Post für Breno Vinícius Rodrigues Borges


veröffentlicht am Freitag, 23. August 2013 09:28, von unserem Autor Marc Andruszko in Post vom Schlenzer. null Kommentare

Sehr geehr­ter Breno Viní­cius Rod­ri­gues Borges,

wir alle ken­nen Sie nur als Breno, den bra­si­lia­ni­schen Fuß­bal­ler, das große Abwehr­ta­lent, den Jun­gen, der mit 18 Jah­ren den gro­ßen Schritt über den Atlan­tik wagte und schei­terte: Ihr einst hoff­nungs­vol­ler Weg führte in die Sack­gasse, JVA Stadelheim.

Breno JVA Stadelheim München

Jeden Tag müs­sen Sie hin­ter diese Mau­ern zurück­keh­ren: JVA Sta­del­heim, Mün­chen. Foto: wiki­me­dia commons

Nun sind Sie Frei­gän­ger. Das bedeu­tet: mor­gens raus aus dem Gefäng­nis, um wie­der Anschluss an die Gesell­schaft zu fin­den, nach­mit­tags wie­der zurück hin­ter Git­tern, eingesperrt.

Sie hat­ten viel Zeit im Gefäng­nis, Ihre Geschichte zu reflek­tie­ren. Ken­nen wir die Wahrheit?

Was wir wis­sen: Viele große Ver­eine woll­ten Sie, den viel­leicht bald bes­ten Abwehr­spie­ler der Welt, ver­pflich­ten. Doch schon damals muss­ten Sie das gna­den­lose Geschäft ken­nen­ler­nen. Real Madrid ver­langte einen Kno­chen­test von Ihnen. Schwer zu glau­ben, dass Sie bereits als Jugend­li­cher über solch eine starke Phy­sis ver­füg­ten. Sie wei­ger­ten sich. Der Weg führte Sie nicht ins süd­li­che Europa, son­dern nach Bayern.

Der Fuß­bal­ler Breno bekam immer wie­der eine Chance beim FC Bay­ern, doch wirk­lich durch­set­zen konnte er sich nicht. Das viel­ver­spre­chende Enga­ge­ment beim 1. FC Nürn­berg zur Aus­leihe: Licht am Ende des Tun­nels. Dann der Kreuz­band­riss: zurück auf null, wie­der War­te­schleife. Dann wie­der zurück zum FC Bay­ern, man stärkte Ihnen immer wie­der öffent­lich den Rücken. Viel­leicht auch, weil man über Ihren psy­chisch labi­len Zustand schon allzu lange Bescheid wusste?

Breno, Sie sind als Fuß­bal­ler nach Deutsch­land gekom­men, weil Sie einer der bes­ten Abwehr­spie­ler der Welt wer­den woll­ten und soll­ten. Doch wo sind Sie als Mensch geblie­ben? Sie soll­ten sich in einem frem­den Land als jun­ger Mann beruf­lich durch­set­zen. Wie sehr fehlte Ihnen Ihre natür­li­che Umge­bung in der Zeit, als Sie mit sich selbst und der Kar­riere kämpf­ten? Nie­mand bezwei­felt, dass die Ver­ant­wort­li­chen des FC Bay­ern immer ein Auge auf Sie hat­ten und dass Sie selbst die finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten besa­ßen, jeder­zeit Freunde und Fami­lie ein­flie­gen zu las­sen, um so den bra­si­lia­ni­schen Wohl­fühl­fak­tor nach Mün­chen zu impor­tie­ren. Am Ende des Tages dürf­ten Sie sich doch immer noch fremd gefühlt haben, weil Sie nicht spiel­ten, sich nicht gebraucht fühl­ten in Ihrer Wahl­hei­mat München.

