Post für Sami Khedira


veröffentlicht am Montag, 28. Oktober 2013 14:07, von unserem Autor Marc Andruszko in Post vom Schlenzer. 1 Kommentar

Sehr geehr­ter Sami Khedira,

ich schreibe Ihnen, weil Sie ein König­li­cher sind. Nicht jedoch, weil Sie bei den König­li­chen spie­len. Was ich damit meine? Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Im Cla­sico drü­cke ich stets dem FC Bar­ce­lona die Dau­men. Weil ich es liebe, wie Barca den Fuß­ball liebt. Aber auch, weil die König­li­chen Real Madrids sich wenig könig­lich beneh­men. Meis­tens ist der Schieds­rich­ter schuld, so auch beim Cla­sico letz­ten Sams­tag. Ja, das war ein Foul an Cris­ti­ano Ronaldo im Straf­raum. Aber es ist wenig könig­lich, Nie­der­la­gen immer nur auf eine ein­zige Schieds­rich­ter­ent­schei­dung zu reduzieren.

Das war auch mal anders. Wenn ich mich an die Zeit auf dem Bolz­platz zurück­er­in­nere, dann denke ich an Figo, Raul, Roberto Car­los und Zine­dine Zidane. Für jeden jun­gen Kicker war min­des­tens ein Spie­ler in den Rei­hen der Galak­ti­schen, der träu­men ließ von der gro­ßen Fuß­ball­welt. Diese Kicker waren magisch und mit ihrem über­ra­gen­den Kön­nen über Fehl­ent­schei­dun­gen von Schieds­rich­tern erhaben.

Ob Hoch­ge­schwin­dig­keits­dribb­ler, Tor­ma­schine, linke Fackel oder Spiel­ma­cher­ge­nie: Fuß­bal­ler mit ein­zig­ar­ti­gen Talen­ten fan­den sich bei den König­li­chen in Madrid zusam­men. Fuß­bal­ler, die Höchst­leis­tung  brach­ten, aber bei allem Erfolg irgend­wie mensch­lich blie­ben, mit vie­len wun­der­ba­ren Momen­ten und ver­zeih­li­chen mensch­li­chen Feh­lern (ich denke da an den Kopf­stoß  Zida­nes). Diese Spie­ler waren Vor­bil­der für eine ganze Gene­ra­tion von Fußballern.

Carles Puyol Barca

Carles Puyol, Foto: wiki­me­dia commons

Was sehe ich heute, wenn ich den Cla­sico sehe? Zuerst ein­mal sehe ich Barca mit Spie­lern, die zu gro­ßen Tei­len seit frü­hes­ter Kind­heit zusam­men kicken. Diese Spie­ler haben die glei­chen Kind­heits­er­in­ne­run­gen von La Masia, hat­ten dort die glei­chen Trai­ner, lern­ten den Fuß­ball durch die glei­che Brille zu betrach­ten und zu lie­ben. Xavi, Iniesta, Pedro, Messi, Ser­gio Bus­quets: Sie sehen im Fuß­ball Tiki-Taka, die 5-Sekunden-Regel und die Schön­heit des Ball­be­sit­zes. Sie spie­len wie Brü­der. Und über allem strahlt Puyol, ein Fuß­bal­ler mit limi­tier­tem Talent aber galak­ti­scher Aus­strah­lung auf dem Platz, die Sym­bol­fi­gur Bar­cas, der die Künst­ler daran erin­nert, dass Fuß­ball manch­mal auch ein Kampf ist.

Auf der ande­ren Seite die Galak­ti­schen: mit Cris­ti­ano Ronaldo, einem galak­ti­schen Fuß­bal­ler, einem Licht­ge­schwin­dig­keits­dribb­ler, der Figo wie ein gedros­sel­tes Elek­tro­auto aus­se­hen lässt, wenn er sei­nen Turbo anwirft. Der sich aber auch gerne belei­digt wie ein Klein­kind zeigt, wenn ihm nicht die Aner­ken­nung ent­ge­gen­ge­bracht wird, die er ver­dient, oder die er meint zu ver­die­nen. Oder wenn ein Pfiff ausbleibt.

Noch gar nicht lange ist es her, da ging ein insze­nier­tes Foto um die Welt: Cris­ti­ano Ronaldo, braun­ge­brannt, makel­los, per­fekt sit­zen­des Hemd, edler Kul­tur­beu­tel unterm Arm, begrüßt den teu­ers­ten (oder zweit­teu­ers­ten?) Spie­ler aller Zei­ten, Gareth Bale, der im Lichte Ronal­dos in etwa das Selbst­be­wusst­sein eines Schul­jun­gen am ers­ten Schul­tag aus­strahlt. Bales Schul­tüte ist nicht von Gucci, Ver­sace oder Prada. Es ist eine ein­fa­che Plas­tik­tüte, viel­leicht vom Super­markt um die Ecke. Eine sol­che Selbst­in­sze­nie­rung Ronal­dos, die offen­sicht­lich vom Club selbst for­ciert wurde, um ihn als Super­star zu bestä­ti­gen, sagt viel aus über die zer­ris­sene Selbst­wahr­neh­mung der Galaktischen.

