Technik im Fußball. Ein Kommentar zum Phantomtor und dessen Folgen.


veröffentlicht am Mittwoch, 13. November 2013 12:49, von unserem Autor Marc Andruszko in Rund um den Ball. null Kommentare

Im Foot­ball­sta­dion: Wann läuft der Mann vom Fern­se­hen mit dem Walkie-Talkie vom Platz und gibt dem Schieds­rich­ter ein Zei­chen, das Spiel fort­zu­set­zen? Bleibt mir noch genug Zeit, um mir einen Hot­dog zu holen oder soll ich das auf die Halb­zeit­pause ver­schie­ben? Oder viel­leicht doch Pop­corn? Wo bleibt eigent­lich der Popcorn-Junge? Viel­leicht noch eine Cola dazu? Was soll’s: Ich warte ein­fach, bis die nächste Video­ent­schei­dung ansteht und die Schi­ris sich das Ohr­knöpf­chen fest ins Ohr drü­cken, um den Urteils­spruch von ganz oben abzuwarten.

Fuß­ball ohne Tech­nik: nur für alte Herren?

Wenn es um tech­ni­sche Hilfs­mit­tel im Fuß­ball geht, wird immer damit argu­men­tiert, dass es diese ja auch schon lange in ande­ren Sport­ar­ten gäbe. Etwa beim Ame­ri­can Foot­ball. Was viele ver­ges­sen: Im Foot­ball­sta­dion ist man geneigt, sich zurück­zu­leh­nen, einen gemüt­li­chen Nach­mit­tag zu machen und die etli­chen Unter­bre­chun­gen gerne dazu zu nut­zen, den Koh­len­hy­drat­spei­cher auf­zu­fül­len oder zu überfüllen.

Dem Fuß­ball wird nach einer Fehl­ent­schei­dung wie dem Phan­tom­tor im glei­chen Atem­zug vor­ge­wor­fen, er sei anti­quiert. Damit sticht man bei der zustän­di­gen FIFA in eine Wunde, die in der Amts­zeit Blat­ters immer tie­fer und ent­zünd­li­cher gewor­den ist. Die FIFA wird als Alt­her­ren­ge­mein­schaft emp­fun­den, die sich der Moderne ver­schließt und weni­ger an der Ent­wick­lung des Sports an sich, als an der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung des Fuß­balls und beson­ders der­je­ni­gen des eige­nen Kon­to­stan­des und der eige­nen Macht inter­es­siert ist.

fußball fifa technik blatter

Foto: Mar­cello Casal Jr. (Agen­cia Bra­sil), wiki­me­dia commons

So könnte man sich der­zeit zynisch fra­gen, wel­cher Tech­nik­her­stel­ler bereit ist, am meis­ten Geld für den Ein­satz der eige­nen Tech­nik im Pro­fi­fuß­ball in die ent­schei­den­den FIFA-Taschen zu ste­cken, um sich gegen die Kon­kur­renz durch­zu­set­zen. Die Instal­la­tion von Goal­con­trol, Chip im Ball oder Hawk Eye wird viele Mil­lio­nen ver­schlin­gen. Hier eine Über­sicht.

Wenn man den Fuß­ball aber mit den ame­ri­ka­ni­schen Sport­ar­ten ver­gleicht, in wel­chen Video­be­weise völ­lig nor­mal sind (und neben den Video­be­wei­sen die Länge der Unter­bre­chun­gen mit davon abhän­gig sind, ob der Wer­be­block im TV voll­stän­dig durch­ge­lau­fen ist), dann muss man fest­stel­len, dass ein Fuß­ball­spiel extrem kurz­wei­lig ist. Und gerade diese Kurz­weil ist Grund­vor­aus­set­zung für die Frei­set­zung von Emo­tio­nen. Kein ande­rer Sport auf der Welt kann so inten­siv vom Zuschauer mit­er­lebt wer­den wie der Fuß­ball. Kein ande­rer Sport wird so beju­belt und besun­gen wie er.

Tech­nik im Fuß­ball nimmt Schieds­rich­ter aus der Verantwortung

Die Dis­kus­sion über den Ein­satz von Tor­li­ni­en­tech­nik oder Chip im Ball wird oft zu ein­di­men­sio­nal geführt. Letzt­end­lich geht es den Dis­ku­tie­ren­den nur darum, ob eine sol­che Tech­nik im Fuß­ball etwas zu suchen hat oder nicht. Doch es stel­len sich Anschluss­fra­gen, die mehr auf die Spiel­pra­xis als auf die Tra­di­tion bezo­gen sind: Was machen wir, wenn die Soft­ware feh­ler­haft ist und die Tech­nik hängt? Denk­bar wäre ein Neu­start – alle mal schnell aufs Klo, die Spie­ler hal­ten sich im Kabi­nen­trakt warm, wäh­rend die Schi­ris sich in der Zwi­schen­zeit von Ver­eins­funk­tio­nä­ren wegen die­ser und jener Ent­schei­dung bequat­schen las­sen („Schauen Sie sich doch mal die Wie­der­ho­lung an, das war ein glas­kla­rer Elf­me­ter…“) oder sich in der Schieds­rich­ter­ka­bine verbarrikadieren.

