Noch ein Fußball-Blog, aus Liebe zum Fußball


veröffentlicht am Dienstag, 30. Juli 2013 11:37, von unserem Autor Marc Andruszko in Feuilleton - runde Kultur. 1 Kommentar

Unser Fußball-Blog „Schlenzer.net“ star­tet in die neue Sai­son. Es wird die erste Hin­runde unse­rer Blog­ge­schichte wer­den. Als vor etwa einem hal­ben Jahr der Anpfiff für die­sen Fußball-Blog ertönte, wuss­ten wir selbst nicht so genau, wo uns der Fuß­ball hin­füh­ren und ob uns der Schluss­pfiff allzu schnell ein­ho­len würde. Gibt es über­haupt eine Exis­tenz­be­rech­ti­gung für einen wei­te­ren Fußball-Blog? Wür­den unsere Mei­nun­gen irgend­ei­nen Unter­schied machen oder ein­fach in der Masse der Fuß­ball­news untergehen?

Das, was uns inner­lich dazu antrieb, für den kri­ti­schen Fuß­ball­fan in die Tas­ten zu hauen, muss end­lich in Worte ver­packt wer­den. Die Som­mer­pause war die rich­tige Zeit, um zu die­sem Zweck das ver­gan­gene halbe Jahr zu reflektieren.

Warum noch ein Fußball-Blog?

Wir woll­ten über Fuß­ball schrei­ben, nur wo und wann? Wir, die eigent­lich keine Zeit neben Stu­dium, Job und eben Fuß­ball (selbst die Kno­chen hin­hal­ten) haben, such­ten das geeig­nete Medium, in wel­chem wir unse­ren Gedan­ken über den Fuß­ball freien Lauf las­sen könn­ten. Was böte sich da bes­se­res an als ein Blog? Doch war uns ein ein­fa­cher Blog nicht genug. Wir woll­ten einen über­par­tei­li­chen, völ­lig unab­hän­gi­gen Blog, der keine Ver­eins­farbe trägt und weder ört­li­che, the­ma­ti­sche, noch sti­lis­ti­sche Gren­zen kennt. Dabei gilt: Die Auto­ren genie­ßen volle Kunst­frei­heit. Ob Repor­tage, Brief, Tak­ti­kana­lyse, Satire, Foto­mon­tage oder Kom­men­tar – wir wol­len Fuß­ball auch außer­halb des Plat­zes inter­es­sant machen. Viel­leicht war­tet ein Autor eines Tages mit einem Fuß­ball­ge­dicht auf. Viel­leicht bes­ser auch nicht. Doch wer weiß schon, wo die­ser ver­rückte Fuß­ball uns hin­füh­ren wird?

Fußball-Blog

West­ham United beim “Team­buil­ding”. Foto: Sport­ho­tel Achen­tal / flickr

Mehr­wert für den Leser

Die Gerüch­te­kü­che bro­delt andern­orts. Bei uns bleibt sie kalt. Wir haben schlicht nicht die Zeit und schon gar nicht die Muse, stän­dig neue Mel­dun­gen von gerin­gem Bedeu­tungs­wert für den Fuß­ball in die Tas­ten zu häm­mern. Diese blei­ben unbe­rührt, bis sich ein Thema auf­tut, das uns nach­hal­tig beschäf­tigt. Oft­mals haben wir dann bereits zuvor in der Fuß­ball­kneipe dar­über dis­ku­tiert. Sei es ein neuer Tak­tik­kniff wie die sagen­um­wo­bene „Fal­sche Neun“ oder ein hart­nä­cki­ges Tau­zie­hen um ein Aus­nah­me­ta­lent wie etwa Robert Lewan­dow­ski. Wir ver­su­chen, gedul­dig zu blei­ben und uns zuerst umfas­send Gedan­ken über ein Thema zu machen, bevor wir unsere Mei­nung in den Online-Orbit hin­aus­po­sau­nen. Wir äußern uns dann, wenn wir glau­ben, etwas sagen zu kön­nen, das einen Mehr­wert für den Leser dar­stellt, also wesent­lich zur Mei­nungs­bil­dung beiträgt.

Reduk­tion auf das Wesentliche

Ein Ärger­nis der Onli­ne­welt ist sicher­lich, dass eine Fuß­ball– oder Sport­seite über Wer­bung finan­ziert wer­den muss. Resul­tat ist, dass eine ren­ta­ble Fuß­ball­seite schnell mit Wer­be­ban­nern und Pop-ups über­la­den wird. Zudem ist eine Fuß­ball­seite meist so gestal­tet, dass der Leser zum Kli­cken ani­miert wird. Bil­der­stre­cken, sich über meh­rere Sei­ten erstre­ckende Arti­kel und andere Ärger­nisse sind an der Tagesordnung.

