Post für Andreas Müller


veröffentlicht am Mittwoch, 23. Januar 2013 19:20, von unserem Autor Marc Andruszko in Post vom Schlenzer. null Kommentare

Sehr geehr­ter Andreas Müller,

ich möchte mich hier nicht als Bes­ser­wis­ser auf­spie­len, dazu ver­stehe ich im Ver­gleich zu Ihnen viel zu wenig von dem Geschäft, das Sie betrei­ben: dem Fuß­ball­ge­schäft. Sie sind ein erfah­re­ner Mana­ger, haben mit dem FC Schalke 04 bereits einen gro­ßen Tra­di­ti­ons­ver­ein geführt und sind in der Bran­che sicher­lich ein pro­fi­lier­ter Mann. Doch möchte ich Ihnen auf die­sem Weg meine Zwei­fel dar­über zum Aus­druck brin­gen, ob Ihre Aus­sa­gen über die Sus­pen­die­rung von Mar­vin Comp­per aus dem Profi-Kader eine glück­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik und eine cle­vere Außen­dar­stel­lung der TSG Hof­fen­heim sind.

Ich kann mir gut vor­stel­len, wel­che Idee dahin­ter steckte: Ver­mut­lich woll­ten Sie neu­ge­won­nene Stärke und kon­se­quent har­tes Durch­grei­fen bei der in der deut­schen Fan­kul­tur als Söld­ner­truppe und Hopp-Baby ver­schriene TSG 1899 Hof­fen­heim demonstrieren.

Post vom Schlenzer für Andreas Müller TSG

Rolf Handke / pixelio.de

Mit dem neuen Trai­ner Marco Kurz, ein Freund von Ihnen aus alten Zei­ten auf Schalke, haben Sie zudem einen geer­de­ten Trai­ner enga­giert, der vor allem eines soll: Ord­nung in den an Star­al­lü­ren und Selbst­über­schät­zung krän­keln­den Kader der TSG brin­gen. Kurz soll end­lich eine Mann­schaft for­men, eine ver­schwo­rene Truppe, die auch den Abstiegs­kampf über­steht und dazu gehört es auch, die Ein­stel­lung eines jeden Spie­lers zu hin­ter­fra­gen. Marco Kurz, der genau wie in Kai­sers­lau­tern in Trai­nings­kla­mot­ten an der Sei­ten­li­nie laut­stark coacht, ist kein Trai­ner für Spie­ler mit Star­al­lü­ren. Marco Kurz kann offen­sicht­lich kei­nen Mar­vin Comp­per gebrau­chen, der an einem Moti­va­ti­ons­pro­blem lei­den soll. Inwie­fern diese Sache mit Ver­hand­lun­gen über eine Ver­trags­ver­län­ge­rung mit Comp­per zusam­men­hängt, kann ich nur spe­ku­lie­ren. Jeden­falls werde ich wirk­lich nicht schlau aus dem Schau­spiel, das sich gerade bei Ihnen im Kraich­gau bietet.

Durch Aus­sa­gen der Hof­fen­hei­mer Spie­ler wird medial eine Art Auf­bruch­stim­mung sug­ge­riert. So wirk­lich abneh­men kann ich diese der TSG Hof­fen­heim aller­dings nicht, denn es sind mit Tim Wiese und Tobias Weis genau jene Spie­ler, die vor­her mit Mar­kus Bab­bel nicht zurecht­ka­men, die uns nun glau­ben machen wol­len, unter Kurz würde alles bes­ser wer­den in Hoffenheim.

Es macht mich nach­denk­lich, dass bereits mit Hol­ger Sta­nis­law­ski ein Trai­ner bei der TSG ver­schlis­sen wurde, wie er geer­de­ter und volks­na­her kaum sein kann. Kein ande­rer Ver­ein im Pro­fi­be­reich gibt sich so volks­nah wie der FC St. Pauli, der Ver­ein, bei dem Hol­ger Sta­nis­law­ski zum Kult­spie­ler und –trai­ner wurde. Ein Ver­ein, bei dem der popu­läre Spie­ler Fabian Boll sogar noch halb­tags sei­nem bür­ger­li­chen Beruf als Poli­zist nach­geht. Ein Ver­ein, dem das große Geld fremd und der mit einer groß­ar­ti­gen Fan­kul­tur aus­ge­stat­tet ist. Wenn ein Mann wie Hol­ger Sta­nis­law­ski keine Mann­schaft bei der TSG Hof­fen­heim for­men und keine neue Begeis­te­rung in der Region ent­fa­chen kann, wer dann?