Heute ist Real Madrid nicht mehr die Welt­aus­wahl. Der Sieg der Cham­pi­ons Lea­gue ist in wei­ter Ferne. Herr Khe­dira, ich frage mich, warum Sie nicht schon im Som­mer Jose Mourinho nach Lon­don gefolgt sind. Was auch immer man über Mourinho denkt: Es gibt wenige Trai­ner, die so von ihren Spie­lern ver­ehrt wer­den, wie er.  Viel­leicht auch, weil er den Hass der Geg­ner schürt und so alle Pro­bleme auf sich und weg von sei­ner eige­nen Mann­schaft projiziert.

Jose Mourinho ist Ihr För­de­rer: Unter ihm wur­den Sie zu „La Mac­china“. Klar, es war damals jedem auf­merk­sa­men Beob­ach­ter der Bun­des­liga bewusst, dass da in Stutt­gart ein guter Kicker her­an­reift. Aber dass aus Ihnen ein Welt­klas­se­spie­ler wurde, haben Sie auch dem Por­tu­gie­sen zu verdanken.

Sammi Khedira Chelsea

Mit­tel­feld­mo­tor Sami Khe­dira. Foto: wiki­me­dia commons

Mit­tel­feld­spie­ler wie Sie sind rar gewor­den. Sie sind phy­sisch einer der Stärks­ten der Welt. Das ist bemer­kens­wert, denn der Lauf­auf­wand auf Ihrer Posi­tion ist der­art hoch gewor­den, dass ath­le­ti­sche Spie­ler wie Sie immer sel­te­ner wer­den und durch Lauf­wun­der ersetzt wer­den. Sie sind eigent­lich ein Model­ath­let für die Pre­mier Lea­gue. Dar­über hin­aus haben Sie in Stutt­gart Tor­ge­fahr bewiesen.

Zurück zum König­li­chen: Für mich sind Sie sind ein König­li­cher. Weil Sie den Glau­ben an Real Madrid wohl noch nicht ver­lo­ren haben. Weil Sie den Ruf der Galak­ti­schen offen­sicht­lich als große Ehre emp­fin­den. Es kön­nen keine finan­zi­el­len Motive dahin­ter­ste­cken, dass Sie bei Real geblie­ben sind. Ich bin fest davon über­zeugt, dass Chel­sea Sie los­ge­eist und Ihr Gehalt ver­bes­sert hätte.

Sie aber stel­len sich der Kon­kur­renz und der Her­aus­for­de­rung eines neuen Trai­ners. Nur so kön­nen die König­li­chen wie­der zu einer Welt­aus­wahl wer­den: Indem sich die bes­ten und wil­ligs­ten Spie­ler der Welt zusam­men fin­den, um gemein­sam etwas zu erreichen.

Ob Ronaldo mit Bale kann, oder Bale mit Ronaldo, ob Pepe sei­nem Gegen­spie­ler in den Rücken tritt oder Ser­gio Ramos bei jedem noch so klei­nen Foul wie von der Taran­tel gesto­chen zum Schieds­rich­ter sprin­tet, um über eine gelbe Karte zu dis­ku­tie­ren: Sie wer­den wei­ter­brum­men bis zum letz­ten Tag in Madrid.

Ich mag es, wenn ich sehe, wie Sie pau­sen­los durchs Mit­tel­feld brum­men und wie ein Irrer hin­ter­sprin­ten, um nach einem Ball­ver­lust den Ball zurück­zu­ge­win­nen. Ich habe Sie nie resi­gnie­ren, nie auf­ge­ben sehen. Wie Sie selbst für den DFB auf den Faröer Inseln Ihr Pen­sum her­un­ter­spul­ten: Das macht Sie für mich zu einem der bes­ten Mit­tel­feld­spie­ler der Welt. Sie spie­len immer mit der glei­chen, unfass­bar hohen Inten­si­tät und put­zen die Feh­ler Ihrer Mitt­spie­ler aus, ohne dabei selbst zu glän­zen. Sie haben keine Hand­bremse im Reper­toire. Sie sind ein Vor­bild für die Kicker auf dem Bolz­platz. Und des­we­gen spie­len Sie bei den König­li­chen. Viel­leicht nur noch bis zur Winterpause?

Blei­ben Sie könig­lich, egal wo der Fuß­ball Sie hinführt,

Marc Andruszko





One thought on “Post für Sami Khedira

  1. Star­ker Text!

    Ich warte ja nach wie vor dar­auf, dass Real mit Khe­dira den­sel­ben Feh­ler begeht wie der­mal­einst mit Makel­ele und ihn in die Wüste schickt.

    Würde mich ja freuen ;)

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