Post für Oliver Baumann


veröffentlicht am Donnerstag, 31. Oktober 2013 10:41, von unserem Autor Marc Andruszko in Post vom Schlenzer. null Kommentare

Sehr geehr­ter Oli­ver Baumann,

als ich Sonn­tag­nacht im Video­text las, dass Sie drei­mal patz­ten, dachte ich: Ach komm, wird schon nicht so schlimm gewe­sen sein, viel­leicht eine Flanke unter­lau­fen, ein vor die Füße des geg­ne­ri­schen Stür­mers abge­wehr­ter Ball und am Ende viel­leicht flut­schige Finger.

Was ich aber dann in den Spiel­sze­nen sah, war ein Tor­mann, der mir ein­fach nur Leid tat. Sie sind im letz­ten Jahr ein groß­ar­ti­ger Tor­hü­ter gewe­sen, auch sta­tis­tisch gese­hen, und es gibt wenige Tor­hü­ter in Ihrem Alter, die im Stande sind, so sou­ve­rän zu spie­len und in 1-gegen-1-Situationen so geschickt zu agieren.

Sie spie­len im rich­ti­gen Ver­ein, wo Sie sich ent­wi­ckeln kön­nen und Ihnen die Fans auch ein­mal ein schlech­tes Spiel ver­zei­hen, weil ihnen bewusst ist, dass Sie ein über­durch­schnitt­lich guter Tor­mann sind, der kein Pro­blem hätte, bei irgend­ei­nem ande­ren Club Cham­pi­ons Lea­gue zu spie­len. Nach Ihrem ers­ten Feh­ler skan­dier­ten die Frei­burg Fans: „Bau­mann, Bau­mann!“ Wie muss sich das ange­fühlt haben? Ver­mut­lich hat­ten Sie Gän­se­haut, aber Sie fan­den nicht mehr ins Spiel zurück, eine Fähig­keit, die große Tor­hü­ter haben müs­sen: Feh­ler sofort ver­ar­bei­ten, denn der nächste Schuss kann jede Sekunde kommen.

Viele sahen Sie auf einem Niveau mit den jun­gen deut­schen Tor­hü­tern wie Ter Ste­gen, Leno und Zie­ler und dach­ten: Einer die­ses Quar­tetts wird sicher eines Tages Manuel Neuer im Kas­ten des DFB beer­ben. Ihnen fehlte bis­her viel­leicht nur die Lobby. Jogi Löw mag viel­leicht ein Sym­pa­thi­sant Frei­burgs sein aber Sie konn­ten dort bis­her keine euro­päi­sche Erfah­rung sammeln.

Oli Baumann

Foto: James Steak­ley, wiki­me­dia commons

Diese Sai­son spie­len Sie in Europa. Und es war Ihnen bestimmt bewusst, dass das Ihre Bühne wer­den würde und Sie sich dort ent­gül­tig für höhere Auf­ga­ben wür­den emp­feh­len kön­nen. Ihre Fin­ger waren flut­schig. Libe­rec war gna­den­los. Europa ist gna­den­los zu Frei­burg und das Tages­ge­schäft in der Bun­des­liga fällt schwer. Dabei war es doch jedem klar, beson­ders Chris­tian Streich, dass Europa auch Fluch statt Segen wer­den könnte.

Das Ver­rückte am Fuß­ball ist, dass ein Stür­mer in einem Spiel 100 Mal am Tor vor­bei­schie­ßen kann und trotz­dem gefei­ert wird, wenn er dann das ent­schei­dende Tor macht. Dann wird ihm jeder auf die Schul­ter klop­fen. Ein Tor­hü­ter wie­derum kann die unmög­lichs­ten Bälle hal­ten und in der 90. Minute ein Kul­ler­tor durch die Hosen­trä­ger kas­sie­ren. Viel­leicht weil er kurz irri­tiert von einem der vie­len Beine im 16er war oder der Ball durch eine kleine Uneben­heit des Plat­zes nicht genau dort ankam, wo der Tor­hü­ter unter nor­ma­len Umstän­den damit zu rech­nen hatte.

Hat sich an Ihrer Zukunft nach die­sen drei Pat­zern etwas geändert?

Diese Phase Ihrer Kar­riere wird eine ganz ent­schei­dende. Denn nach dem groß­ar­ti­gen Start und vie­len Vor­schuss­lor­bee­ren und so vie­len gefan­ge­nen und abge­wehr­ten Bäl­len, gibt es nun in ers­ter Linie eines zu tun: Nicht nur hun­dert­tau­send Bälle im Trai­ning fan­gen, son­dern auch sich selbst fan­gen. Denn dass Sie Bälle fan­gen kön­nen, das weiß jeder. Feh­ler ver­ar­bei­ten zu kön­nen, das ist das Entscheidende.

Betrach­ten Sie diese Feh­ler ein­fach als not­wen­di­ges Übel in Ihrer Kar­riere als Tor­hü­ter. Jeder Welt­klas­se­tor­hü­ter hat diese Momente. Den­ken Sie nur an den nicht fest gehal­te­nen Ball von Oli­ver Kahn bei der WM 2002, der vor die Füße Ronal­dos fiel, der nur noch ein­zu­schie­ßen brauchte.

Sie stell­ten sich nach den Pat­zern vom Wochen­ende den Inter­views und sag­ten, dass Sie Ihre Feh­ler so schnell wie mög­lich abha­ken wol­len. Doch es reicht nicht, sich ein­zu­re­den, dass man etwas abha­ken kann. Letzt­end­lich muss der ent­schei­dende Schritt auf dem Platz voll­zo­gen wer­den: mit einem guten Spel.

Ich glaube, dass Sie es schaf­fen wer­den  und dass viel­leicht gerade die Ver­ar­bei­tung die­ser Momente Ihnen auf der Ziel­ge­ra­den den ent­schei­den­den Schub nach vorne geben wird und Sie Ter Ste­gen, Leno und Zie­ler noch ein­ho­len kön­nen. Packen Sie wie­der zu: am Sams­tag mit dem SC Frei­burg in Nürn­berg. Ihr Trai­ner, Chris­tian Streich, würde wohl in einem sei­ner phi­lo­so­phi­schen Moment sagen: „Oli, man braucht einen lan­gen Atem in die­sem Geschäft.“

Mit sport­li­chen Grüßen,

Marc Andruszko





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