Russisch Roulette beim HSV


veröffentlicht am Mittwoch, 18. September 2013 17:02, von unserem Autor Christian Eck in Rund um den Ball. null Kommentare

Thors­ten Fink ist Geschichte. Seit Mon­tag Abend ist er kein Trai­ner mehr beim HSV. Damit rea­gier­ten die Ver­ant­wort­li­chen des Ham­bur­ger Sport­clubs auf das pein­li­che Auf­tre­ten wenige Tage zuvor bei Borus­sia Dort­mund. Wirk­lich über­ra­schend war diese Mel­dung nicht. Ähn­lich wie bei Bruno Lab­ba­dia in Stutt­gart musste sich Fink immer wie­der, teil­weise auch unbe­rech­tig­ter Kri­tik stel­len. So hat sich seit län­ge­rem ein Ende der Bezie­hung HSV-Fink ange­deu­tet. So weit, so gut ­– jetzt muss nur noch schnell ein Nach­fol­ger her. Eigent­lich ganz nor­ma­les Bundesligageschäft.

So geis­tern nun natür­lich auch bereits einige Namen in den Gazet­ten Deutsch­lands umher. Mit in der Ver­lo­sung: Werder-Ikone Tho­mas Schaaf und HSV-Legende Felix Magath inklu­sive Eisen­fuß Bernd Hol­ler­bach. Dazu noch Stin­ke­fin­ger Effe, Ex-Bondscoach Bert van Mar­wijk und zu guter Letzt und ganz aktu­ell: Lothar Mat­thäus. Wie es sich für einen tra­di­ti­ons­rei­chen Club mit enor­men Ansprü­chen auch gehört, sind dies alles Trai­ner mit gro­ßen Namen und bekann­ter His­to­rie als Spie­ler oder Trai­ner.  Eine kleine Lösung kommt für den gro­ßen HSV ohne­hin nicht in Frage. Wer denn letzt­end­lich heute, mor­gen oder sonst irgend­wann Trai­ner wird ist an die­ser Stelle aber weni­ger interessant.

Wenn kei­ner weiß, was der andere tut

Viel unter­halt­sa­mer als die Frage nach dem neuen Trai­ner ist eigent­lich das Ver­hal­ten der betei­lig­ten Akteure. Denn was jetzt wäh­rend der Trai­ner­su­che beim HSV abläuft, schlägt dem viel zitier­ten Fass den Boden aus. Erneut demons­triert der Tra­di­ti­ons­club, wie auch so häu­fig schon in der Ver­gan­gen­heit, nur in einer Sache Geschlos­sen­heit: im Chaos. Denn zu der aktu­el­len Situa­tion trägt gerade jeder der Ver­ant­wort­li­chen sei­nen Teil bei.

Möchte am liebs­ten einen ganz erfah­re­nen Trai­ner auf der Bank haben: HSV-Boss Carl-Edgar Jar­chow. © commons.wikimedia

Die Medien brin­gen Tho­mas Schaaf, Ste­fan Effen­berg und auch Bert van Mar­wijk ins Spiel. Oli­ver Kreu­zer, sei­nes Zei­chens Sport­di­rek­tor beim HSV, würde gerne sei­nen Freund Lothar Mat­thäus auf die Trai­ner­bank brin­gen. Die­ser soll aber einen schwe­ren Stand beim Vor­stand um Carl-Edgar Jar­chow haben. Die­ser würde laut Bild lie­ber einen erfah­re­nen Trai­ner auf der Bank sehen. Hier kommt Inves­tor Klaus-Michael Kühne ins Spiel. Der würde am liebs­ten Magath holen. Die­ser steht zur Zeit aber maxi­mal in bera­ten­der Funk­tion zur Ver­fü­gung — würde dann aber gleich sei­nen Trai­ner­lehr­ling Bernd Hol­ler­bach mit­brin­gen. Zudem sieht Kühne den Sport­di­rek­tor Kreu­zer als völ­lig über­for­dert an und würde ihn am bes­ten heute als mor­gen gefeu­ert wis­sen. Dabei ist die­ser erst seit drei Mona­ten im Amt. Jeder schießt gegen jeden. Der HSV prä­sen­tiert sich wie­der als Chaos-Club par excellence.

Das HSV-Szenario — Tau­send mal erprobt

Viel­leicht wäre es nun, nach der sechs­ten Trai­ner­ent­las­sung seit 2008, end­lich auch mal an den Ver­ant­wort­li­chen, sich selbst zu hin­ter­fra­gen. Denn der HSV bie­tet in den letz­ten Jah­ren das immer glei­che Schau­spiel dar. Das HSV-Szenario:

1. Vor der Sai­son müs­sen auf­grund des ver­pass­ten inter­na­tio­na­len Geschäfts klei­nere Bröt­chen geba­cken wer­den um den enor­men Schul­den­berg nicht zu erhö­hen. Leis­tungs­trä­ger wer­den abge­ge­ben und min­der­wer­tig oder teil­weise gar nicht ersetzt.

2. Ziel ist es güns­tige, junge Spie­ler zu ver­pflich­ten — nach aus­blei­ben­dem Erfolg wird dann meist kurz­fris­tig noch­mal viel Geld für einen Hoff­nungs­trä­ger auf dem, zum Ende der Trans­fer­pe­riode völ­lig über­hitz­ten Markt, in die Hand genommen.

