Die Evolution überrennt den Fußballgott: die Spielzeit 2012/13


veröffentlicht am Montag, 29. Juli 2013 16:02, von unserem Autor Benjamin Heberling in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

Die Spiel­zeit 2012/13 ist schon einige Wochen Geschichte, sie war zwei­fels­ohne son­der­bar. Hoff­nun­gen und Traum­bla­sen hat sie bis zum Ende getra­gen und letzt­lich zum Plat­zen gebracht. Es war eine ehr­li­che Sai­son mit ver­dien­ten Sie­gern und ver­dien­ten Ver­lie­ren. Im Fuß­ball, einem Sport der von Zufäl­len und son­der­ba­ren Ereig­nis­sen lebt, schleicht sich eine gewisse Per­sis­tenz ein. Der kon­ti­nu­ier­li­che Wett­kampf endet nie und obwohl sich die­ser Sport immer wie­der neu­kon­stru­iert, gibt es bestimmte Ent­wick­lun­gen, die fast irre­ver­si­bel sind. Wel­che Erkennt­nisse kön­nen wir dar­aus schlie­ßen? Wie wird das Heute und Mor­gen wer­den, wenn das Ges­tern schon so viel­ver­spre­chend war?

Champions-League-Sieg: höhere Kräfte am Werk

Bay­ern Mün­chen heißt der große Gewin­ner der Sai­son. Es macht Mut zu sehen, dass man mit gro­ßem Wil­len selbst die bit­ters­ten Nie­der­la­gen ver­ges­sen machen kann. Und doch hätte alles anders lau­fen kön­nen. Das Spiel in Wem­bley stand auf Mes­sers Schneide. Dort­mund ist unglaub­lich cou­ra­giert auf­ge­tre­ten und hätte die­ses Spiel durch­aus für sich ent­schei­den kön­nen, es war mei­ner Ansicht nach eine Frage des Wil­lens, der Qua­li­tät und der Gerech­tig­keit, die sich letzt­lich durchsetzt.

Nicht, dass der BVB nicht 100 Pro­zent gege­ben hätte — die Spie­ler der Borus­sia woll­ten den Sieg genau wie die der Bay­ern. Doch was sich bei den Münch­nern in den letz­ten Jah­ren ange­staut hatte, war mehr als Wille. Es war eine Not­wen­dig­keit, es waren höhere Kräfte, die den Rekord­meis­ter zur Rekord­sai­son getrie­ben haben. Es war die Pflicht des Sie­gens, die Spie­ler wie Schwein­stei­ger, Lahm und Mül­ler in deren sport­li­chen Zenit gehievt hat. Lewan­dow­ski und Blaczy­kow­ski hät­ten das Blatt der Geschichte wen­den kön­nen, doch die­ser Traum ist geplatzt, er lebt wei­ter in der Welt der Kon­junk­tive und für diese gibt es kei­nen Platz in der Realität.

Die Fuß­ball­welt im Wandel

Die Welt, wie sie heute ist, unter­liegt in ihren zen­tra­len Struk­tu­ren — der Gesell­schaft, der Wirt­schaft, der Öko­lo­gie — ste­ti­gen Ver­än­de­run­gen. Es ist der Wan­del der Zeit. Man spricht von schöp­fe­ri­scher Zer­stö­rung, von ste­ti­ger Rekon­struk­tion und immer auch von Evo­lu­tion.  Die Leis­tun­gen von Borus­sia Dort­mund haben die Ent­wick­lun­gen des deut­schen Fuß­balls vor­an­ge­trie­ben, sie haben den Fort­schritt des FC Bay­ern for­ciert, da die­ser ein alt­be­währ­tes Mit­tel als Anstoß zu sei­ner eige­nen for­schen sport­li­chen Genese ver­stand: Kon­kur­renz. Ohne den BVB wäre die Mann­schaft der Bay­ern nicht so gut, wie sie heute ist.

Jür­gen Klopp leis­tet bei den Schwarz-Gelben groß­ar­tige Arbeit. Ob man ihn trotz media­ler Dau­er­prä­senz und sei­ner teil­weise pla­ka­tiv wir­ken­den ewi­gen Jugend sym­pa­thisch fin­det, sei jedem selbst über­las­sen — Mei­nungs­frei­heit ist eine schöne Sache.

