The Arsenal Way — kein Weg zurück?


veröffentlicht am Dienstag, 19. Februar 2013 07:32, von unserem Autor Michael Luczak in Rund um den Ball. null Kommentare

Ash­ley Cole, in Diens­ten von Arse­nal Lon­don, spielt einen lan­gen Ball auf Thierry Henry und nach einer wun­der­ba­ren Annahme macht Henry, was Henry am bes­ten kann. Es ist der 9. März 2005, Arse­nal geht in High­bury mit 1–0 gegen den FC Bay­ern Mün­chen in Füh­rung. Außer Henry und Cole spie­len für Arse­nal auch noch Spie­ler wie Viera, Berg­kamp und Toure (der eine, nicht der andere). Von der Bank kom­men zwei auf­stre­bende Talente namens Cesc Fab­re­gas und Robin van Per­sie. Es reicht den­noch nicht. Nach einem packen­den Duell schei­det das viel­leicht beste Arse­nal aller Zei­ten aus der Cham­pi­ons Lea­gue aus, die Mün­che­ner kom­men wei­ter. Am Ende der Sai­son gelingt immer­hin noch der Gewinn des FA-Cup, doch den Ansprü­chen Arse­nals kann das nicht genü­gen. Trotz aller Prä­sens­for­men sind diese Zei­ten jedoch schon seit lan­gem vorbei.

Arse­nal spielte in den nächs­ten Jah­ren wei­ter attrak­ti­ven Fuß­ball, doch Arsene Wen­gers Mann­schaft blieb zuneh­mend der Erfolg aus. Seit jenem Pokal­sieg hat Arse­nal kei­nen Titel mehr gewin­nen kön­nen und seit­dem ist viel passiert:

  • Arse­nal hat 49 Spie­ler gekauft und 79 verkauft.
  • Spie­ler der 2005er Arse­nal Mann­schaft haben bei ande­ren Ver­ei­nen 53 Titel geholt.
  • Chel­sea Lon­don hat acht ver­schie­dene Trai­ner verschlissen.
  • Die Welt­be­völ­ke­rung ist um 7,2% angewachsen.

Arse­nal ist nicht mehr die Mann­schaft, die es damals war, das war jedem auch schon vor dem bla­ma­blen Aus­schei­den aus dem FA-Cup gegen Zweit­li­gist Black­burn Rovers klar. Die Grö­ßen von einst wur­den durch Mas­sen­ware ersetzt. Das ist viel­leicht über­spitzt for­mu­liert, aber viele Leis­tungs­trä­ger des heu­ti­gen Arse­nal wie Theo Wal­cott und Podol­ski hät­ten es damals kaum auf die Ersatz­bank geschafft. Arse­nal ist zur Zeit 5. in der Pre­mier Lea­gue und eine Qua­li­fi­ka­tion für die Cham­pi­ons Lea­gue wird eine ziem­li­che Kraft­an­stren­gung erfor­dern. In die­ser Sai­son allein ist man gegen zwei unter­klas­sige Mann­schaf­ten aus den eng­li­schen Pokal­wett­be­wer­ben aus­ge­schie­den, kein Ver­gleich zu den gro­ßen Erfol­gen in den frü­hen Wenger-Jahren. So ist mitt­ler­weile ein Mana­ger unter Beschuss gera­ten, der den eng­li­schen Club­fuß­ball quasi im Allein­gang revo­lu­tio­niert hat.

