Jubeln war gestern: Toreschießen als Beruf oder Berufung?


veröffentlicht am Donnerstag, 4. April 2013 14:18, von unserem Autor Marc Andruszko in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

Tore­schie­ßen ist heut­zu­tage nicht leicht, beson­ders wenn man Fuß­ball­profi ist. So scheint sich mitt­ler­weile in gro­ßen Tei­len der fuß­bal­le­ri­schen Berufs­welt ein Brauch ent­wi­ckelt zu haben, der Ex-Profis wie Ste­fan Schnoor, heute Experte für SPORT1, erschau­dern lässt: Schießt man ein Tor gegen sei­nen Ex-Verein, jubelt man nicht mit. Schnoor bezeich­nete die­sen Usus am letz­ten Mon­tag beim Zweit­li­ga­spiel FC St. Pauli gegen den SC Pader­born als „Unsitte“. Mahir Sağlık hatte für die zwi­schen­zeit­li­che 1:2 Füh­rung für Pader­born getrof­fen und keine Gefühls­re­gung gezeigt, bevor Phil­ipp Tschau­ner, Tor­wart des FC St. Pauli mit sei­nem his­to­ri­schen Kopf­ball­tor in letz­ter Minute für den Aus­gleich sorgte. Und strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

Warum jubelt Sağlık nicht?

Mahir Sağlık Saglik VFL Wolfsburg

Mahir Sağlık noch in Diens­ten des VFL Wolfs­burg beim Tor­ju­bel. Foto: Tsu­tomo Takas

Die Aktion Sağlıks ist umso genauer zu betrach­ten, wenn man sich ver­ge­gen­wär­tigt, dass er nicht erst seit ges­tern für Pader­born die Fuß­ball­schuhe schnürt, son­dern in der Jugend dort groß wurde und meh­rere Male zurück­kehrte. Inso­fern ist Pader­born seine fuß­bal­le­ri­sche „Home­base“. Bedient man sich dem Fuß­ball­jar­gon, kann man Mahir Sağlık durch­aus als Wan­der­vo­gel bezeich­nen, was jedoch in sei­nem Fall nicht abwer­tend gemeint ist. Oft macht ja eine Aus­leihe oder ein Wech­sel Sinn und ist legi­tim, gerade für einen wuse­li­gen Stür­mer wie ihn; dann, wenn man beim der­zei­ti­gen Ver­ein wenig Ein­satz­zeit bekommt, und es woan­ders in der Offen­sive zwickt.

Eine andere Frage tut sich auf: Misst Sağlık dem FC St. Pauli eine der­art große Bedeu­tung für seine Kar­riere zu, dass er für sei­nen „Hei­mat­ver­ein“ SC Pader­born nicht jubeln soll oder darf? Immer­hin machte er 35 Spiele und 6 Tore für die Ham­bur­ger. Als Begrü­nung wird gerne der Respekt vor den alten Fans ange­führt. Aber ver­bie­tet es sich des­we­gen, sich über ein Tor für die eigene Mann­schaft, den eige­nen Ver­ein und die eige­nen Fans zu freuen? Oder gibt es das gar nicht mehr: die eigene Mann­schaft? Sind Pro­fis alle nur noch Ein­zel­kämp­fer mit wech­seln­den Arbeitgebern?

Jubel­geiz ist geil

Phil­ipp Kös­ter und Ron Ulrich vom 11Freunde-Magazin hat­ten sich bereits 2011 dem Thema Nicht-Jubeln ange­nom­men und in einem lesens­wer­ten und lus­ti­gen Arti­kel Pro­fis auf die Schippe genom­men, die mit Tor­ju­bel gei­zen. Daher soll das Thema an die­ser Stelle nicht nur wie­der auf­ge­wärmt und an einer end­lo­sen Liste von aktu­el­len Bei­spie­len beleuch­tet wer­den. Bei­spiele für Jubel­geiz gibt es zuhauf — man muss am Wochen­ende nur die Augen auf­ma­chen. Es stellt sich viel­mehr die Frage, was Fuß­ball­pro­fis wirk­lich dazu bewegt, nicht zu jubeln. Hat es mit dem Innen­le­ben des moder­nen Fuß­ball­pro­fis zu tun?

Tore­schie­ßen als Beruf?

