Financial Fair-Play — Mit Platzpatronen gegen Panzer


veröffentlicht am Dienstag, 16. April 2013 17:23, von unserem Autor Christian Eck in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

Wenn Ende April das Championsleague-Halbfinale statt­fin­det, kann von Finan­cial Fair-Play eigent­lich gar keine Rede sein. So kommt es nicht nur zum Duell Spa­nien gegen Deutsch­land, son­dern auch zum Duell zweier völ­lig unter­schied­li­cher Ver­eins­phi­lo­so­phien. Natür­lich, sport­lich ist Bar­ce­lona das große Vor­bild. Sowohl der FC Bay­ern Mün­chen als auch Borus­sia Dort­mund haben bei der Ent­wick­lung ihrer Spiel­phi­lo­so­phien aus­gie­big den Krö­sus des euro­päi­schen Fuß­balls stu­diert. Trotz­dem könn­ten die Vor­aus­set­zun­gen gar nicht unter­schied­li­cher sein. Tref­fen doch über 500 Mil­lio­nen Euro Ver­bind­lich­kei­ten auf ledig­lich 40 Mil­lio­nen Euro Rest­schul­den, die der BVB bei kon­se­quen­ter wirt­schaft­li­cher Kon­so­li­die­rung auch bald abge­baut haben wird. Dass die Bun­des­liga trotz ihrer vor­bild­li­chen Wirt­schafts­lage inter­na­tio­nal kon­kur­renz­fä­hig bleibt und Dank der Bay­ern und Dort­mund auf dem bes­ten Weg ist, die euro­päi­sche Kon­kur­renz das Fürch­ten zu leh­ren, grenzt bei genaue­rer Betrach­tung an ein klei­nes Wun­der und kann eigent­lich nicht oft genug betont werden.

Schul­den soweit das Auge reicht

Vorstellung von Frank Ribery

Für 25 Mil­lio­nen ver­pflich­te­ten die Bay­ern damals Frank Ribery aus Mar­seille — ganz ohne Schul­den. So soll es in Zukunft auch bei allen ande­ren Ver­ei­nen ablau­fen. © kaiser_t / flickr.com

Wäh­rend im Jahr 2008/2009 die hoch­hei­lige Pre­mier Lea­gue – lange das Non-Plus-Ultra des euro­päi­schen Fuß­balls – bereits 4 Mil­li­ar­den Euro an Schul­den ange­häuft hat und die Pri­mera Divi­sion mit 3,52 Mil­li­ar­den Schul­den (Ten­denz bei bei­den wei­ter stei­gend) in der Kreide steht, hat­ten Bun­des­liga und Seria A zusam­men­ge­rech­net ver­gleichs­weise geringe Ver­bind­lich­kei­ten von 2,41 Mil­li­ar­den Euro vor­zu­wei­sen.
Von einem Umden­ken war aber in den Fol­ge­jah­ren nichts zu ver­spü­ren. Ganz im Gegen­teil: Vor jeder Trans­fer­sai­son wird das Thema neu auf­ge­rollt. Die Schul­den der ande­ren seien zu hoch! Und wie kön­nen Ver­eine wie Man­ches­ter, Arse­nal, Madrid oder Bar­ce­lona trotz ver­hee­ren­der wirt­schaft­li­cher Bilan­zen jede Trans­fer­pe­riode die Mil­lio­nen gera­dezu ver­bren­nen, wäh­rend wir in Deutsch­land meist nur nei­disch zuschauen müs­sen? Und wie kann man hier von einem fai­ren, geschweige denn nach­hal­ti­gen Wett­kampf spre­chen? Eigent­lich gar nicht, denn mit Fair-Play hatte die­ses Geba­ren wahr­lich nichts mehr zu tun. Der Ein­stieg schwer­rei­cher Öl-Multis hat die­sen Pro­zess in der Ver­gan­gen­heit ja sogar noch wei­ter befeu­ert und drin­gend eine Lösung für den zuneh­men­den Grö­ßen­wahn erfor­der­lich gemacht.

