Die zehn Saison-Lehren


veröffentlicht am Freitag, 7. Juni 2013 10:21, von unserem Autor Marc Andruszko in Rund um den Ball. null Kommentare

Sie ist end­lich vor­bei, die Sai­son 2012/2013. Naja, nicht ganz: Immer­hin läuft noch die U21 EM in Israel, die erfreu­li­cher­weise gut von den Zuschau­ern ange­nom­men und regel­mä­ßig im TV über­tra­gen wird. Auch die TV-Landschaft soll in den zehn Saison-Lehren Erwäh­nung fin­den. Denn wir haben eini­ges gelernt.

Num­mer 1

Die Num­mer 1 der Natio­nal­mann­schaft ist und bleibt: Manuel Neuer. Der Ex-Schalker, der es den Bayern-Verantwortlichen einst wert war, sich bei den eige­nen Fans äußert unbe­liebt zu machen, zeigte in der End­phase der Sai­son seine ganze Klasse: Welt­klasse! Viele haben bereits ver­ges­sen, dass noch mit­ten in der Sai­son in Fankrei­sen dar­über dis­ku­tiert wurde, ob Adler nicht doch der bes­sere Tor­wart ist. Adler ist ein rie­si­ger Tor­hü­ter, keine Frage. Und wir kön­nen uns glück­lich schät­zen, ihn als Num­mer 2 hin­ter Neuer in der Natio­nal­mann­schaft zu haben. Doch die auf­kei­mende Dis­kus­sion war ledig­lich der Tat­sa­che geschul­det, dass sich Adler wöchent­lich mit spek­ta­ku­lä­ren Para­den und Flug­shows im unter Dau­er­be­schuss befin­den­den Ham­bur­ger Kas­ten befand, wäh­rend sich Neu­ers Arbeits­pro­ben im Bayern-Tor auf wenige Momente reduzierten.

Num­mer 2 – heute Depp, mor­gen Fußballgott

Es ist ein altes Fuß­ball­ge­setz — heute noch gefei­er­ter Star, mor­gen der große Depp, oder anders herum: der Fall Arjen Rob­ben. Der Nie­der­län­der, der sich gefühlt bereits auf der Abschuss­liste der Bay­ern befand, spielte sich in der End­phase der Sai­son in einen Rausch, ver­suchte, den Erfolg mit aller Macht zu erzwin­gen, und erzwang ihn. Wie schmal der Grat zwi­schen Depp und Fuß­ball­gott sein kann, offen­barte sich im Champions-League-Finale: Rob­ben ver­gab zahl­rei­che Hoch­ka­rä­ter gegen den über­ra­gen­den Wei­den­fel­ler. Hätte Borus­sia Dort­mund den Hen­kel­pott gewon­nen, Rob­ben wäre wahr­schein­lich der Depp des Abends gewe­sen. Doch durch sein Tor wurde er zum gefei­er­ten Mann. Gesetze im Fuß­ball ändern sich nicht. Wie lange Arjen Rob­ben aller­dings sei­nen hohen Beliebt­heits­sta­tus bei den Bay­ern hal­ten kann ist ebenso unge­wiss. Ver­let­zung, Form­krise, Ego­zen­trik und schnell wünscht man sich in Mün­chen, man hätte sich recht­zei­tig von Rob­ben getrennt.

Num­mer 3 – die Natio­nal­mann­schaft ist keine pure Leistungsgesellschaft

Es hat diese Fälle immer schon gege­ben: Spie­ler, die Tore am Fließ­band schie­ßen, Tor­hü­ter die Tore am Fließ­band ver­hin­dern. Heute sind es Kies­ling und Wei­den­fel­ler, über die wir dis­ku­tie­ren. Man erin­nere sich an Mar­tin Max, der Tor­schüt­zen­kö­nig der Bun­des­liga wurde, und dafür von Rudi Völ­ler ganze 8! Minu­ten im Natio­nal­mann­schafts­tri­kot geschenkt bekam. Die Lever­ku­se­ner soll­ten sich also in der Causa Kies­ling vor­nehm zurück­hal­ten. Kies­ling selbst geht mit der Situa­tion groß­ar­tig um, Respekt davor! Die Natio­nal­mann­schaft ist eine Mann­schaft in Ent­wick­lung, wie alle ande­ren Mann­schaf­ten auch. Es wird nie einen Bun­des­trai­ner geben, der sei­nen Kader zu jedem Spiel rein nach Sta­tis­ti­ken oder Leis­tung zusam­men­wür­felt. Doch ist es schon sehr ver­wun­der­lich, dass sich einige Spie­ler, trotz durch­schnitt­li­cher Leis­tun­gen in der Bun­des­liga und der Natio­nal­mann­schaft, seit Jah­ren hart­nä­ckig im Kader Jogis halten.