Die Revo­lu­tion des Arsene Wen­ger

1996 befand sich die frisch gegrün­dete Pre­mier Lea­gue fuß­bal­le­risch in der Stein­zeit. Kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­scher Fuß­ball war als weich ver­pönt, die Spie­ler und Trai­ner waren fast aus­schließ­lich bri­tisch. Bei Dis­kus­sio­nen über Tak­tik waren sich wenigs­tens schnell alle einig, denn es gab nur eine For­ma­tion und einen Spiel­stil. Dann zau­berte David Dein, damals Vor­stands­mit­glied bei Arse­nal, Arsene Wen­ger aus dem Hut. Der ehe­ma­lige Trai­ner des AS Monaco war weit gereist und ver­stand sein Hand­werk. Viel­leicht noch wich­ti­ger für Geschäfts­mann und Inves­tor Dein: Wen­ger ver­stand was vom Geschäft. Mit sei­nem Abschluss in Volks­wirt­schafts­lehre wusste er mehr als andere, dass Fuß­ball­ver­eine vor allem auch ein Finanz­mo­dell brauchen.

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Arsene Wen­ger kam und revo­lu­tio­nierte Arse­nal. Foto: Ron­nie Mac­do­nald / flickr.com

Statt das durch die Pre­mier Lea­gue neu gewon­nene Geld auf die glei­chen Spie­ler wie vor­her zu ver­schwen­den, such­ten Wen­ger und Dein in ande­ren euro­päi­schen Ligen und inves­tier­ten hef­tig in den Kauf von eini­gen gro­ßen Namen und vie­len gro­ßen Talen­ten. Beson­ders der Fokus auf Talente war inno­va­tiv für eng­li­sche Ver­eine. So konnte Arse­nal bil­lig Spie­ler von Welt­for­mat erste­hen, bevor sie zu Stars wur­den. Die eng­li­schen Arbei­ter­ge­setze erlaub­ten dem Ver­ein dabei, frü­her hoch dotierte Ver­träge mit jun­gen Spie­lern zu schlie­ßen als andere Ver­eine in Europa und das neu gefun­dene Geld besorgte den Rest. Zusam­men mit neuen Tak­ti­ken und einem pas­sin­ten­si­ven, offen­si­ven Spiel­stil wurde Arse­nal bin­nen kür­zes­ter Zeit die Erfolgs­story der Liga und der beste Ver­ein in England.

Den­noch blieb nach 2005 der Erfolg aus, denn zwei Dinge hat­ten sich in der Liga mitt­ler­weile fun­da­men­tal geän­dert. Ers­tens hat­ten auch die ande­ren Ver­eine dazu gelernt und Arse­nals Erfolgs­mo­dell emu­liert und zwei­tens tauchte ein rei­cher Mensch in Lon­don auf. Direkt nach­dem Roman Abra­mo­vich den maro­den Chel­sea FC über­nom­men hatte begann er hef­tig zu inves­tie­ren. Finan­zi­ell konn­ten sich die gro­ßen Tra­di­ti­ons­ver­eine nicht ansatz­weise mit dem Mul­ti­mil­li­ar­där mes­sen. Wei­tere Besit­zer soll­ten fol­gen. Außer­dem schau­ten jetzt auch die ande­ren eng­li­schen Ver­eine nach außen, stell­ten ihre Tak­tik um und kauf­ten lie­ber außer­halb Eng­lands ein. Und so kam es, dass Chel­sea schließ­lich 2005 die Meis­ter­schaft in der Pre­mier Lea­gue gelang. Tra­di­tio­na­list Wen­ger gefiel diese Ent­wick­lung über­haupt nicht, aber, immer der Inno­va­tor, ersann er einen Plan, Arse­nal nicht nur wie­der zum bes­ten Ver­ein Eng­lands zu machen, son­dern zum bes­ten Ver­ein der Welt. „The Arse­nal Way“ war geboren.

The Arse­nal Way

Das oberste Ziel war es, Arse­nal finan­zi­ell wie­der kon­kur­renz­fä­hig zu machen, ohne dabei Qua­li­tät auf dem Platz ein­zu­bü­ßen. Dabei ver­folgte der Ver­ein eine Stra­te­gie auf drei Ebe­nen. Zuerst musste ein neues Sta­dium her. High­bury war mit sei­nen 39.000 nicht groß genug, um den Ansprü­chen Wen­gers zu ent­spre­chen. Also wur­den große Kre­dite auf­ge­nom­men, um ein neues, top moder­nes Sta­dion zu errich­ten. Auch in Sachen Spon­so­ren machte der Ver­ein eini­ges, so gelangte man zu einem lang­fris­ti­gen Über­ein­kom­men mit Emi­ra­tes Air­lines. Das Emirates-Stadion war geschaf­fen. Natür­lich hie­ßen die Kre­dite, trotz neuer Spon­so­ren, dass der Ver­ein zuerst nicht mehr so ein­kau­fen konnte wie vor­her. Doch auch dafür hatte Wen­ger einen Plan.

