11 Freunde — Die Bar: das große Interview


veröffentlicht am Dienstag, 19. März 2013 16:54, von unserem Autor Marc Andruszko in Feuilleton - runde Kultur. null Kommentare

11 Freunde — die Bar“ in Essen-Rüttenscheid ist die bekann­teste Fuß­ball­kneipe Deutsch­lands. Aus ihr sen­det SPORT1 den Mobi­lat Fan­talk mit pro­mi­nen­ten Gäs­ten aus dem Fuß­ball­ge­schäft. Hier herrscht Wohn­zim­mer­at­mo­sphäre und der ehr­li­che Fuß­ball. Tho­mas Siep­mann, der Besit­zer der 11-Freunde-Bar, sprach mit uns über die Knei­pen­kul­tur im Ruhr­ge­biet und seine große Lei­den­schaft, den Fußball.

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Hier rollt noch der ehr­li­che Fuß­ball: “11 Freunde — Die Bar”, Fußball-Kultkneipe in Essen-Rüttenscheid.

Herr Siep­mann, Sie sind Geschäfts­füh­rer einer Marketing-Agentur. Waren Sie dazu prä­des­ti­niert, eine erfolg­rei­che Kult­kneipe zu entwickeln?

Mein beruf­li­cher Hin­ter­grund machte es für mich sicher ein­fa­cher. In mir schlum­merte der Wunsch, Kom­mu­ni­ka­tion und Fuß­ball mit­ein­an­der zu ver­bin­den. Ich bin in Essen-Kettwig an der Ruhr auf­ge­wach­sen. Dort gibt es die größte Knei­pen­dichte in Deutsch­land. Vor rund zehn Jah­ren bin ich auf die Idee gekom­men, eine rich­tige deut­sche Fuß­ball­kneipe auf­zu­ma­chen. Also keine Ame­ri­can Sports­bar, wie es sie schon über­all gab, son­dern eine Kneipe, in der sich alles um Fuß­ball dreht. Das ist unser Sport. Ich bin Kind der 70er. Die gro­ßen Fei­er­tage waren für mich die Spiele im Euro­pa­po­kal der Lan­des­meis­ter. Dann haben sich die Nach­barn vorm Fern­se­her ver­sam­melt und Mama machte Schnitt­chen. Daran erin­nere ich mich gerne. Ich wollte die Fuß­ball­kul­tur wie­der auf­er­ste­hen las­sen, des­we­gen die Idee zu „11 Freunde – Die Bar“.

Was hat es mit dem Namen „11 Freunde“ auf sich?

Ich kenne den Chef­re­dak­teur des „11 Freunde-Magazins“, Phil­ipp Kös­ter. Aber das hat nichts damit zu tun. Wir sind die ein­zige Kneipe, die so hei­ßen darf, und das 11Freunde-Magazin dul­det das. Wir wol­len keine Kon­kur­renz sein. Unsere Kneipe ist eine lokale Geschichte. Dass sich da jetzt mit dem Mobi­lat Fan­talk bei uns in der Bar eine natio­nale Sen­dung heraus­ent­wi­ckelt, konnte ja eigent­lich nie­mand ahnen. „11Freunde“ ist ein tol­les Maga­zin, ich schätze die Macher sehr. Wir betrei­ben ein­fach nur unsere Kneipe. Und eigent­lich gehört der Aus­druck „11 Freunde“ ja auch zum deut­schen Wort­schatz, wenn ich an die Bücher von Sammy Drech­sel denke.

Ist Essen der per­fekte Ort für eine Fuß­ball­kneipe? Zu Heim­spie­len von RWE kom­men immer noch durch­schnitt­lich 8000 Zuschauer, obwohl der Klub mitt­ler­weile in der Regio­nal­liga West spielt. Das zeigt eine unglaub­li­che Fußballbegeisterung.

11 Freunde Bar Essen Schalke Dortmund

Hier sit­zen Fans von Schalke 04 und Borus­sia Dort­mund am sel­ben Tisch und erfreuen sich gemein­sam am Fußball.

