Post für Thomas Schaaf


veröffentlicht am Mittwoch, 15. Mai 2013 11:53, von unserem Autor Christian Eck in Post vom Schlenzer. null Kommentare

Sehr geehr­ter Herr Schaaf,

nun also doch. Nach Wochen des Demen­tie­rens und der obli­ga­to­ri­schen Rücken­de­ckung von Sei­ten des Ver­eins, sind Sie ab heute kein Trai­ner mehr bei SV Wer­der Bre­men. Eine Vor­stel­lung, die eine große Sprach­lo­sig­keit bei mir und auch in der Fuß­ball­welt zurücklässt.

Als Sie im Mai 1999 den SVW über­nah­men, stand der Ver­ein am Abgrund, kurz vor dem Abstieg in die Zweit­klas­sig­keit. Nach den Fehl­grif­fen Aad de Mos, Dixie Dör­ner, Wolf­gang Sidka und Felix Magath waren Sie es, der den Ver­ein mit den urei­ge­nen Tugen­den zurück in die Erfolgs­spur brachte. Nach 14 Jah­ren ist es nun zu Ende. Sie ver­las­sen die Bun­des­liga als dienst­äl­tes­ter Bun­des­li­ga­trai­ner. An die­ser Stelle bleibt mir nur übrig, Ihnen zu gra­tu­lie­ren, für das, was Sie in der Ver­gan­gen­heit mit dem Ver­ein erreich­ten. Vor allem aber, für die Art und Weise, wie Sie ihre Arbeit ver­stan­den haben. Die Ruhe und Kon­ti­nui­tät, die Sie ver­kör­per­ten, war eine der gro­ßen Aus­nah­men im schnell­le­bi­gen Fuß­ball­ge­schäft. Aber letzt­lich wurde auch diese von der Unbarm­her­zig­keit des Mil­lio­nen­ge­schäfts geschluckt.

Salopp aus­ge­drückt, steht die Mann­schaft jetzt wie­der genau da, wo sie im Mai vor 14 Jah­ren stand. In den Nie­de­run­gen der Bun­des­liga, den Nicht­abstieg gerade eben so ver­hin­dert. Die übli­che Kon­se­quenz aus einer sol­chen Tal­fahrt ist es, den Trai­ner in Frage zu stel­len. Das wis­sen Sie ganz genau – und haben auch nie einen Hehl dar­aus gemacht, Ihren Platz für einen bes­ser­ge­eig­ne­ten Kan­di­da­ten zu räu­men. Die Vor­stands­schaft, rund um den Neu­in­stal­lier­ten Mana­ger Tho­mas Eichin, wurde es aber nicht müde, Ihnen die Treue zu bekun­den und sich keine bes­sere Lösung  als Tho­mas Schaaf für die­sen Ver­ein vor­stel­len zu kön­nen. Eigent­lich nichts ver­wun­der­li­ches. Ist dies doch die übli­che Vor­ge­hens­weise in die­ser Situa­tion. Nur um dann kurz dar­auf den Trai­ner doch zu entlassen.

Thomas Schaaf

Tho­mas Schaaf als Werder-Trainer. Die­ses Bild gehört nun der Ver­gan­gen­heit an. © 2e14 / flickr.com

Im Falle von Wer­der Bre­men war ich als Beob­ach­ter aber dazu geneigt, die­sen Aus­sa­gen Glau­ben zu schen­ken. Denn Bre­men tickt schon immer etwas anders. Und gerade nach dem unschö­nen Abgang von Klaus All­ofs wäh­rend der Sai­son, konnte ich mir nicht vor­stel­len, dass der Ver­ein auch noch Sie ver­lie­ren möchte. Ich war der fes­ten Über­zeu­gung, mit der nöti­gen Geduld von Sei­ten der Fans und der Ver­ant­wort­li­chen könnte aus die­ser jun­gen und viel­spre­chen­den Mann­schaft etwas wach­sen. Unter Ihrer Füh­rung selbst­ver­ständ­lich. Die Fans haben sich in den letz­ten Spie­len groß­ar­tig ver­hal­ten. Anstatt auf die ver­un­si­cherte Mann­schaft drauf­zu­hauen, unter­stüt­zen sie diese mit aller Macht. Sie bewie­sen die Geduld. Die Vor­stand­schaft lei­der nicht.

Aber eine Frage bleibt: Wie konnte es über­haupt so weit kom­men, dass Sie und Wer­der Bre­men von nun an getrennte Wege gehen? Zwei­fel­los sind es die sport­li­chen Gründe. Die Erwar­tun­gen wur­den in den letz­ten Jah­ren ein­fach nicht erfüllt. Die logi­sche Kon­se­quenz war zu Beginn die­ser Sai­son zu sehen: Ein­spa­run­gen, Ein­spa­run­gen, Ein­spa­run­gen. Trotz­dem ging es mit einer viel­spre­chen­den Mann­schaft in die neue Sai­son. Eine pas­sa­ble Hin­runde wurde gespielt. Dann kam der erste große Bruch. Klaus All­ofs ver­lässt Wer­der Bre­men und geht zum unat­trak­tivs­ten Ver­ein der gan­zen Bun­des­liga – nach Wolfs­burg. Herr All­ofs wollte den anstren­gen­den Weg der Kon­so­li­die­rung und des Neu­auf­baus wohl nicht mehr mit­ge­hen – oder er hat bereits geahnt, wie schwer der Weg noch sein wird, und ver­ließ das  „sin­kende Schiff“. Auch hier waren Sie weder öffent­lich belei­digt noch nach­tra­gend. Wenig nega­tive Worte über Ihren alten Freund waren Ihnen zu ent­lo­cken. Ledig­lich eine gewisse Reser­viert­heit nah­men sie sich her­aus – völ­lig zurecht, denn schließ­lich hatte All­ofs Sie in der wohl schwie­rigs­ten Situa­tion seit lan­gem ein­fach im Stich gelas­sen und sich auch sei­ner eige­nen Ver­ant­wor­tung für die sport­li­che Tal­fahrt entzogen.

