Post für den Fußball


veröffentlicht am Freitag, 4. April 2014 11:04, von unserem Autor Benjamin Heberling in Post vom Schlenzer. null Kommentare

Fuß­ball, was bist du für ein Sport? Was bist du für eine son­der­bare Frucht, die seit Jahr­zehn­ten meine Sinne beflü­gelt, sie manch­mal erschüt­tert, häu­fig erfreut, hin und wie­der zer­mürbt, um in sei­ner gesam­ten Erschei­nung her­me­neu­tisch nie­mals offen­kun­dig ver­ständ­lich zu wer­den. Fuß­ball ist das Gegen­teil von Wis­sen­schaft, die Evi­denz bleibt fast immer aus.

Ich beob­achte dich seit vie­len Jah­ren, sicher­lich ent­geht mir vie­les, doch eini­ges schnei­det sich in mein Gemüt, man­ches bleibt und vie­les geht. Meine ältes­ten Erin­ne­run­gen rei­chen bis in die frü­hen Neun­zi­ger, die jüngs­ten enden nie.

Von der Gegen­wart ins Heute

Es war ein Sonn­tag­nach­mit­tag, der 10. Juli 1994, als ich im Auto mei­ner Eltern saß, wir gerade vom Schwimm­bad nach Hause fuh­ren und ich im Radio ver­folgte, wie Stoitsch­kow und Letsch­kow bin­nen Minu­ten das Vier­tel­fi­nale gegen die deut­sche Elf drehten.

Heute schrei­ben wir den 4. April 2014 und es ist viel pas­siert, es geht immer voran und manch­mal drängt sich der Ver­such auf, das Ganze fest­zu­hal­ten, das ste­tig Wan­delnde in Worte zu fassen.

Auch der Anspruch an den Sport ver­än­dert sich. Um mich für die Sekunde glück­lich zu machen, reicht es mir einen Ball zu geben. Um mich 90 Minu­ten zu unter­hal­ten, möchte auch ich etwas gebo­ten bekom­men. Die Dis­tanz zu die­sem Sport wächst, aber manch­mal ver­schwin­det diese Ferne. Die Hin­spiele des Cham­pi­ons Lea­gue Fina­les spre­chen ihre eigene Spra­che, sie zei­gen was die­sen Sport in sei­nem inne­ren bewegt und was ihn nicht greif­bar macht. Es die Unbe­re­chen­bar­keit, die eine eigene Welt kreiert.

Der wider­sprüch­li­che Habitus

Fakt ist, dass der amtie­rende Titel­trä­ger Man­ches­ter United im eige­nen Sta­dion domi­niert, aber wenig Druck aus­üben kann. Im Ber­n­abeu ist Real Madrid der Borus­sia aus Dort­mund deut­lich über­le­gen, aber nie so domi­nant wie die Münch­ner andern­orts, den­noch gewin­nen die Madri­le­nen diese Par­tie deut­lich und ebnen den Weg für das dritte Halb­fi­nale in Folge.

Der BVB ist vom Ver­let­zungs­pech geplagt, Gün­do­gan, Blasz­czy­kow­ski und Lewan­dow­ski hät­ten die­ser Begeg­nung ihren Stem­pel auf­drü­cken kön­nen. Auch ohne die genann­ten Spie­ler wirft man alles in die Wag­schale und doch reicht es bei wei­tem nicht. Wenn Qua­li­tät durch uner­gründ­li­che finan­zi­elle Res­sour­cen auf inbrüns­ti­gen Ver­eins­fuß­ball und des­sen dezi­mierte Elf trifft, steht am Ende auf der einen Seite eine 3 und auf der ande­ren eine Null.

Man muss nicht fana­tisch sein, um sich auf die Zähne zu bei­ßen wenn Mkhi­ta­ryan vier Meter vor dem Tor Pepe anschießt. Aus­ge­rech­net Pepe, für man­che die per­so­ni­fi­zierte Anti­pa­thie, er hat sich schon Auf­tritte geleis­tet, die ihm jeg­li­che mensch­li­che Sinne abspre­chen. Ges­tern Abend war er stets Herr im eige­nen 16er und kein Dort­mun­der konnte ihn wirk­lich in Ver­le­gen­heit bringen.

