Auf den Spuren des besten Spielers der Welt


veröffentlicht am Montag, 22. April 2013 11:35, von unserem Autor Benjamin Heberling in Rund um den Ball. null Kommentare

In weni­gen Tagen ste­hen die Halb­fi­nal­spiele der Cham­pi­ons Lea­gue an. Die Fuß­ball­welt hält den Atem an und ins­be­son­dere Europa freut sich auf zwei Paa­run­gen, die reprä­sen­ta­tiv für die Ent­wick­lung der letz­ten Jahre sind. Nuan­cen wer­den über Sieg und Nie­der­lage entscheiden.

Die letz­ten Vier

Der FC Bay­ern ist auf einem groß­ar­ti­gen Weg, die bit­tere Nie­der­lage des letz­ten Jah­res ver­ges­sen zu machen – die Art und Weise ist gerade ob die­ser Tra­gik bemer­kens­wert. Borus­sia Dort­mund hatte vor die­ser Sai­son nie­mand auf der Rech­nung, das Lehr­geld der ver­gan­ge­nen Sai­son trägt Früchte. Die bei­den spa­ni­schen Mann­schaf­ten sind mehr oder weni­ger erwar­tungs­ge­mäß unter den letz­ten Vier, wobei der Weg nicht so linear wie erwar­tet war. Ange­kom­men sind sie alle, doch nur zwei Teams kom­men wei­ter. Was auf­fällt sind die umge­kehr­ten Vor­zei­chen, noch vor einem Jahr stan­den die Sterne zuguns­ten der Spa­nier, heute spricht man von Begeg­nun­gen auf Augen­höhe. Der deut­sche Fuß­ball evolviert.

Schau­lau­fen im Gar­ten der Götter

Beson­ders die Par­tie Bayern-Barcelona ver­spricht eine sport­li­che Stern­stunde, von der Spiel­an­lage tref­fen die bei­den stärks­ten Teams auf­ein­an­der. Die Fuß­ball­welt wäre über ein Wei­ter­kom­men der Münch­ner nicht erstaunt, dabei ist Bar­ce­lo­nas Stil für den Fuß­ball, was der Stein der Wei­sen für den Alchemisten.

Camp Nou Tiki Taka

Der Ort, an dem sich die Blau­grana in ihren berühm­ten Tiki-Taka-Rausch spie­len kann: Camp Nou, Bar­ce­lona. Foto: Mar­cus Unger / worldtravelguide.net

Die Domi­nanz der letz­ten vier Jahre war fast beängs­ti­gend, 2009 und 2011 bezwan­gen sie im Finale Man­ches­ter United, 2010 und 2012 schei­ter­ten sie im Halb­fi­nale am spä­te­ren Sie­ger. Es scheint sich eine per­sis­tente Regel zu eta­blie­ren: Wer Barça aus dem Tur­nier wirft, gewinnt den Pott. Bay­ern ist in einer unglaub­li­chen Ver­fas­sung, men­tal und spie­le­risch auf dem Weg zum Olymp und scheint durch die Breite des Kaders zumin­dest in der Bun­des­liga auch unter Fluk­tua­tion nicht ver­letz­bar. Die Kata­la­nen haben noch bes­sere Ein­zel­spie­ler, sie sind genauso erfolgs­ver­wöhnt und konn­ten ihre Leis­tun­gen in den letz­ten Jah­ren mit deut­lich mehr Titeln vergolden.

Spie­ler wir Piqué, Alves und Fàb­re­gas rei­hen sich naht­los ein in das Star­en­sem­ble, doch es wird dar­auf ankom­men, den „Bes­ten der Bes­ten“ in den Griff zu bekom­men: Messi. Man kann ihn prak­tisch nicht aus dem Spiel neh­men, aber man kann mit einer nahezu per­fek­ten und cou­ra­gier­ten Defen­siv­leis­tung seine Zulie­fe­rer ein­gren­zen und somit seine Blüte ver­hin­dern. Bar­ce­lona hat sich die­ses Jahr ver­wund­bar gezeigt, die Bay­ern fürch­ten sie nicht, sie haben den not­wen­di­gen Respekt. Mandzu­kic wird im Hin­spiel nicht dabei sein, die Chance für Gomez, der ein­drück­lich unter Beweis gestellt hat, dass er im Mikro­kos­mos Bun­des­liga auch ohne Stamm­platz ein Aus­nah­me­tor­jä­ger bleibt.

