Post für den Weltfußballer


veröffentlicht am Dienstag, 14. Januar 2014 17:59, von unserem Autor Marc Andruszko in Post vom Schlenzer. null Kommentare

Lie­ber Weltfußballer,

Cris­ti­ano Ronaldo heißt Du seit ges­tern Abend wie­der ein­mal. Jetzt müs­sen die Trä­nen trock­nen, die Du ver­gos­sen hast, ange­sichts die­ser indi­vi­du­el­len Ehrung. Sicher wirst Du in pro­fes­sio­nel­lem Fußballer-Sprech Deine Mann­schaft in jedem Dei­ner Inter­views hoch­le­ben las­sen – denn ohne Mann­schaft kein Welt­fuß­bal­ler, das ist ja wohl glasklar.

Neben Dir, Welt­fuß­bal­ler, wurde auch die Welt­aus­wahl von der FIFA aus­ge­zeich­net. Warum genau eigentlich?

Die beste Mann­schaft der Welt heißt nach­weis­lich Bay­ern Mün­chen, amtie­ren­der Champions-League-Sieger und Klub-Weltmeister. Diese Titel wur­den in Wett­be­wer­ben ermit­telt, die Hun­derte Mil­lio­nen Fuß­ball­fans rund um die Welt verfolgten.

Die Welt­aus­wahl des Bal­lon d’Or soll also bes­ser sein, als eine Mann­schaft, die Champions-League-Sieger und Klub-Weltmeister gewor­den ist?

Genau das ist nichts ande­res als der naive Glaube, dass man aus den bes­ten Mann­schaf­ten der Welt ein­fach die bes­ten Spie­ler her­aus­pi­cken und eine neue, noch bes­sere Mann­schaft zusam­men­wür­feln kann. Das erin­nert an moderne Koch­kunst – die erle­sens­ten Zuta­ten sol­len zusam­men das beste Essen erge­ben. Das erin­nert auch an die Denke von Scheichs, die sich mal schnell eine Weltklasse-Mannschaft zusam­men­schus­tern las­sen. Und damit Jahr für Jahr an kon­ti­nu­ier­lich ent­wi­ckel­ten Mann­schaf­ten, wie eben im letz­ten Jahr dem FC Bay­ern und auch Borus­sia Dort­mund, scheitern.

Lie­ber Welt­fuß­bal­ler, Du nährst den Glau­ben, dass im Fuß­ball die Bes­ten auf dem Papier auch die Bedeu­tends­ten für eine Mann­schaft und den Fuß­ball im All­ge­mei­nen sind. In die­sem Punkt hebt sich also der Fuß­ball dann kei­nes­wegs mehr von ame­ri­ka­ni­schen Sport­ar­ten wie Bas­ket­ball und Foot­ball ab, die sich einer Statistik-Religion unter­wor­fen haben und bei denen jeder ein­zelne Rebound, sei er auch nur dem Zufall geschul­det, und jeder ein­zelne Rushing-Yard, basiere er auch nur auf der glück­li­chen Fügung eines weg­rut­schen­den Defen­ders, gezählt, notiert und aus­ge­wer­tet wird.

Ich frage mich: Bedeu­tet die Weltfußballer-Auszeichnung etwas für den Fußball?

Letzte Sai­son haben wir Lio­nel Messi auß­nahms­weise schei­tern sehen – soweit man bei Messi von Schei­tern spre­chen kann. Nichts­des­to­trotz hat er es bei der Wahl vor Franck Ribery geschafft. Vor Ribery, der die Gal­li­ons­fi­gur der in der letz­ten Sai­son bes­ten Mann­schaft der Welt war! Dass Cris­ti­ano Ronaldo ein her­aus­ra­gen­der Fuß­bal­ler ist und gerade zuletzt für die Natio­nal­mann­schaft Por­tu­gals eine her­aus­ra­gende und unver­zicht­bare Rolle spielte ist keine Frage. Es ist sehr schwie­rig, diese Wahl sach­lich zu kritisieren.

Was mich viel mehr beschäf­tigt: Was ist eigent­lich mit Paul Scho­les, mit Ryan Giggs, mit Xavi?

Es gibt ein Dut­zend Fuß­bal­ler, teil­weise sogar noch aktiv, die die­sem Welt­fuß­ball ihren ein­zig­ar­ti­gen Stem­pel durch ihre beson­dere Art Fuß­ball zu spie­len auf­ge­drückt haben und doch nie­mals als Welt­fuß­bal­ler aus­ge­zeich­net wur­den oder wer­den. Und so wird es wohl auch Franck Ribery ergehen.

Lie­ber Welt­fuß­bal­ler: Du bist ein Fußball-Politikum, Du bist eine Insti­tu­tion der Eitel­kei­ten, Du bist eine FIFA-Figur, eine Pro­jek­ti­ons­platt­form für Träume und Neid, bist der strah­lende Stern in der Fuß­ball­welt und doch nur eine für den Fuß­ball unbe­deu­tende Erfin­dung der FIFA. Für mich bist Du kein ech­ter Fuß­bal­ler. Für mich ist der Welt­fuß­bal­ler Fiktion.

Mit sport­li­chen Grüßen,

Marc Andruszko





Diskussionskultur

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>