Konkurrenz belebt das Geschäft


veröffentlicht am Dienstag, 15. Januar 2013 21:40, von unserem Autor Michael Luczak in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

Vor nicht ganz einem Jahr, pünkt­lich zur EM 2012, erbarm­ten sich die FIFA-Imperatoren um Sepp Blat­ter und war­fen dem Pöbel ein paar Brot­kru­men hin. End­lich Tor­ka­mera und Chip im Ball. Es wird die erste tech­ni­sche Neue­rung im Fuß­ball seit circa der Ein­füh­rung der roten Karte. Regel­än­de­run­gen kom­men zwar öfter vor, sind aber trotz­dem eher die Sel­ten­heit. Würde ein Fuß­ball­freund aus den Fünf­zi­ger­jah­ren in ein moder­nes Sta­dion oder ein moder­nes Wohn­zim­mer kata­pul­tiert, könnte er dem Spiel pro­blem­los fol­gen, sofern sich jemand fin­den ließe, der ihm die Drei­punk­te­re­gel, den Rück­pass und das pas­sive Abseits irgend­wie ver­ständ­lich machen könnte. In ande­ren Sport­ar­ten ist das teil­weise sehr viel weni­ger der Fall.

Bei­spiels­weise ändert sich das Regel­werk der Natio­nal Foot­ball Lea­gue in den USA prak­tisch jähr­lich. Nicht erst, aber gerade seit den Neun­zi­gern sind diese Regel­än­de­run­gen mehr als das Aus­bes­sern unkla­rer oder unsin­ni­ger älte­rer Regeln. Sie die­nen immer öfter dem Zweck, das Spiel aktiv zu ver­bes­sern. Ver­bes­sern heißt in die­sem Zusam­men­hang aller­dings oft „ein­fa­cher für Neu­ein­stei­ger zu schauen“ oder „kurz­wei­li­ger“. Die Regel­än­de­run­gen fokus­sie­ren sich weni­ger auf ein fai­res Erleb­nis für die Spie­ler, son­dern zuse­hends auf das Spek­ta­kel, das durch sie ent­ste­hen könnte. Haupt­grund dafür ist natür­lich die enorme Kon­kur­renz, die ame­ri­ka­ni­sche Sport­ar­ten unter­ein­an­der haben. Zwar ver­su­chen sich die gro­ßen Ligen in den USA so gut es geht aus dem Weg zu gehen, aber den­noch kommt es zu ter­min­li­chen Über­schnei­dun­gen. Wer den Kampf um die Zuschauer nicht annimmt, fällt schnell zurück.

Die erfolg­reichste Sport­art der Welt

Der Fuß­ball hat diese Pro­bleme nicht. Die Hüter der fuß­bal­le­ri­schen Regel­werke sind auch darum so bera­tungs­re­sis­tent, weil der Fuß­ball ein­fach kaum Kon­kur­renz hat. Fuß­ball ist die mit Abstand erfolg­reichste Sport­art des Pla­ne­ten. Kein ande­rer Sport lockt ähn­lich viele Zuschauer vor die Bild­schirme. Kein ande­rer ist der­ma­ßen uni­ver­sal bekannt oder gene­riert so viel Geld. Es gibt alleine drei Fuß­ball­fi­nals, die von mehr Fans gese­hen wer­den als der über­pro­por­tio­nierte Super­bowl und selbst die olym­pi­schen Som­mer­spiele locken nicht so viele Zuschauer wie eine Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft. In extrem vie­len Län­dern ist Fuß­ball ganz klar und fast kon­kur­renz­los Sport­art Num­mer 1 und wo er es nicht ist wird er doch von einer gro­ßen und meist wach­sen­den Min­der­heit gese­hen. Die FIFA hat schlicht kei­nen Grund zu gro­ßen Umwäl­zun­gen, weil das Sys­tem Fuß­ball so gut funktioniert.

Kon­kur­renz­kampf

Von außen her und gegen­über ande­ren Sport­ar­ten ist der Fuß­ball also quasi kon­kur­renz­los, was große Ände­run­gen am Regel­werk ver­lang­samt bis ver­hin­dert. Aller­dings ist der Kon­kur­renz­kampf im Sport selbst ein Viel­fa­ches grö­ßer als der Kon­kur­renz­kampf in ande­ren Sport­ar­ten. Laut FIFA gab  es 2006 welt­weit 265 Mil­lio­nen aktive Fuß­bal­ler, Ten­denz stei­gend. Davon kick­ten alleine 16,3 Mil­lio­nen in Deutsch­land. Zum Ver­gleich: Es gibt etwa 35 Mil­lio­nen aktive Base­ball­spie­ler, die über­wie­gende Mehr­heit davon spielt in den USA.