Er legte Fokus auf eine Trans­fer­stra­te­gie, die Arse­nal schon län­ger im Reper­toire hatte und mit der der Ver­ein schon einige Erfolge erzie­len konnte. Die Idee war, junge Talente mit­hilfe eines gewal­ti­gen Scou­ting­sys­tems zu ent­de­cken und zu kau­fen, bevor sie über­haupt den Sprung zu den Pro­fis schaf­fen. Sie soll­ten dann einige Zeit in Arse­nals Aka­de­mie ver­brin­gen, bevor sie gut genug für die erste Mann­schaft waren oder für einen gewal­ti­gen Pro­fit ver­kauft wer­den konn­ten, denn diese Talente waren extrem bil­lig zu erste­hen. Bereits Fab­re­gas war auf diese Art erwor­ben wor­den. Die­ses Sys­tem sollte Arse­nal sport­lich über Was­ser hal­ten, bis die Effekte des Kre­dits abge­klun­gen waren. Mit sport­lich fai­ren Metho­den und attrak­ti­vem Spiel wollte man den aus­län­di­schen Mil­li­ar­den ent­ge­gen tre­ten. Nach weni­gen Jah­ren sollte der Club dann finan­zi­ell mit jedem ande­ren Ver­ein der Welt mit­hal­ten kön­nen. Es sollte anders kommen.

Arse­nal Lon­dons Probleme

Dass David Dein den Ver­ein 2007 nach inter­nen Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­ließ half der Situa­tion nicht unbe­dingt, da er sich für viele der bes­ten Trans­fer­ver­hand­lun­gen des Ver­eins ver­ant­wort­lich zeigte. Die Pro­bleme lagen aber tie­fer. Zuerst ein­mal wurde die Kon­kur­renz von innen her grö­ßer. Andere Ver­eine eta­blier­ten ähn­li­che Stra­te­gien für den frü­hen Erwerb von gro­ßen Talen­ten, vor allem Man­ches­ter United prak­ti­zierte das bes­ser als Arse­nal selbst. Außer­dem lern­ten auch Ver­eine außer­halb Eng­lands schnell, eng­li­schen Ver­ei­nen nicht zu trauen. So trug Borus­sia Dort­mund bei­spiels­weise jah­re­lang keine Test­spiele gegen eng­li­sche Jugend­mann­schaf­ten aus, weil diese danach immer Ange­bote für die Dort­mun­der Jung­spie­ler machten.

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Cesc Fàb­re­gas, hier noch im Tri­kot für Arse­nal. Die Zeit ist vor­bei. Foto: Ron­nie Mac­do­nald / flickr.com

