Post für Toni Kroos


veröffentlicht am Donnerstag, 23. Januar 2014 17:20, von unserem Autor Marc Andruszko in Post vom Schlenzer. null Kommentare

Sehr geehr­ter Toni Kroos,

es muss im Früh­jahr 2008 gewe­sen sein, als ich Sie das erste Mal wirk­lich wahr­nahm. Natür­lich kannte ich den Namen Toni Kroos schon vor­her, ich wusste: Jugend­ta­lent von Hansa Ros­tock, über­ra­gen­der Jugend-Nationalspieler, Wech­sel zu Bay­ern Mün­chen, fortan als größ­tes deut­sches Talent gehan­delt. Aber schon viele haben ihr Talent vergeudet…

Es war im Sta­dion an der Grün­wal­der Straße, der alten Bas­tion von 1860 Mün­chen. Ich hatte mit­tig auf der Haupt­tri­büne platz­ge­nom­men – es hat­ten sich nur wenige Fuß­ball­ver­rückte an die­sem Tag ins Sta­dion zu die­sem Spiel in der Regio­nal­liga Süd ver­irrt. Vor mir war eine kom­plette Reihe frei – auf die Sitz­scha­len hatte jemand in Eile hand­ge­schrie­bene Papier­zet­tel mit Tesa­film geklebt: „RESERVIERT“.

Der 18-jährige Toni Kroos lief für Bay­ern Mün­chen II in die­sem wenig beach­te­ten Spiel in die­sem alt­ehr­wür­di­gen aber auch bau­fäl­li­gen und nur in den Augen von Nost­al­gi­kern glanz­vol­len Sta­dion auf.

Kurz nach Spiel­be­ginn bewegte sich eine Gruppe sport­lich geklei­de­ter Män­ner durch mein Sicht­feld über die Haupt­tri­büne. Es war Jür­gen Klins­mann samt Trai­ner­team. Klins­mann, ganz kali­for­ni­scher Son­ny­boy, strahlte braun­ge­brannt über die gesamte, nahezu men­schen­leere Haupt­tri­büne. Es hätte mich nicht gewun­dert, wenn er sich jedem Ein­zel­nen, der sich hier­her ver­irrt hatte, grin­send vor­ge­stellt hätte: „Hallo, ich bin der Jürgen.“

Jür­gen Klins­mann, zu die­sem Zeit­punkt eupho­risch auf seine neue Auf­gabe beim FCB ein­ge­stellt und noch mit einem Volks­held ähn­li­chen Sta­tus durch die WM 2006 geseg­net, nahm auf der reser­vier­ten Sitz­schale vor mir Platz und wollte sich offen­sicht­lich pflicht­be­wusst die­sen jun­gen Toni Kroos ansehen.

Toni Kroos

Foto: Michael Kra­ne­wit­ter, Wiki­me­dia commons

Herr Kroos, ich erin­nere mich nicht genau daran, was Sie mit dem Ball anstell­ten, aber ich weiß noch, dass die Erkennt­nis aus die­sem Spiel mich umhaute. Ich rief noch auf dem Weg aus dem Sta­dion zur U-Bahn-Station einen Men­schen an, der genauso fuß­ball­ver­rückt ist wie ich und sagte ihm ohne Umschweife: „Ich habe Toni Kroos gese­hen. Ich habe noch nie jeman­den so intel­li­gent spie­len sehen wie ihn.“

Ich habe keine Ahnung, was Jür­gen Klins­mann oder irgend­ein ande­rer Bayern-Funktionär damals in Ihnen gese­hen hat und letzt­end­lich kann man ihnen kei­nen Feh­ler dafür ankrei­den, Sie damals nach Lever­ku­sen aus­ge­lie­hen zu haben. Denn unter Jupp Heynckes, spä­ter dann Ihr Trai­ner bei Bay­ern Mün­chen, haben Sie den wirk­li­chen Durch­bruch im Pro­fi­fuß­ball geschafft und heute sind Sie einer der bedeu­tends­ten deut­schen Fußballer.

Aber: Es lag damals schon auf der Hand, in eben jenem Regionalliga-Süd-Spiel. Sie haben mit Ihren knapp 18 Jah­ren den Ball magisch ange­zo­gen, Lösun­gen für die unmög­lichs­ten Situa­tio­nen gefun­den als hät­ten Sie eine Fußball-Enzyklopädie im Kopf und schlu­gen 50-Meter-Diagonalpässe auf den gro­ßen Zeh Ihres sich im Vollsprint befin­den­den Mitspielers.

Bis heute muss ich an die­ses Spiel und an die anschlie­ßende Erkennt­nis den­ken: Toni Kroos ist nicht das typi­sche Talent, nicht der Zau­be­rer, nicht der Trick­ser, nicht der Super­ath­let. Was ich sah: Er liest mit 18 Jah­ren das Spiel wie ein 36-jähriger Welt­klas­se­spie­ler an einem Sahnetag.

Toni Kroos, wenn ich Sie spie­len sehe, dann glaube ich, dass Sie tau­sende Bil­der vom Spiel­feld im Kopf haben – so wie ein Schach­spie­ler tau­sende Bil­der von Schach­bret­tern vor sei­nem inne­ren Auge sieht und für jede Posi­tion auf dem Brett den lösen­den Zug parat hat. Sie spie­len mit nun erst 24 Jah­ren schon mit einer kon­stan­ten Domi­nanz wie Schwein­stei­ger und Xavi in Top­form. Viele deut­sche Fuß­ball­fans wür­den dann und wann gerne mehr Biss von Ihnen sehen und legen Ihre Bewe­gun­gen als Arro­ganz aus. Aber ich kann und will mir unsere Natio­nal­mann­schaft in Bra­si­lien nicht ohne Sie als Diri­gen­ten vorstellen.

Karl-Heinz Rum­me­nigge äußerte, dass man anstrebe, mit Ihnen zu ver­län­gern. Diese Ver­trags­ver­län­ge­rung ist für Bay­ern Mün­chen keine Sache des Wil­lens. Sie ist ein Muss.

Sport­li­che Grüße,

Marc Andruszko





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