Fußball Anno 2013 — Kein Platz für Romantiker


veröffentlicht am Dienstag, 22. Januar 2013 14:09, von unserem Autor Christian Eck in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

Fuß­ball ist ein fes­ter Bestand­teil unse­rer Gesell­schaft. Nicht erst seit kur­zem, son­dern bereits seit gerau­mer Zeit. Und so wie alles in einer Gesell­schaft, unter­liegt auch der Fuß­ball Ände­run­gen, die er selbst nicht immer steu­ern kann. Dabei geht es noch nicht ein­mal um große Regel­än­de­run­gen im Spiel selbst, son­dern viel­mehr um das Ver­ständ­nis der Betei­lig­ten von ihrer Sport­art. Die­ses Ver­ständ­nis hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren von den klei­nen Anfän­gen bis zum heu­ti­gen media­len Hype­r­er­eig­nis schwer gewan­delt. Sowohl bei den Akteu­ren auf dem Platz, als auch den­je­ni­gen neben der Spielfläche.

Fuß­ball im Wan­del der Zeit

Nicht sel­ten ist daher der Aus­spruch zu ver­neh­men, der Fuß­ball sei auch nicht mehr das was er ein­mal war. Dem ist nicht zu wider­spre­chen. Fuß­ball konnte in schwie­ri­gen Zei­ten vom All­tag ablen­ken und ver­mochte es, die sozia­len und eth­ni­schen Gren­zen auf­zu­he­ben. Wenn mein Groß­va­ter von Fuß­ball­spie­len wäh­rend der Kriegs­ge­fan­gen­schaft erzählt, erhält der Sport eine ganz andere, neue und emo­tio­na­lere Dimen­sion. Auf­ge­wach­sen im Zeit­al­ter des all­ge­mei­nen Wohl­stands, des Frie­dens und der schier unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten ist der Fuß­ball für mich ein Hobby. Ich kann meine Freunde tref­fen, Spaß haben und ein paar Euro damit ver­die­nen. Er war aber nie mein abso­lu­ter Lebens­in­halt, der mir Pri­vi­le­gien oder ver­bes­serte Behand­lung garan­tierte, wie es bei mei­nem Groß­va­ter der Fall war. Diese Bedeu­tung ist für mich zwar ver­ständ­lich, aber auf­grund von feh­len­den ver­gleich­ba­ren Erfah­run­gen nur schwer nach­voll­zieh­bar. Aber warum ist der Fuß­ball nicht mehr das, was er ein­mal war? Und ist es gerecht­fer­tigt, den heu­ti­gen Fuß­ball abzu­wer­ten, wie es viele Men­schen gerne tun?

Der Sport als sol­cher wird immer von Men­schen betrie­ben. Sowohl aktiv als Spie­ler, als auch pas­siv als Fan, Trai­ner, Betreuer oder Ver­eins­ver­ant­wort­li­cher. Jede ein­zelne die­ser Per­so­nen trägt ihren Bei­trag zum Gan­zen bei. Dies ist eine meist unbe­ach­tete Tat­sa­che. Wenn sich ein Fan ins Sta­dion stellt und sagt, der Fuß­ball habe sich ver­än­dert, so muss er sich daher zwei Fra­gen gefal­len las­sen. Ers­tens: Wer ist der Fuß­ball? Ein auto­nom han­deln­des Wesen, mit eige­ner Mei­nung und Ent­schei­dungs­ge­walt oder doch eher ein rie­si­ges, schwer­fäl­li­ges Kon­glo­me­rat aus vie­len ver­schie­de­nen Ein­flüs­sen und Ansich­ten? Und dar­aus fol­gend: Haben sich die Akteure, die den Fuß­ball prä­gen — also auch Du und Ich — nicht verändert?

