Archäologie der Schwalbe


veröffentlicht am Mittwoch, 18. September 2013 18:25, von unserem Autor Michael Luczak in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

Ver­ach­tens­wert. Absto­ßend. Unver­schämt. Pein­lich. Betrü­ge­risch. In einem Wort: Schwalbe.

Vie­les wurde über sie gesagt, geschrie­ben und debat­tiert. Eine bren­nende Frage bleibt aber oft nur unge­nü­gend beant­wor­tet: Woher kommt sie eigent­lich, die Schwalbe? Der Ver­such eine Ent­ste­hungs­ge­schichte der Schwalbe zu ent­wi­ckeln führt den vor­ein­ge­nom­me­nen Betrach­ter zual­ler­erst immer wei­ter süd­wärts und über Ita­lien und Spa­nien nach Süd­ame­rika, der angeb­li­chen Hoch­burg des Schwal­ben­flugs. Was uns einige Exper­ten, Blog­ger und Schrei­ber­linge zu dem Thema berich­ten ist zuerst ein­mal eine schöne, gut glaub­hafte Geschichte für den gut­gläu­bi­gen Leser.

Die Schwalbe fühlt sich im Süden wohl

Anstoß der Aus­gra­bung mit dem ers­ten Kli­schee: Der Süd­län­der an sich fällt ja gerne. Das hat nicht unbe­dingt etwas damit zu tun, dass dort unten auf der Süd­halb­ku­gel alle einen Hang zu betrü­ge­ri­schem Ver­hal­ten hät­ten. Es sei ledig­lich eine etwas fle­xi­blere Inter­pre­ta­tion von Regeln. Das liege ganz ein­fach an kul­tu­rel­len Unter­schie­den. Wäh­rend Euro­päer eher bereit wären Regeln auf­grund der Regeln selbst, also auf­grund ihrer ethisch-moralischen Bedeu­tung, zu befol­gen, sei es in Süd­ame­rika gang und gäbe, Regeln mehr als Richt­li­nien zu ver­ste­hen, die auch miss­ach­tet wer­den kön­nen, wenn das Nicht­be­fol­gen weder ersicht­li­chen Scha­den noch Strafe nach sich zieht. Als Bei­spiel wird hier dann gerne der chao­ti­sche Stra­ßen­ver­kehr in Süd­ame­rika bemüht.

Oft ver­ges­sen wird gleich­zei­tig, dass auch bei uns ein direk­ter Zusam­men­hang zwi­schen dem Befol­gen von Regeln und dem Maß an Kon­trolle und etwa Poli­zei­prä­senz besteht. Bei­des ist in vie­len OECD-Staaten ein­fach in grö­ße­rem Maße gege­ben als etwa in Argen­ti­nien. Als kom­plette und end­gül­tige Erklä­rung für die Her­kunft taugt die­ser Ansatz also bes­ten­falls teil­weise. Viel­leicht fin­det sich hier ein Indiz auf die Urschwalbe, aber die Aus­gra­bun­gen erge­ben nichts, es fin­den sich nur Scherben.

Vor­bild oder lie­bens­wer­ter Schurke?

Wei­tere Erklä­rungs­ver­su­che dre­hen sich um die Dar­stel­lung der Spie­ler in einem gege­be­nen Land. Was einige Auto­ren da behaup­ten ist, dass Fuß­ball­pro­fis in Europa als Sport­ler und Vor­bil­der dar­ge­stellt wer­den. Als sol­che haben sie sich natür­lich mora­lisch vor­bild­lich zu ver­hal­ten. Wenn so jemand sich dann mit unfai­ren Tricks Vor­teile ver­schafft wird das all­ge­mein bei Fans nega­tiv auf­ge­nom­men und jener wird von Medien als Betrü­ger gebrand­markt. In süd­li­che­ren Gefil­den sei das aller­dings anders. Die Dar­stel­lung eines Spie­lers als lie­bens­wür­di­ger Schurke sei dort viel ver­brei­te­ter. Der Spie­ler ver­su­che eben, mit allen ver­füg­ba­ren Mit­teln zu gewin­nen und wer das Geschick und die Cle­ver­ness hat, den Schieds­rich­ter hin­ter das Licht zu füh­ren, hat alle Aner­ken­nung ver­dient. Ent­spre­chend seien Spie­ler eher ver­sucht, sich fal­len zu las­sen. Immer­hin wür­den sie dadurch ja ein posi­ti­ves Image bekommen.