Num­mer 4 – ZDF muss in die Quali

Das ZDF muss in der Sai­son 2013/2014 in die Champions-League-Qualifikation. Denn was es in der Sai­son 2012/2013 ablie­ferte, war der Königs­klasse noch nicht ganz wür­dig. Der Kri­tik muss sich das ZDF stel­len, schließ­lich ver­feu­ert es GEZ-Gebühren (neu­er­dings Rund­funk­bei­träge) in Mil­lio­nen­höhe. Einen wirk­li­chen Mehr­wert für den Zuschauer könnte der poli­tisch inter­es­sierte Fuß­ball­fan aus dem heute-journal in der Halb­zeit­pause zie­hen. Wenn er es nicht vor­zieht, in der Halb­zeit aufs Klo oder an den Kühl­schrank zu gehen. Denn dann würde es Wer­bung genauso gut tun und Sat1 oder RTL könn­ten dar­aus die Cham­pi­ons Lea­gue pri­vat finan­zie­ren, wäh­rend wir uns eine vier­tel­stün­dige Aus­zeit geneh­mi­gen und das öffentlich-rechtliche Fern­se­hen die vom Bür­ger zur Ver­fü­gung gestell­ten Mil­lio­nen wirk­lich gewinn­brin­gend ein­set­zen könnte.

Num­mer 5 – Kabel 1 macht aus wenig ver­dammt viel

Wei­ter zu den Pri­va­ten. Kabel1 über­trägt Fuß­ball: die Europa Lea­gue und im Moment die U21 EM in Israel. So wirk­lich vor­stell­bar war nicht, dass die­ses Expe­ri­ment ver­nünf­tige Ergeb­nisse her­vor­brin­gen würde. Doch Wun­der gibt es immer wie­der. Die Macher von Kabel1 schei­nen zumin­dest ver­sucht zu haben, sich in den Zuschauer hin­ein­zu­ver­set­zen. Kna­ckige Bericht­er­stat­tung, gute Repor­ter, emo­tio­nale Kom­men­ta­to­ren und wenige lust­lose Exper­ten. Die Marke „ran“ lässt Fuß­ball­her­zen sowieso schon höher schla­gen. Wenn Bernd Schus­ter jetzt noch ein wenig leben­di­ger am Mikro wird, könnte sich der Fuß­ball­fan in Zukunft mit Kabel1 anfreunden.

Num­mer 6 – nichts ändert sich so schnell wie der Fußball

Wie lange ist es her, dass der FC Bar­ce­lona das Maß aller Dinge war? Und wie lange wird der FC Bay­ern Mün­chen das Maß aller Dinge sein? Macht­ver­hält­nisse im Fuß­ball ändern sich schnel­ler als in irgend­ei­nem ande­ren gesell­schaft­li­chen Bereich. Das Spiel ent­wi­ckelt sich immer noch, obwohl es bereits ein sagen­haf­tes Niveau erreicht hat. Dazu muss man nur ein­mal einen Klas­si­ker oder die Zusam­men­fas­sung irgend­ei­ner Meis­ter­sai­son der Bay­ern aus den 90er Jah­ren auf Sport1 sehen: Tempo, Tech­nik und Tak­tik heu­ti­ger Spiele las­sen sich damit nicht mehr ver­glei­chen. Selbst, wenn man glaubt, das Spiel befinde sich auf der höchs­ten Evo­lu­ti­ons­stufe, wird man eines bes­se­ren belehrt. Der Fall Bar­ce­lona ist ein bemer­kens­wer­ter. Denn die Mann­schaft ist nach den groß­ar­ti­gen Erfol­gen nicht etwa aus­ein­an­der­ge­fal­len. Es sind die­sel­ben Leis­tungs­trä­ger: Xavi, Iniesta, Pedro, Messi. Doch sie haben ihr Spiel nicht wei­ter­ent­wi­ckelt. Der Fuß­ball hat sich wei­ter­ent­wi­ckelt, die­ses Mal ohne sie.

