Post für Wolfgang Stark


veröffentlicht am Freitag, 14. Dezember 2012 20:51, von unserem Autor Marc Andruszko in Post vom Schlenzer.

Sehr geehr­ter Wolf­gang Stark, Sie haben mit Ihrem Pfiff voll dane­ben gele­gen. Nein, ich bin kein BVB-Fan. Ich liebe die Spiel­weise der Borus­sia. Aber das tut hier nichts zur Sache. Und doch habe ich mich wahn­sin­nig über die­sen Hand­elf­me­ter ver­bun­den mit der roten Karte für Schmel­zer geär­gert. Ich dachte mal wie­der: Diese ver­damm­ten Hand­ent­schei­dun­gen. Wo fängt die unna­tür­li­che Hand­be­we­gung an?  Wo hört die natür­li­che Hand­be­we­gung auf? Bis heute kön­nen wir stun­den­lang dar­über diskutieren.

Sie, Herr Stark, müs­sen in einer Mil­li­se­kunde ent­schei­den, wäh­rend Ihre Assis­ten­ten drau­ßen schwei­gen oder Ihnen unver­ständ­li­che Satz­fet­zen in den Funk schreien, die nicht gegen die Geräusch­ku­lisse von 80.000 Men­schen ankommen.

80.000 Zuschauer im Signal Iduna Park und Mil­lio­nen vor den Fern­se­hern sehen Mar­cel Schmel­zer wie er ver­sucht in letz­ter Sekunde die Hände ganz eng an den Kör­per zu bekom­men. Wie er sich bewusst für diese Hand­hal­tung ent­schei­det, ähn­lich den vor­sich­ti­gen Ver­tei­di­gern, die ihre Hände im Straf­raum hin­ter den Rücken neh­men, um den Ball nicht zufäl­lig an die Hand zu bekommen.

Hand­elf­me­ter zu pro­vo­zie­ren ist zu einer Dis­zi­plin gewor­den. Es ist dis­kre­ter als das aus­ge­streckte Bein zu suchen und sich vor­schnell fal­len zu las­sen. Man ris­kiert keine Beschimp­fun­gen als Schwalbe oder gelbe Kar­ten. Wenn man gerade kei­nen krea­ti­ven Moment hat, schießt man oppor­tu­nis­tisch aus kür­zes­ter Dis­tanz halb­hoch auf den Ver­tei­di­ger und rekla­miert laut­stark Hand­spiel. Ein auf­merk­sa­mer, reak­ti­ons­schnel­ler Ver­tei­di­ger anti­zi­piert dies und legt die Hände an: genau wie in die­ser einen Situa­tion Mar­cel Schmelzer.

Und doch haben Sie gepfif­fen, Herr Stark. Nur Sie wis­sen, was Sie in die­ser Sekunde wahr­ge­nom­men haben. Viel­leicht woll­ten Sie sich fest­le­gen, woll­ten nicht zwei­feln oder mit sich hadern son­dern jetzt sofort eine Ent­schei­dung – und sei sie noch so unpo­pu­lär – treffen.

Sie sind bekannt für Ihr reso­lu­tes Auf­tre­ten. Ich erin­nere mich an das Skan­dal­spiel in Düs­sel­dorf. Wie Sie diese durch­ge­knallte Par­tie ordent­lich über die Bühne gebracht haben als ich mir bereits sicher war, dass Sie nicht mehr anpfei­fen son­dern sich in Ihre Kabine ver­krie­chen würden.

Aber danach: Was ereig­nete sich mit Lell? Und erst recht: Wie kann ein als Mus­ter­profi bekann­ter Typ wie Kobia­sh­vili Sie schla­gen, den Sparkassen-Angestellten aus Lands­hut mit dem net­ten bay­ri­schen Dialekt.

Lell ist weg. Bei UD Levante in Spa­nien. Die BILD-Zeitung wird die­sen Trans­fer wohl ungern gese­hen haben. Kobia­sh­vili ist weg. Immer noch gesperrt.

Sie, Herr Stark, sind immer noch da. Und ich möchte Ihnen sagen, dass ich Ihre Ent­schei­dung immer noch nicht nach­voll­zie­hen kann. Doch gebührt das sofor­tige Ein­räu­men Ihres Feh­lers vor den Fern­seh­ka­me­ras größ­ten Respekt. Ich hoffe, dass sich wei­tere Schieds­rich­ter Ihrem Bei­spiel anneh­men wer­den und wir im Fuß­ball ehr­li­cher mit Feh­lern umgehen.

Warum nun öffent­lich wurde, dass Sie keine Spiele von Borus­sia Dort­mund mehr pfei­fen wer­den, ist mir völ­lig unklar. Wer auch immer diese Infor­ma­tion in Umlauf brachte hat nichts gelernt: vom öffent­li­chen Druck, der auf Pro­fi­sport­lern ebenso wie Schieds­rich­tern, man erin­nere sich an Robert Enke und Babak Rafati, las­tet. Es hätte völ­lig gereicht, wenn der DFB Ihnen intern diese Mit­tei­lung gemacht und mit Ihnen über die Fehl­ent­schei­dung gespro­chen hätte.

Schieds­rich­ter wer­den wei­ter­hin ent­schei­dende Feh­ler machen, genauso wie Spie­ler. Nur so bleibt unser Fuß­ball leben­dig und genauso wie wir ihn lie­ben. Ein feh­ler­freier Fuß­ball wäre unmenschlich.

In die­sem Sinne: Pfei­fen Sie wei­ter furcht­los und geben Sie Ihre Fehl­ent­schei­dun­gen zu.

Sport­li­che Grüße,

Marc Andruszko

 





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