Die Folgen des Jugendwahns


veröffentlicht am Freitag, 24. Mai 2013 08:09, von unserem Autor Michael Luczak in Rund um den Ball. null Kommentare

Deut­sches End­spiel in der Cham­pi­ons Lea­gue, unglaub­lich. Ein Spiel, das der gan­zen Liga Sta­tus und Glanz ver­leiht. Ein Spiel, bei dem deut­sche Fans nur gewin­nen kön­nen — es sei denn, sie sind Fans von Bay­ern oder Dort­mund … oder Schalke. Aber genug der gries­grä­mi­gen und zyni­schen Kor­rek­tu­ren, die Bun­des­liga und der deut­sche Fuß­ball sind end­lich das Maß aller Dinge — oder etwa doch nicht? Sieht man ein­mal von den bei­den gro­ßen deut­schen Ver­ei­nen der letz­ten Jahre ab, stellt sich schon ein ganz ande­res Bild dar.

Dort­mund und Bay­ern überstrahlen

Kei­ner der übri­gen deut­schen Ver­tre­ter konnte in die­ser Sai­son im euro­päi­schen Wett­be­werb beson­ders über­zeu­gen. Sicher, noch vor einem hal­ben Jahr jubel­ten deut­sche Zei­tun­gen noch dar­über, dass zum ers­ten mal sie­ben Bun­des­li­gis­ten in einer Sai­son den Schritt in die KO-Phase der inter­na­tio­na­len Wett­be­werbe geschafft hat­ten, aber seit der Win­ter­pause hat sich die Situa­tion dra­ma­tisch geän­dert. Seit dem Vier­tel­fi­nale ver­blei­ben nur noch die gro­ßen Zwei im inter­na­tio­na­len Wett­be­werb. Andere deut­sche Ver­eine haben dabei teil­weise Par­tien gegen Geg­ner ver­lo­ren, die mit den vor­han­de­nen Spie­ler­ka­dern defi­ni­tiv schlag­bar gewe­sen wären.

Thomas Müller Jugendwahn Talent Bundesliga

Ein Talent, das den deut­schen Fuß­ball seit Jah­ren prägt: Tho­mas Mül­ler. Foto: Steindy / flickr.com

In der Fünf­jah­res­wer­tung der Uefa liegt die Bun­des­liga für die­ses Jahr trotz einem über­ra­gen­den Start und zweier CL-Finalisten ledig­lich auf Rang zwei hin­ter Spa­nien und etwa gleich­auf mit Eng­land. Also sind die Hur­ra­rufe wohl doch ver­früht. Die Bun­des­liga ist nicht so stark wie sie nun viel­leicht erscheint, ledig­lich die zwei Ano­ma­lien Borus­sia Dort­mund und Bay­ern Mün­chen haben offen­bar genug Qua­li­tät für die euro­päi­schen Wett­be­werbe. Das lässt sich auch an der gera­dezu spie­le­ri­schen Über­le­gen­heit able­sen, mit der die bei­den Ver­eine die Liga in den letz­ten Jah­ren beherrscht haben.

Die inter­na­tio­nale Evo­lu­tion Dortmunds

Dabei ist schnell ver­ges­sen, dass auch Dort­mund letzte Sai­son in Europa eine schwere Zeit hatte. Die Sai­son davor in der Europa Lea­gue war nicht viel bes­ser. Das sollte aller­dings nie­man­den ver­wun­dern, denn dafür gibt es gute Gründe. Das Durch­schnitts­al­ter der Dort­mun­der Mann­schaft, die in der Europa Lea­gue in der Vor­runde aus­schied, lag bei 24,7 Jah­ren. Ein Jahr spä­ter war der ein­zige Spie­ler mit Champions-League-Erfahrung der damals wenig ein­ge­setzte, oft ver­letzte Sebas­tian Kehl. Wenig ver­wun­der­lich also, dass die Spie­ler weit unter ihren Mög­lich­kei­ten blie­ben. Wer die Spiele gese­hen hat weiß, dass der Man­gel an Erfah­rung der Haupt­grund für das Aus­schei­den in bei­den Jah­ren war.