Schwalbe Schwalbenkönig

Fliegt Cris­ti­ano oder fliegt er nicht? Hier wäre es wohl legi­tim gewe­sen. Foto: Jan SOLO / flickr.com

Beide Erklä­run­gen sind sehr in schwarz und weiß gezeich­net. Beide Erklä­run­gen erklä­ren nicht die hohe Zahl an moder­nen Spie­lern aus ande­ren Län­dern, die gerne zu Boden gehen. Dass die Medien auch hier­zu­lande einen Spie­ler gerne auf diese Weise dar­stel­len ist Fakt. Das galt schon frü­her für Gün­ther Net­zer und das gilt noch heute für Tho­mas Mül­ler. Kul­tu­relle Unter­schiede erklä­ren viel­leicht, wieso in der einen Liga durch­schnitt­lich mehr Fal­len von sich geht als in der ande­ren, aber es ist sicher kein Hin­weis auf die Her­kunft des Schwal­ben­flugs an sich.

Vie­les, was sich hier als Erklä­rung ver­kauft, ist also lei­der sel­ten die ganze Wahr­heit und zu oft leicht naiv bis latent xeno­phob. Wenn Cris­ti­ano Ronaldo sich fal­len lässt, dann ist das ebenso eine Schwalbe wie bei Luiz Sua­rez. Wenn Tho­mas Mül­ler sich mit Regel­mä­ßig­keit am Boden wie­der­fin­det, dann ist das aus­ge­fuchst, denn den Mül­ler mag ich, der ist mir sym­pa­thisch. Der würde doch nie was Unrech­tes tun. Er ist halt cle­ver und nützt die Regeln in vol­lem Maße aus. Ein regel­rech­tes Schlitz­ohr, die­ser Mül­ler. Span­nen­der­weise erstre­cken sich die Süd­län­der in ganz erstaun­li­chen Rich­tun­gen. In Eng­land bei­spiels­weise schlie­ßen diese süd­län­di­schen Natio­nen Deutsch­land und die Nie­der­lande mit ein. So sehr kann Wahr­neh­mung aus­ein­an­der gehen.

Fuß­bal­ler flie­gen schon lange

Jeder, der ein­mal das Ver­gnü­gen hatte, Auf­nah­men alter Spiele zu sehen oder sol­che Spiele selbst noch live gese­hen hat, wird außer­dem bestä­ti­gen kön­nen, dass Schwal­ben frü­her wie heute in allen Län­dern und Ligen vor­ka­men, wenn auch viel­leicht in gerin­ge­rem Maße. Bei­spiels­weise war Leeds United in Eng­land (1975 unter­le­ge­ner Geg­ner der Bay­ern im End­spiel des Euro­pa­po­kals der Lan­des­meis­ter) in den Sieb­zi­ger Jah­ren berühmt berüch­tigt für ihre etwas groß­zü­gige Inter­pre­ta­tion der Regeln. Zur glei­chen Zeit schrieb Bernd Höl­zen­bein Fuß­ball­ge­schichte, als er sich im WM-Finale 1974 gegen die Nie­der­lande fal­len ließ. Das sind viel­leicht nur Ein­zel­bei­spiele, sie zei­gen aber, dass schon vor der Inter­na­tio­na­li­sie­rung der Ligen so man­cher hier­zu­lande durch­aus gerne gefal­len ist, wenn er sich einen Vor­teil davon ver­sprach, ganz ohne kul­tu­rel­len Ein­fluss von außen.

Einem Ursprungs­punkt der Schwalbe kann man also nicht durch ihre kul­tu­relle Her­kunft fin­den. Ganz im Gegen­teil scheint es so, dass es Schwal­ben schon sehr lange und in eigent­lich jedem Land gab, in dem der Sport pro­fes­sio­nell betrie­ben wurde. Das Phä­no­men wird ledig­lich zuneh­mend häufiger.

Abhe­ben oder Flug­ver­bot? Die Kosten/Nutzen-Rechnung

Eine ganz andere Aus­gra­bungs­stätte geht dem Phä­no­men Schwalbe etwas wis­sen­schaft­li­cher auf den Grund. Eine aus­tra­li­sche Stu­die aus dem Jahr 2010 beschäf­tigte sich mit dem Thema der non­ver­ba­len Täu­schung. Als ein beson­ders gut doku­men­tier­tes Bei­spiel wur­den Schwal­ben in ver­schie­de­nen gro­ßen Ligen unter­sucht. Die Ergeb­nisse sind so inter­es­sant wie ein­leuch­tend und brin­gen die Spitze des anti­ken Schwal­ben­nests end­lich zum Vor­schein. Laut die­ser Stu­die fal­len Spie­ler, weil sie den poten­ti­el­len Vor­teil als grö­ßer ein­schät­zen als die Kon­se­quen­zen falls sie erwischt werden.

Schwalbenstatistik

Je eher der Pfiff rele­vant ist, desto freier wird der Umgang mit der Wahr­heit. © 2011 David, Gwen­do­lyn K. et al.

