Zwischen Fußball und Humanität


veröffentlicht am Mittwoch, 13. März 2013 19:49, von unserem Autor Benjamin Heberling in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

Fuß­ball ist ein sim­pler Sport, fast stu­pide, das Ziel ist für jeden ersicht­lich und der gefor­derte Intel­lekt mehr als begrenzt, betrach­tet man die­ses Spiel in sei­ner abs­trak­ten Grund­idee. In der Rea­li­tät ent­steht eine Ästhe­tik, die aus einem evo­lu­tio­nä­ren Pro­zess her­vor­geht. Die Folge ist die Schön­heit die­ses Sports, die uns wöchent­lich in ihren Bann zieht und die wir nur durch die Kumu­la­tion unse­rer jah­re­lan­gen Erfah­run­gen als sol­che begreifen.

Was einen beträcht­li­chen Teil des Lebens­in­hal­tes füllt ist das Resul­tat einer fast unend­li­chen Man­nig­fal­tig­keit an Varia­tio­nen, an Mög­lich­kei­ten, an Spiel­for­men, an Akteu­ren und deren Kom­bi­na­tion. Fuß­ball lebt von die­sem sich immer wie­der erneu­ern­den Habi­tus. Fuß­ball steht wie kaum etwas ande­res für Fluk­tua­tion, für Ver­än­de­rung, für Ver­gäng­lich­keit — das ist Preis, den die Gegen­wart an die Evo­lu­tion bezahlt.

Iden­ti­tät und Triebkräfte

Das, was wir auf dem Rasen sehen, die Anmut, das majes­tä­ti­sche bis bra­chiale Zusam­men­wir­ken von Arbei­tern, Stra­te­gen, Künst­lern und Vir­tuo­sen erzeugt eine Syn­er­gie, die uns trotz ihrer Bana­li­tät verzaubert.

Fuß­ball ist ein Magnet, eine wirt­schaft­lich unglaub­lich inten­sive Inter­ak­ti­ons­ebene: es wer­den Mil­li­ar­den inves­tiert, aus­ge­ge­ben und ver­brannt. Die­ser Sport bedient meh­rere Dimen­sio­nen in einer fast uner­setz­ba­ren Intensität.

Die zen­tra­len Instan­zen der Mensch­heit sind eng mit die­sem Sport ver­netzt. Wirt­schaft, Gesell­schaft und Poli­tik erlas­sen Regeln, schaf­fen Gesetze, för­dern, unter­stüt­zen oder zer­stö­ren die­sen Sport. Sie sind gleich­zei­tig Input, Anbie­ter und Nach­fra­ger. Ein­zig die Kir­che hält sich her­aus, die hat ihre eige­nen Pro­bleme. Und selbst sie ist impli­zit ver­tre­ten, bedenkt man die Kraft des Glau­bens auf viele Spie­ler. Fuß­ball ist für viele Men­schen die zen­trale Kon­stante in ihrem Leben.

Die­ser Arti­kel soll kein Ver­such sein, den tat­säch­li­chen Stel­len­wert die­ses Sports zu begrei­fen, er for­mu­liert ledig­lich ein paar Gedan­ken. Viel­leicht ist er auch eine sehr sub­jek­tive, von eige­nen Erfah­rungs­kon­tex­ten geprägte Sicht­weise und der zum Schei­tern ver­ur­teilte Ver­such, den Quer­schnitt­cha­rak­ter die­ses Phä­no­mens als sol­chen zu artikulieren.

Ich selbst habe so viele unzäh­lige Stun­den in die­sen Sport inves­tiert, über Jahre gespielt, geschaut, gefach­sim­pelt, mich der größ­ten Freude und der stärks­ten Pein aus­ge­setzt, mei­nen Kör­per preis­ge­ge­ben, Unmen­gen von Geld inves­tiert und gehe die­ser Anmut heute noch in Tei­len nach und ich möchte keine ein­zige Minute ver­mis­sen, die ich von mei­nem sehr begrenz­ten Erden­da­sein in eine ein­zige Akti­vi­tät inves­tiert habe und der ein­zige Grund dafür heißt: Freude. Es ist keine Kau­sal­kette, die nicht ratio­nal zu erklä­ren ist, es sind höhere Mächte: Fuß­ball ist eine Welt der Emo­tio­nen. Wer sie betritt kann sie nie­mals ver­las­sen. Und wer sie ver­lässt, hat sie nie wirk­lich betreten.