Auf Sta­nis­law­ski folgte Mar­kus Bab­bel, per­sön­lich von Diet­mar Hopp aus­er­ko­ren. Bab­bel, dem trotz der selt­sa­men Tren­nung von Her­tha BSC Ber­lin ein erst­klas­si­ges Ver­hält­nis zu der Mann­schaft Her­thas nach­ge­sagt wurde, kam bei Ihnen im Kraich­gau schein­bar auch nicht klar. Er sorgte dafür, dass die Trans­fer­po­li­tik der TSG eine Renais­sance erlebte. Es wur­den mit Joselu, Der­diyok und Wiese ver­meint­li­che Hoch­ka­rä­ter geholt. Tim Wiese gab bei sei­nem Wech­sel von Wer­der Bre­men zu Hof­fen­heim das Ziel inter­na­tio­na­ler Wett­be­werb aus. Die Ver­pflich­tung von Tim Wiese war die Leis­tung von Mar­kus Bab­bel, der in die­sem den lang ersehn­ten Füh­rungs­spie­ler für die TSG sah. Der selbe Mar­kus Bab­bel ver­traute kurz vor Ende sei­ner Amts­zeit Tim Wiese nicht mehr hun­dert pro­zen­tig und sorgte damit für noch mehr interne Unruhe.

Das sind alles nicht Ihre Feh­ler, Herr Mül­ler. Aber es sind Alt­las­ten, mit denen Sie sich aus­ein­an­der­set­zen müs­sen. Jetzt frage ich mich, wie man die TSG Hof­fen­heim zu einem Ver­ein formt, der respek­tiert wird. Es ist pein­lich, dass ein Mann wie Diet­mar Hopp, der nicht etwa wie Roman Abra­mo­witsch ein deka­den­tes Jet-Set-Leben führt, son­dern der außer­halb Sins­heims enorm viel für den wohl­tä­ti­gen Zweck (aus­ge­zeich­net mit dem Laureus-Preis) und die Region getan hat (bei­spiels­weise Ret­tung der Eich­baum Braue­rei in Mann­heim und damit zahl­rei­cher Arbeits­plätze), nahezu wöchent­lich in den Sta­dien Deutsch­lands dif­fa­miert wird. Ich frage mich: Wie kön­nen Sie als Mana­ger hel­fen, die­sen üblen Ruf der TSG Hof­fen­heim im Fuß­ball­land zu verbessern?

Mit Sicher­heit funk­tio­niert das nicht mit öffent­lich vor­ge­tra­ge­nen Per­so­nal­ent­schei­dun­gen. Es riecht danach, dass Sie sich von Mar­vin Comp­per noch in die­ser Trans­fer­pe­riode tren­nen wer­den. Inter­es­sen­ten gibt es angeb­lich schon im Aus­land. Mit David Abra­ham haben Sie bereits im Zuge der Aus­ein­an­der­set­zung mit Comp­per einen Ersatz aus Spa­nien ver­pflich­tet. Durch die öffent­li­che Bekannt­ma­chung der Gesprä­che mit Comp­per über sein Moti­va­ti­ons­pro­blem haben Sie wie­der ein­mal den schlech­ten Ruf der TSG in Fuß­ball­deutsch­land genährt. Um es popu­lis­tisch zu for­mu­lie­ren: Bei der TSG Hof­fen­heim spie­len geld­geile Fuß­ball­pro­fis, die nicht für den Ver­ein kämp­fen, son­dern nur dort spie­len, weil Diet­mar Hopp die Geld­börse weit auf­macht. So oder so ähn­lich wird die Geschichte Hof­fen­heims jeden Abend in den Fuß­ball­knei­pen Deutsch­lands erzählt. Letzt­end­lich wird die­ses Moti­va­ti­ons­pro­blem nicht nur an Comp­per hän­gen­blei­ben, son­dern natür­lich auch an Ihrem Verein.

Warum haben Sie sich nicht ein­fach sau­ber von Comp­per getrennt? Man hätte sich viel­leicht kurz dar­über gewun­dert aber Sie hät­ten es mit ein biss­chen Geschick unpro­ble­ma­tisch vor den Medien ver­tre­ten kön­nen. Wenn einem Ver­ein die Dis­kus­sion um Möchtegern-Stars nichts nützt, dann der TSG Hof­fen­heim. Sie haben sich mit die­ser Aktion quasi selbst kari­kiert. Und die Fuß­ball­na­tion lacht ein­mal mehr über die TSG Hof­fen­heim, den Ver­ein, der eigent­lich längst den Ruf des Inves­to­ren­ver­eins abge­streift haben sollte, selbst­stän­dig agie­ren und sich von Diet­mar Hopp eman­zi­pie­ren wollte.

Herr Mül­ler, ich wün­sche Ihnen viel Erfolg für Ihre Zeit in Hof­fen­heim und dass es Ihnen gelingt, den Ver­ein so zu for­men, dass er nicht mehr Prü­gel­knabe der deut­schen Fan­szene ist. Dazu gehört bei­spiels­weise, mehr jun­gen Talen­ten aus Deutsch­land eine Chance in der Bun­des­liga zu geben, keine astro­no­mi­schen Gehäl­ter für ver­diente Bun­des­li­ga­stars zu zah­len, um diese in den Kraich­gau zu locken, und eben auch die Tren­nung von allen Spie­lern, die sich nicht voll mit dem Ver­ein iden­ti­fi­zie­ren. Letz­te­res aber bitte ohne eine Pres­se­er­klä­rung, wel­che die BILD froh­lo­cken lässt.

Mit sport­li­chen Grüßen,

Marc Andruszko





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