Die erste Sai­son zurück in Europa ver­brach­ten die Dort­mun­der vor allem damit, sich über die unsau­be­ren Metho­den ihrer Geg­ner zu beschwe­ren. Dabei ver­ga­ßen sie das Tore­schie­ßen. Die zweite Sai­son erscheint im Rück­spie­gel noch prä­gnan­ter. Dort­mund war in so gut wie jedem Spiel über­le­gen, pro­du­zierte die bes­se­ren Chan­cen und ließ weni­ger zu als der Geg­ner, aber man­gelnde Ruhe vor bei­den Toren sorg­ten für spek­ta­ku­läre Fehl­schüsse und haar­sträu­bende Abwehrfehler.

Ähn­lich ging es vie­len deut­schen Mann­schaf­ten in den letz­ten drei Jah­ren: gut gespielt und trotz­dem ver­lo­ren. Was all diese Mann­schaf­ten ver­bin­det ist ein extre­mer Man­gel an Erfah­rung. Etwa 2,5 Jahre ist die Bun­des­liga im Durch­schnitt jün­ger als die Pre­mier Lea­gue, wel­che lange als Maß­stab für erfolg­rei­chen Fuß­ball galt. Die­ser Alters­un­ter­schied macht sich dann auch in wich­ti­gen inter­na­tio­na­len Spie­len bemerk­bar. Inter­es­san­ter­weise ist es gerade Han­no­ver, das sich gegen den Trend stemmt und in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren eher über als unter den eige­nen Mög­lich­kei­ten gespielt hat. Han­no­ver ist die älteste Mann­schaft der Bundesliga.

Talente en masse

Julian Draxler Schalke 04

Julian Drax­ler: Schalke 04 setzt auf ihn. Nicht, weil er jün­ger als andere Spie­ler ist, son­dern weil er bereits in jun­gen Jah­ren stär­ker ist. Foto: DerHans04 / wiki­me­dia commons

Wer nun aber glaubt, die deut­schen Ver­eine wür­den ihren Jugend­wahn dem Erfolg auf euro­päi­scher Ebene voran stel­len, ist auf dem Holz­weg. Die Alters­struk­tur der Liga ist natür­lich gewach­sen und hängt mit ihrem rasan­ten Auf­stieg zusam­men. In all der gerade auf­kom­men­den Eupho­rie ist schnell ver­ges­sen, dass die Bun­des­liga vor nicht allzu lan­ger Zeit noch mit der rumä­ni­schen Liga um ihren drit­ten Champions-League-Platz gekämpft hat. Die Pro­fis, die sich für die­sen Mei­len­stein deut­scher Fuß­ball­ge­schichte ver­ant­wort­lich zeich­nen, spiel­ten bis vor kur­zem noch immer mehr­heit­lich in der Bun­des­liga. Ersetzt wur­den sie seit­dem durch junge, auf­stre­bende Talente, Pro­dukte der her­aus­ra­gen­den Jugend­ar­beit in Deutsch­land seit 2001. Talente und Erfolg hän­gen dabei direkt mit­ein­an­der zusam­men. Diese Talente ste­hen nicht in der Start­elf, weil die Bun­des­liga auf Kon­ti­nui­tät und Nähe zur Region setzt, wie die Bundesliga-Propagandisten die Liga als Gegen­ent­wurf zur Pre­mier Lea­gue ver­kau­fen wol­len, son­dern weil sie trotz ihrer jun­gen Jahre schlicht bes­ser sind als die alt­ge­dien­ten und erfah­re­nen, aber sonst höchs­tens mit­tel­mä­ßi­gen Stamm­spie­ler ver­gan­ge­ner Tage. So kommt es eben, dass ein 19-jähriger Julian Drax­ler bei Schalke 04 abso­lu­ter Stamm­spie­ler und Leis­tungs­trä­ger ist und bereits über 100 Spiele für den Ver­ein absol­viert hat.