Die Wiege die­ser Freude

Fußball Kind

Mil­lio­nen von Kin­dern haben den Fuß­ball mit der Mut­ter­milch auf­ge­so­gen. Kein ande­rer Sport bewegt welt­weit so viele Men­schen. Foto: Eva Freude / flickr

Auf­ge­wach­sen in den Neun­zi­gern, den Sport in sei­ner Eigen­tüm­lich­keit und sei­nem Kult lie­ben gelernt und in des­sen Schat­ten die ers­ten eige­nen Schritte gemacht, hat man als Kind diese Lei­den­schaft ent­deckt, für sie gelebt und sie beim Altern nicht ver­ges­sen, wenn die Inter­es­sen sich doch ungleich ver­än­dern. Zu stark ist diese Bin­dung, zu tief ver­an­kert ist der uner­setz­bare und unver­gleich­li­che Wert.

Wenn ich am Sams­tag­nach­mit­tag um 16.45 Uhr vor dem Radio sitze, die Augen schließe und meine Sinne ganz dem Laut­spre­cher widme, dann weiß ich nicht, ob ich im Jahre 1998, 2004 oder 2013 bin. Zu gleich, zu schön, zu fes­selnd die hek­ti­schen und bild­haf­ten Worte der Kom­men­ta­to­ren, die in ihrer Medi­en­loge sit­zen, dem Spiel­feld und unzäh­li­gen Bild­schir­men fol­gen und dem Hörer durch ihre eigene Begeis­te­rung einen mehr als authen­ti­schen Ein­druck ver­mit­teln, was sich gerade tat­säch­lich auf dem Grün abspielt. Die­ses Gefühl, das den Sport vor das innere Auge führt, es ver­geht nie.

An einem Sams­tag möchte ich die Erde ver­las­sen, die Abschieds­worte fin­det Sabine Töp­per­wien, nein sie schweift ab, die Bun­des­li­ga­schluss­vier­tel­stunde fes­selt sie und ihre Zuhörer.

Ver­än­de­run­gen und ihre Begleiterscheinungen

Wie vie­les in unse­rem Leben unter­liegt auch Fuß­ball einem evo­lu­tio­nä­ren Pro­zess, sodass manch­mal die Frage auf­kommt, in wel­che Rich­tung diese Ent­wick­lung führt. Fuß­ball ist mehr als ein Sport, er ist ein größ­ter gemein­sa­mer Nen­ner, der Zusam­men­halt und Iden­ti­tät för­dert, und mit Ein­gang der Varia­ble Zeit einem dyna­mi­schen Pro­zess unter­liegt. Eine Dyna­mik, die Ver­än­de­run­gen mit sich bringt, deren Inten­tion und Sinn stark in Frage stehen.

Fuß­ball ist Volks­sport und wird für das Volk immer weni­ger ‚erschwing­lich’. Die zen­tra­len Kräfte bestim­men das Spiel, der Mensch wird zur Puppe sei­ner eige­nen Enklave, in deren Fän­gen außer Rand und Band. Fuß­ball ist für viele das häu­fig zitierte ‚Ven­til’, ein Aus­gleich den das sons­tige Leben nicht bie­ten kann, ein urtüm­li­ches Mit­ein­an­der, auch Auf­ruf zum Gegen­ein­an­der, des­sen Aus­prä­gun­gen ich stark kri­ti­siere. Die­ses Gegen­ein­an­der sym­bo­li­siert den Mensch in sei­nen Urwer­ten, die mit dem heu­ti­gen Leben nichts mehr gemein haben soll­ten. Den­noch ist es eine Keim­zelle, zu Tei­len poli­tisch moti­viert und wer ver­sucht das Kei­men zu unter­bin­den, der ver­schärft den Dis­put und den Inter­es­sen­kon­flikt. Die Fans füh­len sich auf ihrem eige­nen Ter­rain ein­ge­schränkt, sie ver­bin­den mit die­sem Sport die Flucht in eine Welt, wie es sie sonst nicht gibt und wenn man ver­sucht diese Welt zu ste­reo­ty­pi­sie­ren, dann rich­tet das Volk sich auf und der Staat lässt seine Mus­keln spielen.

