Selecao: Weltmeister 2014 — Mission impossible?


veröffentlicht am Freitag, 8. März 2013 14:17, von unserem Autor Christian Eck in Rund um den Ball. null Kommentare

30.06.2002. WM-Finale, 67. Spiel­mi­nute. Die Zeit steht für einen kur­zen Moment still. Unser Titan, der schein­bar unbe­zwing­bare Oli­ver Kahn lässt einen Schuss von Rivaldo abpral­len, Ronaldo steht parat und schiebt den Ball zum 1:0 in die Maschen. Der Anfang vom Ende aus Sicht der deut­schen Elf — aber zugleich auch der Beginn des letz­ten gro­ßen Tri­umphs der Selecao. Das WM-Finale wird Bra­si­lien mit 2:0 für sich ent­schei­den und das fünfte Mal den Fuß­ball­thron bestei­gen. Bra­si­lien, das Land, wo der Fuß­ball das Wich­tigste der Welt ist. Wo es Talente am Fließ­band gibt und wo die inter­na­tio­na­len Top­stars zu Hause sind. Das Land, deren Natio­nal­mann­schaft eine Dau­er­karte auf den Welt­meis­ter­ti­tel hat und es selbst­ver­ständ­lich ist, dass die Mann­schaft als Welt­meis­ter zurückkehrt.

Wenn nächs­tes Jahr die Welt­meis­ter­schaft in Bra­si­lien statt­fin­det, liegt die­ses Spiel 12 Jahre zurück. Viel hat sich seit dem in der bra­si­lia­ni­schen Fuß­ball­welt getan. Zwei titel­lose Welt­meis­ter­schaf­ten haben dem Selbst­ver­ständ­nis der stol­zen Bra­si­lia­ner erheb­li­che Krat­zer hin­zu­ge­fügt. Es ist nicht das erste Mal, dass man so lange ohne Titel blieb. Nein, zwi­schen 1974 und 1994 blieb Bra­si­lien sogar 20 Jahre titel­los. Was den Bra­si­lia­nern aber so zuge­setzt hat, ist die Art und Weise, wie man sich geschla­gen geben musste. 2006 bereits im Vor­feld den Titel gebucht, reiste man mit gro­ßen Allü­ren nach Deutsch­land — und flog genauso schnell und über­heb­lich aus dem Tur­nier. Mit Car­los Dunga als neuem Trai­ner sollte dar­auf­hin alles bes­ser wer­den. Weg von der Über­heb­lich­keit und Arro­ganz zur gewis­sen­haf­ten Arbeit  — inklu­sive eines gehö­ri­gen Umbruchs im Kader. Das Ergeb­nis blieb ähn­lich ent­täu­schend. Erneut schei­terte die Selecao im Vier­tel­fi­nale. Und die­ses Mal nicht an der eige­nen Über­heb­lich­keit, son­dern viel­mehr an der man­geln­den Qua­li­tät im Team.

Dies ist nun wie­derum drei Jahre her. Mit Luiz Felipe Sco­lari ist seit Novem­ber bereits der dritte Neu­an­fang gestar­tet wor­den. Sco­lari, jener Trai­ner, der für den letz­ten gro­ßen Erfolg Bra­si­li­ens ver­ant­wort­lich war. Car­los Alberto Per­reira, Car­los Dunga und Mano Mene­zes waren seine Nach­fol­ger und Vor­gän­ger. Alle­samt schei­ter­ten. Nun kehrt man mit Sco­lari zurück zu den Wur­zeln des Erfolgs — so zumin­dest der Glaube.

Denn in Hin­blick auf die Welt­meis­ter­schaft 2014 im eige­nen Land wäre für die stolze Selecao alles andere als der Titel­ge­winn eine Ent­täu­schung, ja gera­dezu eine Bla­mage. Es gibt nur die­ses eine Ziel: im eige­nen Land die Vor­macht­stel­lung im inter­na­tio­na­len Fuß­ball wie­der zurück erlan­gen. Und dafür sei Sco­lari genau der Rich­tige. Schließ­lich hat er ja auch Por­tu­gal 2004 im eige­nen Land bis ins Finale geführt — wo nur der Kopf von Ange­los Cha­ris­teas und die Wand Traia­nos Del­las dem Titel im Weg stan­den. Und mit an sei­ner Seite hat er das Jahr­hun­dert­ta­lent Ney­mar. Der neue Volks­held und Erlö­ser, des­sen bril­lante Tech­nik Bra­si­lien im Allein­gang zum Sieg schie­ßen wird. Schenkt man zumin­dest den bra­si­lia­ni­schen Fuß­ball­ken­nern glauben.