Ihr Schick­sal zeigt uns ein­mal mehr, dass die große Zeit der bra­si­lia­ni­schen Fuß­bal­ler in Deutsch­land vor­bei ist. Zu unter­schied­lich die Men­ta­li­tät, zu ver­schie­den die Spiel­phi­lo­so­phie. Trai­ner ver­lan­gen tak­ti­sche Dis­zi­plin und ein nahezu feh­ler­freies Spiel. Bra­si­lia­ni­sche Fuß­bal­ler sind Kicker, die träu­men las­sen. Sie leben seit jeher von ihren Fähig­kei­ten im 1 gegen 1 und sol­len so den Unter­schied machen. Von Ihnen erwar­tete man, dass Sie eine Zwei­kampf­ma­schine wer­den, eine Wand, an der geg­ne­ri­sche Stür­mer abpral­len, viel­leicht der moderne Lucio.

Im Fuß­ball von heute sind Schwä­chen schwer auf­zu­fan­gen, Feh­ler wer­den gna­den­los bestraft. Die bra­si­lia­ni­sche Spiel­weise lebt vom Risiko, dem Mut zu Feh­lern und der Offen­le­gung von Schwä­chen. Bra­si­lia­ni­scher Fuß­ball ist wie Poker. All in. Alles oder nichts. Der moderne Fuß­ball ist gnadenlos.

Sie haben eines Tages mit Ihrem Leben gepo­kert, der gan­zen Welt Ihre Schwä­chen auf den Tisch gelegt. Viel­leicht war es ein Hil­fe­ruf. Jeder konnte erken­nen, dass Breno nicht so stark ist, wie er aus­sieht, ein Mann wie eine Wand. Ihre Welt stürzte ein. Sie drück­ten den Reset-Knopf. Alles sieht danach aus, als hät­ten Sie verloren.

Ein Tag im Gefäng­nis ist wie der andere, fest durch­ex­er­ziert, Lan­ge­weile lau­ert an jeder Ecke. Aber: Im Gefäng­nis sind Sie der Star, ein Mann aus einer ande­ren Welt, hier bewun­dert man Sie. Drau­ßen, als Frei­gän­ger, sind Sie wie­der Breno, der Gefal­lene. Beson­ders, wenn Sie jetzt täg­lich an die Säbe­ner Straße zurück­keh­ren: Sehen Sie sich selbst als neuen Mann, haben Sie Abstand zum alten Breno gewon­nen oder erken­nen Sie in eini­gen jun­gen Spie­lern des FC Bay­ern, die den Sprung nach ganz oben nicht schaf­fen, sich selbst wie­der? Wird das Enga­ge­ment als Frei­gän­ger beim FC Bay­ern und damit die Kon­fron­ta­tion mit Ihrer Ver­gan­gen­heit zur The­ra­pie und kön­nen Sie damit Ihr dunk­les Kapi­tel für immer abschlie­ßen, viel­leicht mit Ihrer Erfah­rung Spie­lern hel­fen, die zwei­feln — oder zer­bre­chen Sie an den Erin­ne­run­gen an Ihr eige­nes Scheitern?

Bald wer­den Sie die Git­ter­stäbe Mün­chens hin­ter sich las­sen. Ich würde mir wün­schen, dass Sie es schaf­fen, auch aus Ihrem inne­ren Gefäng­nis aus­zu­bre­chen. Nut­zen Sie die Chance, die Ihnen der FC Bay­ern bie­tet, fin­den Sie Anschluss. Doch blei­ben Sie nicht ste­hen. Lau­fen Sie los und seien Sie ein­fach der Breno, der Sie wirk­lich sein möch­ten. Ich wün­sche mir, dass Sie bald mit dem FC Bay­ern und der Ver­gan­gen­heit abschlie­ßen kön­nen. Des­sen Hilfs­be­reit­schaft in allen Ehren, das Fang­netz, der Glau­ben an Sie, die bedin­gungs­lose Unter­stüt­zung. Doch es ist an der Zeit, dass Sie Ihren eige­nen Weg fin­den. Viel­leicht ja dann in Ihrer Hei­mat über dem Atlan­tik, einen gro­ßen Schritt zurück — zurück in die Zukunft.

Breno Brasilien

Ihr Traum von der WM im eige­nen Land: Viel­leicht sind Sie bis dahin ein freier Mann. Foto: Breno Peck / flickr.com





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