Post für Thomas Müller, den Raumdeuter


veröffentlicht am Mittwoch, 24. April 2013 09:02, von unserem Autor Marc Andruszko in Post vom Schlenzer. null Kommentare

Sehr geehr­ter Tho­mas Müller,

kaum ein Spie­ler wird so unter­schätzt wie Sie. Immer ist die Rede von Franck Ribéry, Arjen Rob­ben und Bas­tian Schwein­stei­ger. Über Javi Mar­ti­nez muss auch unbe­dingt gere­det wer­den, schließ­lich kos­tete er 40 Mil­lio­nen Euro! Und Mario Gomez sowieso. Mario Gomez ist immer ein Thema. Jetzt auch noch ein ande­rer Mario, der Götze.

Aber Sie, Herr Mül­ler, wer­den von der gro­ßen Medi­en­welt, die am Fuß­ball­rad dreht, gerne unter­schätzt. Viel­leicht sogar von Ihren eige­nen Mit­spie­lern und Vor­ge­setz­ten. Sie sind sicher nicht der Top­ver­die­ner des FC Bay­ern. Viel zu unko­or­di­niert wir­ken Ihre Bewe­gun­gen, Sie brei­ten Ihr Genie nicht offen­sicht­lich vor uns aus, son­dern war­ten auf die beson­de­ren Momente.

Thomas Müller 13 Nationalmannschaft Bayern

Tho­mas Mül­ler brei­tet die Arme aus. Foto: Steindy / commons.wikimedia.org

Für mich sind Sie der Spie­ler mit den stak­si­gen Bei­nen und den uncool nach unten gerutsch­ten Stut­zen, der auf dem Bolz­platz als letz­ter gewählt wird und keine Über­stei­ger oder Hacken­tricks kann. Sie trei­ben den Ball über Stock und Stein und durch Löcher hin­durch über den Bolz­platz, kom­men kurz ins Stol­pern, brei­ten die Arme aus wie ein Storch die Flü­gel im Lan­de­an­flug und spit­zeln mit letz­ter Kraft den Ball durch die Hosen­trä­ger des Tor­warts, flie­gen dar­über, klap­pen zusam­men, rap­peln sich auf, hän­gen Ihren Kie­fer zum bay­ri­schen Urschrei aus. Sie kön­nen lange nicht so abge­brüht jubeln wie Arjen Rob­ben es kann. Viel zu viel Adre­na­lin pocht in Ihren Adern. Der Storch bringt Kin­der. Mül­ler bringt Tore.

Raum­deu­ter wur­den Sie genannt. Sie ste­hen dort, wo andere nicht ste­hen und bewe­gen sich so unkon­ven­tio­nell über den Rasen, als wären Sie irgend­wann mit der Zeit­ma­schine in Mün­chen ange­kom­men oder eine Reinkar­na­tion von Gerd Mül­ler. Sie sind Retro. Sie gehen dahin, wo es weh­tut und sind immer einen Tick cle­ve­rer als Ihr Gegen­spie­ler, viel­leicht, weil Sie Ihr gan­zes Fuß­ball­le­ben einen Tick cle­ve­rer sein muss­ten, um da hin zu kom­men, wo Sie heute ste­hen. Für mich gibt es nur einen Spie­ler auf der Welt, der Jordi Alba unge­straft im Straf­raum weg­blo­cken kann, um Arjen Rob­ben freie Durch­fahrt zu ermög­li­chen. Das sind Sie, Herr Müller.

Sie haben dem FC Bay­ern mit Ihren zwei Toren den Weg ins Finale der Cham­pi­ons Lea­gue in Lon­don geeb­net. Die­sen Weg woll­ten Sie unbe­dingt gehen.

Die letzt­jäh­rige Nie­der­lage im Finale Dahoam, das von Beginn der Sai­son an hoch­sti­li­siert wurde – zu Recht oder zu Unrecht — stand immer unter dem Stern, gewon­nen wer­den zu müs­sen. Gegen die­ses Chel­sea sowieso. Aber Sie gewan­nen nicht. Der Weg, den Sie im Som­mer 2012 gemein­sam mit Schwein­stei­ger und Lahm gin­gen, von eben die­sem unaus­ra­dier­ba­ren Bild im Kopf, in dem Drogba sich in den Münch­ner Nacht­him­mel schraubt und den Stern des Südens vom Him­mel klaut, über den Moment, in dem der Ball von Bas­tian Schwein­stei­gers Fuß an den Pfos­ten fliegt, bis zu dem Moment, in dem sich Balo­telli ober­kör­per­frei wie ein Tür­ste­her zwi­schen Sie und den Euro­pa­meis­ter­ti­tel stellt, war ein Weg, den Sie gehen mussten.

Es war Ihr fuß­bal­le­ri­scher Jakobs­weg. In die­sem Som­mer 2012 fan­den Sie, Schwein­stei­ger und Lahm sich selbst.

Sie durf­ten sich vor­her schon zur abso­lu­ten Welt­klasse zäh­len, sind 2010 sen­sa­tio­nell Tor­schüt­zen­kö­nig der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft in Süd­afrika gewor­den. Aber Sie wuss­ten, dass Sie noch eine Schippe drauf­le­gen müs­sen. Sie stan­den gemein­sam mit Bas­tian Schwein­stei­ger und Phil­ipp Lahm wie­der auf und ent­wi­ckel­ten das moderne Bayern-Gen, ein Sieger-Gen.

Am Ende wird es wie­der auf die­ses eine Spiel redu­ziert wer­den. In Lon­don. Cham­pi­ons Lea­gue Finale. Und alles vor­her Geleis­tete wird nur noch eine Leis­tung sein, pure Arbeit, keine Kunst. Wenn Sie im Finale von Lon­don ste­hen, und das wer­den Sie, Herr Mül­ler, dann wird Ihnen bewusst sein, dass alle Rekorde die­ser Sai­son nur noch unbe­deu­tende Ein­träge in die Sta­tis­ti­ken sein wer­den, wenn Sie die­ses Spiel nicht gewin­nen. Die Cham­pi­ons Lea­gue. Das, wofür Sie gear­bei­tet und gelit­ten haben. Wofür Sie raum­deu­te­risch durch geg­ne­ri­sche Straf­räume gewan­delt sind.

Mit sport­li­chen Grüßen,

Marc Andruszko

P.S.: Geben Sie bitte wei­ter­hin diese unzeit­ge­mä­ßen Interviews!





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