Post für Jupp Heynckes


veröffentlicht am Freitag, 17. Mai 2013 13:27, von unserem Autor Marc Andruszko in Post vom Schlenzer. null Kommentare

Sehr geehr­ter Jupp Heynckes,

wie schla­fen Sie zur­zeit? Ich könnte mir vor­stel­len, dass Sie Ihr gan­zes Leben noch nicht so gut geschla­fen haben. Sie haben so ziem­lich alles gewon­nen, von was Sie viel­leicht als Kind geträumt haben. Jeden bedeu­ten­den Pokal auf die­sem Fuß­ball­pla­ne­ten haben Sie gestrei­chelt und geküsst und mit Scham­pus gefüllt.

Jupp Heynckes: Die­ser Name bedeu­tete mal Osram, hoch­rote Birne, ein Mann des Fuß­balls, aber kei­ner der Öffent­lich­keit. Wirk­lich geliebt wur­den Sie nicht. Viel­leicht bewun­dert, ver­ehrt, respek­tiert: für Ihre Erfolge. Aber was gerade mit Ihnen da drau­ßen pas­siert, ist mehr als das, was Sie bis­her in Ihrer 50-jährigen Fuß­ball­kar­riere als Mensch mit­er­lebt haben.

Sie sind nicht mehr der Fuß­ball­ex­perte, einer der bes­ten sei­ner Gene­ra­tion, Erfolgs­ga­rant, der Mann mit den unzäh­li­gen Titeln. Sie wer­den nicht mehr auf Ihre Din-A4 große Visi­ten­karte redu­ziert. Wir haben Jupp Heynckes ken­nen­ge­lernt. Viel­leicht haben Sie sich selbst neu erfun­den. Oder ist das ein­fach der Lauf der Zeit?

Jupp Heynckes Vater

Das ver­lo­rene Finale Dahoam: Kön­nen Sie es ver­ges­sen machen? Foto: rayand / flickr.com

Sie sind Vater­fi­gur für diese Bayern-Mannschaft gewor­den, die selt­sam ori­en­tie­rungs­los auf hohem Niveau durch die Fuß­ball­welt wan­delte. Jeder­zeit eine der bes­ten Mann­schaf­ten der Welt, aber ihrer Iden­ti­tät beraubt. Nie­der­lage im Finale Dahoam, Schei­tern bei der EM gegen min­der talen­tierte Ita­lie­ner. Gefal­lene Hel­den. Tra­gi­sche Figu­ren. Schwein­stei­ger, Lahm: eine Gene­ra­tion von hoch­ta­len­tier­ten Ver­lie­rern? Der Ruf nach Füh­rungs­spie­lern kam auf, nach Hier­ar­chien und Struk­tu­ren, nach den Effen­bergs. Pure Verzweiflung.

Sie hat­ten mit Alt­las­ten zu kämp­fen. Klins­mann brachte Bud­dhas zur Erleuch­tung mit. Jeden Tag bes­ser wer­den. Das funk­tio­niert kurz­fris­tig, wie bei der WM 2006 zur Begeis­te­rung der gan­zen Repu­blik bewie­sen. Aber eine Fuß­ball­mann­schaft lang­fris­tig erfolg­reich zu trai­nie­ren erfor­dert mehr als moderne Trai­nings­me­tho­den aus Über­see und Moti­va­ti­ons­lehre. Man muss die natür­li­chen Stär­ken eines jeden Spie­lers zu Tage för­dern. Dazu muss man nicht nur den Spie­ler, son­dern auch den Men­schen ver­ste­hen. Dann kam Louis van Gaal und häm­merte der Mann­schaft wie im Matheun­ter­richt am Rechen­schie­ber eine Spiel­idee ein, die am Ende nicht mehr beflü­gelnde Phi­lo­so­phie, son­dern nur noch Bal­last und Gefäng­nis für Krea­tiv­geis­ter wie Ribery war.

Sie brach­ten den Schlüs­sel Men­schen­kennt­nis mit nach Mün­chen und befrei­ten damit Ribery. Heute spielt der Fran­zose  hoch­dis­zi­pli­niert — weil Sie ihn davon über­zeugt haben, dass man nur so erfolg­reich sein kann — aber immer noch mit die­sem Hauch von Stra­ßen­fuß­ball, der ihn so beson­ders und unbe­re­chen­bar macht.   

Javi Martinez Jupp Heynckes

Sie behiel­ten Recht: Javi Mar­ti­nez, spa­ni­scher Natio­nal­spie­ler, drückte den Bay­ern sei­nen Stem­pel auf. Foto: hen­ri­k­alex­an­der­sen / flickr.com

Die Bay­ern sagen heute wie­der mit stolz geschwell­ter Brust: „Mia san mia.“ Sie behaup­ten, ein beson­de­rer Ver­ein zu sein, der Ver­ein mit dem Fest­geld­konto und der Por­to­kasse. Aber auch ein Tra­di­ti­ons­ver­ein. Doch das haben sie auch schon letz­tes Jahr behaup­tet, als das Finale Dahoam nicht zum furio­sen Finale, son­dern zum tra­gi­schen Finale wurde.  

Das Ver­rückte ist: Die Bay­ern haben die Cham­pi­ons Lea­gue 2013 noch lange nicht gewon­nen. Da gibt es noch diese 90 Minu­ten plus X gegen die Mann­schaft von Borus­sia Dort­mund, die den Bay­ern die letz­ten Jahre vor­ge­macht hat, was es heißt, mit Per­sön­lich­keit Fuß­ball zu spie­len, eine eigene Iden­ti­tät zu ent­wi­ckeln und über sich hin­aus­zu­wach­sen. Es wird ein ver­dammt har­ter Ritt in Wem­bley. Und viel­leicht Ihr letz­ter. Wird ein wei­te­rer Stern auf Ihre Visi­ten­karte gedruckt werden?

Was auch immer kom­men mag – Champions-League-Sieg 2013 oder nicht, Rente oder Real Madrid: Für die Men­schen in Deutsch­land sind Sie mitt­ler­weile mehr als ein Jahr­hun­dert­spie­ler und Jahr­hun­dert­trai­ner. Sie sind ein Mensch und Vor­bild geworden.

Für das Leben braucht man einen lan­gen Atem. Mit Ihrem Atem hät­ten Sie auch Tief­see­tau­cher wer­den kön­nen, Herr Heynckes. Es wäre trau­rig, wenn Sie nach die­ser Sai­son in die Rente abtau­chen und von der Bild­flä­che ver­schwin­den, aber gön­nen wür­den es Ihnen alle Fuß­ball­fans. Sie haben es sich schon lange verdient.

Mit sport­li­chen Grüßen,

Marc Andruszko





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