Schiedsrichter: der tollste Job der Welt


veröffentlicht am Mittwoch, 9. Januar 2013 15:04, von unserem Autor Michael Luczak in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

Schieds­rich­ter in Deutsch­land zu sein ist kein Spaß, das ist nicht erst seit dem tra­gi­schen Fall von Babak Rafati bekannt. Obwohl es immer wie­der Wage­mu­tige gibt, die es in die pfei­fende Pro­fes­sion ver­schlägt,  gibt es eine über­wäl­ti­gende Zahl an Grün­den, kein Schieds­rich­ter zu wer­den: Die Ent­loh­nung ist nicht gut ver­gli­chen mit dem Gehalt von Pro­fi­fuß­bal­lern, es ist harte Arbeit, vor allem geis­tig… und natür­lich macht man sich schnell Tod­feinde pro­por­tio­nal zur Größe des Ver­eins,  den man vor­her durch eine Fehl­ent­schei­dung benach­tei­ligt hat. Gene­rell ist die Fehl­bar­keit von Schieds­rich­tern ein Thema, das immer wie­der in deut­schen und inter­na­tio­na­len Medien auf­taucht. Die zweite Frage nach „wieso darf die Null eigent­lich noch Bun­des­liga pfei­fen“  ist dann sofort: Wie las­sen sich Stan­dards verbessern?

Dabei sollte erst mal klar sein, dass der Beruf, oder bes­ser die Beru­fung Schieds­rich­ter in den letz­ten zwan­zig Jah­ren deut­lich schwe­rer gewor­den ist. Das liegt vor allem an zwei Din­gen: Im Fuß­ball herrscht mehr und mehr die Men­ta­li­tät vor, dass Sie­gen um jeden Preis vor sport­li­chem Ver­hal­ten ste­hen sollte, also schre­cken Spie­ler und Trai­ner immer weni­ger davor zurück die Neu­tra­len bewusst zu täu­schen oder anzuprangern.Außerdem bedeu­tet der zuneh­mende Fokus, den der Fuß­ball zum Bei­spiel in Medien ein­nimmt, dass Fehl­ent­schei­dun­gen öfter, schnel­ler und detail­lier­ter gese­hen und ana­ly­siert wer­den. Spä­tes­tens nach der drit­ten Super­zeit­lupe ist es dann ja ganz klar, dass die Fla­sche da nicht rich­tig hin­ge­schaut hat.

Beliebte Vor­schläge zur Ver­bes­se­rung der Situa­tion gibt es zuhauf, die meis­ten davon befas­sen sich dabei mit ver­bes­ser­ter Tech­nik. Das macht durch­aus Sinn, immer­hin ist tech­no­lo­gi­scher Fort­schritt mit Zeit­lu­pen und Youtube-Videos von kri­ti­schen Sze­nen mit­ver­ant­wort­lich für die aktu­elle Situa­tion. Wäh­rend aller­dings der Chip im Ball und ähn­li­che Geräte zum Ermit­teln von Toren noch Sinn machen, sind andere Metho­den etwas weni­ger erfolg­ver­spre­chend. Zwar kön­nen abso­lute Ent­schei­dun­gen wie „über der Linie oder nicht“ pro­blem­los von einer Maschine getrof­fen wer­den, die Frage nach Foul oder nicht ist aber schon mehr Ermes­sens­sa­che und von der jewei­li­gen Situa­tion abhängig.

Kein Chip im Tri­kot wird bestim­men kön­nen, dass ab einem hal­ben New­ton Kraft auf den Ober­kör­per immer Foul gepfif­fen wird. Die viel­fach vor­ge­schla­gene Vari­ante aus den USA heißt „instant replay“. Dabei haben Schieds­rich­ter wäh­rend des Gesche­hens  Zugriff auf Zeit­lu­pen und kön­nen strit­tige Situa­tio­nen so bes­ser ent­schei­den. Aller­dings würde das dem aus­ge­tre­te­nen Pfad ame­ri­ka­ni­scher Sport­ar­ten fol­gen und mit der Zahl an schwe­ren Ent­schei­dun­gen in jeder Par­tie lebt es sich wohl bes­ser mit drei Feh­lern pro Spiel als mit einem Wer­be­block alle 3 Minu­ten. Immer­hin lebt gerade der Fuß­ball ganz stark von sei­nem Spiel­fluss. Ähn­li­che Vor­schläge, die die Zahl der Wie­der­ho­lun­gen auf z.B. drei pro Mann­schaft redu­zie­ren brin­gen wie­der andere Pro­bleme mit sich. Ins­ge­samt ist „Tech­nik“ also bes­ten­falls eine unvoll­stän­dige Ant­wort auf die Frage nach ver­bes­ser­ten Schiedsrichterleistungen.

