Von 100 auf 0 — Bericht über ein Bein


veröffentlicht am Dienstag, 8. April 2014 10:09, von unserem Autor Christian Eck in Feuilleton - runde Kultur. 3 comments

Die­ser Arti­kel kommt etwas unty­pisch daher. Es han­delt sich nicht um einen Fuß­ball­ar­ti­kel im klas­si­schen Sinne. Selbst für unser Port­fo­lio ist er etwas unge­wöhn­lich. Was folgt, ist der nüch­terne Bericht einer, am eige­nen Leib erfah­re­nen Sport­ver­let­zung und deren gra­vie­ren­den Folgen.

Der Geg­ner star­tet einen wei­te­ren Angriff. Über unsere linke Abwehr­seite spie­len sie sich bis zur Grund­li­nie durch. Eine Flanke fliegt in den Sech­zeh­ner, wird leicht abge­fälscht und fliegt über mei­nen Kopf hin­weg. Intui­tiv drehe ich mich um. Der Ball springt hin­ter mir an der Fünf­me­ter­kante auf. Sofort will ich den Ball aus der Gefah­ren­zone klä­ren. Wäh­rend ich aus­hole, sehe ich den geg­ne­ri­schen Stür­mer mit Anlauf auf mich zukom­men. Er ist vor mir am Ball, hat mehr Schwung und Kraft in sei­ner Aktion. Die Aus­hol­be­we­gung noch nicht zu Ende geführt höre ich es bereits kra­chen. Eine dumpfe Vor­ah­nung macht sich breit. Wäh­rend ich zu Boden falle, sehe ich den Ball in unse­rem Tor­netz zap­peln. Lau­ter Jubel erklingt – die ers­ten Schmer­zen machen sich bemerk­bar. Ich ver­su­che auf­zu­ste­hen. Das linke Bein auf­ge­stellt, das rechte zwi­schen den Hän­den. Mein Unter­schen­kel ist in einem unna­tür­li­chen Win­kel nach Innen gebo­gen. Erst jetzt rea­li­siere ich: „Die­ses Mal geht es nicht gut für dich aus!“

Was danach geschieht lässt sich gut mit dem oft zitier­ten Satz beschrei­ben: „Die Hölle bricht über mir her­ein.“ Schmerz durch­dringt mei­nen Kör­per. In etwa, wie wenn unge­schickt das Schien­bein ange­sto­ßen wird. Ich warte bis der Schmerz – wie sonst auch immer – lang­sam nach­lässt. Das Gegen­teil geschieht. Der Schmerz stei­gert sich ins Uner­träg­li­che. Ich schreie, sehe Gesich­ter über mir. Mit­spie­ler, Trai­ner, Betreuer, Zuschauer. Ich will, dass der Schmerz auf­hört. Er hört nicht auf. Ich will mei­nen Kör­per ver­las­sen, die­sen unglaub­li­chen Schmerz nicht mehr spüren.

Pures Adre­na­lin

Und dann ist es auch schon wie­der vor­bei. Mein Mit­spie­ler kniet neben mir. Er beru­higt mich. „Dein Kör­per schüt­tet jetzt alles aus was er hat. Gleich wirst du nichts mehr spü­ren!“, höre ich ihn sagen. Und er behält Recht. Der Schmerz weicht zuneh­mend dem Adre­na­lin. Mein Kör­per arbei­tet. In mei­nem Kopf beginnt ein Rau­schen, der Schock setzt ein. Gleich­zei­tig erweist sich ein Zuschauer glück­li­cher­weise als Sani­tä­ter. Pro­vi­so­risch fixiert er mei­nen Fuß. Wäh­rend wir auf den Kran­ken­wa­gen war­ten, beginne ich vor Kälte und auf­grund des Schocks unkon­trol­liert zu zittern.

Nach 20 Minu­ten errei­chen die Sani­tä­ter das Sport­ge­lände. Mit der Trage schie­ben sie mich Rich­tung Kran­ken­wa­gen. Ich bin froh, end­lich vom Platz zu sein. Die Ruhe im Wagen tut gut. Meine Gedan­ken dre­hen sich rasend im Kreis. Im Kran­ken­haus dann die Dia­gnose: Schien– und Waden­bein­bruch. Glück im Unglück. Kein Split­ter­bruch, kein offe­ner Bruch und keine angren­zen­den Gelenke betrof­fen. Direkt geht es in den OP-Saal. Dank Spinal­an­äs­the­sie bleibe ich wäh­rend der Ope­ra­tion wach. 2 ½ Stun­den spä­ter ist mein Schien­bein mit einem 37,5cm lan­gen Nagel durch den Kno­chen­mark­ka­nal sta­bi­li­siert. Fünf Tit­an­schrau­ben fixie­ren die­sen am Sprung­ge­lenk und unter­halb des Knies. Das Waden­bein wurde mit einer Titan­platte fixiert. Ein Gips bleibt mir erspart. Der Blick auf das Rönt­gen­bild und die Vor­stel­lung, dass dies nun mein Bein ist, sind völ­lig surreal.