Car­los Dunga, Ronaldo und Roma­rio — Drei Namen, die für erfolg­rei­che Zei­ten der Selecao ste­hen!
© alvez / flickr.com

Ob dies aber wirk­lich dann im nächs­ten Jahr der Fall sein wird? Zwei­fel sind auf jeden Fall berech­tigt. Denn betrach­tet man den momen­ta­nen Kader der Selecao, so sucht man eines ver­ge­bens: den Glanz frü­he­rer Jahre. Von jeher strahl­ten  bra­si­lia­ni­sche Fuß­bal­ler das gewisse Etwas aus. Sie stan­den für das Beson­dere im Spiel. Pelé, Roma­rio, Zico, Car­los Dunga und und und. Diese Liste lässt sich belie­big wei­ter­füh­ren. Ende der 90er und Anfang des neuen Jahr­tau­sends war es dann auch wie­der Bra­si­lien, das gemein­sam mit Frank­reich die vor­herr­schende Macht im inter­na­tio­na­len Fuß­ball bil­dete. Dies lag nicht nur am guten Abschnei­den bei den letz­ten Welt­meis­ter­schaf­ten, son­dern auch am Stel­len­wert der bra­si­lia­ni­schen Spie­ler bei den Top-Klubs in Europa. So domi­nier­ten das Duo Ronaldo und Rivaldo die inter­na­tio­na­len Schlag­zei­len. Als ihr Stern zu sin­ken begann folg­ten Ronald­inho und Kaká. Von 22 Welt­fuß­bal­lern stammte der Sie­ger acht Mal aus Bra­si­lien — so häu­fig stellte kein ande­res Land bis­her den bes­ten Spie­ler der Welt. Auch wenn die Welt­fuß­bal­ler­wahl wenig über die Leis­tungs­fä­hig­keit der Natio­nal­mann­schaft aus­sa­gen mag, steht diese Wahl sinn­bild­lich für das aktu­elle Dilemma des bra­si­lia­ni­schen Fuß­balls. Seit Kaká 2007 das letzte Mal diese Aus­zeich­nung gewin­nen konnte, schaffte es kein Bra­si­lia­ner mehr unter die drei bes­ten Spie­ler der Welt. Für eine Nation, die sich zeit­le­bens mit den bes­ten Fuß­bal­lern der Welt rühmt, ein schwe­rer Schlag.

Es ist aber im Welt­fuß­ball zuneh­mend eine Ent­wick­lung zu erken­nen, die sich unmit­tel­bar auf die Selecao aus­wirkt. Bra­si­lia­ni­sche Spie­ler genie­ßen nicht mehr das größte Anse­hen in euro­päi­schen Top­klubs. Im aktu­el­len Kader fin­den sich zwar genü­gend Spie­ler, die bei Spit­zen­ver­ei­nen unter Ver­trag ste­hen, spie­len aber dort meist nicht die wich­tigste Rolle. Dies liegt ins­be­son­dere auch daran, dass es viele viel­spre­chende Talente aus Bra­si­lien mitt­ler­weile in den rei­chen Osten Euro­pas zieht. Ein Hulk hätte in ganz Europa spie­len kön­nen — und kickt nun im meist unbe­ach­te­ten Russ­land. Wil­lian kün­digte groß­spu­rig einen Wech­sel zu einem inter­na­tio­na­len Top­club an — und folgte den Mil­lio­nen nach Anschi. Ein Thiago Silva, zwei­fel­los einer der bes­ten Ver­tei­di­ger der Welt, schloss sich dem Pro­jekt Paris an, wo es auch noch abzu­war­ten gilt, wie sich die­ses ent­wi­ckeln wird. Natür­lich, kann man jetzt einen Dani Alves oder Mar­celo anfüh­ren, die bereits jah­re­lang in Madrid und Bar­ce­lona spie­len. Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten sind dies aber nicht. Zu schwan­kend ihre Leis­tun­gen, zu unbe­herrscht ihr Auf­tre­ten auf dem Platz. Und eine Selecao im Umbruch braucht genau dies. Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten, deren Glanz und Aura auf dem Platz auf die Mit­spie­ler abstrahlt. Wie eben Rivaldo das Mit­tel­feld beherrschte, Lucio im eige­nen 16er  wütete und Gil­berto Silva den küh­len Stra­te­gen gab.

