Fußball-Buch: „Das Wunder von Castel di Sangro“ — eine Saison im Wunderland


veröffentlicht am Montag, 25. März 2013 14:32, von unserem Autor Sven Arne Ohlwein in Feuilleton - runde Kultur. 1 Kommentar

Die Sen­sa­tion war groß als die Mann­schaft des klei­nen Abruzzen-Dorfs Cas­tel di San­gro in der Sai­son 1995/96 völ­lig über­ra­schend in die Serie B, die zweite ita­lie­ni­sche Spiel­klasse, auf­stieg. Hier traf man nun auf eta­blierte Grö­ßen wie Genua, Turin oder Bari. Der ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­list Joe McGin­niss ver­brachte ein Jahr in Cas­tel di San­gro und beglei­tete das Team auf ihrem Aben­teuer Serie B. Dabei erlebte er die Freu­den und Schat­ten­sei­ten des ita­lie­ni­schen Fuß­balls bis hin zu ver­scho­be­nen Spie­len und mafiö­sen Ver­bin­dun­gen. In sei­nem Buch „Das Wun­der von Cas­tel di San­gro“ beschreibt McGin­niss seine Erlebnisse.

Ange­fixt von der Fußball-WM 1994 im eige­nen Land und sei­ner Freund­schaft mit dem ame­ri­ka­ni­schen Natio­nal­spie­ler Alexi Lalas (damals AC Padua), begibt sich Joe McGin­niss, der mit Büchern über Prä­si­dent Nixon und Teddy Ken­nedy in den USA Bekannt­heit erlangt hat, nach Ita­lien, um dort über den klei­nen Dorf­klub Cas­tel di San­gro Cal­cio zu berich­ten. Nach Jah­ren in den unters­ten Nie­de­run­gen des Ama­teur­fuß­balls war das Team aus einem Abruzzen-Nest von 5000 Ein­woh­nern inner­halb weni­ger Jahre in die C1, die dritte ita­lie­ni­sche Liga auf­ge­stie­gen. In der Sai­son 1995/96 gelang sogar der Auf­stieg in die Serie B, wobei nun nie­mand erwar­tet, dass sich der Club dort wird hal­ten kön­nen. Selbst für die dritte Liga war man eigent­lich nie rich­tig gerüs­tet gewe­sen. Den­noch hofft das ganze Dorf auf das Unmög­li­che, „la sal­vezza“, den Klas­sen­er­halt. McGin­niss wird eine kom­plette Sai­son in Cas­tel di San­gro blei­ben, um viel­leicht über ein noch grö­ße­res Wun­der als den Auf­stieg berich­ten zu können.

Fußball-Buch Mc Ginniss Italien

Foto: KiWi Verlag

Für seine Bericht­er­stat­tung hat McGin­nis eine offi­zi­elle Erlaub­nis des Ver­eins bekom­men, um die Mann­schaft über die Sai­son 1996/97 zu beglei­ten. Er schläft bei Aus­wärts­fahr­ten mit den Spie­lern im glei­chen Hotel, bekommt eine Woh­nung neben der des Trai­ners und beglei­tet die Funk­tio­näre in Restau­rants. Als Mäzen des Ver­eins fun­giert Pie­tro Rezza, der sein Geld angeb­lich mit Bau­ge­schäf­ten in Nea­pel gemacht hat und des­sen Anwe­sen in den Gip­feln der Abruz­zen thront. Seine Orga­ni­sa­tion, ein­fach „la società“ genannt, kon­trol­liert prak­tisch den gan­zen Ort. Mit dem Auf­stieg des Teams in die Serie B ist Rezza nicht allzu glück­lich, denn nun kom­men höhere Kos­ten auf ihn zu, da er das kleine Dorf­sta­dion aus­bauen muss. Der Aus­bau läuft aller­dings sehr schlep­pend und so muss Cas­tel di San­gro Cal­cio die ers­ten Heim­spiele in der zwei­ten Liga im 100 km ent­fern­ten Chieti aus­tra­gen. McGin­niss ver­mu­tet, dass eine Fer­tig­stel­lung des Sta­di­ons nie ange­dacht war, seine Prä­senz und die Absicht ein Buch zu schrei­ben, Rezza nun aber quasi zum Wei­ter­bau nötige, wolle die­ser doch sein Gesicht wah­ren. Ähn­lich knau­se­rig wie die Inves­ti­tio­nen ins Sta­dion, sind auch die Inves­ti­tio­nen in die Mannschaft.

Und so fin­det sich Cas­tel di San­gro Cal­cio nach den ers­ten Sai­son­spie­len im Tabel­len­kel­ler wie­der. McGin­niss, der sich über­all sehr hin­ein­stei­gert, macht vor allem den kau­zi­gen Trai­ner Jaconi und seine ultra-defensive Aus­rich­tung der Mann­schaft ver­ant­wort­lich. Oft­mals über­schrei­tet McGin­niss die Gren­zen des Repor­ters und kri­ti­siert Jaconi offen für des­sen Ent­schei­dun­gen. Die­ser bleibt stur. Für ihn zählt eher der Cha­rak­ter der Spie­ler, anstatt deren Tech­nik und Leis­tung. McGin­niss selbst ist bald ein glü­hen­der Fan der Mann­schaft. Cas­tel di San­gro ist nun „sein Team“, mit dem er mit­lei­det und des­sen wenige Erfolge er fre­ne­tisch beju­belt. Mit eini­ger Nai­vi­tät ver­sucht er dem Club zu hel­fen und Pro­bleme offen anzu­spre­chen. Anfangs führt dies bei den Betei­lig­ten nur zu Kopf­schüt­teln, spä­ter dann zu offe­ner Feindschaft.