Zurück zum gewohn­ten Alltag

Nach fünf Näch­ten werde ich aus dem Kran­ken­haus ent­las­sen. Bereits nach so kur­zer Zeit kann ich mit Krü­cken selbst­stän­dig lau­fen. In der Geh­schule habe ich den Umgang mit Krü­cken gelernt – und beim Anblick der ande­ren Pati­en­ten fest­ge­stellt, wie gut es mir mit mei­ner Ver­let­zung noch geht. Der Nagel ermög­licht theo­re­tisch sogar eine Voll­be­las­tung des Bei­nes. Prak­tisch ist dies aber unmög­lich. In den ers­ten Wochen bleibt mir nichts ande­res übrig als her­um­zu­lie­gen. Ich pendle zwi­schen Couch und The­ra­pie­liege. Nach 30 Minu­ten Sit­zen habe ich das Gefühl, dass mein Bein platzt – das Blut rauscht in den Unter­schen­kel, die Lym­ph­wege sind völ­lig über­for­dert. Wenn mein Fuß nicht unter stän­di­gem Druck pocht, ist er die meiste Zeit taub. Zu viele Haut­ner­ven wur­den bei der Ope­ra­tion durch­trennt. Mein Schmerz­mit­tel­kon­sum hält sich kon­stant bei 3–4 Ibu­pro­fen 600 am Tag. Das High­light ist die täg­li­che Throm­bo­se­spritze, eigen­hän­dig in den Bauch gespritzt. Meine Freun­din, meine Schwes­ter und meine Eltern, alle wer­den als Taxi miss­braucht. Auto­fah­ren unmög­lich. Auf der Couch wird gelernt. Mit Krü­cken geht es in die Uni zum Klau­su­ren schreiben.

Nach 1 ½  Mona­ten bin ich soweit selbst­stän­dig, dass ich in mei­nem All­tag auf keine ande­ren Per­so­nen mehr ange­wie­sen bin. Etli­che Stun­den wur­den bereits in Arzt­pra­xen und Phy­sio­the­ra­pie­ein­hei­ten ver­bracht. Nach etwa drei Mona­ten kann ich end­lich ohne Krü­cken län­gere Stre­cken bewäl­ti­gen. Zwar noch unter Schmer­zen, aber mitt­ler­weile in einem erträg­li­chen Rah­men. Nach mitt­ler­weile knapp vier Mona­ten ist der Bruch immer noch nicht ver­heilt. Der Riss im Schien­bein ist auf den Rönt­gen­bil­dern noch zu erken­nen. Der Hei­lungs­pro­zess ver­läuft zwar noch in der Regel, könnte aber durch­aus schnel­ler vor­an­schrei­ten. Nach fünf Rezep­ten für Phy­sio­the­ra­pie ist hier der Regel­fall aus­ge­reizt. Vor­erst gibt es keine Behand­lung mehr. Sport­li­che Ver­aus­ga­bung finde ich im Rad­fah­ren. Schwim­men wäre zwar noch mög­lich – ist für mich aber keine Option. Ebenso wenig wie Fuß­ball. Ich kann weder ren­nen noch sprin­gen. Mein Fuß­rü­cken ist wei­ter­hin taub. So, als wäre der Fuß leicht ein­ge­schla­fen. Eine Sehne hat sich in der Narbe rund um die Platte am Waden­bein ver­hakt und ver­läuft gespannt wie eine Gitar­ren­seite über das äußere Sprung­ge­lenk bis zum Fuß­rü­cken. Als Folge krib­belt die Außen­seite des Fußes, wenn ich ihn bewege.

Die Zeit heilt alle Wunden

Ein unglück­li­cher Moment stellt schlag­ar­tig den kom­plet­ten All­tag auf den Kopf. Es stimmt, was ver­letzte Pro­fi­fuß­bal­ler immer behaup­ten. Eine sol­che Ver­let­zung ver­än­dert dich. Von einem Moment auf den ande­ren nicht mehr Lau­fen zu kön­nen, das Selbst­ver­ständ­lichste auf der Welt ein­fach weg­ge­nom­men. Völ­lig ent­schleu­nigt sehnt sich der Kör­per nach der übli­chen Dosis Sport. Von 100 auf 0. Ein Moment der Ver­zweif­lung gab es aber zu kei­nem Zeit­punkt. Das Gefühl beim Gedan­ken an die Ver­let­zung ist trotz­dem ein zwie­späl­ti­ges. Die Tor­tu­ren, wel­che hin­ter mir lie­gen, habe ich bewusst erlebt. Und doch ist die Reka­pi­tu­la­tion der Gescheh­nisse bereits wie eine lang ent­fernte Geschichte. Fast als hätte ich es gar nicht selbst erlebt. An das Titan in mei­nem Bein denke ich oft gar nicht mehr. Der Mensch gewöhnt sich an alles. Die Schmer­zen im Bein sind zu einem treuen Beglei­ter gewor­den – unter­schei­den sich nur noch in Stärke und Häu­fig­keit des Auf­tre­tens. Kleine Bes­se­run­gen wer­den mit Freude regis­triert. Nach einem Jahr kann ich wahr­schein­lich die Fremd­kör­per ent­fer­nen las­sen. Bis dahin wird auch irgend­wann der Kno­chen wie­der zusam­men­ge­wach­sen sein. Dann nor­ma­li­siert sich hof­fent­lich vie­les wei­ter. Und bis dahin bleibt nur das War­ten auf Bes­se­rung und die Gewiss­heit, dass es sich bei allem dann doch nur um ein gebro­che­nes Bein handelt.





3 thoughts on “Von 100 auf 0 — Bericht über ein Bein

  1. Uff. Ich hatte bis­her nur diverse Bän­der­deh­nun­gen und –zer­run­gen in den Sprung­ge­len­ken, aber die waren schon anstren­gend; Bein­bruch mag ich mir gar nicht vor­stel­len. Auch von mir schnelle und vor allem voll­stän­dige Genesung!

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