Wie Scheiche und Oligarchen die Tradition aufleben lassen


veröffentlicht am Dienstag, 13. August 2013 12:33, von unserem Autor Marc Andruszko in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

Sie lot­sen mit wahn­wit­zi­gen Gehäl­tern Fuß­bal­ler von Welt­klasse über­all hin, auch und gerade zu Ver­ei­nen ohne Tra­di­tion. Ob im Fürs­ten­tum Monaco oder in Machatsch­kala im fer­nen Russ­land: Neu­er­dings tum­meln sich dort Weltklasse-Fußballer, die frü­her viel­leicht unter der Bett­wä­sche des FC Bar­ce­lona oder Real Madrid von der gro­ßen Fuß­ball­welt geträumt haben. Man sagt: Geld regiert die Welt. Auch die Fuß­ball­welt? Die Stärke des gesell­schaft­li­chen Gegen­winds legt jene Ver­mu­tung nahe. Der Hass der Fans ent­lädt sich gegen die mil­li­ar­den­schwe­ren Geld­ge­ber und alles, was keine Tra­di­tion hat.

Der Sta­tus quo

Schei­che und Olig­ar­chen haben in Deutsch­land noch nicht das Zep­ter über­nom­men. Hier­zu­lande bil­den der FC Bay­ern mit einer prall gefüll­ten Ver­eins­kasse und Borus­sia Dort­mund mit einem glück­li­chen und ebenso genia­len Trans­fer­händ­chen das Gegen­ge­wicht zu Euro­pas Euronenschwadronen.

Aubameyang Rakete Tradition

Wie­der mal ein Voll­tref­fer vom BVB: Pierre-Emerick Aub­a­meyang, ein Stür­mer mit Rake­ten­an­tritt. Foto: Sim­mon / wikimedia

Tra­di­tio­na­lis­ten weh­ren sich ver­bis­sen gegen die Über­nahme durch Inves­to­ren aus Fern­ost, Russ­land oder anderswo. Die Angst, sich einem kapi­ta­lis­tisch ange­hauch­ten Geld­ge­ber zu unter­wer­fen, der den Erfolg erkau­fen will, gras­siert in Deutsch­land wie nir­gendwo anders in der Fuß­ball­welt. Die Que­re­len bei 1860 Mün­chen sta­tu­ie­ren hier ein bemer­kens­wer­tes Exem­pel.  

Dass Schei­che und Olig­ar­chen auf ihren Power­shop­ping­tou­ren durch Europa von Fans ver­flucht wer­den, ist nach­voll­zieh­bar. Doch selbst ein gön­ner­haf­ter und sozial emi­nent enga­gier­ter Mäzen wie Diet­mar Hopp, der den jugend­lich naiv anmu­ten­den Traum ver­folgte, sei­nen Dorf­ver­ein Hof­fen­heim zum Deut­schen Meis­ter zu machen, zieht einen unge­ahn­ten Hass auf sich. Teil­weise ist das gut begründ­bar, das Schlag­wort Tra­di­tion legi­ti­miert vie­les, ein Nim­bus der fast unzer­brech­lich wirkt.  Doch ist die Dis­kus­sion über die­ses Thema wenig dif­fe­ren­ziert, sie wird zu ein­di­men­sio­nal geführt. Wird sie über­haupt sach­lich und seriös geführt?

Über­all wün­schen sich Fans nichts sehn­li­cher, als dass der Fuß­ball wie­der so wird, wie er frü­her ein­mal war. Sie wün­schen sich das Unver­dor­bene zurück, die gute, alte Zeit. Doch war der Fuß­ball nicht immer schon hier und da ver­dor­ben, wur­den nicht auch schon vor vier­zig Jah­ren Geld­kof­fer durch die Bun­des­re­pu­blik gefah­ren, um Spie­ler aus Glad­bach nach Mün­chen oder von Saar­brü­cken nach Ber­lin zu lotsen?

Es wird Zeit, sich mit der Prä­senz der Schei­che, Olig­ar­chen und Inves­to­ren kon­struk­tiv aus­ein­an­der­zu­set­zen und das Posi­tive aus einer ver­meint­lich hilf­lo­sen Situa­tion herauszuarbeiten.

Scheich­klubs setz­ten Reize für die Bundesliga

Der gesamte deut­sche Fuß­ball pro­fi­tiert von den Ent­wick­lun­gen im Aus­land, beson­ders der­je­ni­gen Eng­lands. Viele der indi­vi­du­ell bes­ten Spie­ler zieht es zu Ver­ei­nen wie Man­ches­ter City. Jedoch ver­las­sen sie sich dort oft ein­zig auf ihre indi­vi­du­elle Stärke. Das hat natür­lich einen guten Grund. Jene Spie­ler wer­den behan­delt wie Zir­ku­sat­trak­tio­nen, frei nach dem Motto: Der große Zam­pano ist in der Stadt und zeigt euch nie dage­we­sene Zau­ber­tricks, Über­stei­ger hier, Hacken­tricks da.