Sicher hat RWE etwas damit zu tun. Das ist schon etwas ganz Beson­de­res. Rot-Weiß Essen ist ein Tra­di­ti­ons­ver­ein mit Seele, da ist Atmo­sphäre im Sta­dion. Der Zusam­men­hang mit unse­rer Kneipe liegt auch darin, dass sich in Essen über die Jahre ver­schie­dene Fan­la­ger her­aus­ge­bil­det haben. RWE spielt ja nun schon lange nicht mehr in der Bun­des­liga und des­we­gen gibt es in Essen eine total hete­ro­gene Fan­land­schaft. Hier gibt es viele Dort­mun­der, Schal­ker, Bochu­mer, Glad­ba­cher, Düs­sel­dor­fer und auch Wer­de­ra­ner. Wer­der Bre­men hat eine Fan­freund­schaft mit RWE. Natur­ge­mäß ist die Fan­land­schaft im Ruhr­ge­biet beson­ders hete­ro­gen mit den gan­zen Pro­fi­mann­schaf­ten in der Region. Dadurch eig­nete sich Essen sehr gut, um eine Kneipe auf­ma­chen, in der Ruhr­ge­biets­fuß­ball zele­briert wer­den kann. Zum Bei­spiel bei Schalke gegen Dort­mund: Da sit­zen dann Dort­mund– und Schal­ke­fans am sel­ben Tisch in der Kneipe. Bis heute hat es noch nie Rau­fe­reien gege­ben, eben auch weil wir eine Fan­kneipe sind und keine reine Schalke– oder Dortmundkneipe.

Erle­ben wir eine Renais­sance der Fuß­ball­kneipe? Es gibt mitt­ler­weile auch andern­orts erfolg­rei­che Fußballkneipen.

Viele sagen ja, wir seien das Ori­gi­nal. Es gibt zum Bei­spiel in Mün­chen und Ber­lin Fuß­ball­knei­pen. Aber im Ruhr­ge­biet ist das etwas Spe­zi­el­les. Gerade hier gab es über­all die klas­si­sche Eck­kneipe. Weil die Arbei­ter nach der har­ten Arbeit ein Bier­chen trin­ken woll­ten. Das ist eine Form der Kul­tur, die wir heute nicht mehr so haben. Heute dreht sich alles um die Event­gas­tro­no­mie. Wir woll­ten hier ein Bio­top schaf­fen, eine Art moderne Erleb­nis­gas­tro­no­mie. Uns war es wich­tig, authen­tisch zu sein.

Ist es denk­bar, dass bald in allen Groß­städ­ten eine Kneipe nach Ihrem Modell zu fin­den ist?

Man muss sagen, dass wir das recht pro­fes­sio­nell ange­gan­gen sind. Bei der Eröff­nung waren 200 Leute da – obwohl wir nur ca. 50 Qua­drat­me­ter Platz haben. Wir hat­ten nam­hafte Gäste, unter ande­rem Chris­toph Met­zel­der, Sebas­tian Kehl, Roman Wei­den­fel­ler und Manni Burgs­mül­ler. Auch das Medi­en­in­ter­esse war groß: RTL und Kabel 1 waren vor Ort. Da ging‘s rich­tig zur Sache. Viele Braue­reien waren schon bei uns und woll­ten dar­über spre­chen, eine Kette aus unse­rem Kon­zept zu ent­wi­ckeln. Aber wir sind kei­nen Ange­bo­ten erle­gen. Das ist und bleibt unser Hobby.

Der Slo­gan der Bar ist „Ehr­li­cher Fuß­ball kehrt end­lich zurück“. Was ist denn für Sie ehr­li­cher Fußball?

2005 haben wir den Laden auf­ge­macht. Da gab es einen beson­de­ren Kom­mer­zia­li­sie­rungs­grad in Deutsch­land. Ich hatte das Gefühl, dass wir kurz davor sind, die Eck­fahne zu ver­mark­ten. Wir waren dann die ers­ten, die uns den ehr­li­chen Fuß­ball zum Slo­gan gemacht haben. Das war für uns das Syn­onym dafür, was unsere Kneipe ver­kör­pern soll. Ehr­li­cher Fuß­ball war für mich das Syn­onym dafür, wie der Laden gestrickt sein sollte. Heute gibt es das Motto in ähn­li­cher Form bei Borus­sia Dort­mund: „echte Liebe“. Inso­fern ist das heute auch ein Trend, mit dem ehr­li­chen Fuß­ball zu wer­ben und das passt gut ins Ruhrgebiet.

Haben Sie mit der tol­len Ent­wick­lung der Kneipe gerechnet?

Das ist wirk­lich ein Traum, den wir leben. Unsere Kneipe befin­det sich in einer abso­lu­ten B-Lage, wir lie­gen in Essen-Rüttenscheid, die Kneipe muss man schon suchen. Sie ist im Wohn­ge­biet, wo es sonst keine Knei­pen gibt. Die Bar hat nur auf, weil es unser Hobby ist. Meine Frau schmeißt den Laden. Und wenn ich nicht so einen Spaß daran hätte, würde es die Kneipe heute auch nicht mehr geben. Wir haben nur knapp neun Monate im Jahr auf. Näm­lich nur dann, wenn der Ball rollt und Live-Fußball zu sehen ist. Daher ist auch nicht wirk­lich viel Geld damit zu ver­die­nen. Aber solange wir schwarze Zah­len schrei­ben sind wir sehr glück­lich damit.