Fakt ist, dass Dort­mund mit sei­ner offen­si­ven, attrak­ti­ven und über­fall­ar­ti­gen Inter­pre­ta­tion des moder­nen Fuß­balls den Bay­ern der­art Paroli bot, dass diese rea­gie­ren muss­ten. Die Borus­sia hat die Bay­ern in ihrer Ent­wick­lung beflü­gelt, im Grunde sei­nen eige­nen Meis­ter selbst so stark gemacht. Iro­nie des Schick­sals, dass Dort­mund zwei Jahre Fuß­ball­deutsch­land beherrscht, um in Europa an der eigens for­cier­ten geg­ne­ri­schen Fes­tung zu schei­tern. Der Fuß­ball­gott ist ein Schelm — er muss so sein, um seine Zeit­lo­sig­keit zu recht­fer­ti­gen, die ewige Begeis­te­rung am Leben zu halten.

Fuß­ball­deutsch­land und das Finaltrauma

Der Sieg der Cham­pi­ons Lea­gue 2013 war Bal­sam für die geschun­dene Bay­ern­seele, die sich seit eini­gen Jah­ren an der Spitze Euro­pas tum­melt, sie aber zwölf Jahre nicht erobern konnte. Die Final­nie­der­lage 2010 war ver­dient, van Buy­tens Schwin­del hat sich bis heute wie­der gelegt, aber träumt noch von Milito. 2012 war es Unver­mö­gen, Pech und alles, was an schlech­ten Tagen zusam­men­kom­men muss, um ein mehr als über­zeu­gen­des Spiel den­noch ver­lie­ren zu kön­nen. Doch die­ses Jahr war es Gerech­tig­keit, der Sieg war Pflicht und er war mehr als verdient.

Dort­mund hat den Traum gelebt, ihn mit Wil­len, Kraft und unge­heu­rem Poten­tial beflü­gelt, doch die Ankunft im Gar­ten Eden wäre zu früh gewe­sen — sie hätte dem per­so­ni­fi­zier­ten Fuß­ball­deutsch­land ein wei­te­res Final­trauma beschert. Das Sie­ger­gen, das mit den Bay­ern steht und fällt, wäre in sei­ner Struk­tur zer­stört, der Gen­pool dege­ne­riert gewe­sen. Wer den FC Bar­ce­lona im Halb­fi­nale in Hin– und Rück­spiel 7–0 demon­tiert, der muss die­ses Tur­nier gewin­nen, das ist Gesetz.

Der Held, der geliebt wer­den will

Rob­ben hat mir per­sön­lich im Finale nicht gefal­len, die Vor­lage zum 1–0 gehört ihm, er war enga­giert, doch auch glück­los. Im Grunde muss er vor der 90. Minute schon drei Tore machen. Dass er immer wei­ter macht, ein intrin­sisch moti­vier­ter Profi und Top­ath­let ist, das zeich­net ihn aus und die­ser Fleiß zahlt sich aus. Arjen Rob­ben bewegt sich stän­dig an der Grenze zwi­schen Genie und Wahn­sinn, zwi­schen Welt– und Kreis­klasse, sein Gemüts­zu­stand zwi­schen zum Him­mel hoch­jauch­zend und zu Tode betrübt. Es geht um einen Men­schen, der in Mün­chen nebst sport­li­cher Berg– und Tal­fahrt und schlimms­ter Ver­höh­nung nach dem letzt­jäh­ri­gen Final­trauma eben immer noch ein Mensch bleibt. Ein Profi, der zudem alles für sei­nen Ver­ein tut, auch wenn ihm seine Ego­zen­trik manch­mal im Wege steht. Mag sein, dass er durch seine wech­sel­haf­ten Auf­tritte an Sym­pa­thien ver­liert, doch das 2–1 war sein Tor, und ganz Mün­chen trägt ihn dafür auf Hän­den. Zudem hat er an die­sem Abend gleich zwei Rech­nun­gen begli­chen, gleich zwei Elf­me­ter ver­ges­sen gemacht, für die man ihn im letz­ten Jahr ver­flucht hat.

Gerech­tig­keit im Fußball

Neven Sub­o­tic, ich bin gewiss kein Bayern-Fan, aber als ich dich im April 2012 nach Rob­bens ver­schos­se­nem Straf­stoß im Liga­spiel in Dort­mund auf den Nie­der­län­der zulau­fen sah, da habe ich dir diese Nie­der­lage nicht unbe­dingt gewünscht, aber ich war mir sicher, dass sie zu gege­be­ner Zeit — fast 14 Monate spä­ter — kom­men würde und ich wusste, dass Rob­ben eine beson­dere Rolle dabei spie­len würde.