Die Spie­ler gehen also eine Kosten/Nutzen-Rechnung in ihrem Kopf durch, um zu sehen, ob der mög­li­che Elf­me­ter die mög­li­che gelbe Karte oder den poten­zi­el­len Platz­ver­weis wert ist. Das lässt sich sehr gut daran erken­nen, dass die Zahl der Schwal­ben mit zuneh­men­der Nähe zum geg­ne­ri­schen Tor bestän­dig ansteigt. Bei unent­schie­de­nem Spiel­stand wird auch beson­ders gerne zu Boden gegan­gen, jeden­falls deut­lich öfter als bei einem siche­ren Sieg oder einer siche­ren Niederlage.

Das erscheint intui­tiv und hilft einige oben genannte Phä­no­mene zu erklä­ren: Zuerst ein­mal ihre zuneh­mende Bedeu­tung im moder­nen Fuß­ball. Natür­lich macht es aus die­ser Per­spek­tive Sinn, dass Spie­ler heute öfter fal­len als frü­her. Heut­zu­tage ist der Fuß­ball vor allem ein gigan­ti­sches Geschäft, die Spie­ler haben einen Sta­tus wie Film­stars. Wer in einem Finale einer Welt­meis­ter­schaft oder Cham­pi­ons Lea­gue die Chance hat den ent­schei­den­den Elf­me­ter zu schin­den muss hei­li­ger als der Papst sein, das nicht zu tun.

Bei gelun­ge­ner Täu­schung des Schieds­rich­ters geht es neben Ruhm und Ehre natür­lich auch um Bonus­zah­lun­gen und poten­zi­elle Wer­be­ver­träge im Wert von Mil­lio­nen. Die Strafe für eine miss­lun­gene Täu­schung ist dage­gen schlimms­ten­falls eine gelbe Karte und eine halbe Woche schlechte Presse. Diese Erklä­rung zeigt auch gut warum sich Bei­spiele für Schwal­ben in jeder Kul­tur mit pro­fes­sio­nel­lem Fuß­ball fin­den las­sen: Sobald Erfolg mit Exis­ten­zen und Geld ver­knüpft ist, sind die Anreize fürs Betrü­gen eigent­lich immer grö­ßer als die Anreize für Ehr­lich­keit. Das macht das etwas vage kul­tu­relle Argu­ment aller­dings nicht völ­lig zunichte.

Laut der glei­chen Stu­die schei­nen die bereits viel beschwo­re­nen kul­tu­rel­len Unter­schiede näm­lich tat­säch­lich eine gewisse Rolle bei der Anzahl der Schwal­ben zu spie­len, die in einem Spiel ver­sucht wer­den. Die Stu­die gibt aller­dings nur Zah­len für die ver­schie­de­nen Ligen und benennt sie nicht genau. Ob der Süd­län­der also tat­säch­lich lie­ber fällt ist dar­aus nicht wirk­lich ables­bar. Genauso kann natür­lich auch ein unter­schied­li­cher Stil der Schieds­rich­ter in einem Land die Wahr­schein­lich­keit fürs Nie­der­ge­hen erhö­hen. Immer­hin steigt die Wahr­schein­lich­keit des Nut­zens einer Schwalbe wenn Schieds­rich­ter von ihrem Ver­band eher ange­hal­ten sind, ein Fal­len mit einem Frei­stoß zu belohnen.

Schwalbe als Teil des Fußballs

Schwalbe Jarolim

Aus­ge­bufft oder ein Schwal­ben­kö­nig? David Jarolim, einst beim HSV unter Ver­trag. Foto: Dank71 / flickr.com

Hier liegt also das Grab­mal der Pro­to­schwalbe. Ein Stück­chen in der Kul­tur ver­senkt und am ande­ren Ende tief ver­wur­zelt im mensch­li­chen Erb­gut. Kam­pa­gnen für Fair­ness und Respekt kön­nen also immer nur einen Teil­er­folg haben, solange der Nut­zen einer Schwalbe die mög­li­chen Kos­ten deut­lich über­steigt. Erfolg­rei­che Ver­su­che auf die­sem Gebiet gibt es bereits, wie Schlenzer.net bereits an ande­rer Stelle ange­merkt hat.

Wenn wir also etwas von unse­rer archäo­lo­gi­schen Unter­su­chung mit­neh­men kön­nen, dann, dass die Schwalbe uns erhal­ten blei­ben wird, so lange sich die Regeln des Spiels nicht dras­tisch ändern. Alter­na­tiv könn­ten wir uns die Umstände auch spa­ren und ler­nen, die Schwalbe als Kunst­form und als den legi­ti­men Teil des Spiels zu schät­zen, der sie ist. Die gekonnte Trick­se­rei eines Spie­lers kann man auch bewun­dern … solange er für unsere Mann­schaft fällt.





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