Was also tun? Die ein­fachste Ant­wort ist zuerst ein­mal: Ver­hal­ten, das Schieds­rich­tern ihre Arbeit erschwert, unter­bin­den. Auf Sei­ten der Trai­ner sind da natür­lich zuerst ein­mal unan­ge­brachte Kom­men­tare gemeint, die die Offi­zi­el­len unnö­tig unter Beschuss brin­gen. Wenn Tuchel Schieds­rich­ter als arro­gant bezeich­net oder sie nach Spie­len als unfä­hig oder über­for­dert abge­stem­pelt wer­den, mag das durch­aus unter­halt­sam und viel­leicht sogar rich­tig sein, nur macht das die Arbeit nur noch schwe­rer und ist oft auch bewusst insze­niert, um beim nächs­ten Mal viel­leicht eine etwas posi­ti­vere Regel­aus­le­gung für die eigene Mann­schaft zu erzwin­gen. Obwohl Kri­tik am Schieds­rich­ter eigent­lich nicht erlaubt ist, wer­den sol­che Sta­tu­ten der­ma­ßen sel­ten benutzt, dass Reden über kri­ti­sche Ent­schei­dun­gen in Inter­views nach Spie­len mitt­ler­weile fast schon die Norm gewor­den sind. Sonst errei­chen wir bald eng­li­sche Zustände, wo Schieds­rich­tern nach sol­chen Feh­lern schon mal offen von Trai­nern mit dem Kar­rie­re­ende gedroht wird.

Schiedsrichter der tollste Job der WeltImmer­hin gegen die Schwal­ben­kö­nige unter den Spie­lern wird mitt­ler­weile an eini­gen Orten vor­ge­gan­gen. In Deutsch­land hat sich Sam­mer in sei­ner Zeit beim DFB „fair play“ auf die Fah­nen geschrie­ben und beschlos­sen, junge deut­sche Spie­ler auch nach den Regeln der Sport­lich­keit zu erzie­hen. Zwar gibt es Gegen­bei­spiele, die den Nut­zen sol­cher Maß­nah­men bezwei­feln las­sen, aber ande­rer­seits nei­gen Spie­ler in der Bun­des­liga durch­aus zu weni­ger Tauch­gän­gen als Kol­le­gen in Eng­land oder Spa­nien. Eine noch effek­ti­vere Idee stammt dabei aus­ge­rech­net aus Ita­lien, dem Mut­ter­land des gepfleg­ten Nie­der­ge­hens: Über­sieht der Schieds­rich­ter einen bewuss­ten Täu­schungs­ver­such wäh­rend der Par­tie, kann ein Spie­ler nach­träg­lich drei bis acht Spiele gesperrt wer­den. Die Bun­des­liga hätte hier sogar in der Sperre von Andreas Möl­ler einen Prä­ze­denz­fall, auf dem sol­che Regu­la­rien auf­ge­baut wer­den können.

Zu guter Letzt sollte noch ein Vor­schlag erwähnt wer­den, der so offen­sicht­lich ist, dass es über­ra­schend ist, ihn noch nie in die­sem Zusam­men­hang gehört zu haben: Die Bezüge von Schieds­rich­tern soll­ten dra­ma­tisch erhöht wer­den. Die logi­sche Folge ist klar: Mehr poten­ti­elle Schi­ris heißt mehr gute Schi­ris heißt weni­ger Feh­ler. In Eng­land gibt es zwar bereits Profi-Schiedsrichter, die kei­nem Beruf neben dem Pfei­fen nach­ge­hen müs­sen, aber das Gehalt in Eng­land ist auch nicht bedeu­tend höher als das in Deutsch­land, nur eben genug, um andere Arbeit unnö­tig, aber sicher nicht genug, um den Schieds­rich­ter­be­ruf mit all sei­nen Her­aus­for­de­run­gen erstre­bens­wert zu machen.

Würde ein Schieds­rich­ter sechs­stel­lige Beträge im Jahr ver­die­nen, gäbe es sicher bedeu­tend mehr, die Inter­esse am Beruf Schieds­rich­ter hät­ten. Sol­che Sum­men mögen absurd erschei­nen dafür, wel­chen Auf­wand der Schieds­rich­ter dafür erbrin­gen muss, aber im Fuß­ball sind alle Sum­men absurd. Genauso wenig wie Felix Brych im Jahr 200.000€ für seine Leis­tun­gen ver­dient hat, hat David Beck­ham im Jahr keine 38 Mil­lio­nen ver­dient. Es ist nun eben so viel Geld im Fuß­ball, weil wir alle Sky schauen, ins Sta­dion gehen und eif­rig den Rest unse­res Ein­kom­mens für Tri­kots aus­ge­ben. Da ist es nur ver­nünf­tig, eini­ges die­ser absur­den Ein­nah­men an die Schieds­rich­ter wei­ter­zu­lei­ten, denn die aktu­elle Situa­tion, in wel­cher der 18jährige auf dem Platz zehn­tau­send mal so viel ver­dient wie der 40jährige, ist noch absur­der. Außer­dem wäre es nur fair, unsere geehr­ten Offi­zi­el­len auch ein wenig dafür zu ent­loh­nen, dass sie so nah am Ball sind, aber trotz­dem nicht mit­ki­cken dürfen.

 





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