Das dachte sich im Jahr 2009 auch die UEFA und hat für die Sai­son 2013/14 das viel­ver­spre­chende Pro­jekt “Finan­cial Fair-Play” ver­ab­schie­det. Ziel des­sen ist es, die extreme Ver­schul­dung der Ver­eine zu stop­pen und gesun­des Wirt­schaf­ten nach Vor­bild der Bun­des­liga, spe­zi­ell des FC Bay­ern Mün­chens, ein­zu­füh­ren. Das ganze wurde in einem 101 Sei­ten umfas­sen­den Werk fest­ge­hal­ten. Her­un­ter gebro­chen auf den Kern­in­halt schreibt das Finan­cial Fair-Play vor, dass Ver­eine in den jeweils letz­ten drei Jah­ren zusam­men­ge­rech­net nicht mehr Aus­ga­ben als Ein­nah­men haben dür­fen. Auf gut Deutsch: Gib nur das aus, was du auch wirk­lich hast!

Einen gro­ßen Haken hat das Ganze

Michel Platini

Revo­lu­tio­niert UEFA Prä­si­dent Pla­tini den inter­na­tio­na­len Fuß­ball? Oder ver­geht ihm doch ganz schnell das Lachen? © Anders V / flickr.com

Die Eupho­rie unter den Fuß­ball­an­hän­gern ist seit­dem groß. Das Fair-Play bringt für die Zukunft einen aus­ge­gli­che­nen Wett­kampf. Es wer­den keine Mil­lio­nen­sum­men mehr für Spie­ler bezahlt, die viel­leicht die bes­ten der Welt sind, aber trotz­dem keine 90 Mil­lio­nen Ablöse wert sind. Und ins­be­son­dere in Deutsch­land erhofft man sich einen enor­men Wett­be­werbs­vor­teil, da das Gros der Ver­eine bereits seit Jah­ren die Vor­ga­ben des Finan­cial Fair-Plays umsetzt. Uli Hoeneß reibt sich regel­mä­ßig die Hände und spricht von einer Domi­nanz der Bun­des­liga über Jahre hin­weg, sollte das Pro­jekt auch wirk­lich kon­se­quent umge­setzt wer­den. Und genau hier ist auch bereits der Haken an der Geschichte, den nicht nur Uli Hoeneß, son­dern auch der Groß­teil der Fuß­ball­fach­leute befürch­tet, bezie­hungs­weise auf den sich die Macher von Man­ches­ter, Paris oder Madrid ver­las­sen. Wer­den die Sank­tio­nen, die im Rah­men des Finan­cial Fair-Play ver­hängt wer­den sol­len, auch tat­säch­lich kon­se­quent umgesetzt?

Zwei­fel sind hier alle­mal ange­bracht. Denn bereits kurz nach Beschluss der Ein­füh­rung von Finan­cial Fair-Play wurde die­ses von der Sai­son 2013/14 auf den 01.07.2014 ver­scho­ben. Eine ein Jahr län­gere Gal­gen­frist für die Ver­eine, ihren Kader noch vor der Rege­lung mit Mil­lio­nen­trans­fers zu ver­stär­ken, um dann spä­ter even­tu­ell weni­ger Trans­fers täti­gen zu müs­sen.  Zudem gibt es noch eine groß­zü­gige Über­gangs­frist, die viele Ver­eine vor dem Kol­laps bewah­ren soll und wird. So darf bis 2015 ein Klub noch 45 Mil­lio­nen Euro an Neu­ver­schul­dung zule­gen, bis 2018 sind es noch 30 Mil­lio­nen. Danach aber sol­len die Aus­ga­ben die Ein­nah­men nicht mehr als um fünf Mil­lio­nen Euro im Jahr über­stei­gen. Das Pikante an der gan­zen Sache: 2018 soll die­ses Abkom­men erneut ver­han­delt wer­den — frei­lich mit dem Ziel, die Summe auf null zu drü­cken. Ob dies aber tat­säch­lich irgend­wann pas­siert, scheint sehr fragwürdig.

Unab­hän­gig davon, ob die Ver­eine die wirt­schaft­li­chen Vor­ga­ben umset­zen wer­den oder nicht ist das größte Pro­blem von Michel Pla­ti­nis Baby die Umset­zung der fäl­li­gen Sank­tio­nen. Die UEFA ver­spricht zwar hoch­hei­lig, die Kon­se­quen­zen hart und ohne Rück­sicht umzu­set­zen, wird dies aber aller Vor­aus­sicht gar nicht erst tun kön­nen. Auch wenn bereits mit dem FC Málaga der erste Club auf­grund finan­zi­el­ler Ver­stöße von allen inter­na­tio­na­len Wett­be­wer­ben für die Sai­son 2013/14 aus­ge­schlos­sen wurde, bleibt die Skep­sis. Als ein­fa­ches Bau­ern­op­fer, wel­ches dem inter­na­tio­na­len Fuß­ball kei­nen Scha­den zufügt, wird der Aus­schluss von Málaga ver­stan­den. Was pas­siert aber, wenn Real Madrid, der FC Bar­ce­lona, die Clubs aus Man­ches­ter oder wei­tere pres­ti­ge­träch­tige Ver­eine die Regeln ein­fach nicht ein­hal­ten wol­len? Pla­tini kün­digte laut­stark an, keine Aus­nah­men zu machen. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss zuschauen. Sowohl in der Champions-League, als auch in der Europa-League. Beson­ders für den deut­schen Fuß­ball klingt dies enorm ver­lo­ckend. Aber ist es das auch wirklich?