La pulga

Messi — ein Name der nicht von unge­fähr kommt. Im Volks­mund steht das „Messie-Syndrom“ für extreme Unord­nung und Chao­tik, gar für psy­chi­sche Störungen.

Das, was der 25-jährige Gold­junge aus Rosa­rio auf dem grü­nen Ban­kett zeigt, hat auch etwas von Chaos und den psy­cho­lo­gi­schen Effekt, den er auf seine Gegen­spie­ler hat, möchte ich nicht als gänz­lich gesund bezeich­nen. Seine Bewe­gun­gen sind nicht offen­sicht­lich, nicht abzu­se­hen, nicht zu ver­hin­dern. Der Geg­ner ist macht­los und das obwohl er sich selbst auf dem Niveau der Welt­klasse bewegt.

Messi verteidigen

Unge­wohnte Frei­heit: So ein­sam steht Lio­nel Messi sel­ten auf dem Platz. Foto: Oemar / flickr.com

Betrach­tet man die letz­ten Auf­ritte in der Königs­klasse, dann weiß man nicht wie man ihn auf­hal­ten soll. Im Rück­spiel des Ach­tel­fi­na­les hat der kata­la­ni­sche Fuß­ball­club den AC Milan nach allen Regeln der Kunst zer­legt. Für den Fuß­ball­fein­schme­cker per­fekt ser­vierte Rin­der­fi­let­spit­zen in Cal­va­dos­rahm, deren Schön­heit für 90 Minu­ten den Gau­men beflü­geln. Lafer und Lich­ter in Per­son von Mourinho und Klopp wer­den dafür Jahre brau­chen, nein: ihr Leben lang wer­den sie schmoren.

Die Mann­schaft stand schwer unter Druck, die Presse hetzte und die Kri­ti­ker sahen end­lich die Zeit gekom­men, in der Barça seine fast schon beängs­ti­gende Vor­macht­stel­lung ver­liert. Die gro­ßen Gazet­ten schrie­ben dem Club wochen­lang eine Krise zu. Die Medien schür­ten Feuer, schaff­ten Druck wie sie es immer tun, bei Barça ganz beson­ders. Viel­leicht weil für die große All­ge­mein­heit Domi­nanz ein ungern gese­he­nes Phä­no­men ist. Doch die Kata­la­nen strau­chel­ten nicht, sie besan­nen sich auf ihre alte Stär­ken, auf Ball­be­sitz, Spiel­freude und die Gewiss­heit, Spie­ler in den Rei­hen zu haben, die als „cut­ting edge“ der Speer­spitze den Geg­ner vom Ross stürzen.

Wer unter solch einem Druck zu einer der­ar­ti­gen Leis­tung fähig ist, der ist mei­ner Mei­nung nach immer noch der Pri­mus der Bel­etage des mon­dia­len Fuß­balls. Die Ästhe­tik, die Prä­zi­sion und die Gna­den­lo­sig­keit, die der FC Bar­ce­lona ver­sprüht, suchen wei­ter­hin ihresgleichen.

Der FC Bay­ern spielt eine famose Sai­son, die Fort­schritte auf jed­we­der Ebene sind unver­kenn­bar, Mün­chen spielt in Deutsch­land eine Liga für sich, der FC Bar­ce­lona ist DIE Hürde im inter­na­tio­na­len Wett­be­werb. Die Blau­grana steht am Ende der Nah­rungs­kette und bleibt ein evol­vier­tes Alpha­männ­chen, wäh­rend die Kon­kur­renz kon­ti­nu­ier­lich an Beta­blo­ckern arbei­tet, zum Teil mit Erfolg. Doch in Top­form ist der FC Bar­ce­lona nach wie vor das Maß aller Dinge für den neu­tra­len und ästhe­tisch bewuss­ten Betrachter.

