Das Vermächtnis großer Spieler


veröffentlicht am Donnerstag, 20. Dezember 2012 13:10, von unserem Autor Michael Luczak in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

Pele, Mara­dona, Becken­bauer, Cruyff und seit neu­es­tem: Messi. Große Namen des Fuß­balls, Legen­den. Auf der gan­zen Welt debat­tie­ren Fans noch immer über sie, in Knei­pen, in Inter­net­fo­ren, auf Twit­ter. Wer war der beste Fuß­bal­ler aller Zei­ten? Wer spielte am schöns­ten? Wer hatte den größ­ten Ein­fluss auf seine Mann­schaft oder auf den Fuß­ball allgemein?

Wäh­rend die Fra­gen nach dem unter­halt­sams­ten und dem pro­phe­tischs­ten Aus­nah­me­kön­ner längst geklärt sind, lässt sich vor allem über die tat­säch­li­che Bedeu­tung die­ser Spie­ler auf dem Platz wäh­rend ihrer Zeit treff­lich streiten.

Pele war sicher nicht der ein­zige große Spie­ler in den nahezu unschlag­ba­ren bra­si­lia­ni­schen Mann­schaf­ten der sech­zi­ger Jahre und wer Spiele die­ser Mann­schaf­ten gese­hen hat wird bestä­ti­gen kön­nen, dass Spie­ler wie Gar­rin­cha und Gér­son nicht min­der begabt und viel­leicht sogar wich­ti­ger für das bra­si­lia­ni­sche Spiel waren als Pele. Das glei­che gilt auch für Mara­dona, des­sen fabel­hafte Leis­tun­gen beson­ders mit Argen­ti­nien und dem S.S.C. Nea­pel jene Spie­ler ver­ges­sen mach­ten, die ihn als Zen­trum des tak­ti­schen Sys­tems so fabel­haft funk­tio­nie­ren ließen.

Becken­bauer selbst so wie auch seine Mann­schafts­kol­le­gen haben viel­fach selbst erwähnt, wie viel wich­ti­ger Mül­ler für den FC Bay­ern war als er selbst und natür­lich war auch er von vie­len wei­te­ren  Spie­lern von Welt­klas­se­for­mat wie Breit­ner umge­ben. Und schließ­lich ist auch Messi nicht vor der Hilfe sei­ner Mit­strei­ter gefeit. In Spie­lern wie Xavi, Iniesta und Dani Alves hat er alle Unter­stüt­zung, die er braucht, um seine Stär­ken per­fekt aus­zu­nut­zen, was sofort deut­lich wird, wenn man sieht wie große Pro­bleme Messi in einer dys­funk­tio­na­len argen­ti­ni­schen Mann­schaft hatte, bevor die Süd­ame­ri­ka­ner vor etwa einem Jahr die tak­ti­sche Kurve kriegten.

Wenn diese Spie­ler also nicht so unend­lich viel grö­ßer, so uner­reich­bar genial und unnach­ahm­lich gut sind, warum behan­deln wir sie dann so? Warum beschäf­ti­gen wir uns mit die­sen Spie­lern auch Jahre nach ihrem Kar­rie­re­ende in so einem unver­häl­nis­mä­ßig gro­ßen Aus­maß? Natür­lich, weil sie oft noch bes­ser waren als ihre Mit­spie­ler. Weil sie aus einer star­ken Mann­schaft noch her­aus­sta­chen, sicher. Aber vor allem auch weil sie gute Geschich­ten schreiben.

Geschich­ten sind das, was die meis­ten, vor allem „casual fans”, am Fuß­ball fas­zi­niert. Spie­ler pro­du­zie­ren für uns Daten und Zah­len, wäh­rend sie ihrem Beruf nach­ge­hen und wir, oder bes­ser gesagt Ver­tre­ter der Medien, benut­zen diese Zah­len und den per­sön­li­chen Hin­ter­grund der Spie­ler, um ganz per­sön­li­che Geschich­ten zu erzäh­len. Darum legen wir beson­de­res Augen­merk dar­auf, wie es dem Spie­ler geht, der mit sei­ner neuen Mann­schaft zum alten Ver­ein zurück­kehrt; und das vor, wäh­rend und nach dem Spiel. Darum inter­es­siert es uns auch so unge­mein, was die BILD denn heute zu Marco Arn­au­to­vic schreibt und ob im nächs­ten Spiel die Abmah­nun­gen des Trai­ners end­lich Wir­kung zei­gen wer­den. Und gerade in einer Zeit, in der der Fuß­ball noch nicht so sehr von Zah­len und Sta­tis­ti­ken bestimmt war wie heute erzählte man sich die bes­ten Geschich­ten über Spie­ler, die beson­ders ele­gant am Ball aus­sa­hen und beson­ders viele Tore in wich­ti­gen Spie­len schossen.

Die Geschich­ten die diese gro­ßen Spie­ler wie Pele uns erzäh­len sind dabei oft ganz ein­fa­che. Becken­bauer, der Bay­ern zur euro­päi­schen Top­mann­schaft auf­baut und ganz neben­bei die Posi­tion des Libero erfin­det. Cruyff, der den hol­län­di­schen „total voet­bal” begrün­det und damit ein neues Kapi­tel in der Fuß­ball­ge­schichte ein­läu­tet. Die Über­ge­stalt des Mara­dona, der so unbe­greif­lich gut ist, dass seine Prä­senz allein reicht, um eine Gruppe rela­ti­ver Nie­mande zu Ruhm und Ehre zu schlep­pen, der sich all seine Schwä­chen und Feh­ler als Mensch erlau­ben kann, denn sie sind schlicht sei­ner Genia­li­tät geschul­det und wer wären wir schon über ihn zu rich­ten (eine ähn­li­che Geschichte wird neben­bei zur Zeit über Ibra­hi­mo­vic erzählt)?