Das Resul­tat die­ser Ent­wick­lung ist für den deut­schen Fuß­ball erfreu­lich: Es gibt keine bes­sere und aus­ge­gli­che­nere Fuß­bal­liga als die Bun­des­liga. Die tak­ti­schen und spie­le­ri­schen Fähig­kei­ten, die sich hier mann­schaft­lich ver­ei­nen und die selbst poten­ti­elle Abstei­ger durch den Ein­satz kol­lek­ti­ver Stärke zu zei­gen in der Lage sind, sind ein­zig­ar­tig auf der Welt.

Deut­scher Fuß­ball ist Bil­dungs­fuß­ball, mit wil­li­gen und lern­fä­hi­gen Spie­lern. Hier­zu­lande macht man nicht Kar­riere mit ange­zo­ge­ner Hand­bremse und eini­gen außer­ge­wöhn­li­chen Tricks im Reper­toire. Hier muss man immer Top­leis­tung brin­gen, auf und neben dem Platz. Es reicht nicht, den Ball tau­send­mal hoch­hal­ten zu kön­nen, ver­steht man nicht oder will man nicht ver­ste­hen, was einem der Trai­ner an der Tak­tik­ta­fel erklä­ren will.

Nur extrem außer­ge­wöhn­li­che Talente kön­nen sich über­haupt Eska­pa­den neben dem Platz erlau­ben, ohne dafür aus Jugend­ab­tei­lung aus­sor­tiert zu wer­den. Nir­gendwo ist die Leis­tungs­dichte höher als im Fuß­ball­land Deutsch­land, nir­gendwo müs­sen Jugend­li­che so lern­be­gie­rig sein, um es nach ganz Oben zu schaf­fen.  

Fan­kul­tur: Tra­di­tion wird wie­der greifbar

Die viel­leicht größte und erfreu­lichste Aus­wir­kung haben die Mil­lio­nen auf die Fan­kul­tur, wel­che eine Renais­sance erlebt. Durch die Ver­lust­angst wird Tra­di­tion erst wie­der greif­bar. Der eigene Ver­ein, ein Ver­ein mit gro­ßer Tra­di­tion, ver­liert an Bedeu­tung im Welt­fuß­ball und das nur, weil man kei­nen Scheich hat. Die Wahr­neh­mung von Tra­di­tion wird hier­durch enorm gestei­gert, es han­delt sich um einen Schutz­re­flex: „Nein, du nimmst mir mei­nen Ver­ein nicht mit dei­nem Geld weg, wir brau­chen dich nicht.“ Es ent­ste­hen Emo­tio­nen, die Iden­ti­fi­ka­tion mit dem eige­nen Ver­ein wächst pro­por­tio­nal zum Hass gegen Scheich-, Olig­ar­chen– oder Retortenklubs.

Pro­ble­ma­tisch wird der Hass gegen die neu­rei­chen Clubs aller­dings, wenn ver­eins­in­terne Pro­ble­men dadurch über­la­gert wer­den. Orga­ni­sa­to­ri­sches Ver­sa­gen, bei­spiels­weise bei der Beset­zung des Trai­ner­pos­tens, dem Aus­bau des ver­eins­ei­ge­nen Sta­di­ons oder der Zufüh­rung von jun­gen Talen­ten an den Pro­fi­ka­der, dür­fen nicht kau­sal auf die neu­rei­chen Clubs zurück­ge­führt wer­den. Nicht immer gilt die Ent­schul­di­gung: „Nur, weil wir kein Geld haben.”

Gesell­schaft­li­che Dimension

Der Fuß­ball wird instru­men­ta­li­siert. Was folgt die­sem Trend? Wer­den dem­nächst viel­ver­spre­chende Sän­ge­rin­nen durch Öldol­lars auf die vor­de­ren Plätze in die Charts gepuscht oder ver­hilft ein Geld­ge­ber dem Rin­gen doch noch zum ver­dien­ten Platz bei Olym­pia? Was geht über­haupt noch ohne Geld? Ohne Kapi­ta­lis­mus­kri­tik anstren­gen zu wol­len, müs­sen wir alle als Fuß­ball­fans auch dar­über nach­den­ken, wo wir die Grenze der Ver­nunft zie­hen wol­len. Wie weit darf uns frem­des Geld tra­gen, kön­nen wir auf schnel­len Erfolg ver­zich­ten, wenn uns der lang ersehnte natio­nale Titel winkt? Im Fall von Man­ches­ter City war­te­ten die Fans 44 Jahre auf eine Meis­ter­schaft. Sie lech­zen danach.   