Wahr­schein­lich erin­nerte sich Sco­lari an diese erfolg­rei­che Zeit von 2002, als er die Rück­hol­ak­tion von Ronald­inho star­tete. Viel­leicht wollte er eben jenen Glanz zurück in die Mann­schaft brin­gen, wel­cher den talen­tier­ten  Oscar und Lucas bis­her bei allem Kön­nen noch abgeht. Für das Team hat Ronald­inho Anno 2013 aber kei­nen sport­li­chen Wert mehr, und wäre zudem ein Rück­schritt in der Ent­wick­lung der Mann­schaft. Dies hat auch Sco­lari erkannt und Ronald­inho für die nächs­ten Test­spiele vor­erst nicht berücksichtigt.

Neymar

Ich hab die Haare schön!” — Vie­len stößt Ney­mars Haar­kult bereits übel auf. Trotz­dem ist er der Hoff­nungs­trä­ger für die Selecao. © jikatu / flickr.com

So bleibt doch nur Ney­mar, der die Mann­schaft anfüh­ren soll. Es wäre aber rat­sam für die Selecao, und auch für ganz Bra­si­lien, sich nicht krampf­haft auf Ney­mar als Erlö­ser zu fixie­ren. Denn auch die­ser Junge ist erst am Anfang sei­ner Ent­wick­lung und konnte sich bis­her nur in der schwa­chen hei­mi­schen Liga aus­zeich­nen. In der Selecao fehlt bis­her noch die große Gala. Bra­si­lien läuft Gefahr, eines ihrer größ­ten Talente der letz­ten Jahre vor­ei­lig zu ver­bren­nen. Auch wenn sie es im Hin­blick auf die WM 2014 nur gut mei­nen. Aber das Gegen­teil von gut, ist gut gemeint. Und auch Ney­mar weiß durch sein Auf­tre­ten durch­aus zu pola­ri­sie­ren. Zur­zeit kommt ihm sein schril­les Aus­se­hen und seine spek­ta­ku­läre Spiel­weise noch zu Gute. Die ers­ten Kri­ti­ker mel­den sich aber bereits. Es bleibt abzu­war­ten, wie sich die öffent­li­che Wahr­neh­mung Ney­mars nach einer ent­täu­schen­den Welt­meis­ter­schaft ändern wird.

Eines muss trotz­dem fest­ge­hal­ten wer­den. Man braucht nicht den bes­ten Spie­ler der Welt, um erfolg­reich zu sein. Dass dies kein Erfolgs­ga­rant ist, bewei­sen ja in regel­mä­ßi­gen Abstän­den die Argen­ti­nier und Por­tu­gie­sen, die trotz Messi und Ronaldo meist zwei­ter Sie­ger sind. Es ist aber die oben­ge­nannte Kom­bi­na­tion, die der Selecao zur­zeit noch abgeht. Eine Balance in der Mann­schaft, zwi­schen Erfah­rung und jun­ger Dyna­mik. Eine Ein­ge­spielt­heit und ein gewis­ses Selbst­ver­trauen. Beson­ders letz­te­res hat unter den stän­di­gen Umbrü­chen der letz­ten Jahre sehr gelit­ten. Die Ver­ant­wort­li­chen sind natür­lich in einer schwie­ri­gen Situa­tion. Das ganze Land fie­bert auf 2014 hin — und erwar­tet eben den Titel von der Selecao. Mit Luiz Felipe Sco­lari wurde nun ein ers­ter Schritt in die rich­tige Rich­tung gemacht. Die­ser Trai­ner weiß, was es heißt erfolg­reich zu sein  und arbei­tet auch kon­kret in diese Rich­tung. Dante wurde nach sei­nem Debut in den höchs­ten Tönen gelobt. Die­ser Spie­ler ist zwei­fel­los einer der Typen, wel­cher der Selecao gut tun kann. Gemein­sam mit David Luiz und Thiago Silva ver­fügt Bra­si­lien nun über eine Innen­ver­tei­di­gung der Spit­zen­klasse. Wenn jetzt noch die feh­lende Ein­ge­spielt­heit hin­zu­kommt, die talen­tier­ten jun­gen Spie­ler im kom­men­den Jahr noch einen wei­te­ren Schritt in ihrer Ent­wick­lung machen kön­nen und die Eupho­rie der Fans auf die Mann­schaft über­schlägt (und nicht zur Bürde wird), dann muss man Bra­si­lien trotz aller Wid­rig­kei­ten zum Favo­ri­ten­kreis zäh­len. Denn spä­tes­tens seit 2006 weiß man, was die Eupho­rie der Fans auf die hei­mi­sche Mann­schaft bewir­ken kann.





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