Der Kom­plott der Humanität

Fußball Tod Robert Enke

Die Trauer der Fuß­ball­fans um Robert Enke war gren­zen­los. Doch das Fuß­ball­ge­schäft musste wei­ter­ge­hen. Foto: migh­ty­migh­ty­matze / flickr

Das Volk liebt die­sen Sport und nur der eli­täre Fort­schritt, die ste­tige Selek­tion der Bes­ten gewähr­leis­ten den volks­wirt­schaft­li­chen Pro­fit, den diese Dis­zi­plin bringt, doch die Wirt­schafts­kraft for­dert ihre Opfer: der Mensch wird gehan­delt, in einem Aus­maß, das Kon­se­quen­zen und Leid­tra­gende fordert.

Des einen Freud‘ des andern Leid‘, Ulli lacht und Clau­dio schreit. Die fürst­li­che Ent­loh­nung wird den Schrei mil­dern, aber unter­drü­cken wird sie ihn nicht. Zu urtüm­lich, zu intrin­sisch und zu groß die Freude und der Antrieb, die hin­ter dem Men­schen und sei­ner Liebe zum Sport stecken.

Hin­ter­fragt man das Gesche­hen auf wirt­schaft­li­cher als auch mensch­li­cher Ebene, so mani­fes­tiert sich ein Ein­druck von Sur­rea­lis­mus. 18 Mann­schaf­ten beher­bergt die höchste deut­sche Spiel­klasse, alle ste­cken sich Ziele, kau­fen Spie­ler, schaf­fen Druck und füt­tern die­sen mit teil­weise irrea­len Vor­stel­lun­gen. ‚Gewin­nen‘ kann am Ende nur ein Team, ein paar wenige qua­li­fi­zie­ren sich für den lukra­ti­ven euro­päi­schen Wett­be­werb und an die 10 Teams gehen leer aus. Drei wei­tere tra­gen das Prä­di­kat „abge­stie­gen“, sie wei­chen dem selek­ti­ven Sys­tem und wer­den ersetzt. Die von Miss­er­folg gepräg­ten Ver­eine betrach­ten die Trüm­mer ihrer ver­korks­ten Sai­son auf­grund von miss­ra­te­nem Per­so­nal­ma­nage­ment, einer inkom­pe­ten­ten Füh­rungs­riege und den nicht wie erhofft ein­schla­gen­den Trans­fers. Das Per­so­nal­ka­rus­sell dreht sich wei­ter, Spie­ler kom­men, Spie­ler gehen, manch­mal für immer.

Die­ser unglaub­li­che Druck, der bereits in Ama­teur­klas­sen beginnt, schnei­det sich in das Gemüt der Akteure und erst heute und auch nur in weni­gen Aus­nah­me­fäl­len tun Men­schen ihren Unmut kund, und manch­mal ist es zu spät.

Quo vadis?

Häu­fig hört man die Frage nach Typen, nach Gerech­tig­keit, nach Fair­ness – die Ver­gäng­lich­keit hat sie ver­trie­ben. Es gibt kei­nen Bas­ler mehr, kei­nen 5-Euro-Stehplatz und der BVB ist seit 13 Jah­ren an der Börse.

Die Markt­kräfte bestim­men das Spiel, der Mensch ist längst nur noch Ware und Mario­nette im macht­ab­hän­gi­gen Kon­strukt der zen­tra­len Inter­es­sen­ge­mein­schaf­ten. Eine funk­ti­ons­tüch­tige Öko­no­mie erfor­dert funk­ti­ons­tüch­tige Märkte, und die wie­derum benö­tigt  Spie­ler, also Men­schen,  die wie Güter und Input­fak­to­ren frei und mobil ver­füg­bar sind, das heißt nie­mals sozial ver­an­kert. Und die Inter­es­sen der Öko­no­mie ver­bie­ten Frei­den­ker und Akteure, die das Ganze hin­ter­fra­gen und erken­nen was geschieht.

Viel­leicht ist das der Grund für die heu­ti­gen Mus­ter­pro­fis Hum­mels, Götze und Bad­stu­ber? Weicht der Kult der Pro­fes­sion? Wo gehst du hin – wo kommst du an?





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