3. Inves­tor Kühne fin­det alles doof: den Trai­ner, den Sport­di­rek­tor, die Mann­schaft. Schießt aber trotz­dem noch ein­mal ein paar Mil­lio­nen in den Verein.

4. Uwe See­ler, Felix Magath und wei­tere Legen­den ergrei­fen aus Sorge um ihren HSV die Initia­tive. Der Tenor: So kann es nicht wei­ter­ge­hen. Die Ver­ant­wort­li­chen haben doch gar keine Ahnung.

5. Der Trai­ner wird ent­las­sen. Ein neuer Hoff­nungs­trä­ger wird geholt. Die Sai­son wird als Über­gangs­phase bezeich­net und ehr­gei­zige Ziele wer­den für die neue Sai­son gesteckt: min­des­tens Europacup!

6. Gehe zurück zu Schritt Num­mer 1.

Oliver Kreuzer

Oli­ver Kreu­zer will mit dem HSV eine ähn­li­che Erfolgs­ge­schichte wie der BVB schrei­ben. Am liebs­ten gemein­sam mit Lothar Mat­thäus. ©commons.wikimedia

Viel­leicht wäre es für den HSV so lang­sam wirk­lich ein­mal rat­sam, die Zei­chen der Zeit rich­tig zu deu­ten. Die Jahre, als man eine inter­na­tio­nal kon­kur­renz­fä­hige Mann­schaft besaß, gehö­ren der Ver­gan­gen­heit an. Sowohl die inter­na­tio­nale, als auch die natio­nale Kon­kur­renz schläft nicht. Und wäh­rend an ande­rer Stelle (u.a. Glad­bach, Frank­furt, Han­no­ver – zuletzt sogar Frei­burg) solide Arbeit geleis­tet wird, wel­cher meist ein lang­fris­ti­ges Kon­zept zugrunde liegt, bringt sich der HSV auf­grund sei­ner selbst auf­er­leg­ten Anspruchs­hal­tung jedes Jahr selbst um den Lohn der Arbeit. Auf die­sem Wege währt der Nim­bus des Unab­steig­ba­ren wohl auch keine Ewig­kei­ten mehr.

Das Vor­bild BVB

Noch vor einer Woche nannte Oli­ver Kreu­zer Borus­sia Dort­mund als Vor­bild. Zwei­fel­los hat er damit recht. Der Weg der Borus­sia war in den letz­ten Jah­ren ein bei­spiel­lo­ser Weg des Erfolgs – der Phö­nix aus der Asche. Es ist aller­dings ein­fach, sich einen Ver­ein als Vor­bild zu bestim­men. Viel Schwe­rer ist es jedoch, die­sen Weg dann auch tat­säch­lich zu gehen. Borus­sia Dort­mund ging die­sen Weg mit Ruhe, Kon­ti­nui­tät und einem Trai­ner, der das Ver­trauen des gesam­ten Ver­eins bekam. Es gab keine Inves­to­ren und alt­ge­diente Spie­ler, die in regel­mä­ßi­gen Abstän­den ihren Unmut durch die Presse ver­kün­de­ten. Es gab ein Kon­zept, das wurde gelebt – sowohl in schlech­ten als auch in guten Tagen. Und auch heute, in finan­zi­ell bes­se­ren Stun­den, bleibt sich der BVB wei­ter­hin wei­test­ge­hend treu. Was der HSV aber alleine in den letz­ten Tagen bei der eige­nen Dar­stel­lung in der Öffent­lich­keit wie­der geleis­tet hat, zeugt von einem Ver­ein, bei dem kein Räd­chen in das andere greift. Der Trai­ner wird vom Vor­stand kri­ti­siert. Der Sport­di­rek­tor vom Inves­tor. Die Spie­ler vom Sport­di­rek­tor – und die Spie­ler? Die brin­gen das Gesamt­bild des Ver­eins auf den Platz, wie zuletzt beim 6:2 in Dortmund.

Thors­ten Fink war nicht nach­tra­gend. Auch nicht wirk­lich ent­täuscht. Viel­leicht wusste er, dass es mit die­sem Ver­ein zur jet­zi­gen Zeit nicht mehr mach­bar ist. Viel­leicht war es ihm am Ende auch schlicht egal. Viel­leicht glaubt er auch heute noch an eine Wende, wenn er denn die Zeit bekom­men hätte. Man weiß es nicht. Es ist auch nicht von Belang, wer letzt­lich auf der Bank des HSV Platz nimmt. Denn in der aktu­el­len Situa­tion gleicht der Trai­ner­stuhl beim HSV mehr denn je einer Par­tie rus­si­schen Rou­let­tes. Und wer weiß: Viel­leicht würde es gerade dem stets belä­chel­ten Lothar Mat­thäus gelin­gen, zumin­dest die Mann­schaft wie­der in eine erfolg­rei­che Rich­tung zu füh­ren. Wenn er es denn dürfte. Bis es soweit ist: Vie­len Dank HSV, für die erneute Sei­fen­oper. Beste Unter­hal­tung auf nied­rigs­tem Niveau!





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