Das­selbe gilt für Ser­gio Ramos, seine gefühl­ten 20 Ellen­bo­gen­checks im letzt­jäh­ri­gen Halb­fi­nal­rück­spiel gegen Lewan­dow­ski zei­gen, dass Spie­ler für Erfolg über Lei­chen gehen. Ges­tern Abend bot er eine tadel­lose Vor­stel­lung. Cris­ti­ano Ronal­dos Auf­tritt war nicht son­der­bar auf­fäl­lig, ein­fach wie gewohnt enorm stark. Mit­ten in eine kleine Dort­mun­der Drang­phase, trifft er völ­lig kühl zum 3–0 und lässt im Dort­mun­der Block kol­lek­tiv den Unter­kie­fer vor den Ober­kie­fer wan­dern. Viel­leicht ist es genau das, was man für Real Madrid braucht: diese unbe­irr­bare Atti­tüde, die­ser über­trie­bene Stolz und seine ganze Strahl­kraft – die Borus­sia war davon sicht­lich gelähmt.

Man hört häu­fig die Phrase, Erfolg könne man nicht kau­fen. Man darf gespannt sein, wer Ende Mai den Hen­kel­pott in den Lis­sa­bo­ner Nacht­him­mel reckt.

Die neue Ära und ihr Journalismus

Seit fast einem Jahr spricht man von der Wach­ab­lö­sung im euro­päi­schen und fer­ner mon­dia­len Ver­eins­fuß­ball. Bay­ern Mün­chen ist das Maß aller Dinge, daran gibt es wenig Zweifel.

Das Schöne an die­sem Sport ist, dass dies viel­leicht nicht aus­reicht. Es ist die ein­gangs beschrie­bene Unbe­re­chen­bar­keit, die den gan­zen Zau­ber begrün­det. Es genügt nicht die form– und kader­stärkste Mann­schaft der Welt zu sein, um die­sen Titel zu ver­tei­di­gen. Und wenn man den Auf­tritt gegen ManU in Rela­tion zu Par­tien der ver­gan­ge­nen Jahre setzt, dann sollte man sich über­le­gen von Super­la­ti­ven Gebrauch zu machen.

Ich ver­ehre den Stil, den die Bay­ern im Grunde seit Jupp Heynckes zu per­fek­tio­nie­ren ver­su­chen. Guar­dio­las Ver­ede­lung gelingt nach und nach. Zumin­dest die Par­tie am Mitt­woch lässt vom Unter­hal­tungs­wert zu wün­schen übrig. Ich denke zurück an die Barca Mann­schaft aus dem Jahr 2011, deren Spiele sich in meine Netz­haut brann­ten. Diese Elf hatte ManU, wohl­be­merkt im Finale, der­art beherrscht, dass selbst beim Stand von 1–1 ihr Sieg nie in Frage stand. Und genau das ist der Punkt, den Bay­ern am Diens­tag ver­mis­sen ließ.

So uner­gründ­lich der Sport selbst, so will­kür­lich sind auch seine Jour­na­lis­ten. Jür­gen Klopp ern­tet Sym­pa­thien für seine for­sche Reak­tion gegen den ZDF-Reporter. Diese Begeg­nung beschreibt eine Ent­wick­lung, die einen seit Jah­ren wäh­ren­den Nie­der­gang skiz­ziert. Sport­jour­na­lis­mus erreicht mei­nes Erach­tens im beson­ders beim Fuß­ball häu­fig sei­nen Tief­punkt. Ich gebe dem Dort­mun­der Coach Recht, sei­nem Unmut Aus­druck zu ver­lei­hen. In einer Welt der Unge­wiss­heit ist das Letzte was wehen sollte, der Schleier der Höf­lich­keit. Und wenn Repor­ter einen emo­ti­ons­ge­la­de­nen Sport mit wenig gekonn­ten Spit­zen tor­pe­die­ren, dann ist ein ent­schie­de­ner Abgang die wür­digste Art, sich die­sen unnüt­zen Spiel­chen zu entziehen.





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