Es sind Geschich­ten von abso­lu­ter, makel­lo­ser Größe. Diese Geschich­ten sind es, die uns am deut­lichs­ten in Erin­ne­rung blei­ben und denen wir die meiste Bedeu­tung zumes­sen. Gerade in jun­gen Jah­ren wer­den wir durch sie inspi­riert und viel­leicht sogar geprägt. Die unwirk­li­che Größe die­ser Figu­ren im Fuß­bal­l­olymp gibt jun­gen Spie­lern einen Fix­punkt, einen Richtstern an dem sie sich ori­en­tie­ren und mes­sen kön­nen, selbst wenn die eigent­li­chen Spie­ler bei nähe­rer Betrach­tung die­sem unwirk­li­chen Bild nicht unbe­dingt stand­hal­ten könnten.

So gut diese Grö­ßen auch zu ihrer akti­ven Zeit waren, den größ­ten Ein­fluss haben viele von ihnen erst Jahre spä­ter. Einen Tag nach die­sem einen Tor von Mara­dona, ihr wisst schon wel­ches, müs­sen unzäh­lige argen­ti­ni­sche Kin­der auf dem Spiel­platz oder dem Pau­sen­hof genau das glei­che ver­sucht haben und jeder Scout und Jugend­trai­ner wird sich auf die Suche nach dem nächs­ten Mara­dona gemacht haben. Tat­säch­lich lässt sich der Ein­fluss die­ser Spie­ler noch heute in ihren jewei­li­gen Natio­nen feststellen.

Deutsch­land pro­du­zierte seit Becken­bauer wohl mehr Alles­kön­ner als jedes andere Land. Spie­ler wie Mat­thäus und Sam­mer soll­ten in Becken­bau­ers Fuß­stap­fen tre­ten. In der Tat legen noch immer viele deut­sche Jugend­aka­de­mien ganz beson­de­ren Wert auf eine kom­plette Aus­bil­dung, Stutt­gart und Bay­ern schei­nen dem beson­ders große Bedeu­tung bei­zu­mes­sen. Statt nur Stär­ken her­vor­zu­brin­gen sol­len in ers­ter Linie Schwä­chen im Spiel aus­ge­merzt wer­den. Ähn­lich ist das in Hol­land, wo die gro­ßen Aka­de­mien von Eind­ho­ven und Ams­ter­dam ihre Spie­ler noch immer nach den Regeln des „total voet­bal” erzie­hen, auch wenn einige von ihnen ihre Aus­bil­dung offen­bar ver­ges­sen haben.

Bra­si­lien der­weil hat seit dem unglaub­li­chen Per­so­nen­kult um Pele wei­ter nach sei­nen gro­ßen Ein­zel­kön­nern gesucht. Tak­tik im Spiel ist vor allem dazu da, die indi­vi­du­elle Klasse der bes­ten Spie­ler zur Gel­tung zu brin­gen. Noch immer ver­las­sen sich die meis­ten Trai­ner der bra­si­lia­ni­schen Natio­nal­mann­schaft auf Sicher­heit in der Abwehr und ent­we­der Kon­ter­spiel oder ein­zelne Genie­strei­che im Angriff sobald eine mas­sive Abwehr­reihe zu kna­cken ist. Der Per­so­nen­kult um Spie­ler wie zuerst Pele, dann spä­ter Ronaldo oder zur Zeit Ney­mar macht eine sol­che Spiel­weise fast unum­gäng­lich. Der Ver­such, zu einem kohä­ren­te­ren Offen­siv­spiel zu fin­den ging 2006 gran­dios schief und wurde von den Fans mit viel Unmut begrüßt.

Es ist kein Wun­der, dass die viel­leicht größte, ver­klär­teste Gestalt den wohl größ­ten Ein­fluss auf sein Land hatte. In Argen­ti­nien hat der lange Schat­ten Mara­do­nas eine ganze Fuß­ball­kul­tur ver­än­dert. Wäh­rend die Argen­ti­nier frü­her vor allem schwer zu schla­gen waren und vor allem durch bein­harte Ver­tei­di­ger glänz­ten, hei­ßen die bes­ten Spie­ler zwan­zig Jahre nach Mara­dona Tevez, Agüero, Higuain, di Maria, Lavezzi, Pas­tore und natür­lich Messi. Der­weil sucht Ale­jan­dro Sabella hän­de­rin­gend nach Argen­ti­ni­ern, die noch wis­sen wie man eine Grät­sche ansetzt, bis­her mit mäßi­gem Erfolg. Das Erschei­nen von Messi hat die Lage dabei nicht unbe­dingt ein­fa­cher für den argen­ti­ni­schen Natio­nal­trai­ner gemacht. Fast stünd­lich prä­sen­tie­ren uns argen­ti­ni­sche Jugend­mann­schaf­ten den nächs­ten Messi, wäh­rend kaum talen­tierte Ver­tei­di­ger oder Mit­tel­feld­spie­ler in die­sen Mann­schaf­ten zu fin­den sind. Lukas Ocam­pos ist wohl der aktu­elle “neue Messi”, aber auf einem Trai­nings­platz in Argen­ti­nien macht sich sicher schon ein neuer 16-jähriger bereit, die­sen Man­tel anzu­zie­hen. Viel­leicht sollte man in Argen­ti­nien dar­auf hof­fen, dass bald ein Ver­tei­di­ger auf­taucht, der eine Geschichte erzäh­len kann, die so groß und strah­lend ist wie die von Mara­dona und Messi.





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