Die interne Kon­kur­renz im Fuß­ball ist der­ma­ßen groß, dass sie Inno­va­tion und Fort­schritt im Rah­men der Regeln fast zwin­gend bedingt. Stän­dig ent­wi­ckelt irgendwo irgend­wer eine neue Tak­tik, ein neues Spiel­sys­tem, eine neue Posi­tion, ein neues Geschäfts­mo­dell oder eine neue Art, Jugend­ar­beit zu betrei­ben. Wer sich vor Neue­run­gen ver­schließt, fällt frü­her oder spä­ter zurück oder muss dar­auf mit eige­nen Anpas­sun­gen ant­wor­ten. Der gewal­tige Erfolg, den ein Geschäfts­mo­dell wie Money­ball im Base­ball hatte, ist im Fuß­ball nahezu unvorstellbar.

Money­ball

Money­ball, oder bes­ser gesagt saber­me­trics, basiert im Prin­zip auf der Idee, dass jeder ame­ri­ka­ni­sche Ver­ein über Jahr­zehnte hin­weg Base­ball fun­da­men­tal miss­ver­stan­den hat. Das hat dazu geführt, dass viele Spie­ler deut­lich über oder unter Wert zu haben waren, da ihr eigent­li­cher Wert für das Team von den Scouts und Offi­zi­el­len in den Teams ver­kannt wurde. Ohne die­ses fun­da­men­tale Miss­ver­ständ­nis ist die­ses Sys­tem nicht mög­lich. Money­ball benutzte nun sta­tis­ti­sche Ana­lyse, um zu bestim­men, wel­che Eigen­schaf­ten von Spie­lern Mann­schaf­ten tat­säch­lich zum Sieg ver­hel­fen. Dadurch war es plötz­lich mög­lich, die unter­be­wer­te­ten Spie­ler ein­fach zu erken­nen. Eine sol­che Situa­tion konnte im Base­ball nur ent­ste­hen, da dort nie­mand bereit war, jahr­zehn­te­alte Weis­hei­ten zu hin­ter­fra­gen. Die ein­zige Kon­kur­renz herrschte zwi­schen den Ver­ei­nen inner­halb der Major Lea­gue Base­ball. Hätte eine kana­di­sche oder mexi­ka­ni­sche Baseball-Liga exis­tiert, die die ame­ri­ka­ni­sche in Sachen Qua­li­tät plötz­lich über­bo­ten hätte, hätte man in den USA sicher all diese alten Weis­hei­ten hin­ter­fragt. Da sich jedoch keine Baseball-Liga in Sachen Pres­tige und Geld mit der MLB mes­sen kann, war das nie nötig. Der Erfolg, den Mann­schaf­ten mit dem Moneyball-System hat­ten und die Tat­sa­che, dass sich der Sport in den letz­ten zehn Jah­ren mehr wei­ter­ent­wi­ckelt hat als in den 50 Jah­ren davor zeigt wie erfolg­reich die­ses Sys­tem ist.

Sta­tis­tik im Fußball

Ein ähn­li­ches Sze­na­rio erscheint im Fuß­ball unmög­lich. Sta­tis­ti­sche Daten sind hier schon seit Jahr­zehn­ten im Ein­satz, im Ver­such, den Sport auf einige wenige Daten­punkte zu redu­zie­ren. Schon 1981 demons­trierte Charles Hug­hes in sei­nem Buch „The Win­ning For­mula“ anhand von sta­tis­ti­schen Daten, dass die meis­ten Tore inner­halb von fünf Päs­sen nach Bal­le­r­obe­rung und über die Flü­gel ent­ste­hen. So ent­wi­ckelte Eng­land sei­nen aller­orts Nasen­rümp­fen ver­ur­sa­chen­den „kick and rush“ Fuß­ball im 4–4-2 Sys­tem, um diese Erkennt­nisse opti­mal aus­zu­nut­zen. Auch moderne sta­tis­ti­sche Daten­ban­ken wie Opta und Inter­net­sei­ten wie das exzel­lente whoscored zeu­gen von der Bedeu­tung, die Sta­tis­tik im Fuß­ball schon seit Jah­ren hat. Dass Eng­land oder irgend­eine andere Fuß­ball­na­tion ihre Art, den Sport zu betrei­ben über­den­ken würde, wäre ohne Kon­kur­renz gar nicht mög­lich gewe­sen. Ohne Kon­kur­renz hätte Eng­land nie anhal­ten­den Miss­er­folg hin­neh­men und die eigene Posi­tion über­den­ken müssen.

Die­sel­ben Schwä­chen, die den Fuß­ball also nach außen hin schwä­chen, stär­ken ihn intern. Ein wenig Empö­rung über das Tempo der FIFA bei Regel­än­de­run­gen mag ange­bracht sein, aber man sollte auch nicht ver­ges­sen, dass Fuß­ball der sich am schnells­ten ent­wi­ckelnde, sich am meis­ten ver­än­dernde Sport der Welt ist, was vor allem der Kon­kur­renz zu ver­dan­ken ist, die sich unter­schied­li­che Ligen und Natio­nal­mann­schaf­ten unter­schied­li­cher Natio­nen machen. Viel­leicht sollte man sich das auch ins Gedächt­nis rufen, wenn wir mal wie­der gegen Ita­lien spie­len: Es kann uns nur bes­ser machen. Hof­fent­lich hilfts beim nächs­ten Mal.

Regeln Fußball Änderungen am Regelwerk

Ste­pha­nie Hof­schla­e­ger / pixelio.de





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