Schwe­rer wog jedoch, dass sich die Aka­de­mie oder das Scou­ting nicht als ansatz­weise so erfolg­reich ent­puppte wie erwar­tet. Zwar führt der Ver­ein wei­ter jedes Jahr neue Spie­ler in den Profi-Fußball ein, aber ein Fab­re­gas ist nicht mehr dabei, trotz all der Inves­ti­tio­nen. Leis­tungs­trä­ger beim Ver­ein sind heute gekaufte Spie­ler, von weni­gen Aus­nah­men abge­se­hen. Zusätz­lich bedeu­tete die Kon­kur­renz inner­halb der Liga und der extreme Fokus auf diese Jugend­ar­beit, dass Arse­nal Jung­spie­lern extrem hohe Gehäl­ter bie­ten musste, um sie nach Eng­land zu locken. Das wie­derum führte zu einer sehr fla­chen Gehalts­struk­tur, denn wenn aus den Talen­ten Pro­fis wer­den, ver­lan­gen sie natür­lich eine deut­li­che Auf­sto­ckung ihrer bereits beacht­li­chen Ver­gü­tung und die ein­zige Mög­lich­keit für Arse­nal das zu bezah­len ist, indem die bes­ten Spie­ler weni­ger ver­die­nen als bei ande­ren Ver­ei­nen. Arse­nal gibt jähr­lich sogar mehr Geld für Spie­ler­ge­häl­ter aus als Bay­ern Mün­chen, aber die Top­ver­die­ner bekom­men kaum mehr als sie bei Schalke 04 krie­gen könnten.

Ent­spre­chend ver­liert der Ver­ein mitt­ler­weile jähr­lich seine bes­ten Spie­ler an grö­ßere Ver­eine, die bereit sind mehr für Spit­zen­spie­ler zu bezah­len, meis­tens an Ver­eine aus der Pre­mier Lea­gue selbst. Das hat nicht nur die Qua­li­tät im Team gemin­dert und die der Kon­kur­renz erhöht, son­dern auch den Alters­durch­schnitt gesenkt. Viele Leis­tungs­trä­ger sind jung und uner­fah­ren, ent­spre­chend spielt der Ver­ein oft in wich­ti­gen Spie­len ver­krampft und ver­liert sogar gegen krasse Außen­sei­ter. Mitt­ler­weile wird der Ver­fall im Club kri­tisch. Ein mög­li­ches Ver­pas­sen der Cham­pi­ons Lea­gue in die­sem Jahr könnte fatal für den Ver­ein sein. Arse­nal hat in die­sem Fall nicht nur die übli­chen Pro­bleme, die eine Nicht­qua­li­fi­ka­tion zur Folge hat.

Nicht nur ver­liert man Geld und Anse­hen bei Spie­lern, die poten­ti­ell für Trans­fers inter­es­sant sind, in Arse­nals Fall wurde die Zukunft direkt an die Cham­pi­ons Lea­gue gebun­den. Ein neuer Spon­so­ren­ver­trag mit Emi­ra­tes lie­fert deut­lich ver­rin­gerte Bezüge, sollte man die Qua­li­fi­ka­tion ver­pas­sen. Außer­dem blei­ben Arse­nal schon jetzt die Fans weg. Zwar sehen die offi­zi­el­len Zuschau­er­zah­len für viele Spiele immer noch nach Aus­ver­kauf aus, aber die Tat­sa­che dass in die­sen Spie­len viele Sitze leer blei­ben und dass der Ver­ein mitt­ler­weile dazu über­ge­gan­gen ist, nicht mehr die Fans im Sta­dion son­dern die ver­kauf­ten Tickets anzu­ge­ben zeigt dass der Ver­ein schon jetzt Pro­bleme hat, seine Kapa­zi­tät voll aus­zu­las­ten. Ein halb lee­res Sta­dion wäre ein Desas­ter, immer­hin ver­dient Arse­nal über 40% des Ein­kom­mens damit (ab Seite 37 wirds interessant)

Vor dem Spiel gegen Bay­ern Mün­chen reden viele von einem Spit­zen­spiel, doch seit jenem Cham­pi­ons Lea­gue Spiel 2005 ist viel pas­siert. Bay­ern Mün­chen ist in der Tat eine Spit­zen­mann­schaft und als sol­che sollte man mit dem faux-Topteam Arse­nal keine Pro­bleme haben. Noch immer reden viele von dem Ver­ein als einem der Gigan­ten im euro­päi­schen Fuß­ball, aber in zwei oder drei Jah­ren könn­ten wir sehr gut von einem gefal­le­nen Gigan­ten reden. Der Tro­phä­en­schrank im schö­nen neuen Sta­dion spricht da Bände.





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