Premium Spieler: Was englische Fußballer so wertvoll macht


veröffentlicht am Samstag, 26. Januar 2013 12:38, von unserem Autor Michael Luczak in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

Andy Caroll, 42 Mil­lio­nen; Ste­wart Dow­ning, 23 Mil­lio­nen; Welt­klas­se­spie­ler: ver­mut­lich unbe­zahl­bar. Eng­li­sche Ver­eine haben ein Pro­blem, das schon lange bestand, sich aber in den letz­ten Jah­ren deut­lich ver­schärft hat. Eng­li­sche Spie­ler kos­ten zu viel. Viel zu viel. Tat­säch­lich wäre es nicht weit her­ge­holt zu behaup­ten, dass eng­li­sche Spie­ler das schlech­teste Preis-Leistungs-Verhältnis aller Natio­na­li­tä­ten bieten.

Ange­bot und Nachfrage

Das hat ver­schie­dene Gründe, die sich grob in zwei Grup­pen fas­sen las­sen: Eng­li­sche Mann­schaf­ten pro­du­zie­ren nicht genug Talente und es gibt zu viel Inter­esse an guten eng­li­schen Spie­lern. Das macht die Frage nach der Über­teue­rung eng­li­scher Pro­fis zu einer sim­plen Rech­nung von Ange­bot und Nachfrage.

Ein Grund für den Man­gel an Ange­bot, also die seit Jah­ren beste­hende Dürre im eng­li­schen Nach­wuchs­be­reich, ist natür­lich die Schwä­che der eng­li­schen Aka­de­mien. Wäh­rend in Deutsch­land oder Spa­nien seit Jah­ren gute Jugend­ar­beit betrie­ben wird, sinkt die Zahl eng­li­scher Fuß­bal­ler in der Pre­mier Lea­gue immer wei­ter. Wäh­rend 2000 noch etwa nur ein Drit­tel der Spie­ler nicht eng­lisch waren, sind es mitt­ler­weile über 60 Pro­zent, Ten­denz stei­gend. Eine Situa­tion, die Fans des deut­schen Fuß­balls nur allzu bekannt sein dürf­ten, denn hier­zu­lande herrschte vor über einer Dekade ein ähn­li­cher Zustand.

Aka­de­mien für die Jugend

Der Man­gel an guten Aka­de­mien  hat Gründe, die die Pre­mier Lea­gue eben­falls erstaun­lich an die Bun­des­liga von vor fünf­zehn Jah­ren erin­nern las­sen. Plötz­li­che Mas­sen an Geld für alle durch hoch­do­tierte TV-Verträge füh­ren dazu, dass es sich im sel­tens­ten Fall lohnt, seine eigene Jugend aus­zu­bil­den und es vor allem kurz­fris­tig bil­li­ger und bes­ser ist, sich seine Spie­ler aus dem Aus­land zu besor­gen. Zwar ver­suchte man, die­ses Pro­blem mit dem Elite Player Per­for­mance Plan (EPPP) und dem Pres­ti­ge­pro­jekt Brad­ford zu lösen, aber es wird Jahre dau­ern bevor sich dort erste Wir­kung ein­stellt und der tat­säch­li­che Nut­zen die­ser Maß­nah­men darf und sollte bezwei­felt werden.

So sind eng­li­sche Aka­de­mien viel­leicht abge­se­hen von Man­ches­ter United und West Ham weit unter den Stan­dards in Kon­ti­nen­tal­eu­ropa. Man­cher mag nun behaup­ten, dass auch Arse­nal Lon­don eine erfolg­rei­che Aka­de­mie besitzt, aber dort wer­den Spie­ler weni­ger aus­ge­bil­det als rei­fen gelas­sen, was auf einem Aus­nut­zen der „home­grown rule“ basiert. Diese Regel besagt, dass jede Mann­schaft min­des­tens acht eng­li­sche Spie­ler zu jedem Zeit­punkt im Kader regis­triert haben muss. Als „eng­li­scher“ Spie­ler gilt dabei jeder, der in Eng­land gebo­ren ist oder drei Jahre vor sei­nem 21. Geburts­tag in Eng­land Fuß­ball gespielt hat. Arse­nal und viele andere Ver­eine nut­zen das nun aus, um sich Talente aus ande­ren Ligen vor ihrem 18. Geburts­tag in die Liga zu holen, um sie dann als „eng­li­sche“ Spie­ler auf­zu­stel­len. Auch diese Trick­se­rei führt zu einem ver­min­der­ten Ange­bot an ech­ten eng­li­schen Spielern.

Die Pre­mier Lea­gue schwimmt im Geld

Auf der Nach­fra­ge­seite lässt sich zuerst ein­mal fest­hal­ten, dass die Nach­frage nach bestimm­ten Natio­na­li­tä­ten nicht immer und über­all ein Pro­blem ist. Es wird in Europa sicher keine über­mä­ßige Nach­frage nach afri­ka­ni­schen oder aus­tra­li­schen Spie­lern geben. Viel­mehr ist es ein exklu­si­ves Pro­blem in Län­dern, in denen es so viel Geld durch Fuß­ball zu ver­die­nen gibt, dass es Spie­ler aus den meis­ten ande­ren Län­dern anlockt. Die ein­ge­bo­re­nen Spie­ler sind dann natür­lich bei den gro­ßen Ver­ei­nen im eige­nen Land beson­ders nach­ge­fragt, zum Bei­spiel Eng­län­der in der Pre­mier Lea­gue. Und Geld hat die Liga mehr als genug.

