Oliver Kahn — Die Entdeckung der WM2014


veröffentlicht am Montag, 23. Juni 2014 10:46, von unserem Autor Christian Eck in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

Seit nun­mehr sechs lan­gen Jah­ren begeg­net uns Oli­ver Kahn nicht mehr als Spie­ler auf dem Platz, son­dern als Experte im TV. Die Welt­meis­ter­schaft in Bra­si­lien ist nun seit drit­tes gro­ßes Tur­nier nach der WM 2010 und der EURO 2012, wel­ches er für das ZDF betreut. Zuerst ver­suchte sich an sei­ner Seite Johan­nes B. Ker­ner, wel­cher spä­ter von der beim Zuschauer stets gelieb­ten und hoch­ge­schätz­ten Kath­rin Müller-Hohenstein abge­löst wurde. Von die­ser Zusam­men­ar­beit bleibt ins­be­son­dere die äußerst anspre­chende Bericht­er­stat­tung vom Basis­la­ger und Fei­er­do­mi­zil Use­dom  in Erinnerung.

Neu­ori­en­tie­rung auf unge­wohn­tem Terrain

Zwei­fel­los musste sich Kahn in sei­ner neuen Rolle erst ein­mal zurecht fin­den. Der Wech­sel vom bro­deln­den Vul­kan als Spie­ler, zum sach­li­chen, aber unter­halt­sa­men TV-Experten war kein leich­ter. Wo er frü­her dumme Fra­gen mit iro­ni­schem Lächeln abtun konnte oder wie­der einen sei­ner legen­dä­ren Sprü­che bemühte, musste Kahn sich jetzt seriös und gedul­dig jedem noch so unnö­ti­gen Detail hin­ge­ben. Harte Kri­tik und star­ker Gegen­wind: zwei Fak­to­ren, mit denen der ehe­ma­lige Titan von Anbe­ginn sei­nes Exper­ten­da­seins zu kämp­fen hatte. Häu­fig musste er sich Quer­ver­weise zu sei­nem alten Weg­ge­fähr­ten und Exper­ten­kol­le­gen Meh­met Scholl gefal­len las­sen. Des­sen flap­sige Art und fre­ches Mund­werk sorg­ten für mehr Unter­hal­tung und mehr Iden­ti­fi­ka­tion, als die oft lang­at­mi­gen Ana­ly­sen Kahns. Die Erwar­tun­gen waren enorm. Als Spie­ler immer am Limit, zeit­weise grenz­wer­tig und stets spek­ta­ku­lär. Geliebt und gehasst im glei­chen Maße. Viele Zuschauer erwar­te­ten nun eine ähn­li­che Vor­stel­lung als TV-Experte. Wäh­rend Scholl im Fern­se­hen ähn­lich auf­tre­ten konnte, wie zuvor bereits als Spie­ler, musste sich Kahn erst neu erfin­den. Weg vom Titan, von Aggres­sion und Bana­nen­scha­len. „Leute haben sich schon beschwert, ich hätte mich so ver­än­dert und wäre seit Kar­rie­re­ende zahm gewor­den. Da frage ich mich, was sie erwar­ten? Dass ich mit gestreck­tem Bein über den Mode­ra­ti­ons­tisch fliege oder Kat­rin Müller-Hohenstein in den Hals beiße?“, gab Kahn im Inter­view mit 11Freunde zum Pro­to­koll. Genau so, scheint es, erwar­tete der Fern­seh­zu­schauer den Ex-Profi auch außer­halb des Fußballplatzes.

kmh+kahn

Zusam­men­ar­beit vor­erst been­det: Kath­rin Müller-Hohenstein und Oli­ver Kahn, hier bei einem Auf­tritt wäh­rend der EM 2012. © MV_tut_gut / flickr.com