Die Flut an Talen­ten auf den Mann­schafts­bö­gen der deut­schen Ver­eine führt zu ins­ge­samt über­durch­schnitt­li­chen Leis­tun­gen, aller­dings natür­lich auch dazu, dass die Mann­schaf­ten gerade in den ent­schei­den­den Spie­len in Europa oft die Kalt­schnäu­zig­keit ver­mis­sen las­sen und es nicht schaf­fen, ihre beste Leis­tung zu zei­gen. In nicht ganz so fer­ner Zukunft gibt es also viel, wor­auf man sich als Fan des deut­schen Fuß­balls freuen kann. Fans von Mann­schaf­ten, die zur Zeit nicht zu den gro­ßen Zwei gehö­ren, kön­nen auf die immer noch anhal­tende Schwemme an Talen­ten hof­fen und einen dort­mund­haf­ten Auf­stieg ihres Teams für abso­lut mög­lich hal­ten. Kaum eine andere euro­päi­sche Liga ist momen­tan so sehr nach oben offen, befin­det sich so sehr im Flux wie die Bundesliga.

Zukunft des Jugendwahns

Was Europa angeht, sollte der Jugend­wahn bald ein Ende haben. Es ist nur schwer vor­stell­bar, dass Spie­ler wie Mül­ler, Reus oder Höwedes bald durch jün­gere, weit­aus talen­tier­tere Spie­ler ersetzt wer­den. Außer­dem sind diese Spie­ler bereits erfah­rene Pro­fis, trotz ihrer jun­gen Jahre, was das dies­jäh­rige Finale zeigt. Wäh­rend die ehe­ma­li­gen Talente zu gestan­de­nen Pro­fis wer­den und die Mann­schaf­ten wei­ter punk­tu­ell durch wei­tere Talente ver­stärkt wer­den, sollte sich der Erfolg auch für jene Ver­eine ein­stel­len, die in den letz­ten Jah­ren in Europa noch unter ihren Mög­lich­kei­ten geblie­ben sind, so wie es bei Dort­mund über die letz­ten drei Jahre der Fall war.

Bundesliga in Wembley

Wer macht sich in Wem­bley unsterb­lich? Der BVB oder die Bay­ern? Foto: bra­ve­he­art­sports / flickr.com

Die­ses Traum­sze­na­rio für den deut­schen Fuß­ball setzt aller­dings vor­aus, dass die deut­schen Ver­eine wei­ter ruhig und beson­nen arbei­ten und nicht immer wie­der das Tafel­sil­ber an den Meist­bie­ten­den ver­scha­chern. Ver­kau­fen die deut­schen Ver­eine jetzt ihre Jung­pro­fis nach Eng­land, Spa­nien oder an einen Scheich­club, fehlt spä­ter die Basis erfah­re­ner Spie­ler. Ein ein­fa­ches Erset­zen durch neue Talente würde die Bun­des­liga zum Fußball-Entwicklungsland degra­die­ren. Immer auf dem Weg nach oben, ohne jemals anzukommen.

Der deut­sche Fuß­ball braucht keine Stars. Deut­sche Ver­eine müs­sen nicht Robin van Per­sie und Cris­ti­ano Ronaldo kau­fen, um an die Spitze Euro­pas zu gelan­gen. Sie müs­sen nur ver­hin­dern, dass der Talent­schwund zu groß wird, denn wäh­rend aus den viel­ver­spre­chen­den Talen­ten inter­na­tio­nale Spit­zen­spie­ler wer­den, ver­schiebt sich die Welt­spitze von alleine in Rich­tung Bun­des­liga. Solange nie­mand in Panik ver­fällt ist der Auf­stieg der Liga unaufhaltsam.





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