Sank­tio­nen scha­den auch der Bundesliga

Man stelle sich vor, die UEFA würde tat­säch­lich all die Ver­eine aus­schlie­ßen, die sich nicht an das Finan­cial Fair-Play hal­ten. Dann gäbe es eine Champions-League, die die­sen Namen nicht ver­dient hat. Ohne die gro­ßen Ver­eine wäre der Wett­be­werb nur noch eine Farce und würde auch das große Inter­esse in der Öffent­lich­keit ver­lie­ren. Ein Ausch­luss von Málaga ist leicht zu ver­kraf­ten. Gilt das aber auch für Paris oder Man­ches­ter? Im End­ef­fekt wol­len die Fuß­ball­fans im Sta­dion, die Zuschauer vor dem Fern­se­her, die Spie­ler und auch die Ver­ant­wort­li­chen in den Ver­ei­nen die gro­ßen Duelle. So wie sie auch die­ses Jahr im Halb­fi­nale der Champions-League wie­der fie­ber­haft her­bei­ge­sehnt wer­den. Da inter­es­siert dann auch nie­man­den, wie viel Schul­den Madrid und Bar­ce­lona haben. Diese The­ma­tik wird, gerade aus deut­scher Per­spek­tive, meist dann ange­führt, wenn es bei der eige­nen Mann­schaft schlecht läuft. Als Ent­schul­di­gung. Als Aus­rede für das Scheitern.

Paris St. Germain

Auch die Öl-Multis aus Paris müs­sen in Zukunft ihre Aus­ga­ben redu­zie­ren — oder sich neue Wege der Finan­zie­rung suchen. © Phil­ippe Agni­fili / flickr.com

Aber trotz­dem muss man rea­lis­tisch blei­ben. Auch einen Uli Hoeneß und sei­nen FC Bay­ern kann es nicht befrie­di­gen, wenn auf­grund des Finan­cial Fair-Play einige der Geg­ner in Zukunft aus irgend­wel­chen Nie­de­run­gen des euro­päi­schen Fuß­balls kom­men, weil diese Ver­eine eben gesund wirt­schaf­ten. Es ist in gewis­ser Weise ein para­do­xer Anspruch der Ver­eine und der Öffent­lich­keit, den Aus­schluss gro­ßer Clubs zu for­dern, und gleich­zei­tig die größt­mög­li­che Qua­li­tät im Wett­be­werb ein­zu­for­dern. So wirkt bei genaue­rer Betrach­tung auch die Aus­sage von Uli Hoeneß etwas wider­sprüch­lich, wenn er sich für das strikte Ein­hal­ten der Regeln ein­setzt – natür­lich mit dem Gedan­ken an den dadurch erhal­te­nen Wett­be­werbs­vor­teil – und gleich­zei­tig sagt: “Ich habe einen ganz gro­ßen Wunsch, und der ist, dass wir die Cham­pi­ons Lea­gue gewin­nen, denn das ist der Königs­ti­tel.” Kon­se­quent durch­ge­führte Finan­cial Fair-Play-Sanktionen wür­den die­ser Qua­li­tät mit Sicher­heit einen gro­ßen Scha­den zufü­gen und den bereits bemän­gel­ten Qua­li­täts­ver­lust erhö­hen. So kön­nen die gefor­der­ten Sank­tio­nen lang­fris­tig durch­aus auch schäd­lich für die Bun­des­liga sein.

