Post für Stefan Kießling


veröffentlicht am Montag, 21. Oktober 2013 10:42, von unserem Autor Marc Andruszko in Post vom Schlenzer. null Kommentare

Sehr geehr­ter Ste­fan Kießling,

Sie sind ein Tor­phan­tom. Doch seit die­sem ver­hängs­nis­vol­len Bun­des­li­ga­spiel letz­ten Frei­tag­abend spricht nie­mand mehr dar­über, ob die­ses Tor­phan­tom Kieß­ling einen Platz im WM-Kader Jogi Löws ver­dient hat. Seit die­sem Spiel in Hof­fen­heim spricht jeder nur noch dar­über, warum Sie die Arme doch noch zum Jubel hoch­ris­sen, zöger­lich, mit ungläu­bi­gem Blick. Nor­ma­ler­weise jubeln sie ener­gisch, immer mit Kuss auf den Unter­arm. Die­ses Mal war alles anders.

Sie sahen, wie der Ball am Tor vor­bei­fliegt. Jeder Fuß­bal­ler, und dazu muss er nicht ein Tor­phan­tom der Bun­des­liga sein, merkt oft schon Sekun­den­bruch­teile nach der Ball­be­rüh­rung, ob der Ball auf oder neben das Tor geht. Sie merk­ten sofort, dass der Ball vor­bei­geht. Sie ärger­ten sich dar­über. Jeder konnte das sehen.

Und dann sahen Sie die jubeln­den Mit­spie­ler von Bayer Lever­ku­sen auf sich zukom­men. Und die nie­der­ge­schla­ge­nen Spie­ler der TSG 1899 Hof­fen­heim, wie sie in Rich­tung Mit­tel­li­nie schlurf­ten. Warum pro­tes­tier­ten Sie nicht? Sie hör­ten den Jubel der Bay­er­fans durch die ver­stummte Arena Sins­heims schal­len. Sie woll­ten es selbst glau­ben. Sie woll­ten die­ses Tor. Weil Ihr Tor­hun­ger uner­sätt­lich ist.

Ich erin­nere mich an die­ses DFB-Pokalspiel im Som­mer, 1. Runde beim SV Lipp­stadt 08, Regio­nal­li­gist. Aus einem Meter Ent­fer­nung brin­gen Sie den Ball nicht im Tor unter. Fans hin­ter dem geg­ne­ri­schen Tor müs­sen sich dar­auf­hin wohl laut­stark über Sie lus­tig gemacht haben. Viel­leicht: „Kieß­ling, du sollst Natio­nal­spie­ler wer­den? Wenn du nicht mal den machst? Lächer­lich!“ Sel­ten habe ich Ste­fan Kieß­ling so aggres­siv gese­hen. Sie tra­fen ein paar Minu­ten spä­ter zum völ­lig unbe­deu­ten­den 1:6. Sie muss­ten es die­sen Leu­ten zei­gen, die sich ein­fach einen schö­nen Nach­mit­tag, mit ein paar dum­men Sprü­chen in Rich­tung eines Fuß­ball­mil­lio­närs gar­niert, machen wollten.

Phantomtor Kießling

Ste­fan Kieß­ling: ein Mann mit Tor­hun­ger. Foto: wiki­me­dia commons

Herr Kieß­ling, wenn man eines Tages an Ihre Kar­riere zurück­denkt, wird nichts ande­res zurück­blei­ben als: Tore, Tore, Tore. Und das Phan­tom­tor. Eines ist gewiss: Irgend­wann wird dar­über nur noch geschmun­zelt wer­den. „Wisst ihr noch, damals, der Kieß­ling?“ So und nicht anders wird es kom­men. Tho­mas Hel­mer sitzt heute jeden Sonn­tag als Fuß­ball­ex­perte im Sport1 Dop­pel­pass. Und Hel­mers Ball hat nicht ein­mal das Tor von Innen gesehen.

Herr Kieß­ling, las­sen Sie sich nicht zum Buh­mann machen. Es war viel­leicht ein Feh­ler von Ihnen, sich die Lüge nicht sofort ein­zu­ge­ste­hen. Aber genauso und viel­mehr war es ein Feh­ler Ihrer Mann­schaft, ein Wahr­neh­mungs­feh­ler Brychs, viel­leicht ein Pro­duk­ti­ons­feh­ler des Netz­fa­bri­kan­ten oder eine Schlud­rig­keit eines Platz­warts. Wer weiß das schon? Viel­leicht war es auch ein­fach so ein Tag, der uns vor Augen füh­ren soll, dass der pro­fes­sio­nelle Fuß­ball immer noch von Men­schen gespielt wird. Soweit ich weiß, ist auch die Tor­li­ni­en­tech­nik von Men­schen erfunden.

Mit mensch­li­chen Grüßen,

Marc Andruszko





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