Manchester City Magazin Scheich Investor

Ein altes Maga­zin von Man­ches­ter City, dem Tra­di­ti­ons­ver­ein, der heute von einem Scheich mit unglaub­li­chen Sum­men finan­ziert wird. Foto: Smabs Sput­zer / flickr.com

Stamm­tisch­pa­ro­len sind keine Lösung

Es ist nun ein­mal der Fall, dass der Fuß­ball kein eigen­stän­di­ges Wesen ist, son­dern durch das Ver­hal­ten sei­ner Akteure geprägt ist. Und wenn sich die Umwelt um den Fuß­ball herum so rapide ver­än­dert, wie es in den letz­ten 100 Jah­ren der Fall war, ist es nur logisch, dass auch der Fuß­ball einer Ver­än­de­rung unter­lie­gen muss. Im Jahr 2013 über­wie­gen in Deutsch­land und ganz Europa die Gene­ra­tio­nen, die zum größ­ten Teil fernab von Krieg, Armut und Leid auf­ge­wach­sen sind. Hin­ein­ge­bo­ren in die Zeit des Wirt­schafts­wun­ders, meist mit einem Min­dest­maß an sozia­ler Sicher­heit aus­ge­stat­tet. Was hat das nun mit dem moder­nen Fuß­ball zu tun hat? Eine ganze Menge.

Ich bin kein Befür­wor­ter von Inves­to­ren in der Fuß­ball­welt. Ich bre­che auch keine Lanze für Spie­ler, die jede halbe Sai­son den Ver­ein wech­seln. Ganz im Gegen­teil. Die roman­ti­sche Idee „Elf Freunde müsst ihr sein“, Fuß­ball spie­len und Spaß haben und was dazu gehört, ist selbst nach 16 Jah­ren Fuß­ball­spie­lens immer noch mein Credo. Genau das ist der Grund, warum ich mich so inten­siv mit der Ent­wick­lung des heu­ti­gen Fuß­balls aus­ein­an­der­setze. Es gibt viele Dinge, die stö­ren, über die nur der Kopf geschüt­telt wer­den kann und die mei­nem Ver­ständ­nis von Fuß­ball zuwi­der­lau­fen. Aber es ist mir zu ein­fach, sich hin­zu­stel­len um wie­der und wie­der die abge­dro­sche­nen Stamm­tisch­pa­ro­len ver­lau­ten zu las­sen. Dies wäre nur ein­fachste Pole­mik, wel­che das Pro­blem nicht ein­mal im Ansatz erfas­sen würde. Der moderne Fuß­ball ist nun ein­mal mehr denn je ein Spie­gel unse­rer heu­ti­gen Gesell­schaft. Und diese hat den Hang zum Grö­ßen­wahn, zum Gigan­tis­mus und lei­der auch zu einer zuneh­men­den Teil­nahms­lo­sig­keit. Warum also, so frage ich mich, sollte aus­ge­rech­net der Profi– und Ama­teur­fuß­ball davor ver­schont blei­ben, wenn die halbe Gesell­schaft ein Teil davon ist?

Fuß­ball ist mehr denn je als Beruf zu verstehen

Spie­ler wer­den als Söld­ner beschimpft, die nur dem Ruf des Gel­des fol­gen. Ver­eine wer­den von Inves­to­ren auf­ge­kauft und zu wild-wütenden Trans­fer­markt­gi­gan­ten auf­ge­bauscht. Im heu­ti­gen Fuß­ball gehe es nur noch ums Geld, so der all­ge­meine Tenor. Immer mehr Fans und Fuß­ball­lieb­ha­ber träu­men daher von der roman­ti­schen Zeit der Anfänge des Fuß­balls, von Kai­ser Franz und sei­nen glor­rei­chen Hel­den der 70er Jahre. Damals war alles bes­ser, damals ging es nur um den Fuß­ball. Dass in genau die­ser Zeit aber der Grund­stein für die heut­zu­tage mas­siv betrie­bene Ver­mark­tung des Sports gelegt wurde, wird gerne ver­ges­sen. 1973 prangte der Jägermeister-Schriftzug auf den Tri­kots von Ein­tracht Braun­schweig. Der erste Tri­kot­spon­sor der Bun­des­liga war gebo­ren. Und auch Franz Becken­bauer, Gerd Mül­ler und wie sie alle hie­ßen, folg­ten dem Ruf des Gel­des. Zwei­fel­los besaß das Mar­ke­ting zu die­ser Zeit eine andere Dimen­sion wie es heut­zu­tage der Fall ist. Die Wer­bung und der Geld­ge­ne­rie­rungs­pro­zess stan­den noch in den Kin­der­schu­hen. Aber der Start­schuss war getä­tigt. Zum rein sport­li­chen Anreiz, gewin­nen für das Vater­land, spie­len für Ruhm und Ehre, wie es viel­leicht noch Fritz Wal­ter und seine Man­nen 1954 ver­kör­per­ten, ist ein nicht unwe­sent­li­cher Fak­tor hin­zu­ge­kom­men: Das liebe Geld. Fuß­ball wurde zuneh­mend zu einem Geschäft, in dem jeder ver­sucht das Maxi­mum zu errei­chen. Wer diese Ent­wick­lung kon­se­quent wei­ter ver­folgt, muss zu der einen Erkennt­nis kom­men: Fuß­ball­profi ist mehr denn je ein Beruf und der geliebte Fuß­ball ein beach­tens­wer­ter Arbeit­ge­ber.