Wäh­rend Kahn noch nach sei­ner Rolle suchte, ver­suchte es Kath­rin Müller-Hohenstein mit einer Charme-Offensive vor dem Herrn, die zeit­weise skur­rile Aus­wüchse annahm. Nicht umsonst ist seit lan­gem vom Ehe­paar KMH & Kahn die Rede. Die Tor­wart­le­gende ergab sich mehr oder min­der frei­wil­lig den ver­zwei­fel­ten Anbie­de­rungs­ver­su­chen sei­ner Mode­ra­ti­ons­kol­le­gin – wirkte dabei häu­fig aber auch deplat­ziert und zuneh­mend irri­tiert. Dass Müller-Hohenstein dann noch regel­mä­ßig vom Sen­der für ihre Auf­tritte gelobt wurde und mit Fern­seh­prei­sen aus­ge­zeich­net wurde, war für den Zuschauer zuhause auf der Couch ebenso rätstel­haft, wie das Schau­spiel der bei­den Mode­ra­to­ren wäh­rend der Bericht­er­stat­tung. Mehr als ein­mal wirkte das Zusam­me­spiel holp­rig und erzwun­gen. Durch­aus häu­fi­ger vor­kom­mende iro­ni­sche Anmer­kun­gen Kahns ver­puff­ten in Müller-Hohensteins planlos-emotionaler Mode­ra­ti­ons­eu­pho­rie. Bes­ser gefie­len da Kahns Auf­tritte wäh­rend der Champions-League, wo vor allem die Kon­fron­ta­tio­nen mit Jür­gen Klopp eine Chance zur Pro­fi­lie­rung darstellten.

Neu­start zur WM 2014

Auf die harte Kri­tik zur Bericht­er­stat­tung auf Use­dom wäh­rend der EM 2012 hat das ZDF nun auch rea­giert. Zur Welt­meis­ter­schaft in Bra­si­lien bekam Kahn mit Oli Welke einen neuen, alten Part­ner an die Seite gestellt. Ein­ge­spielt aus der Cham­pi­ons Lea­gue, agie­ren beide nun auch seit knapp zwei Wochen gemein­sam an der Copaca­bana. Und das mit beacht­li­chem Erfolg. Über die sport­li­che Kom­pe­tenz von Oli­ver Welke kann man strei­ten, seine Fähig­kei­ten als Mode­ra­tor sind aber über jeden Zwei­fel erha­ben. Davon pro­fi­tiert nicht nur der Zuschauer, son­dern ins­be­son­dere auch Oli­ver Kahn. Die­ser scheint bei der WM 2014 end­lich ange­kom­men zu sein und mutiert zur Ent­de­ckung die­ser Welt­meis­ter­schaft. Wel­kes lockere Art färbt auf Kahn ab. Her­aus kommt dabei ein Oli­ver Kahn, der nicht mehr detail­be­ses­sen aus­ufernde Ana­ly­sen prä­sen­tiert, wobei ihm aus Zeit­grün­den regel­mä­ßig das Wort abge­schnit­ten wird. Selbst­iro­nisch und ent­spannt prä­sen­tiert er sich an der Seite von Welke, der ihm nicht zwang­haft das „Olli“ auf­drängt und auch keine Pseudo-Verbindung inklu­sive Schmu­se­kurs her­zu­stel­len ver­sucht. Die Tor­wart­le­gende beweist ein fei­nes Gespür für Humor, nimmt sich selbst nicht all zu Ernst und trifft meist den rich­ti­gen Ton zu ver­schie­de­nen The­men und Welke ver­steht es meist – im Gegen­satz zu Müller-Hohenstein – Kahns Anmer­kun­gen gelun­gen auf­zu­grei­fen. So ertappte ich mich selbst bereits nach weni­gen Minu­ten wäh­rend des WM-Eröffnungsspiel mit fol­gen­den Wor­ten: „Der Kahn brennt hier heute ein wah­res Feu­er­werk ab.“

Wäh­rend KMH sich nun läs­sig plau­dernd und im Was­ser plan­schend beim DFB-Team vor Ort die Hör­ner abstößt, glän­zen Kahn und Welke durch ihre anspre­chende Mode­ra­tion der WM-Spiele. Dem ZDF ist zu die­ser Ent­schei­dung nach bis­he­ri­gem Ver­lauf nur zu gra­tu­lie­ren. Wäh­rend in den ver­gan­ge­nen Jah­ren häu­fig der Quer­ver­gleich zur ARD (u.a. auf­grund des Erfolgs­duos Delling-Netzer) ver­lo­ren ging, prä­sen­tie­ren sich nun beide Öffentlich-Rechtlichen mit zwei gut abge­stimm­ten Moderatoren-Teams. Sowohl das Duo Opdenhövel-Scholl, als auch Welke-Kahn wis­sen bis­her zu über­zeu­gen. Wenn das ZDF nun noch Béla Réthy… aber das las­sen wir an die­ser Stelle besser.





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