Kom­men viele Frauen in die Kneipe?

Über­wie­gend sind es immer noch Män­ner, die bei uns in die Kneipe kom­men, um Fuß­ball zu schauen. Meis­tens dürf­ten  etwa 80 Pro­zent der Besu­cher männ­lich sein. Manch­mal haben wir aber auch einen Frau­en­an­teil von 30–40 Pro­zent in der Kneipe. Das ist ganz unter­schied­lich. Man merkt schon, dass das Inter­esse der Frauen am Fuß­ball grö­ßer gewor­den ist.

Wie kam es zur Idee Tipp-Kick-Tische zu nutzen?

Ich fand, das wäre ein lus­ti­ger Gag: ein Gastro­tisch, der gleich­zei­tig wie ein Tipp-Kick-Tisch aus­sieht. Tipp-Kick ist eine deut­sche Erfin­dung und gehört zu unse­rer Fuß­ball­kul­tur. Ich kenne die Fami­lie Mieg, die die Tische her­stellt, per­sön­lich und ich fand es eine schöne Idee, Tipp-Kick auf diese Weise in die Kneipe zu integrieren.

Die Kneipe ist eine Art Fuß­ball­mu­seum.  Sie haben eine Sammelleidenschaft?

Fussball Museum 11 Freunde Essen

Ein küh­les Bier und nichts als Fuß­ball: die Kult­kneipe gleicht einem Fußballmuseum.

Ich gehe gerne über Floh­märkte und habe wahn­sin­nig viele Fuß­ball­spiele. Ich bin Samm­ler und habe sicher zwi­schen zwei– und drei­tau­send Devo­tio­na­lien gesam­melt. Schließ­lich sind die Sachen dann irgend­wann im Kel­ler gelan­det. Das war aller­dings ein ziem­lich gutes Argu­ment gegen­über mei­ner Frau. Ganz nach dem Motto: Lass uns die Kneipe auf­ma­chen, dann kom­men die Sachen aus der Woh­nung. Und so fin­den die da jetzt statt und haben ihren Platz gefun­den. Ich bin Besit­zer einer der letz­ten weni­gen „Bar­bie­fi­gu­ren“, die ent­stand, als Franz Becken­bauer zu New York Cosmos wech­selte. Da war Becken­bauer ein gro­ßer Star in den USA und wurde zum Ken mit einem roten Adidas-Anzug. Wir haben einen ori­gi­na­len Vor­läu­fer von Tipp-Kick, ein Fußball-Blechspielzeug aus den 30er Jah­ren, da muss man die Blech­fi­gu­ren schie­ben. Das habe ich dem deut­schen Fuß­ball­mu­seum aus­ge­lie­hen. Außer­dem haben wir jede Menge Fotos. Eine Zeit lang habe ich viele Sachen aus Eng­land gesam­melt. Etwa Pro­gramm­hefte aus den 50er und 60er Jah­ren, von den Wol­ver­hamp­ton Wan­de­rers zum Bei­spiel. Viele Pro­gramm­hefte waren rich­tige Kunst­werke zu der Zeit. Sol­che hän­gen im schö­nen Rah­men an der Wand in der Kneipe. Direkt unter der Decke über der Bar, quasi im Fuß­ball­him­mel, hän­gen die Legen­den des Fuß­balls wie George Best und Stan Libuda.  Die Rauf– und Trink­bolde haben den Ehren­platz über der Bar.

Was muss es denn in einer Fuß­ball­kneipe unbe­dingt zu essen geben

Wenn es nur nach mir ginge, gäbe es ledig­lich Cur­ry­wurst, und die in drei Schär­fe­gra­den. Das ist auch das Gericht, das wir am meis­ten ver­kau­fen. Wir haben aber noch mehr im Ange­bot, jedoch eine rela­tiv schmale Karte, die nicht über­for­dert. Wir haben natür­lich Pom­mes rot-weiß, ange­lehnt an RWE. Es gibt zum Bei­spiel einen Beckham-Burger aber auch geba­cke­nen Schafs­käse für die Mädels. Reine Salat­ge­richte haben wir aller­dings nicht, eine Salat­gar­ni­tur ist das höchste der Gefühle, schließ­lich ist es immer noch eine Fußballkneipe.

Etwa ein Vier­tel aller Knei­pen in Deutsch­land hat seit 2001 zuge­macht. Wie über­lebt eine Kneipe heutzutage?