Diese Ein­sicht ist für das Ver­ständ­nis des moder­nen Fuß­balls Anno 2013 unab­ding­bar. Mit der his­to­ri­schen Ent­wick­lung unse­rer Gesell­schaft ver­än­dern sich auch die Per­spek­ti­ven eines jeden Men­schen. Unsere Berufs­welt wan­delte sich in rapi­der Geschwin­dig­keit vom Traum der Voll­be­schäf­ti­gung zum inter­na­tio­na­len Kampf­platz. Ein jeder ver­sucht das Best­mög­li­che für sich selbst zu errei­chen. In einer Gesell­schaft, die von wirt­schaft­li­chen Ratio­na­li­sie­rungs­pro­zes­sen geprägt ist, in der die Schei­dungs­rate steigt und – um es abge­dro­schen zu for­mu­lie­ren – ein zuneh­men­der Wer­te­ver­fall zu beob­ach­ten ist, gibt es wenige Kon­stan­ten. Es ist defi­ni­tiv eine Ten­denz zum Ego­is­mus und vor allem auch zum eli­tä­ren Den­ken in Deutsch­land zu beob­ach­ten. Harte Aus­wahl­pro­zesse zwin­gen den Men­schen immer mehr zur Per­fek­tion der eige­nen Per­son. Der per­sön­li­che Erfolg rückt ver­stärkt ins Blick­feld. Und die­ser Pro­zess hat sich auch im Fuß­ball­ge­schäft bemerk­bar gemacht. Sei es durch Schwal­ben, bewuss­tes Hand­spiel oder ähn­li­che unfaire Aktio­nen. Spie­ler küs­sen das Wap­pen ihres Tri­kots, um wenige Wochen danach das Emblem des nächs­ten Ver­eins zu lieb­ko­sen. Zuneh­mend sind den Spie­lern und Ver­ant­wort­li­chen alle Mit­tel zum Erfolg recht. Bei den Sum­men, die mitt­ler­weile auf dem Spiel ste­hen, lei­der auch eine nach­voll­zieh­bare, wenn auch nicht begrü­ßens­werte Entwicklung.

Geld­ma­schine Bundesliga

Die Geschwin­dig­keit unse­res All­tags nimmt immer wei­ter zu und dies wirkt sich unmit­tel­bar auf unse­ren gelieb­ten Volks­sport Num­mer Eins aus. Und wenn das nächste Mal der Söldner-Ruf auf den Lip­pen klebt, viel­leicht kurz nach­den­ken. Denn so wie jeder das Maxi­mum in der Berufs­welt errei­chen möchte, so strebt auch jeder Sport­ler nach dem Größt­mög­li­chen. Die wenigs­ten von uns wür­den wohl ein Job­an­ge­bot, das sowohl finan­zi­ell als auch von der Stel­lung und Per­spek­tive bes­ser ist, ableh­nen. Umge­münzt auf die Fuß­ball­welt heißt das: mehr Geld im Jahr und ein Ver­ein, der erfolg­rei­cher ist. Und so wie abge­wan­derte Spie­ler als Söld­ner zum Teil ver­schrien wer­den, wer­den sie andern­orts als neu ver­pflich­tete Spie­ler freu­dig begrüßt.