Ich bin kein Unmensch, ich habe einen Sinn für Gerech­tig­keit. Dein Kör­per war vol­ler Adre­na­lin, die Syn­ap­sen im Ange­sicht der Parade Wei­den­fel­lers und des fre­ne­tisch jubeln­den schwarz-gelben Mobs im Hin­ter­grund, bis in die letzte Zelle mit Endor­phin voll­ge­pumpt. Wut, Stolz und Sie­ges­wil­len prang­ten auf dei­ner Stirn, mit bei­zen­der Miene hast du den Nie­der­län­der ange­schrien, ihn ver­höhnt — es war eine Unart, die der Fuß­ball­gott zu gege­be­ner Zeit bestraft, Rob­ben war des­sen aus­füh­ren­der Arm und seine Lanze traf dich bis ins Mark. Für die Leis­tun­gen in der Cham­pi­ons Lea­gue  gebührt dem BVB der größte Respekt, jetzt liegt es an Jür­gen Klopp, diese Ent­wick­lung wei­ter­zu­tra­gen und sie eines Tages mit Titeln zu vergolden.

Die Evo­lu­tion über­rennt den Fußballgott 

Die zweite Begeg­nung, die bestimmte Ent­wick­lun­gen reprä­sen­tiert, war sport­lich von weit­aus gerin­ge­rer Trag­weite und den­noch hat sie Fuß­ball­deutsch­land bewegt. Das Rele­ga­ti­ons­spiel um die Bun­des­li­ga­sai­son 2013/14: Hof­fen­heim gegen Kai­sers­lau­tern. Zwei Ver­eine wie sie unter­schied­li­cher kaum sein kön­nen, die Abnei­gung gegen­über der TSG resul­tiert aus his­to­risch gewach­se­nen Wer­ten – die Reak­tion der Kraich­gauer ist eben­falls Anti­pa­thie: viel­leicht aus Unwis­sen­heit, aus man­geln­dem Respekt, viel­leicht auch aus Hilf­lo­sig­keit. Fakt ist, dass Hof­fen­heim die­sen Ver­gleich für sich ent­schei­den konnte und somit wei­ter­hin Bun­des­liga spielt, wäh­rend Lau­tern sich wei­ter mit Liga Zwei begnü­gen muss.

Die Rele­ga­tion erfüllt ihre Auf­gabe als qua­li­täts­er­hal­tende Instanz, aber weit­aus grö­ßere Werte gehen ver­lo­ren. Der Mythos Bet­zen­berg zeigte sich an die­sem Abend von einer Seite, wie es nur die wenigs­ten Ver­eine im Ober­haus kön­nen. Er gewann etwas zurück, an das der Club zwar selbst immer glaubt, es aber auch nur allzu sel­ten umset­zen kann. Das infer­na­li­sche Geschrei, das fast alle heu­ti­gen Pro­fis noch nie erlebt haben: diese bes­tia­li­sche Stim­mung, die Spiele zum Kip­pen bringt – und die­ses Spiel wäre viel­leicht gekippt, hätte sich Idris­sou statt 11 nur 10 mal im Abseits bewegt.

Der 1. FCK lebt von sei­ner Iden­ti­tät, wer sie teilt, teilt sie für immer. Das pfäl­zi­sche Publi­kum lebt vom Kampf, der frü­her noch mit Erfolg gepaart war – die Bun­des­liga wird schmerz­lich ver­misst. Lau­tern spielt wei­ter in der Zwei­ten Bun­des­liga und wird immer wie­der auf­ste­hen und ent­ge­gen aller struk­tu­rel­len Nach­teile wird der Ver­ein mit Herz auf­wie­gen, was man mit Geld nicht kau­fen kann. Es ist bedau­erns­wert, dass bestimmte Ent­wick­lun­gen so fort­ge­schrit­ten sind, dass Tra­di­tion nach und nach an Wett­be­werbs­fä­hig­keit ver­liert. Eine eins­tige Größe der Bun­des­liga ver­passte einst infolge von inkom­pe­ten­ten Füh­rungs­per­so­nal, schlech­tem Manage­ment und den dar­aus resul­tie­ren­den schwa­chen sport­li­chen Leis­tun­gen den Anschluss – der öko­no­misch sub­op­ti­male Stand­ort bedingt den Rest.

Als die Evo­lu­tion den Fuß­ball­gott über­rannt hat, hat sich der FCK zu einem Dar­win­fin­ken ent­wi­ckelt, eine unver­kenn­bare Größe im kon­tex­t­u­el­len Mikro­kos­mos, doch im glo­ba­len Zeit­al­ter nicht wett­be­werbs­fä­hig. Ist der finan­zi­elle und gleich­zei­tig sport­li­che Anschluss erst ein­mal ver­lo­ren, so kann man die Lücke nur mit gro­ßem mone­tä­ren und fach­män­ni­schen Invest­ment schlie­ßen. Die hierzu not­wen­dige Exper­tise prä­fe­riert zuwei­len finanz­starke Milieus. Der Kreis­lauf ist geschaffen.





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