Ich bin Ent­wick­ler und bin froh, dass meine Frau die Kneipe gerne betreibt. Wir haben viele Stamm­gäste. Ich hab mal ein Kon­zept für eine kleine Bar ent­wi­ckelt. Ich habe es immer lie­ber, wenn ein klei­ner Laden knall­voll ist. Man muss jeden Tag da sein, du brauchst die klas­si­sche Figur des Wirts, der Geschich­ten erzählt und die Leute nament­lich begrüßt. Ein Pils darf heut­zu­tage auch ein biss­chen mehr kos­ten. Die Leute akzep­tie­ren das, wenn man Sky anbie­tet. Die Atmo­sphäre muss beson­ders sein. Der erste Gast bei uns ist erst ein­mal zwei Stun­den umher­ge­gan­gen, das war wie ein musea­ler Rund­gang. Er sagte dann, das sei hier bei uns wie „schö­ner woh­nen“ für Fußballfans.

Herrscht an einem Dreh­tag für den Mobi­lat Fan­talk viel Stress?

Buschmann Calmund 11 Freunde

Buschi und Calli bei der Arbeit in der 11-Freunde-Bar. Dazwi­schen: Kult­au­tor Ben Redelings.

Mitt­ler­weile ist das ein ein­ge­spiel­tes Team. Wir sind die ein­zige Kneipe, die eine regel­mä­ßige Sen­dung hat. Unser Haus ist fast 100 Jahre alt, aber wir sind top orga­ni­siert und haben die Live-Regie im Kel­ler genau unter dem Gast­raum sit­zen. Ein paar Stun­den vor­her kom­men die Leute, bespre­chen sich auf der alten Kegel­bahn, zie­hen noch ein paar Kabel. Die Gäste kom­men, es wird noch ein biss­chen geschminkt. Sonst pro­du­zie­ren die Leute von SPORT1 aus einem Hightech-Studio her­aus. Bei uns ist das schon eine sehr spe­zi­elle Angelegenheit.

Es scheint, als hät­ten ihre Gäste immer viel Spaß bei der Arbeit, die Stim­mung ist locker und lus­tig.

Ja, da herrscht rich­tige Wohnzimmer-Atmosphäre. Unsere Kneipe hat ja nur fünf Tische. Manch­mal sind 120 Leute bei der Sen­dung im Laden. Durch die Lich­ter wird es wahn­sin­nig heiß. Wir haben ordent­li­che Beleuch­tung ein­ge­baut, dass die Sen­dung statt­fin­den kann und haben dann eine Kli­ma­an­lage gebraucht. Das Live-Spiel läuft und die Gäste dis­ku­tie­ren dar­über. Es hat ein biss­chen was von Radio. Die Zuschauer mögen die Sen­dung – sie hat rich­tig gute Quoten.

Und manch­mal wird heiß dis­ku­tiert, die Wut­rede von Mario Bas­ler ist legendär.

Ja, da ging es rich­tig hoch her. Das ist eben eine Fuß­ball­kneipe. (Mario Bas­ler und wei­tere Gäste in Aktion gibt es in unse­rem Video-Best-of zu sehen).

Wo wol­len Sie denn noch hin mit der Kneipe? Haben Sie ein Ziel?

Ich freue mich über jedes Jahr, das wir wei­ter­ma­chen. Und solange meine Frau es gerne macht, kön­nen wir wei­ter­ma­chen. Wer weiß schon wie lange wir noch die Kraft dazu haben. Es ist schon eine große Belas­tung neben der Agen­tur und der Fami­lie. Eigent­lich ver­wun­der­lich, dass wir schon im ach­ten Jahr sind. Im März 2015 hät­ten wir das zehn­jäh­rige Jubi­läum. Dann könn­ten wir viel­leicht die Toten Hosen enga­gie­ren und den Laden hin­ter­her abrei­ßen (lacht).

Herr Siep­mann, herz­li­chen Dank für das nette Gespräch. Sicher hof­fen nicht nur wir, dass es Ihre Bar über 2015 hin­aus gibt und wei­ter­hin ein ganz beson­de­rer Ort für Fuß­ball­fans bleibt.  

Werde Fan der Kult­kneipe auf Face­book: Hier erfährt man auch, wie man an Tickets für den Mobi­lat Fan­talk kommt. Wei­tere Impres­sio­nen der ein­zig­ar­ti­gen Bar fin­det man hier.

Thomas Siepmann Essen 11 Freunde

Sie betrei­ben die 11-Freunde-Bar mit gro­ßer Lei­den­schaft, ansons­ten gäbe es die Kult­kneipe nicht: Tho­mas Siep­mann mit Ehe­frau Kyung-Ae Siepmann





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