Das Team an sich scheint aller­dings eine große Fami­lie zu sein. Viele Spie­ler ver­brin­gen ihren kom­plet­ten Tag in Cas­tel di San­gro, spei­sen dort zusam­men oder fla­nie­ren mit ihren Fami­lien durch den klei­nen Ort. Schnell ist McGin­niss inte­griert und auch wenn sein Ita­lie­nisch anfangs aus­bau­fä­hig ist, fin­det er bald Freunde im Team. Durch seine Gesprä­che mit den Spie­lern gewährt er dem Leser beson­dere Ein­bli­cke, wie eine Mann­schaft funk­tio­niert und wie unter­schied­lich die Cha­rak­tere der Spie­ler sind. Im Team gibt es sogar einen ech­ten Kom­mu­nis­ten, was Trai­ner Jaconi in keins­ter Weise gutheißt.

Die Sai­son von Cas­tel di San­gro Cal­cio als holp­rig zu beschrei­ben wäre glatt unter­trie­ben. Wäh­rend die Punkt­zahl des Ver­eins nur lang­sam wächst, wird die Mann­schaft auch durch Schau­plätze abseits des Sta­di­ons abge­lenkt. Mit­ten in der Sai­son hebt die Poli­zei einen Dro­gen­ring aus, der bis weit in den Club hin­ein reicht. Mafiöse Struk­tu­ren wer­den erkenn­bar. Die Hin­ter­män­ner blei­ben aber unbe­hel­ligt. Noch schlim­mer trifft die Mann­schaft die Nach­richt, dass die bei­den Mit­spie­ler Danilo di Vin­cenzo und Pippo Biondi bei einem Auto­un­fall ums Leben kom­men, als sie gemein­sam zum Trai­ning fah­ren woll­ten. Nicht nur mensch­lich, son­dern auch sport­lich sind beide ein her­ber Ver­lust. Die Mann­schaft kämpft nun nicht nur gegen den Abstieg, son­dern auch für ihre bei­den ver­un­glück­ten Kameraden.

Den Klas­sen­er­halt wirk­lich zu schaf­fen, scheint oft­mals aus­sichts­los. Mit sie­ben ande­ren Mann­schaf­ten wird Cas­tel di San­gro um die ret­ten­den Plätze kämp­fen. Nicht immer wer­den die Punkte mit rech­ten Mit­teln ver­ge­ben: McGin­niss berich­tet, wie er Zeuge wurde, wie ein ent­schei­den­des Spiel der Meis­ter­schaft ver­scho­ben wurde. Die Ver­eins­füh­rung habe ihm mit Kon­se­quen­zen gedroht, werde er dar­über im Buch schrei­ben. Am Ende berich­tet er aus­führ­lich dar­über. Alle Spie­ler und Funk­tio­näre schei­nen infor­miert gewe­sen zu sein. Selbst wie die Tore fal­len soll­ten, war aus­ge­klü­gelt wor­den. Quasi Ergeb­nisse auf Bestel­lung. Durch­aus üblich, wie McGin­niss schreibt.

Mit „Das Wun­der von Cas­tel di San­gro“ hat Joe McGin­niss ein abso­lut lesens­wer­tes Fußball-Buch geschrie­ben, das sich auch neben Wer­ken wie „Fever Pitch“ nicht zu ver­ste­cken braucht. Mit viel Gefühl beschreibt McGin­niss die Eigen­hei­ten des ita­lie­ni­schen Fuß­balls und den All­tag in den unte­ren Ligen des Pro­fizir­kus. Die­ses Buch ist eine ein­zig­ar­tige Beschrei­bung der Sai­son des klei­nen Clubs Cas­tel di San­gro Cal­cio. Selbst Lesern, die die Geschichte des Ver­eins bereits ken­nen, sei die­ses Buch ans Herz gelegt, denn es reka­pi­tu­liert noch ein­mal in span­nen­der Weise diese ein­zig­ar­tige Sai­son mit all ihren Höhen und Tie­fen. Bei den Spiel­be­schrei­bun­gen geht McGin­niss viel­leicht manch­mal zu sehr ins Detail, aber trotz­dem sei es auch Nichtfußball-Fans emp­foh­len. Erstligareif.

Joe McGin­niss, Das Wun­der von Cas­tel di San­gro. Ein ita­lie­ni­sches Fuß­ball­mär­chen | Ori­gi­nal­ti­tel: The Mira­cle of Castle di San­gro | Über­setzt von Harald Hell­mann | KiWi Paper­back | 496 Sei­ten | ISBN 346203958X | Preis: 9.95 EUR

Unser Gast­au­tor Sven Arne Ohl­wein stu­diert Geschichte und Eng­lisch und ist lei­den­schaft­li­cher Leser. Er rezen­siert Bücher auf sei­nem eige­nen Lite­ra­tur­blog Get­ting on at 42nd.





One thought on “Fußball-Buch: „Das Wunder von Castel di Sangro“ — eine Saison im Wunderland

  1. Das ist wirk­lich ein tol­les Buch und eines mei­ner Lieblings-Fußballbücher. Ein etwas nai­ver Ame­ri­ka­ner schreibt über ita­lie­ni­schen Fuß­ball — und diese Kom­bi­na­tion macht das Buch so lesens­wert.
    Ein wei­te­rer mei­ner Favo­ri­ten ist im übri­gen “Eine Sai­son mit Verona” von Tim Parks. Wer es nicht kennt — Lesebefehl.

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