Anse­hen von Spielern

Man denke an die Prä­sen­ta­tion von Ney­mar. 45.000 Fans jubel­ten fre­ne­tisch, als die­ser ein biss­chen mit dem Ball jon­glierte. Dabei dach­ten wohl wenige dar­über nach, dass der Ver­ein gerade 40 Mil­lio­nen in die pri­vate Tasche des Son­ny­boys und des­sen Vaters zah­len musste, um die­sen vom FC San­tos, der bei die­sem Deal wie Ney­mars Mario­nette wirkte, loszueisen.

Lei­der sind es äußert popu­läre Spie­ler, die für unzäh­lige Mil­lio­nen trans­fe­riert wur­den, die mit schlech­tem Bei­spiel vor­an­ge­hen, siehe Fal­cao, der sich für den neu­rei­chen AS Monaco ent­schied, anstatt für einen sport­li­chen Top­klub Europas.

Gleich­zei­tig wer­den schöne Geschich­ten geschrie­ben. Spie­ler wer­den zu Hel­den, falls sie nicht dem Geld erlie­gen. Ste­ven Ger­rard hätte bei jedem Ver­ein der Welt spie­len kön­nen. Jose Mourinho wollte ihn zu Real Madrid lot­sen. Geld war wohl nicht das Thema. Natür­lich wird Ger­ard die letz­ten Jahre bei Liver­pool nicht am Hun­ge­rast genagt haben, jedoch hat er wohl auf die ein oder andere Mil­lion ver­zich­tet, weil er sich bewusst wurde, dass er nir­gendwo anders hin­ge­hört. Genauso wer­den Legen­den geboren.

Steven Gerrard Legende Anfield Road

Legende an der Anfield Road: Ste­ven Ger­rard. Foto: Some­Drift­Wood / flickr

In der Retro­spek­tive wird Ste­ven Ger­ard trotz sei­ner Ver­let­zungs­pro­bleme, sei­ner fal­len­den Form­kurve und sei­nes schwin­den­den Ein­flus­ses auf den Welt­fuß­ball zu den her­aus­ra­gen­den Spie­lern unse­rer Gene­ra­tion gezählt wer­den. Seine Bedeu­tung im fuß­ball­ge­schicht­li­chen Kon­text ist unge­bro­chen. Er sticht her­aus, als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur für bewusste Fuß­ball­fans und reflek­tierte Nachwuchsfußballer.

Ent­wick­lung der Vereine

Es bleibt abzu­war­ten, ob Tra­di­ti­ons­ver­eine wie Real Madrid oder Bar­ce­lona — und das sind sie, obwohl sie ebenso astro­no­mi­sche Sum­men für Spie­ler bezah­len — das finan­zi­elle Wett­ren­nen bis in alle Ewig­keit mit­ge­hen kön­nen. Was, wenn es nicht mehr geht? Bay­ern Mün­chen ist ein gesun­der, liqui­der Ver­ein, der kei­ner Geld­spritze bedarf, doch wird das noch Jahr­zehnte so blei­ben? Wie lange kön­nen sie ob der Kon­kur­renz­fä­hig­keit bluten?

Das Finan­cial Fair Play muss sich zuerst behaup­ten. Einige Jahre müs­sen ver­ge­hen, um hier zu einer abschlie­ßen­den Bewer­tung zu kom­men. Eine Befürch­tung jedoch bleibt: Wie in der Wirt­schaft, wird es Mit­tel und Wege in der Grau­zone geben, Geld an Auto­ri­tä­ten vor­bei­zu­schleu­ßen. Viel­leicht bekommt der FC Porto dem­nächst einen Teil einer hor­ren­den Ablöse für einen Spie­ler wie Hulk oder Fal­cao auf ein Konto auf den Cayman Islands über­wie­sen, viel­leicht wickeln Fußball-AGs ihre Geschäfte über einen Brief­kas­ten in Dela­ware, USA, ab, wo auch Apple, VW und andere Big-Player mit Geld jonglieren.