Was, wenn es nicht gelingt, die Tech­nik wie­der zum Lau­fen zu brin­gen? Spiel­ab­bruch oder dann doch den Schieds­rich­tern die alte Macht zurück über­tra­gen? Gibt es eine Not­fall­hot­line beim DFB-Sportgericht, das in sol­chen Fäl­len Rat weiß? Wie kämen Schieds­rich­ter, die schon seit Jah­ren keine abso­lute Ent­schei­dungs­ver­ant­wor­tung für spiel­ent­schei­dende Situa­tio­nen über­nom­men haben, mit einem Tech­nik­aus­fall klar? Kön­nen Sie die­sem Druck über­haupt noch stand­hal­ten oder sind sie längst zu Spiel­be­glei­tern statt Spiel­lei­tern verkommen?

Was machen wir, wenn die Hard­ware aus­fällt oder Feh­ler pro­du­ziert? Unmög­lich? In etwa genauso unmög­lich oder mög­lich wie das Phan­tom­tor Kieß­lings. Man kann es sich noch so oft anschauen: Wie genau der Ball den Weg durchs Loch fand, wird phy­si­ka­lisch immer ein Rät­sel bleiben.

Tra­di­tion und Mensch­lich­keit blei­ben auf der Strecke

Der alte Spruch stimmt immer noch: Schieds­rich­ter soll­ten Spiele nicht ent­schei­den. Die­ser Spruch bezog sich ursprüng­lich aller­dings nie auf den Ein­satz von Tech­nik son­dern schlicht auf schwa­che Schieds­rich­ter­leis­tun­gen. Was jedoch, wenn Tech­nik Spiele ent­schei­det? Dann müs­sen wir alle damit klar kom­men, dass wir immer mehr Ver­ant­wor­tung abtre­ten und das Spiel sich ändern wird.

Natür­lich geht es auch um Tra­di­tion, wie immer im Fuß­ball. Der Fuß­ball soll nicht stän­di­gen Regel­än­de­run­gen unter­lie­gen. Aber es geht sogar um mehr. Es geht um die Iden­ti­tät des Fuß­balls. Wir soll­ten uns fra­gen: Warum ist Fuß­ball immer noch der belieb­teste Sport der Welt?

Weil ganz Deutsch­land über die­ses eine Tor dis­ku­tierte und ein Gericht, besetzt mit Dok­to­ren der Rechts­wis­sen­schaft, einen abso­lut kla­ren Sach­ver­halt in einer Sit­zung, die man sich hätte spa­ren kön­nen, ent­schei­den musste, da Hof­fen­heim fin­dige Rechts­an­wälte beschäf­tigte, die sich eine juris­ti­sche Argu­men­ta­tion aus den Fin­gern saug­ten, um ein Wie­der­ho­lungs­spiel zu erzwin­gen — dem natür­lich nicht statt­ge­ge­ben wurde.

Weil in den Fave­las von Rio de Janeiro Jun­gen gegen zer­schlis­sene Leder­bälle kicken und davon träu­men, Ney­mar zu sein. Weil in Afrika bar­fü­ßige Kin­der auf stau­bi­gen Asche­plät­zen Samuel Eto’o und Didier Drogba nach­ei­fern. Weil es beim Abstiegs­spiel in der Kreis­klasse gefühlt um Leben und Tod geht.

fußball afrika

Fernab der Tor­li­ni­en­tech­nik: Die­ses Foto von Kickern in Afrika knipste unser Freund Filip Felix. Vie­len Dank dafür!

Selbst Wem­bley 1966 ist heute mehr Legende als Skan­dal. Ich will mir nicht aus­mah­len, wie sich ein Spie­ler von damals dabei füh­len muss, diese Bil­der heute zu sehen. Diese Gedan­ken: „Du hät­test Welt­meis­ter sein kön­nen mit der Tech­nik…“ Und man redet sich natür­lich ein, es genau gese­hen zu haben und der Schieds­rich­ter oder der Lini­en­rich­ter hätte es sehen müs­sen. Es macht verrückt.

All das stimmt. Und doch ist all das Teil der groß­ar­ti­gen Geschichte des emo­tio­nals­ten Sports der Welt gewor­den, der Sport­art, die Men­schen aus unzäh­li­gen Län­dern und Regio­nen auf der gan­zen Welt ver­eint: Fußball.





Diskussionskultur

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>