Ein Ver­lust des öffent­li­chen Inter­es­ses an der Champions-League würde eine enorme Ket­ten­re­ak­tion aus­lö­sen. Kum­mu­liert man die Ein­nah­men der UEFA über vier Jahre, dann betra­gen die Erlöse durch die Champions-League über 70%  (ab S. 19) des gesam­ten Ein­kom­mens der UEFA. Ver­liert die UEFA aller­dings durch das Finan­cial Fair-Play seine Zug­pferde in der Champions-League – zu denen zwei­fel­los eben zu einem gro­ßen Teil auch die Schul­den­ver­eine gehö­ren – dann ver­liert sie auch ihre Magie und Anzie­hungs­kraft auf Fans und Geld­ge­ber. Von der Euro­pa­lea­gue bräuchte man dann gar nicht mehr reden. Kurz zusam­men­ge­fasst: kein Finan­cial Fair-Play führt zu Sank­tio­nen für Ver­eine führt zu Pres­ti­ge­ver­lust der inter­na­tio­na­len Wett­be­werbe führt zu Ein­nah­men­ein­bruch bei der UEFA.

Ein ers­ter rich­ti­ger Schritt

Andy Caroll

Einst konnte Liver­pool gar nicht genug für ihn bezah­len — jetzt sind bereits 12 Mil­lio­nen Euro Ablöse zu viel: Andy Car­roll. © k1ngk0ng / flickr.com

Es ist eine ver­trackte Situa­tion, in der sich der Welt­fuß­ball befin­det. Zwei­fel­los ist eine Regu­lie­rung des Finanz­sek­tors im Pro­fi­fuß­ball unum­gäng­lich, auch wenn immer wie­der Ver­glei­che zu den noch hor­ren­de­ren Sum­men bei den ame­ri­ka­ni­schen Sport­ar­ten gezo­gen wer­den. Wei­ter­hin zwei­fel­los ist auch, dass die der­zei­ti­gen Ver­hält­nisse für kei­nen fai­ren Wett­kampf sor­gen. Hier muss man den deut­schen Ver­tre­tern zustim­men, die einen kla­ren Wett­be­werbs­nach­teil durch die frei­zü­gige Schul­den­po­li­tik ande­rer Mann­schaf­ten für sich aus­ma­chen. Das Finan­cial Fair-Play ist hier ein Hoff­nungs­schim­mer, ein ers­ter Ansatz auf Bes­se­rung. Es ist Michel Pla­tini abzu­neh­men, wenn er von der Ent­schlos­sen­heit spricht, die Regeln durch­zu­set­zen. Und gerade für den deut­schen Fuß­ball ist das Finan­cial Fair-Play eine große Chance die Bun­des­liga an die Spitze Euro­pas zu kata­pul­tie­ren. Aber auch nur, wenn tat­säch­lich alle Ver­eine mit­zie­hen. Dass West Ham United nun bekannt gab, sich Andy Car­roll auf­grund des Finan­cial Fair-Plays nicht leis­ten zu kön­nen, ist zumin­dest ein­mal ein posi­ti­ver Anfang.  Igno­rie­ren die Gro­ßen der Bran­che die neuen Regu­la­rien aber, dann gera­ten Pla­tini und die UEFA in eine Zwangs­lage, aus der nie­mand als Gewin­ner her­vor­ge­hen kann. Dass aber Sank­tio­nen alleine nicht genü­gen wer­den, muss auch ein­ge­se­hen wer­den. Ansons­ten ist die bis­her nur erfun­dene Dream Foot­ball Lea­gue schnel­ler Rea­li­tät als gedacht. Und selbst wenn sich alle Ver­eine ein­schließ­lich der Investoren-Clubs an die Regu­la­rien hal­ten, wäre es naiv zu glau­ben, in den über 100 Sei­ten des UEFA Finan­cial Reports gäbe es keine Lücken, die das Geld wei­ter flie­ßen las­sen. PSG wurde mit ihrem neuen Sponsoring-Modell bereits fündig.

Was bleibt ist die stille Hoff­nung. Hoff­nung, dass alle Ver­eine ihrer Ver­ant­wor­tung, sowohl in wirt­schaft­li­cher als auch sozia­ler Hin­sicht, end­lich gerecht wer­den und so das Gelin­gen des Kon­zepts “Finan­cial Fair-Play” ermög­li­chen. Dies würde nicht nur das grö­ßen­wahnsi­nige Ver­bren­nen von Geld, das an ande­rer Stelle bes­ser auf­ge­ho­ben wäre, ver­hin­dern, son­dern auch für einen fai­ren und weit­aus attrak­ti­ve­ren Wett­be­werb natio­nal wie inter­na­tio­nal sor­gen. Aber rea­lis­tisch gese­hen scheint es viel mehr, als ob Michel Pla­tini hier mit Platz­pa­tro­nen gegen Pan­zer in den Krieg zieht.





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