Die jüngs­ten Geniestreiche

Lässt man die letz­ten drei Tref­fer von Lio­nel Messi in der Königs­klasse noch ein­mal Revue pas­sie­ren, erkennt man die ganze Klasse, die er ver­kör­pert – er macht schlicht­weg den Unter­schied und diese Aus­sage schmä­lert kei­nes­wegs die Leis­tung sei­ner Mitspieler.

Der AC Milan ist für seine Defen­sive bekannt, gegen Messi war sie macht­los. Nach fünf Minu­ten klin­gelte es zum ers­ten Mal, der Argen­ti­nier bekommt einen Dop­pel­pass 17 Meter vorm geg­ne­ri­schen Tor zurück, sechs Mai­län­der ste­hen im Radius von drei Metern um ihn herum, Messi erkennt die ein­zige Lücke und schlenzt die Kugel in den Knick – Abbiati ist ohne Gegen­wehr, er emp­fängt den Tref­fer wie 9-jährige die Erstkommunion.

Beim 2–0 sieht Mexès nicht groß­ar­tig schlecht aus, er ver­hin­dert was zu ver­hin­dern ist, doch seine Mit­tel sind dem Gegen­über nicht ange­mes­sen. Nach einem Ball­ver­lust im Spiel­auf­bau passt Iniesta schnell auf Messi, der kommt von halb­rechts: es gibt nur einen Weg in die Mitte, Mexés ist da, doch in Blit­zes­schnelle liegt die Kugel auf dem Lin­ken, rechts unten schlägt der Ball ein.

In Paris ereilt ihn ein Außen­rist­ball von halb­rechts tief in der lin­ken Sech­zehner­hälfte, nur wenige Spie­ler anti­zi­pie­ren so schnell und gehen die­sen Weg, aus vol­lem Lauf trifft er mit dem ers­ten Kon­takt per­fekt die lange Ecke. Ein Tref­fer, der das Spiel auf den Kopf stellt, genau wie das 2–0 gegen Milan. Das geg­ne­ri­sche Team hatte jeweils Sekun­den zuvor die Chance alles in andere Wege zu lei­ten, zwei­mal stand der Pfos­ten im Weg.

Es ist der schmale Grat, der zwi­schen Sieg und Nie­der­lage ent­schei­det. Messi kann der per­so­ni­fi­zierte Schei­tel­punkt der Para­bel eines jeden Fuß­ball­spiels sein und fast immer schöpft er seine Mög­lich­kei­ten ein­drück­lich aus. Cris­ti­ano Ronaldo ist ähn­lich effek­tiv, hat viel­leicht noch mehr für seine Fähig­kei­ten gear­bei­tet, doch Mes­sis Genius sucht mei­ner Ansicht nach sei­nes gleichen.

Der Genius und des­sen Evolution

Man stellt sich manch­mal die Frage, woher sie kommt, diese Über­le­gen­heit, diese trenn­scharfe Abgren­zung vom Rest der Welt, diese Eigen­tüm­lich­keit und diese Schön­heit. In ers­ter Linie ent­schei­den die Qua­li­tät der Aus­bil­dung, das essen­ti­elle Talent und die mensch­li­che Ent­wick­lung. Bestimmt spie­geln sich aber auch tiefe und uner­gründ­bare Werte wie­der wie die Kul­tur, die den ange­bo­re­nen Genius begrün­det und ihn erhält. Argen­ti­nien ist ein schö­nes wei­tes Land, es hat einige Pro­bleme, die Bür­ger sind stolz und tra­gen die­ses Wert­ge­fühl gerne nach außen.

Messi bester Spieler der Welt

Die Haare sind mitt­ler­weile kür­zer, das Genie noch grö­ßer, als wir es 2008 erah­nen konn­ten. Foto: Tiago Cata / flickr.com

Wer schon ein­mal das Ver­gnü­gen hatte auf argen­ti­ni­schem Boden Fuß­ball zu spie­len, der erkennt die spie­le­ri­sche Eigen­liebe und den unbän­di­gen Offen­siv­drang. Beim Fünf-gegen-Fünf denkt kei­ner ans Ver­tei­di­gen und die Anti­pa­thie gegen ihre eigene Spiel­hälfte kön­nen sie nie­mals able­gen. Sie spie­len für ihr Leben gerne, unbe­küm­mert, ohne nach­zu­den­ken und instink­tiv – viel­leicht des­we­gen offen­siv so erfolg­reich. Messi ist alles was das argen­ti­ni­sche Blut ver­ei­nigt, er hat das Talent, bekam die rich­tige För­de­rung zur not­wen­di­gen Zeit und er ging den Weg, der ihn zum bes­ten Fuß­bal­ler der Welt macht.