Num­mer 7 – Borus­sia Dort­mund ist auf Augenhöhe

Die Dort­mun­der muss­ten zwei Meis­ter­schaf­ten gewin­nen und die Bay­ern im Champions-League-Finale vor ein Rät­sel stel­len, um der gan­zen Welt klar zu machen: Wir sind auf Augen­höhe mit den Gro­ßen Euro­pas. Schon Jose Mourinho attes­tierte den Dort­mun­dern in der Grup­pen­phase der Cham­pi­ons Lea­gue ein sehr gutes Zeug­nis. Spä­tes­tens die Anfangs­phase des Fina­les machte klar, dass die Dort­mun­der den Bay­ern auch in Zukunft im Nacken sit­zen wer­den, auch ohne Götze und wahr­schein­lich Lewan­dow­ski. Watzke, Zorc und Klopp haben hoch­ta­len­tierte Spie­ler wie de Bruyne und Eriksen ins Visier genom­men. Dazu wird ein Mann mit Rang und Namen nach Dort­mund kom­men, sollte Lewan­dow­ski gehen, womit zu rech­nen ist. Die Borus­sia wird sich ver­än­dern, aber es wird nicht ver­wun­dern, wenn Klopps Mann­schaft auch nächste Sai­son einen begeis­tern­den Fuß­ball auf höchs­tem Niveau spielt.

Num­mer 8 – Ver­trauen zahlt sich aus

Eine vor­bild­li­che Sai­son lie­ferte der FC Augs­burg ab, nicht nur in fuß­bal­le­ri­scher Hin­sicht. Die Schwa­ben aus Bay­ern mach­ten ver­dammt viel aus ihren finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten und begeis­ter­ten mit emo­tio­na­lem und teil­weise auch spie­le­risch attrak­ti­vem Fuß­ball. Es wird wenige Fans geben, die der Augs­bur­ger Mann­schaft nicht den Ver­bleib in der Bun­des­liga gegönnt haben. Ent­schei­dend war hier sicher­lich, dass die Ver­eins­füh­rung Coach Mar­kus Wein­zierl ver­traute und die­ser eine schlag­fer­tige Truppe aus Per­sön­lich­kei­ten wie Sascha Möl­ders, Über­ra­schun­gen wie Tobias Wer­ner und Glücks­grif­fen wie dem Süd­ko­rea­ner Ji Dong-won formte. Auch im rauen Fuß­ball­ge­schäft zahlt sich mensch­li­ches Ver­trauen aus.

Num­mer 9 – das größte Talent der Welt: Bundesliga

Wel­che Liga ist nun die beste Euro­pas, gleich­zei­tig auch welt­weit? Die Dis­kus­sion ist müßig, zumal sich die Ver­gleichs­kri­te­rien als schwie­rig erwei­sen, schließ­lich hat man einen direk­ten Ver­gleich nur in den euro­päi­schen Wett­be­wer­ben der Cham­pi­ons und Europa Lea­gue. Hier geben in den ent­schei­den­den K.O.-Spielen oft Tages­form oder das Quänt­chen Glück den Aus­schlag, weni­ger das gene­relle Leis­tungs­ver­mö­gen. Man sollte sich jedoch die Spiele des euro­päi­schen Mit­tel­ma­ßes anschauen. Nir­gendwo wird in der unte­ren Tabel­len­hälfte ein so anspruchs­vol­ler Ball gespielt wie in der Bun­des­liga und nir­gendwo sind Mann­schaf­ten aus der unte­ren Tabel­len­hälfte so fähig, auch ein­mal eine Mann­schaft aus der Top 5 vor eine schwie­rige Auf­gabe zu stellen.

Num­mer 10 – die Som­mer­pause ist viel zu lang

Es wird nicht lange dau­ern und wir wer­den uns wün­schen, dass der Wahn­sinn end­lich wie­der von vorn los­geht. Trä­nen trock­nen, Wun­den hei­len und auch der Erfolgs­ver­wöhn­teste wird wie­der hung­rig. Doch sollte man ver­su­chen, auch die fuß­ball­freie Zeit zu genie­ßen, denn dann wird es umso schö­ner, wenn der Ball der wie­der rollt. Solange muss sich die Fuß­ball­welt mit den täg­li­chen Trans­fer­ge­rüch­ten aus aller Welt begnü­gen, der Trans­fer­ti­cker tickt der­zeit wie­der im Sekun­den­takt. Doch ohne uns. Denn wir haben die erste Rück­runde unse­rer Blog-Karriere hin­ter uns gebracht und neh­men die Fin­ger für eine Weile von den Tas­ten. Das Leser­feed­back hat uns über­zeugt: Wir kom­men wie­der. Aus dem Som­mer­loch. Recht­zei­tig zur Sai­son 2013/2014. Mit ganz viel Lust auf neue Geschich­ten rund um den Fuß­ball. Bis dahin, danke fürs Lesen und viel Spaß beim Kicken. Wie pfle­gen es Trai­ner zu sagen: Nie abschal­ten!





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