Um Tau­sende Leser auf die Seite zu locken, ist es not­wen­dig, bei Google-News mit den neu­es­ten Mel­dun­gen aus der Fuß­ball­welt prä­sent zu sein. Bei­träge, die uns über den Tel­ler­rand hin­aus­schauen las­sen und nach­denk­lich machen, wer­den in der Kon­se­quenz zur Mangelware.

Wir wol­len anders sein. Wir wis­sen, dass unse­ren Tex­ten in vie­len Redak­tio­nen der Fuß­ball­welt ein eher gerin­ger wirt­schaft­li­cher Wert, sprich Klick­wert, zuge­mes­sen wer­den würde. Und das genie­ßen wir. Denn wir wol­len nicht mit­schwim­men, zumin­dest nicht auf Schlenzer.net.

Als „back to the roots“ könnte man die Dar­stel­lung unse­rer Web­site beschrei­ben: ein nicht über­la­de­nes Design, das den Leser zum Lesen ein­lädt, also mit einer ver­nünf­ti­gen Schrift­größe und einem ange­neh­men Zei­len­ab­stand aus­ge­stat­tet. Und natür­lich mit Inhalt, der nicht mit Qua­li­tät geizt.

Wir wol­len uns auf das Wesent­li­che redu­zie­ren und unse­ren Lesern keine Mas­sen­ware anbie­ten. Für uns spielt es keine Rolle, ob der Spie­ler X für 39 oder 40,5 Mil­lio­nen Ablöse zum Ver­ein Y gewech­selt ist. Es spielt aber eine Rolle, ob jener Spie­ler die­ses Geld „wert“ ist oder ob sol­che Ablö­se­sum­men in der gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Betrach­tung gar als „ver­werf­lich“ anzu­se­hen sind. Denn das sind die The­men, über die wirk­lich lei­den­schaft­lich am Stamm­tisch debat­tiert und die auch noch die nächste Fuß­ball­ge­ne­ra­tion beschäf­ti­gen wer­den. Es geht uns um wesent­li­che mensch­li­che Fra­gen, die den lei­den­schaft­li­chen Fuß­ball­fan beschäf­ti­gen und denen wir uns wid­men wollen.

Phi­lo­so­phie im Fußball

Oft ist von der Spiel­phi­lo­so­phie die Rede, spricht man etwa über Jogi Löw oder Pep Guar­diola. Mit die­sen Trai­nern ver­bin­det man einen bestimm­ten Ansatz, der jene von ande­ren unter­schei­det. Wir wol­len den Fuß­ball immer über die Gren­zen hin­aus betrach­ten. Es geht uns nicht um einen ein­zel­nen Ver­ein, bestimmte Spie­ler, Trai­ner oder eine Liga. Unser Blog ver­folgt die Phi­lo­so­phie, wesent­li­che Fra­gen in einer Gesamt­be­trach­tung zu erör­tern. Die Gren­zen der Poli­tik, Öko­no­mie, Phi­lo­so­phie, Sozio­lo­gie, Psy­cho­lo­gie und Fuß­ball­theo­rie ver­schwim­men hier­bei stän­dig. Das ist so gewollt und not­wen­dig, um den Fuß­ball nicht zu einem all­abend­li­chen TV-Event ver­kom­men zu las­sen, son­dern des­sen Wesen am Leben zu erhalten.

Fuß­ball ist unsere Sprache

Auch sprach­lich ken­nen wir keine Gren­zen und sind grund­sätz­lich expe­ri­men­tier­freu­dig. Wie man unschwer erken­nen kann, hat jeder der Schlenzer-Autoren einen eige­nen Stil und pflegt die­sen. Nicht, dass ein fal­scher Ein­druck ent­steht: Unser Fußball-Blog ist keine Ego­ver­an­stal­tung kri­tikun­fä­hi­ger Auto­ren. Wir lesen stän­dig gegen­sei­tig Kor­rek­tur und hal­ten mit inhalt­li­cher Kri­tik nicht hin­term Berg, aber es wird nie eine redak­tio­nelle Leit­li­nie geben, wie Texte sti­lis­tisch zu ver­fas­sen sind.

Wir emp­fin­den unse­ren Fußball-Blog als unend­lich wert­volle Platt­form, die uns die Mög­lich­keit gibt, unse­ren per­sön­li­chen Stil stän­dig wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, auch, indem wir uns der öffent­li­chen Kri­tik stel­len. Wir mögen es, mit Meta­phern zu jon­glie­ren und stän­dig neue Worte für die Schön­heit des Fuß­balls zu fin­den. Unsere sta­bi­len Klick­zah­len bestä­ti­gen uns, dass es viele nach­denk­li­che Fuß­ball­fans gibt, die sich nicht tag­täg­lich die Gedan­ken über den Fuß­ball von den gro­ßen Sport­sei­ten dik­tie­ren las­sen möch­ten, son­dern ein­fach gerne über den Fuß­ball an sich, das Spiel, das wir alle so lie­ben, spre­chen und nach­den­ken möchten.