Der Fall Sağlık ist auf einer ganz ande­ren Ebene zu betrach­ten. Es ist nicht nur eine Sitte, die sich wie ein Lauf­feuer durch die pro­fes­sio­nelle Fuß­ball­welt ver­brei­tet. Viel­mehr ist die Ange­wohn­heit, gegen den Ex-Verein nicht zu jubeln, dem moder­nen Kon­strukt „Pro­fi­fuß­bal­ler“ inne­woh­nend, und das in all sei­nen Facet­ten: vom Bera­ter, über die Ver­mark­tung, bis hin zu den Pres­se­pro­fis, die Spie­ler instru­ie­ren, was sie am bes­ten nach einem Spiel im Inter­view sagen soll­ten. Letz­te­res führt übri­gens zu einer wei­te­ren Unsitte: nach einem Tor in die Mikro­fone zu hau­chen, es sei wich­ti­ger, dass die Mann­schaft gewon­nen hätte und wer die Tore schieße, sei letzt­end­lich egal.

Christiano Ronaldo CR7 ManU Manchester United

Cris­ti­ano Ronaldo auf Tore­jagd für Man­ches­ter United, sei­nen gelieb­ten Ex-Verein. Foto: vuhl­ser / flickr.com

Über Cris­ti­ano Ronaldo wird oft erzählt, er lebe nicht nur von sei­nem ange­bo­re­nen Talent, nein, seine Arbeits­ein­stel­lung sei vor­bild­lich, er lege Extra­schich­ten ein, er sei der Letzte, der vom Trai­nings­platz gehe und seine Frei­stoß­tore seien das Resul­tat har­ter Arbeit. Wenn nun also Chris­ti­ano Ronaldo bei einem Tor für Real Madrid gegen Man­ches­ter United nicht jubelt, denkt er in die­sem Moment an die Men­schen in Man­ches­ter, die ihm etwas bedeu­ten? Oder ist er nicht viel mehr gefan­gen in sei­nem eige­nen Anspruch, Mus­ter­profi zu sein und immer und über­all das Aller­beste für sei­nen der­zei­ti­gen Arbeit­ge­ber herauszuholen?

Wir befin­den uns beim Jubel­geiz auf einer Ebene, die über dem ein­fa­chen Brauch, sich zum Bei­spiel nach einem Tor den Ring­fin­ger zu knut­schen oder das Tri­kot aus­zu­zie­hen, anzu­sie­deln ist. Nicht-Jubeln ist eben keine Form von Tor­ju­bel. Nicht-Jubeln ist ein frag­wür­di­ges Berufs­ethos, das Fuß­ball­pro­fis als Teil ihres Berufs ange­nom­men haben, ganz nach dem Motto: Tore­schie­ßen ist mein Beruf. Und man wünscht dem Ex-Arbeitgeber ja nur das Beste.

Tore­schie­ßen als Berufung?

Als Zla­tan Ibra­hi­mo­vic für den PSG gegen sei­nen Ex-Club FC Bar­ce­lona zum viel­um­ju­bel­ten 1:1 ein­schob, war sogar in Zla­tans Gesicht eine mensch­li­che Regung zu sehen: Ja, er freute sich über sein Tor und er wollte es der gan­zen Welt zei­gen. Natür­lich ging die Bezie­hung Zlatan-Barca nicht gerade im Guten aus­ein­an­der: Es war kein Geheim­nis, dass Pep Guar­diola keine Lust mehr auf die Star­al­lü­ren des schwe­di­schen Fuß­ball­hüh­nen hatte. Die­ser ent­schied sich für den neu­rei­chen Fuß­ball­club Paris SG, obwohl er bei jedem Top­ver­ein der Welt, der das nötige Klein­geld mit­bringt, seine Zelte hätte auf­schla­gen können.

War auch der Jubel im Viertelfinal-Hinspiel der Cham­pi­ons Lea­gue die eis­kalte Kal­ku­la­tion eines Fuß­ball­pro­fis oder schießt Zla­tan ein­fach Tore, weil er schon immer gerne Tore geschos­sen hat, wo auch immer, gegen wen auch immer? Immer­hin scheute sich Zla­tan nicht, sowohl für Inter als auch für den AC Mai­land auf Tore­jagd in der ita­lie­ni­schen Haupt­stadt zu gehen. Nur wenige Spie­ler kön­nen sich einen der­ar­ti­gen Affront unbe­scha­det leis­ten und brin­gen wei­ter­hin unter einem solch enor­men Öffent­lich­keits­druck Top­leis­tung. Zla­tan scheint Druck wenig zu jucken. Inso­fern ist es ihm wahr­schein­lich schlicht­weg egal, was man über ihn denkt, und er schießt ein­fach dann Tore, wenn er kann, und dort Tore, wo die Fans ihm der­zeit zujubeln.

Freute sich Zla­tan also über seine süße Rache am Ex-Club und wollte dies kör­per­lich zum Aus­druck brin­gen, oder steckt in ihm immer noch ein Quänt­chen Bolz­platz und die kind­li­che Freude am Tore­schie­ßen? Beruf und Beru­fung sind in der Fuß­ball­welt von heute nicht mehr klar von­ein­an­der zu trennen.





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