Es ist auch viel zu kurz gegrif­fen, die sport­li­che Krise nur an Ihnen fest­zu­ma­chen. Natür­lich, Sie sind der Trai­ner. Sie stel­len die Mann­schaft auf und sind für das erfolg­rei­che Auf­tre­ten ihres Teams zustän­dig. Die Kader­pla­nung lag aber auch zu gro­ßen Tei­len in der Hand von Ihrem Pen­dant Klaus All­ofs. Hier bewie­sen Sie beide ein weni­ger glück­li­ches Händ­chen als die vor­an­ge­gan­gen Jahre. Aber auch diese Sai­son wurde – mit begrenz­ten Mit­teln – eine schlag­kräf­tige Truppe zusam­men­ge­stellt. Dass eine so extrem junge Mann­schaft Schwan­kun­gen unter­liegt ist keine neue Erkennt­nis. Genauso wenig, dass bei aus­blei­ben­dem Erfolg eine zuneh­men­den Unsi­cher­heit auf­tritt. Trotz­dem stand die Mann­schaft immer hin­ter Ihnen. Alle Fra­gen zu Ihrer Per­son prall­ten direkt ab. Die Spie­ler waren sich einig: Sie machen eine gute Arbeit und selbst nach 14 Jah­ren errei­chen Sie noch immer ihr Team.

Und, dass ein Assani Luki­mya in kur­zer Zeit durch indi­vi­du­elle Feh­ler gefühlt 100 Tore ver­ur­sacht, kann Ihnen wahr­lich nicht ange­krei­det wer­den. Genauso wenig, dass Spie­ler wie Arn­au­to­vic und Elia lie­ber außer­halb des Plat­zes für Schlag­zei­len sor­gen, anstatt ihre unglaub­li­ches Poten­zial regel­mä­ßig abzu­ru­fen. Und gegen­über Ver­let­zun­gen von Leis­tungs­trä­gern wie Kevin de Bruyne sind Sie ohne­hin macht­los. Es lief diese Sai­son ein­fach zu viel gegen Sie. Ange­fan­gen mit dem unwür­di­gen Abschied von Klaus All­ofs, bis hin zum letzt­lich gerade so erreich­ten Klas­sen­er­halt. Ohne Zwei­fel, diese Sai­son war nicht Ihre Beste. Aber einen Tren­nungs­grund sehe ich in Ihr Trotz­dem nicht. Denn trotz aller Rück­halts­be­kun­dun­gen, war es letzt­lich genau das, was Ihnen am Ende gefehlt hat. In der Rück­runde  stan­den Sie alleine auf wei­ter Flur. Mit einem Mana­ger an der Seite, der viel mehr mit sei­nem Ein­stand im Pro­fi­fuß­ball zu tun hatte. Einer Vor­stand­schaft, die letzt­lich doch kurz­fris­tig gegen Sie ent­schie­den hat.

Es spricht für Sie, Herr Schaaf, dass es eine ein­ver­nehm­li­che Tren­nung war. Genauso, dass sie nie an Ihrem Pos­ten geklebt haben. Wer, wenn nicht Sie, hätte auf seine his­to­ri­schen Ver­dienste ver­wei­sen und Ansprü­chen ver­schie­dens­ter Art stel­len kön­nen. Sie taten es aber nicht. Selbst im Moment des Abschieds nach über 40 Jah­ren SVW blei­ben sie treu und loyal gegen­über Ihrem Ver­ein. Ich bin mir sicher, dass es kein nega­ti­ves Wort von Ihrer Seite über die Ver­ant­wort­li­chen geben wird. Keine van Gaal’schen Nach­tre­ter oder ähn­li­ches. Das ist nicht Ihre Art. Ganz im Gegen­teil wer­den Sie wahr­schein­lich auch in die­ser bit­te­ren Stunde bei Bedarf wei­ter­hin Ihre Hilfe anbieten.

Auch wenn Sie die­sen Abschied nicht ver­dient haben. Mei­nen größ­ten Respekt haben Sie schon lange gewon­nen. Letzt­lich bleibt mir nur eines. Ich ziehe den Hut vor der Arbeit, die Sie die letz­ten 14 Jahre geleis­tet haben. Wer­der Bre­men ist für mich ab dem heu­ti­gen Tag ein ande­rer Ver­ein gewor­den. Aber ich weiß, dass Sie immer noch zu Ihrer Liebe SVW ste­hen und in Zukunft ste­hen wer­den. Aus die­sem Grund hoffe Ich auch Ihnen zu liebe, dass in Bre­men nun keine Zeit des blin­den Aktio­nis­mus“ anbricht, son­dern mit Ihrem Erbe gewis­sen­haft umge­gan­gen wird.

Viele Dank für die vie­len schö­nen Jahre mit Ihnen in der Bun­des­liga, Herr Schaaf!

Chris­tian Eck





Diskussionskultur

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>