Fuß­ball ist mitt­ler­weile ein knall­har­tes Geschäft. Wo alleine bei den 18 Bun­des­li­ga­ver­ei­nen ein Umsatz von knapp zwei Mil­li­ar­den zu ver­zeich­nen ist, bleibt wenig Platz für Roman­tik. Und wenn wir ehr­lich sind freuen wir uns doch alle dar­über, wenn der Ver­ein unse­res Her­zens einen Trans­fer­coup gelan­det hat, der für mehr Siege und Erfolge ste­hen kann. Oder wenn ein neuer Spon­sor gewon­nen wurde, der wie­der neues Geld in die Kas­sen spült. Aber was bleibt dem Fuß­ball­fan auch übrig? Er kann sich abwen­den vom gro­ßen Zir­kus des Pro­fi­fuß­balls, mit all sei­nen Aus­wüch­sen, und sich ver­stärkt dem orts­an­säs­si­gen Ama­teur­club zuwen­den. Doch auch hier muss der Fuß­ball­fan eine ähn­li­che Ent­wick­lung fest­stel­len. Das Geld hat bereits Ein­zug gehal­ten, Ver­eine wirt­schaf­ten sich kaputt und Spie­ler stel­len unver­hoh­lene For­de­run­gen. Das Ganze spielt sich zwar mit klei­ne­ren Sum­men ab, nicht aber mit weni­ger Skru­pel­lo­sig­keit als im Profifußball.

Straßenfußball Barcelona Katalonien Spanien Kicker Fußballer Romantik

Im Fuß­ball von heute bleibt wenig Platz für Roman­tik. Die Liebe zum Fuß­ball sollte man sich aber nicht neh­men las­sen, so wie die­ser Kicker in den Stra­ßen Bar­ce­lo­nas. Foto: [bas­tian.] / flickr.com

 

Die Fas­zi­na­tion überwiegt

In gewis­ser Weise ist der moderne Fuß­ball­fan ein schi­zo­phre­nes Wesen. An der einen Stelle ver­ur­teilt er den schau­spie­len­den Geg­ner, um sich wenig spä­ter über den geschun­de­nen Elf­me­ter und den dar­aus resul­tie­ren­den Sieg für das eigene Team letzt­lich doch zu freuen. Wie der Titel schon sagt: Der Fuß­ball im Jahr 2013 bie­tet wenig Spiel­raum für Roman­ti­ker. Er ist viel­mehr Betä­ti­gungs­feld für Geschäfts­män­ner gewor­den, Umschlag­platz für Mil­lio­nen und Aber­mil­lio­nen in diver­sen Wäh­run­gen. Natür­lich gibt es die löb­li­chen Aus­nah­men. Die del Pie­ros und Buf­fons, die ihre Kar­riere einem Ver­ein ver­schrie­ben haben. Aber auch hier hat der Ver­ein sich diese Treue eini­ges kos­ten las­sen. Ja, der Fuß­ball ist nicht mehr, was er ein­mal war. Das ist legi­tim. Die Akteure und Rezi­pi­en­ten sind es aber auch nicht mehr – und so ist die Ent­wick­lung des Fuß­balls nicht mehr als die logi­sche Kon­se­quenz. Und auch jeder ein­zelne Fuß­ball­fan, der sich über den Wan­del des Fuß­balls beschwert, hat sei­nen klei­nen Bei­trag dazu geleis­tet. Denn jedem steht es offen, aus dem Karus­sell aus­zu­stei­gen und dem täg­li­chen Wahn­sinn den Rücken zukeh­ren – doch nur die Wenigs­ten tun dies auch wirk­lich. Zu groß ist immer­noch die Fas­zi­na­tion, die vom Fuß­ball aus­geht. Das Leid und die Freude, wel­che die 22 Figu­ren auf dem sat­ten Grün in den 90+ Minu­ten versprechen.

Und so werde auch ich wei­ter den Fuß­ball ver­fol­gen, mit mei­nem Ver­ein mit­fie­bern und mei­nen roman­ti­schen Vor­stel­lun­gen nach­hän­gen – in dem Wis­sen, dass für sie eigent­lich kein Platz im moder­nen Fuß­ball­ge­schäft ist. Aber auch wenn der öko­no­mi­sche Fak­tor eine immer grö­ßere Rolle spielt — und man­che die Seele des Fuß­balls bereits ver­kauft sehen — so wird der Fuß­ball trotz­dem auch in Zukunft die unglaub­lichs­ten Geschich­ten schreiben.





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