Neue Wege müs­sen beschrit­ten wer­den, denn das Erdöl wird den Scheichs so schnell nicht aus­ge­hen. Bleibt wie­derum die Frage, ob jene viel­leicht irgend­wann den Spaß an ihrem Hobby ver­lie­ren und wei­ter­zie­hen wer­den. Dann viel­leicht ver­mehrt in die USA, zum Foot­ball, Base­ball und Bas­ket­ball, wo die mediale Prä­senz uner­mess­lich groß ist und Tra­di­ti­ons­ver­eine von Stadt zu Stadt ver­hö­kert wer­den.  Wie las­sen sie die Ver­eine zurück? Kön­nen diese über­haupt noch selb­stän­dig über­le­ben oder man­gelt es an gewach­se­nen Struk­tu­ren, die ein­fach durch den Ein­satz von Unmen­gen Geld über­la­gert wurden.

Ein posi­ti­ver Effekt ist sicher­lich, dass sich kleine Ver­eine wie­der auf ihre Grund­tu­gen­den zurück­be­sin­nen: her­vor­ra­gende Jugend­ar­beit, Ver­trauen in hei­mi­sche Talente, Kampf, Lei­den­schaft und Identifikation.

Viel­leicht reicht es nicht immer für Europa, aber man kann aus weni­gen Mit­teln viel machen. Als Para­de­bei­spiel ist hier der SC Frei­burg zu nen­nen, der gerade die Früchte einer tol­len Jugend­ar­beit ern­tet. Gerade kleine Ver­eine tun gut daran, ganz auf die Kon­ti­nui­tät zu set­zen, denn ver­lässt man sich auf einen Groß­spon­sor, ver­schwin­det man ganz schnell von der Bild­flä­che, springt jener ab.

Ent­wick­lung des Fuß­balls an sich

Hier folgt viel­leicht der Punkt, der am wenigs­ten mehr­di­men­sio­nal betrach­tet wer­den kann. Talente wer­den ver­heizt, zu früh trans­fe­riert (um bei­spiels­weise die home-grown-rule der Pre­mier Lea­gue ein­zu­hal­ten) und kön­nen sich nicht opti­mal in ihrem hei­mi­schen Umfeld entwickeln.

Dafür ent­ste­hen hoch­mo­derne Trai­nings­ge­lände, an hoch­qua­li­fi­zier­ten Trai­nern wird in sol­chen eben­falls kein Man­gel herr­schen. Doch was pas­siert mit den Jungs, hin­ter deren Kar­riere nicht der Ehr­geiz der Eltern die trei­bende Kraft ist, die nicht zum Pro­be­trai­ning in die ferne Groß­stadt gefah­ren wer­den oder sich nicht zum Besuch des Inter­nats in Lon­don, Man­ches­ter oder Paris durch­rin­gen kön­nen, viel­leicht auf­grund des Heim­wehs? Ver­läuft sich ihr Talent auf dem Dorf­platz, züch­ten wir eine Gene­ra­tion von extrem gut aus­ge­bil­de­ten Spie­lern ohne beson­dere Talente wie Schlitz­oh­rig­keit und Tor­in­stinkt heran, die den Unter­schied machen? Hätte Miros­lav Klose die Jugend­ab­tei­lung eines Pro­fi­ver­eins durch­lau­fen kön­nen oder wäre er dafür zu labil gewe­sen? Er kickte sich von Blaubach-Diedelkopf aus der Bezirks­liga bis zur WM-Torjägerkrone.

Resü­mee: Die Hoff­nung stirbt zuletzt

Es bleibt ein gro­ßes, bis­her völ­lig unbe­ach­te­tes Para­do­xon: Die Fuß­ball­welt befin­det sich im Auf­ruhr aber auch im Auf­bruch. Mit dem gren­zen­lo­sen Geld­fluss geht die Abkehr von der gren­zen­lo­sen Ver­schwen­dung ein­her. Über­all soli­da­ri­sie­ren sich Fans mit ihrem krän­keln­den Tra­di­ti­ons­ver­ein. Das Tra­di­ti­ons­be­wusst­sein im Fuß­ball ist unge­bro­chen und bemer­kens­wert groß, bedenkt man, dass unsere Gesell­schaft sich in stän­di­gem Wan­del befin­det und Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­men in die Insol­venz gehen, weil deren Ange­bote nicht mehr zeit­ge­mäß oder kon­kur­renz­fä­hig sind.

Es könnte eine Frage der Zeit sein, bis ein Tra­di­ti­ons­ver­ein wie Man­ches­ter City zur Räson kommt und sich vom Geld­ge­ber eman­zi­piert oder eman­zi­pie­ren muss.  Dann heißt es wie­der: „back to the roots“. Effek­ti­vere und kos­ten­scho­nen­dere Wege müs­sen dann beschrit­ten wer­den und diese mit ganz viel Stolz und Tra­di­tion im Her­zen, um wie­der unab­hän­gig von Öl und Gas an die Spitze zu kommen.





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