Fussball Blog Ente Lippens

Erzählt wun­der­bare Geschich­ten über den Fuß­ball: Willi “Ente” Lip­pens. Foto: Nie­der­län­di­sches Natio­nal­ar­chiv, Den Haag

Fuß­ball ist Mei­nung, aber …

Wir sind Blog­ger, freie Jour­na­lis­ten, freie Auto­ren. Eigent­lich spielt es keine Rolle, wie man uns nennt. Ent­schei­dend ist, dass wir unab­hän­gig sind und mit unse­rer Mei­nung nicht hin­term Berg hal­ten. Wir sind kei­ner Zei­tung oder Zeit­schrift, noch einem ande­ren Medium in irgend­ei­ner Weise ver­pflich­tet. Trotz­dem ist es uns wich­tig, unsere Kri­tik an den Akteu­ren jeder­zeit auf hohem Niveau zu ver­fas­sen. Denn auch die Mei­nungs– und Pres­se­frei­heit fin­den ihre Gren­zen in den Rech­ten Ande­rer. Meist ist gegen die Pres­se­frei­heit kein Kraut gewach­sen, doch gibt es neben den Grund­rech­ten und Per­sön­lich­keits­rech­ten natür­li­che mensch­li­che Werte, die für uns gel­ten.  

Kein Spie­ler hat es ver­dient, in Grund und Boden gere­det zu wer­den, doch jeder Spie­ler muss es ver­kraf­ten kön­nen, in einer Satire sein Fett weg zu bekom­men. Schließ­lich steht man als Pro­fi­fuß­bal­ler — und den Beruf hat man sich selbst aus­ge­sucht — stän­dig in der Öffent­lich­keit. Letz­tere ten­diert aber dazu, respekt­los und unfair mit den Per­so­nen des öffent­li­chen Inter­es­ses umzu­ge­hen. Unsere Gesell­schaft hechelt jeder­zeit nach News und Skan­da­len. 

Wir machen immer kennt­lich, ob es sich um gepflegte und wohl­durch­dachte Kri­tik oder eben um Satire han­delt. Fair geht vor: nicht nur auf, son­dern auch neben dem Platz.

Aus­blick: Wo schlen­zen wir hin?

Ob es über­haupt ein Ziel für die­sen Fußball-Blog gibt, wis­sen selbst die Auto­ren nicht. Genauso, wie der Fuß­ball sich stän­dig im Wan­del befin­det, kann die­ser Fußball-Blog eines Tages von der Bild­flä­che ver­schwin­den. Doch ist der Fuß­ball in gewis­ser Weise ein ewi­ger Kreis­lauf und das auch im weit­ge­fass­ten jour­na­lis­ti­schen Bereich. Wo ein Fußball-Blog ver­schwin­det, kommt ein ande­rer Fußball-Blog hinzu. Eines wird uns und unse­ren Lesern blei­ben: Wir haben den Fuß­ball nicht nur kon­su­miert, wir haben über ihn nach­ge­dacht, wir sind seine Ent­wick­lung bewusst mit­ge­gan­gen und viel­leicht tra­gen wir mit den dar­aus gewon­ne­nen Erkennt­nis­sen und Erfah­run­gen zu sei­ner Ent­wick­lung bei.

Wir alle, ob als Fuß­bal­ler, Trai­ner oder Fans, sind Teil der Fuß­ball­ge­schichte. Beson­ders dann, wenn wir unse­ren Enkeln und Uren­keln nicht von der Trans­fer­pe­riode 2012 erzäh­len, son­dern stolz davon berich­ten, wie der Fuß­ball damals war und wie wir ihn erlebt haben. Ver­gleich­bar damit, wenn unsere Groß­vä­ter uns stolz von lin­ken und rech­ten Läu­fern und unsere Väter uns von Libe­ros vor­schwär­men, wer­den wir in fer­ner Zukunft über die Vor­teile der Dop­pels­echs, den mit­spie­len­den Tor­wart und das Tiki-Taka sin­nie­ren. Bei die­sen Remi­nis­zen­zen wer­den uns all diese Texte eine herr­li­che Gedan­ken­stütze sein. Und die Augen der klei­nen Kicker wer­den blit­zen, genauso wie unsere einst blitzten.





One thought on “Noch ein Fußball-Blog, aus Liebe zum Fußball

  1. Hallo Schlen­zer,

    groß­ar­ti­ger Text, könn­ten wir von Zwei­er­kette gera­de­weg unter­schrei­ben. Wir haben uns ähn­li­che Gedan­ken gemacht, als wir zu Sai­son­be­ginn unse­ren Fuß­ball­blog aus der Taufe geho­ben haben.

    Mir gefällt euer Stil bzw eure Stile und ich hoffe, ihr bleibt euch treu. Macht wei­ter so!

    Sport­li­che Grüße,
    Tery
    http://www.zweierkette.de

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