Andy Carroll Newcastle Liverpool

Andy Caroll, hier noch in Diens­ten von New­castle United, ist mit 42 Mil­lio­nen Euro der teu­erste eng­li­sche Spie­ler aller Zei­ten. Foto: Steen­bergs / flickr.com

Die Pre­mier Lea­gue ver­dient heute bereits mehr mit TV-Verträgen als jede andere Liga auf der Welt. In der Tat sind die TV-Einnahmen der Serie A, die zweit­höchs­ten nach denen der Pre­mier Lea­gue, kaum halb so hoch wie die der Pre­mier Lea­gue. Das wird nächste Sai­son sogar noch getoppt wer­den, wenn die neuen Ver­träge der Pre­mier Lea­gue 1,4 Mil­li­ar­den Euro pro Sai­son ein­brin­gen. Zusam­men mit zusätz­li­chen Ver­trä­gen für inter­na­tio­nale Aus­strah­lung erhal­ten damit Ver­eine wie Wigan oder Rea­ding mehr Fern­seh­gel­der als der FC Bay­ern München.

Die „home­grown rule“ und bei man­chen sicher auch der Wunsch, den eng­li­schen Fuß­ball zu för­dern oder Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren für die Fans zu schaf­fen, führt des­halb dazu, dass Ver­eine bereit sind, im Trans­fer­fens­ter exor­bi­tante Sum­men für Mit­tel­maß aus­zu­ge­ben. Da alle Ver­eine in der Pre­mier Lea­gue fast glei­cher­ma­ßen von den TV-Geldern pro­fi­tie­ren, ver­su­chen sich kleine Ver­eine zu ver­bes­sern, indem sie große Sum­men für Durch­schnitts­ki­cker bie­ten. Wol­len die Ver­eine im Mit­tel­feld der Liga ihre Spie­ler hal­ten, müs­sen sie ihnen eben­falls mehr bie­ten. Es sind so große Sum­men im Spiel, dass eng­li­sche Spie­ler es kaum ein­mal über die eige­nen Gren­zen hin­aus und in fremde Ligen schaf­fen, geschei­terte Exis­ten­zen wie Joey Bar­ton und Joe Cole aus­ge­nom­men. Ein abso­lu­ter Groß­teil der neu gewon­ne­nen Fern­seh­gel­der wird in die­sem Abnut­zungs­kampf ver­schleu­dert. Die­ser Effekt zieht sich bis ganz nach oben zu den Top­ver­ei­nen durch und von die­sen Top­ver­ei­nen gibt es in Eng­land viele.

Der Anspruch, ein eng­li­scher Top­ver­ein zu sein

Die Zei­ten, als es in Eng­land eine gott­ge­ge­bene Top Vier gab, sind lange vor­bei. Mitt­ler­weile wür­den sich sicher min­des­tens sechs ver­schie­dene Ver­eine als groß betrach­ten. Wäh­rend Man­ches­ter United und wahr­schein­lich auch Man­ches­ter City und der FC Chel­sea das sicher zu Recht behaup­ten, ist der Fall beim FC Liver­pool, Arse­nal Lon­don und Tot­ten­ham Hot­spur schon weni­ger klar. Sechs Ver­eine also, die alle­samt an sich selbst den Anspruch haben, ein Top­ver­ein zu sein. Als einer der größ­ten Ver­eine des Lan­des gehört es sich dann natür­lich auch, ver­nünf­tig in der Natio­nal­mann­schaft des eige­nen Lan­des ver­tre­ten zu sein.

So wie der FC Bay­ern dar­auf besteht, die deut­sche Num­mer eins immer im eige­nen Kas­ten ste­hen zu haben oder wie der Ver­ein vor eini­gen Jah­ren noch viel Geld für deut­sche Talente vom Kali­ber Mar­cell Jan­sens aus­ge­ge­ben hat, sind auch eng­li­sche Top­ver­eine bereit, für das damit ver­bun­dene Pres­tige extra für eng­li­sche Natio­nal­spie­ler zu bezah­len. Die gewal­tige Kon­kur­renz unter den Prä­ten­den­ten auf Topclub-Status treibt die Preise dabei noch wei­ter in die Höhe.

So kommt es eben, dass sich Man­ches­ter City einen Reser­ve­spie­ler für fünf­zehn Mil­lio­nen kauft, dass Man­ches­ter United bereit ist, ähn­li­che Sum­men für Ash­ley Young aus­zu­ge­ben, dass Arse­nal sich für das glei­che Geld 16-jährige Talente kauft oder eben dass Liver­pool bereit ist, 23 Mil­lio­nen für Stuart Dow­ning und sogar 42 Mil­lio­nen für Andy Car­roll aus­zu­ge­ben. Eng­li­sche Spie­ler kos­ten extra, denn wie der Chin­chilla sind sie eine aus­ster­bende Art. Trotz­dem fin­den sich genug neu­rei­che Spin­ner, die bereit sind, gutes Geld für den ver­blei­ben­den Bestand zu bezahlen.





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