen Schritte wur­den ja bereits unter der alten Füh­rung ein­ge­lei­tet. Der Alter­schnitt der Mann­schaft liegt bei nied­ri­gen 23,3 Jah­ren und trotz­dem weißt der Kader eine inter­es­sante Mischung aus erfah­re­nen Spie­lern wie Fritz, Hunt, Sokra­tis oder Elia und viel­ver­spre­chen­den Talen­ten wie Jun­u­zo­vic, Füllkrug oder de Bruyne auf. Ohne Zwei­fel feh­len die ganz gro­ßen Namen der Ver­gan­gen­heit. Ein Niclas Füllkrug, Flo­rian Trinks oder Tom Try­bull klin­gen nicht so schön wie einst Micoud, Frings, Diego oder auch Pizarro. Aber mit der nöti­gen Ruhe, der Geduld der Fans und der Erfah­rung eines Tho­mas Schaaf kön­nen auch diese Namen in Zukunft für ein neues Wer­der Bre­men ste­hen. Die Hoff­nung besteht auf jeden Fall, auch wenn die Fans bis dahin noch einige Täler mit ihrem Team durch­wan­dern müssen.

Was bleibt? Das Wer­der Bre­men  der Sai­son 2012/2013 ist in mei­nen Augen eines der inter­es­san­tes­ten Pro­jekte der Bun­des­liga — und defi­ni­tiv reiz­vol­ler als die Automobil-Filiale VfL Wolfs­burg. Mit Span­nung bleibt abzu­war­ten, wie der Ver­lust von Klaus All­ofs lang­fris­tig kom­pen­siert wird und ob die neuen Per­so­nen eine ähn­li­che Erfolgs­ge­schichte zu schrei­ben ver­mö­gen als ihr Vor­gän­ger. Wer­der Bre­men über­win­tert auf dem 12. Tabel­len­platz. Noch drei Plätze vor dem ambi­tio­nie­ren VfL Wolfs­burg. Wenn in der Win­ter­vor­be­rei­tung die drin­gend benö­tigte Kon­stanz gefun­den wird, sind aber noch einige Plätze nach oben mög­lich. Denn spie­le­risch muss sich der SVW diese Sai­son sicher nicht hin­ter dem HSV, VfB Sutt­gart oder Borus­sia Mön­chen­glad­bach verstecken.





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