Wis­sen­schaft­ler ver­su­chen ihn zu ergrün­den und bezeich­nen ihn als in sei­nen kogni­ti­ven Fähig­kei­ten als per­fekt ent­wi­ckelt, Messi ist reins­ter Dar­wi­nis­mus. Er nimmt auf dem Spiel­feld mehr Infor­ma­tio­nen wahr, sieht Räume die andere nicht sehen und erkennt Situa­tio­nen bevor sie ent­ste­hen. Er hat die­sen Sport tief ver­in­ner­licht und kon­zen­triert sich auf das Wesent­li­che, da seine Tech­nik und Bewe­gungs­ab­läufe per­fek­tio­niert sind und in Rou­ti­nen statt­fin­den. Das ist der Grund, warum er gegen Milan von sechs Spie­lern umge­ben aus einer fast aus­sichts­lo­sen Situa­tion den­noch trifft, er ist dem Geg­ner auch dank sei­ner schnel­len Tritt­fre­quenz immer einen Schritt voraus.

Sein Genius lebt von den voll­ends aus­ge­bil­de­ten Fähig­kei­ten, dem Erfah­rungs­schatz jah­re­lan­ger Welt­klasse und der Leich­tig­keit sei­ner Spiel­an­lage. Als objek­ti­ver Betrach­ter schätzt ihn als ruhige und loyale Per­son ein, die um ihre Stär­ken weiß und schätzt wem sie deren For­cie­rung zu ver­dan­ken hat. Mit 13 Jah­ren kam er nach Bar­ce­lona, eine vom Club finan­zierte Hor­mon­the­ra­pie sollte seine Wachs­tums­rück­stände aus­glei­chen. Es war ein Mei­len­stein und der Auf­takt einer gro­ßen Kar­riere, Messi fand die best­mög­li­che Umwelt, um sein Talent zu per­fek­tio­nie­ren, er lebt von die­ser Aus­bil­dung und folg­lich von den Fähig­kei­ten sei­ner Mit­spie­ler, die eben­falls in die­ser Nach­wuchs­ab­tei­lung geformt wur­den. Johann Cruyff gilt als „Vater des schö­nen Spiels. Der Nie­der­län­der hat den Spiel­stil Bar­ce­lo­nas und somit auch den der spa­ni­schen Natio­nal­mann­schaft maß­geb­lich geprägt und den Weg geeb­net für die Prin­zi­pen Ball­be­sitz, Krea­ti­vi­tät und Spiel­kon­trolle. Der Wer­de­gang Mes­sis ist das Ergeb­nis einer his­to­risch gepräg­ten pfad­ab­hän­gi­gen Entwicklung.

Marodonna Messi bester Spieler

Für viele Argen­ti­nier immer noch der größte Spie­ler aller Zei­ten, trotz Mes­sis außer­ir­di­schen Tor­quo­ten. Foto: Ben­ja­min Heberling

Man darf gespannt sein wohin diese noch führt. Am Diens­tag ist der nächste Tag, um Geschichte zu schrei­ben. His­to­rie spielt im Fuß­ball eine große Rolle, mit gro­ßen Titeln ver­gol­den Spie­ler ihre Namen und machen sie unver­wüst­lich für die Ewig­keit. Viel­leicht ist das der Grund, dass in Argen­ti­nien Diego Mara­dona trotz Mes­sis Rekor­den immer noch als unan­tast­bar gilt. Fragt man einen Argen­ti­nier, wer bes­ser ist, bekommt man immer die­selbe Ant­wort: Mara­dona. Die Begrün­dung? Nicht not­wen­dig, weil „indis­pu­ta­ble“! Doch die nächste Welt­meis­ter­schaft wartet.





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