Post für Jens Keller


veröffentlicht am Donnerstag, 21. Februar 2013 15:14, von unserem Autor Marc Andruszko in Post vom Schlenzer. null Kommentare

Sehr geehr­ter Jens Keller,

Sie sind schon jetzt ein Fall für die Geschichts­bü­cher. Wie Sie ges­tern selbst nach dem Spiel in Istan­bul ver­wun­dert fest­stell­ten, gibt es sicher­lich wenige bis gar keine Trai­ner, die jemals mit so wenig Kre­dit ins Amt kamen wie Sie.

Es wur­den nicht die typi­schen Fra­gen gestellt, etwa: „Was kann der Mann fach­lich?“ Oder: „Was hat er schon erreicht?“ Es ging von Anfang an um Ihr angeb­lich feh­len­des Cha­risma, um ihre gries­grä­mige Aus­strah­lung, wie es das ZDF ges­tern in einem Ein­spie­ler formulierte.

Ich frage mich: Mes­sen wir einen Trai­ner zukünf­tig nur noch an sei­ner Aus­strah­lung? Dann stelle ich die gewagte These auf, dass 50 Pro­zent aller Trai­ner daran schei­tern wür­den. Es wim­melt nun mal in der Bran­che nicht von Mourin­hos, Guar­dio­las oder Hiddinks.

Brief an Jens Keller Trainer in der Kritik bei Schalke 04

Rolf Handke / pixelio.de

Aus­strah­lung ist eine Gabe, die nicht direkt an die fach­li­che Qua­li­tät geknüpft ist, son­dern mit dem Natu­rell und dem Lebens­lauf eines Men­schen ein­her­geht. Neh­men wir das Bei­spiel Jose Mourinho. Wäre Mourinho ein erfolg­rei­cher Fuß­bal­ler gewe­sen und hätte sich nicht über einen Dol­met­scher­pos­ten durch die Hin­ter­tür in den Pro­fi­fuß­ball geschli­chen, hätte er dann diese Aus­strah­lung? Ich behaupte nein, denn das was Mourinho ver­kör­pert beruht auch dar­auf, dass er etwas ver­kör­pern musste, um sich Auto­ri­tät zu erkämp­fen. Es gibt also Trai­ner, die Aus­strah­lung brau­chen und Trai­ner, deren Erfolge als Spie­ler Aus­strah­lungs­wir­kung an sich ent­fal­ten. Wie schwer es ein Trai­ner, der selbst keine große Spie­ler­kar­riere vor­wei­sen kann, im Geschäft hat, ist hin­läng­lich bekannt.

Sie waren gestan­de­ner Bun­des­li­ga­profi, sogar Kapi­tän bei Ein­tracht Frank­furt. Als Trai­ner arbei­te­ten Sie nach der Ent­las­sung von Mar­kus Bab­bel 2009 mit Chris­tian Gross für den VFB Stutt­gart. Der VFB wurde zur bes­ten Mann­schaft der Rück­runde. 2010 über­nah­men Sie dann sogar den Chef­pos­ten, wur­den aber nach kur­zer Zeit von Bruno Lab­ba­dia abge­löst. Diese Sai­son wur­den Sie Trai­ner der B-Junioren des FC Schalke 04. Die B-Junioren ste­hen ohne Nie­der­lage an der Tabel­len­spitze der Bun­des­liga West. Bis auf die Ablö­sung durch Bruno Lab­ba­dia sind also in Ihrer Vita eigent­lich keine Angriffs­punkte zu fin­den. Woran liegt es nun, dass Sie es auf Schalke so ver­dammt schwer haben? Ist es die Ära nach dem Jahr­hun­dert­trai­ner Huub Ste­vens? Oder ist es ein­fach ein Medi­en­phä­no­men? Letzt­end­lich nutzt es Ihnen wenig, dar­über nach­zu­den­ken. Sie müs­sen sich frei­schwim­men, auch gegen den Strom. Ges­tern haben Sie damit ange­fan­gen. An einem Ort, an wel­chem sicher­lich viele in Ihrer Situa­tion unter­ge­gan­gen wären.

Sie, Herr Kel­ler, sind durch die Hölle am Bos­po­rus gegan­gen. Sie haben Schalke vor­züg­lich gegen Gala­ta­sa­ray Istan­bul, mit den gro­ßen Stars Wes­ley Snei­j­der und Didier Drogba, ein­ge­stellt. Schalke war ins­ge­samt die über­zeu­gen­dere Mann­schaft und hätte man die Kon­ter­chan­cen ver­nünf­tig zu Ende gespielt (was auf dem Platz zuge­ge­be­ner­ma­ßen schwer war), wäre ein Sieg drin gewe­sen. Zum ers­ten Mal hat man in Ihren Augen und an Ihrer Kör­per­spra­che gese­hen, dass Sie den Kampf ange­nom­men haben. Der fast erschro­ckene Gesichts­aus­druck fes­tigt sich so lang­sam. Die­ser Kampf wird Sie prä­gen. Und wenn Sie es ver­ste­hen, die Stim­mung gegen Sie in die rich­tige Rich­tung zu lei­ten und die Mann­schaft hin­ter sich zu for­mie­ren, dann ist mit Schalke noch eini­ges drin diese Saison.

Die interne Stim­mung der Mann­schaft auf Schalke messe ich gerne an der Arbeits­ein­stel­lung Far­fans. Ich habe ges­tern einen Jef­fer­son Far­fan gese­hen, der die rechte Seite hoch und run­ter pflügte und einen Acker aus dem Platz machte. Ein Far­fan wie man ihn nur in Top­form und top moti­viert erlebt und wie man ihn in der End­phase unter Ste­vens nicht mehr gese­hen hat. Wenn ich mir Far­fan anschaue, dann denke ich, dass Sie einen guten Job auf Schalke machen. Und ich wün­sche Ihnen, dass dies auch am Ende Ihrer Amts­zeit unter dem Strich steht.

Sport­lichst,

Marc Andruszko





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